F. Krüpe: Die Damnatio memoriae

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Titel
Die Damnatio memoriae. Über die Vernichtung von Erinnerung. Eine Fallstudie zu Publius Septimius Geta (198–211 n. Chr.)


Autor(en)
Krüpe, Florian
Erschienen
Gutenberg 2011: Computus
Umfang
336 S.
Preis
€ 78,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Achim Lichtenberger, Institut für Archäologische Wissenschaften, Ruhr-Universität Bochum

Die damnatio memoriae, also die demonstrative Verbannung einer Person aus dem kollektiven Gedächtnis ist, aus dem Imperium Romanum gut bekannt. Sie erstreckte sich auf die Zerstörung von Bildnissen und die Entfernung eines Namens aus offiziellen Schriftzeugnissen. Sie konnte Privatpersonen ebenso wie Kaiser treffen. Der Begriff damnatio memoriae ist ein moderner; in der Antike gab es andere Formulierungen (wie memoria damnata oder memoriam accusare); doch hat sich der Begriff damnatio memoriae eingebürgert und wird auch von Florian Krüpe verwendet, der in seiner Marburger althistorischen Dissertation von 2004 diesem Thema nachgeht. Krüpe bettet in seiner Untersuchung die damnatio memoriae in einen breiten Kontext ein und betrachtet deren juristische Grundlagen und Verfahrensweisen. Dabei ist die damnatio memoriae nur Teil der Folgen eines Prozesses wegen Hochverrats (perduellio und crimen maiestatis); ein Prozess, der meist auf den Tod des Angeklagten hinauslief, aber auch nach dem Tod fortgeführt oder überhaupt erst eingeleitet werden konnte.

Krüpes Untersuchung ist als Fallstudie der damnatio memoriae Getas, des Bruders des Caracalla, konzipiert, doch greift sie weit darüber hinaus und betrachtet die Anfänge der damnatio memoriae in der römischen Republik und ihre Entwicklung in der Kaiserzeit bis zu den Severern. Geta als Fallstudie erklärt sich daraus, dass seine damnatio memoriae die am konsequentesten durchgeführte der Antike ist: Von ungefähr 970 Belegen der Tilgung des Namens einer der damnatio memoriae anheimgefallenen Person in Papyri und Inschriften entfallen 348 (also etwa 36 Prozent) auf Geta (S. 15). Dies verdeutlicht die Relevanz der damnatio memoriae Getas.

Krüpes Arbeit gliedert sich in fünf große Kapitel. Nach einer Einleitung (S. 13–18), in der er seine Fragestellung ausbreitet, folgt das umfangreichste Kapitel („Die damnatio memoriae im Wandel der Zeit“, S. 19–176), in welchem er nach einer Betrachtung der modernen Terminologie die juristischen Grundlagen sowie die Auswirkungen der Namensstrafe und der Bildnisstrafe untersucht. Eine Reihe von Studien zu einzelnen Fällen der damnatio memoriae in der Republik und der frühen Kaiserzeit schließt sich an. In diesem Kapitel wird sehr schön verdeutlicht, wie sich der Hochverrat als Ausgangspunkt einer damnatio memoriae vom Hochverrat am Staat zu demjenigen am Kaiser wandelt. Ausführlich betrachtet Krüpe das senatus consultum gegen Cn. Calpurnius Piso, welches er im Folgenden als paradigmatisch für Hochverratsprozesse nimmt und später auch auf die damnatio memoriae Getas überträgt (S. 198ff.), was meines Erachtens wegen der großen Zeitdifferenz methodisch nicht ganz sauber ist. Deutlich stellt Krüpe heraus, dass sich eine damnatio memoriae in der Regel nur auf öffentliche Bildnisse und nicht auf solche im Privatbereich erstreckte (S. 107 und öfter). Außerdem diskutiert Krüpe die damnatio memoriae von römischen Kaisern, beginnend mit dem Präzedenzfall des Caligula, bei dem er sehr schön die Problematik des Verfahrens beschreibt, das sich gegen einen Kaiser richtet, der ja eigentlich in einem Hochverratsprozess „Opfer“ und nicht „Täter“ ist. Krüpe kann zeigen, dass die Umsetzung der damnatio memoriae der Kaiser bis Commodus sehr unterschiedlich ausfallen konnte. Immer wieder würde man sich in diesem Abschnitt allerdings wünschen, dass die aus literarischen Quellen überlieferten Maßnahmen auch am archäologischen und numismatischen Befund abgeglichen werden. So diskutiert Krüpe etwa S. 148f. ausführlich die Einschmelzung von Münzen Caligulas, eine Maßnahme, die sich allerdings im numismatischen Befund nicht in dem beschriebenen Ausmaß nachweisen lässt.[1] Überhaupt ist die Bildniserasion auf Münzen eher ein Randphänomen, das sich vor allem auf kaiserzeitlichen Städteprägungen beobachten lässt und somit eine lokale und nicht zentral gesteuerte Maßnahme war.[2]

Im Kapitel „Geta: eine biographische Skizze“ (S. 177–193) stellt Krüpe den historischen Kontext der Feindschaft der beiden Severus-Söhne Caracalla und Geta sowie die Umstände der Ermordung Getas vor. Das anschließende Kapitel widmet sich dann der „Umsetzung der damnatio memoriae Getas“ (S. 196–244). Zunächst stellt Krüpe umfangreiche statistische Auswertungen zu der in den Provinzen des Römischen Reiches uneinheitlichen Intensität der Zeugnisse für die damnatio memoriae Getas in schriftlichen Quellen vor. Er kann aufzeigen, dass in jenen Provinzen, die eine besondere Beziehung zum Kaiserhaus hatten, die damnatio besonders konsequent durchgeführt wurde, wobei nicht weiter thematisiert wird, weshalb Thrakien, welches hervorgehoben wird (S. 219), so vergleichsweise wenige Zeugnisse (S. 220) aufweist. Spannend sind die von ihm gesammelten Beispiele für eine fehlerhaft ausgeführte damnatio in Texten (S. 225–227).

