U. Niggemann u.a. (Hrsg.): Antike als Modell in Nordamerika?

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Titel
Antike als Modell in Nordamerika?. Konstruktion und Verargumentierung 1763–1809


Hrsg. v.
Niggemann, Ulrich; Ruffing, Kai
Erschienen
München 2011: Oldenbourg Verlag
Umfang
306 S.
Preis
€ 64,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hermann Wellenreuther, Frühe Neuzeit, Universität Göttingen

Das Thema der sorgfältig edierten Beiträge zu „Antike als Modell in Nordamerika“ greift über Nordamerika hinaus – es gehört eigentlich zu den Themen, die vernünftigerweise nur übergreifend in einem atlantischen Kontext behandelt werden können. Die Vermittlung von Kenntnissen über die Antike gehörte in Europa wie Nordamerika zu den zentralen Lehrinhalten der Gymnasien, Academies, Grammar Schools, Colleges und Universitäten – ihr Wissen war die wichtigste Voraussetzung dafür, in ein College oder eine Universität aufgenommen zu werden. Wiewohl dieser atlantische Kontext in dem vorliegenden Band nicht selbständig in einem eigenen Beitrag thematisiert wird, ist er, wie die genauere Lektüre zeigt, den Autor/innen der einzelnen Artikel sehr wohl präsent.

In der nach wie vor lebhaften US-amerikanischen Forschung zum Gedankengut der Amerikanischen Revolution spielt die Frage, welcher Bedeutung dabei der Antike zukomme, noch immer eine große Rolle: Ihre Bedeutung für das Denken der Gründerväter wurde schon 1963 von Richard M. Gummere[1] herausgearbeitet. Weitergespannt und detailreicher waren dann in den folgenden Dekaden die Studien von Meyer Reinhold[2] und Paul A. Rahe[3] angelegt. Mit diesen Arbeiten schien für amerikanische Gelehrte die Thematik erschöpft zu sein. Sie wurde erst 2008 und 2009 in zwei Studien erneut aufgegriffen. Während David J. Bederman[4] die Antike als „ancient precedents and its classical legacy“ für die Founding Fathers sieht und in diesem Sinne die Relevanz der Antike in den Beratungen der Verfassungsgebenden Versammlung interpretiert (Kap. 3), formuliert Eran Shalev die kühne These, dass „the Greek and Roman example gave Americans the courage to rebel; at the same time, however, it proscribed them from certain courses of action and swayed them toward others. Classical antiquity, then, played a crucial role in articulating the revolutionaries’ quarrel and their coming of terms with history and time“.[5] Bemerkenswerterweise lässt der Autor die Argumentationsformen und Rhetorik in der Verfassungsgebenden Versammlung unberücksichtigt. Es überrascht nicht, dass sowohl Bederman als auch Shalev zu einer eindrucksvollen Überschätzung der Bedeutung antiken Gedankenguts für die Amerikanische Revolution und für den Verfassungsgebungsprozess neigen.

Selbst wenn man die Frage nach dem Einfluss der Antike auf das Denken der Founding Fathers für berechtigt hält – und die meisten Autor/innen des hier zu besprechenden Sammelbandes tun dies eher zurückhaltend –, zeigt die genauere Untersuchung der Quellen etwa zum Verfassungskonvent vom Sommer 1787 in Annapolis, auf welch problematischer Grundlage solche Thesen stehen. In James Madisons „Debates in the Federal Convention“ lassen sich für den gesamten Zeitraum der Beratungen (25. Mai bis 15. September 1787) nur 76 Nennungen und Berufungen auf antike Institutionen, Gedanken oder Personen nachweisen – keine beeindruckende Zahl von Bezügen, wenn man bedenkt, dass hier über drei Monate pausenlos von morgens zehn bis nachmittags um fünfzehn Uhr, gelegentlich sogar länger geredet wurde.