Abschließend betrachtet Krüpe einige archäologische Monumente, an denen eine damnatio memoriae Getas beobachtet werden kann. Beim Severerbogen auf dem Forum Romanum in Rom sollte man jedoch vorsichtig sein, ihn als „herrscherliches Propagandainstrument“ (S. 227) zu bezeichnen, da der Bogen nicht vom Kaiser, sondern vom Senat und dem römischen Volk in Auftrag gegeben wurde. Die beim Severermonument in Sparta gefundene weibliche Bronzestatue (S. 234) dürfte ein Bildnis der Plautilla sein.[3] Die Ausführungen zu dem Severerbogen in Lepcis Magna sind zu oberflächlich und knapp: Krüpe schreibt zur Darstellung Getas in der Szene der dextrarum iunctio des Septimius Severus und des Caracalla, dass dessen Kopf „zum Zeitpunkt der Ausgrabung des Bogens erstaunlicherweise nicht zerstört war und erst im Laufe des 20. Jahrhunderts den Witterungseinflüssen zum Opfer fiel“ (S. 235). Getas Kopf wurde jedoch im Zuge der damnatio memoriae abgesägt und sorgfältig neben dem Bogen vergraben, wo er erst bei der Ausgrabung zu Tage kam. Ein solcher Befund hätte zur Zeichnung eines differenzierten Bildes der damnatio memoriae Getas und des Umgangs mit den entfernten Bildnissen breiter diskutiert werden müssen. Die Einbeziehung der archäologischen Befunde ist insgesamt eher unbefriedigend, was vielleicht auch daran liegt, dass die seit dem Jahr 2004 erschienene Literatur nicht mehr aufgenommen wurde; in jenem Jahr wurde unter anderem die umfassende archäologische Arbeit von Eric Varner zu diesem Thema publiziert.[4]

Am Schluss folgt eine knappe Zusammenfassung (S. 245–253), in der noch einmal die spannende Frage aufgeworfen wird, weshalb eine damnatio memoriae so demonstrativ durchgeführt wurde, womit eine Erinnerung ja faktisch fortgeschrieben wurde. Krüpe schließt sich der Meinung von Charles Hedrick an, wonach nicht eine Zerstörung der Erinnerung, sondern deren Diskreditierung intendiert war.[5]

Insgesamt scheint mir der Aufbau der Untersuchung mit dem großen Schwergewicht auf die Republik und die frühe Kaiserzeit bei gleichzeitiger Fokussierung auf Geta nicht ganz glücklich. Dennoch ist die Arbeit lesenswert, da sie eine solide Kontextualisierung der damnatio memoriae im Rahmen von Hochverratsprozessen der Republik und frühen Kaiserzeit liefert.

Anmerkungen:
[1] Roman Imperial Coinage I² 106f.
[2] Vgl. Antony Hostein, Monnaie et damnatio memoriae: problèmes méthodologiques (Ier – IVe siècle après J.-C.), in: Cahiers du Centre Gustave Glotz 15 (2004), S. 219–236.
[3] Vgl. zuletzt Götz Lahusen / Edilberto Formigli, Römische Bildnisse aus Bronze, München 2001, S. 261.
[4] Eric R. Varner, Mutilation and tranformation. Damnatio memoriae and Roman imperial portraiture, Leiden 2004. Auch der Sammelband Stéphane Benoist / Anne Daguet-Gagey (Hrsg.), Un discours en images de la condamnation de mémoire, Metz 2008 und die verschiedenen Beiträge aus den Cahiers du Centre Gustave Glotz 14 (2003), S. 227ff. und 15 (2004), S. 175ff. fehlen. Zur Porträtforschung fehlen ebenfalls jüngere Arbeiten. So hätte im Zusammenhang mit der Diskussion um die Herstellung von Kaiserporträts (S. 42ff.) unbedingt die Arbeit von Michael Pfanner, Über das Herstellen von Porträts, in: Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts 104 (1989), S. 157–257 herangezogen werden sollen. Zu Nero vgl. Hermann Born / Klaus Stemmer, damnatio memoriae. Das Berliner Nero-Porträt, Mainz 1996. Zu Galba: Die Silberbüste des Kaisers Galba. Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, Bonn 1995. Zu römischen Porträts siehe nun auch die Synthese von Jane Fejfer, Roman Portraits in Context, Berlin 2008 und zum Porträt Getas Florian Leitmeir, „Geta’s Büste kauf ich nicht“. Neues zur Typologie der Bildnisse der severischen Prinzen Geta und Caracalla, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst 58 (2007), S. 7–22. Wichtig zur Diskussion um die Neokorien von Ephesos (S. 219f.) wäre gewesen: Barbara Burrell, Neokoroi. Greek Cities and Roman Emperors, Leiden 2004.
[5] Charles W. Hedrick, History and Silence. Purge and Rehabilitation of Memory in Late Antiquity, London 2000, S. 93.

Zitation
Achim Lichtenberger: Rezension zu: : Die Damnatio memoriae. Über die Vernichtung von Erinnerung. Eine Fallstudie zu Publius Septimius Geta (198–211 n. Chr.). Gutenberg  2011 , in: H-Soz-Kult, 31.10.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17284>.
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31.10.2011
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