Die Autor/innen der Beiträge verfolgen einen anderen Weg: Sie fragen weniger danach, welchen Einfluss und welche prägende Kraft die Antike auf das Denken der Gründungsväter der Vereinigten Staaten ausübte, sondern nach der Funktion der Antike für die Argumentationsformen der Akteure. Marion Stange zeigt, dass sich für die kolonialen Eliten der Bezug auf die Antike in zwei Schritten vollzog: In einem ersten Schritt wurde die englische Politik als korrupt und tyrannisch beschrieben – Begriffe, die der „Rhetorik antiker Schriften zum Verfall der römischen Republik bzw. der Rhetorik der britischen ‚Country‘-Ideologie […] entlehnt waren“ (S. 172); in einem zweiten Schritt wurde die Argumentationsstrategie der kolonialen und revolutionären Eliten geprägt durch „positiv konnotierte Wertkategorien wie ‚virtue‘, ‚honor‘ und ‚liberty‘“ (ebd.).

Ähnlich argumentiert Jürgen Overhoff in seinem Beitrag über John Adams und Benjamin Franklin. Nach Overhoff benutzte John Adams die Antike als „politisches Referenzsystem“ (S. 134), welches ihm dazu gedient habe, gravierende Fehler der Antike bei der Gestaltung der politischen Wirklichkeit der künftigen Vereinigten Staaten von Amerika zu vermeiden. Konsequent auf dieser Linie spricht der Verfassungsrechtler Werner Heun antikem Gedankengut jede Bedeutung für die Arbeit des Verfassungskonvents 1787 ab. Dies scheint mir freilich etwas zu weit zu gehen, wie die oben genannten Bezüge einerseits, aber auch die Funktion der Antike als Vorbild für Verfassungskonzepte einzelner Redner zeigen. Insbesondere James Madison hielt in dem Konvent an der wahrheitsstützenden Funktion der Antike fest – im Unterschied etwa zu Charles Pinckney, dem Delegierten aus South Carolina.[6] Hätte Heun einen Blick auf die Raumkonzepte der Gründungsväter geworfen, dann wäre ihm schnell deutlich geworden, dass auch die antike Vorstellung vom kleinen Raum als notwendiger Voraussetzung für eine funktionierende Republik sowohl bei den Gründungsvätern wie später bei den Antifederalists einiges Gewicht hatte.

Es würde zu weit führen, alle Beiträge dieses Bandes genauer zu besprechen. Insgesamt kann man den Herausgebern, die auch das dem Band zugrundeliegende Symposion organisierten, gratulieren, dass sie Disziplingrenzen überwindend neben Althistorikern auch Spezialisten der frühen Neuzeit, Juristen, klassische Philologen und Archäologen zu einem fruchtbaren und gelehrten Unternehmen zusammen gebracht haben, dessen Ergebnisse hoffentlich auch von der amerikanischen Forschung zur Kenntnis genommen werden.

Anmerkungen:
[1] Richard M. Gummere, The American Colonial Mind and the Classical Tradition. Essays in Comparative Culture, Cambridge, MA 1963.
[2] Meyer Reinhold, Classica Americana. The Greek and Roman Heritage in the United States, Detroit 1984.
[3] Paul A. Rahe, Republics Ancient and Modern. Classical Republicanism and the American Revolution, Chapel Hill 1992.
[4] David J. Bederman, The Classical Foundations of the American Constitution. Prevailing Wisdom, Cambridge 2008.
[5] Eran Shalev, Rome Reborn on Western Shores. Historical Imagination and the Creation of the American Republic, Charlottesville 2009, S. 3
[6] Heun stützt seine These auf einen Beleg, der freilich aus den 1820er-Jahren stammt, nicht aus der Zeit, in der der Verfassungskonvent tagte (S. 70).

Zitation
Hermann Wellenreuther: Rezension zu: Niggemann, Ulrich; Ruffing, Kai (Hrsg.): Antike als Modell in Nordamerika?. Konstruktion und Verargumentierung 1763–1809. München  2011 , in: H-Soz-Kult, 17.05.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17177>.