: Krak des Chevaliers in Syrien. Archäologie und Bauforschung 2003–2007. Braubach : Deutsche Burgenvereinigung e.V./Europäisches Burgeninstitut  2011 ISBN 978-3-927558-33-5, 400 S. € 84,00.

Biller, Thomas; Burger, Daniel; Großmann, G. Ulrich (Hrsg.): Der Crac des Chevaliers. Die Baugeschichte einer Ordensburg der Kreuzfahrerzeit. Regensburg : Schnell & Steiner  2006 ISBN 978-3-7954-1810-6, 445 S. € 86,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Wozniak, Institut für Mittelalterliche Geschichte, Philipps-Universität Marburg

Eine Monographie über den Krak des Chevaliers, also über eine der besterhaltenen Kreuzfahrerburgen schlechthin, hat es seit dem Monumentalwerk von Deschamps/Anus 1934 nicht mehr gegeben.[1] Die gesamte Forschung des 20. Jahrhunderts zu dieser Anlage fußte letztlich auf diesem Werk. Von 1999 bis 2003 machte sich eine Arbeitsgruppe um Thomas Biller, Daniel Burger und Ulrich Großmann zu mehreren Forschungskampagnen auf, um die Baugeschichte der heute noch aufragenden Gebäude nach modernen Methoden möglichst umfassend aufzuzeigen. Deren Ergebnisse erschienen 2006, also in dem Jahr, als der Krak zusammen mit der Burg Sahyun (seit 1957: Qal’at Salah ed-Din) von der UNESCO auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt wurde. Ein Teil der Arbeitsgruppe (Werner Meyer, Letizia M. Boscardin) verselbstständigte sich später und führte von 2003 bis 2007 archäologische Arbeiten in Form von Sondierungsgrabungen sowie eine moderne Vermessung (John Zimmer) durch, deren Ergebnisse nun, fünf Jahre nach dem ersten Werk, auch in gedruckter Form vorliegen. Damit existieren zwei gewichtige Darstellungen, die viele neue Befunde dokumentieren, aber vor allem klarmachen, wie groß der weitere Forschungsbedarf ist.

In dem Band zum Crac des Chevaliers von 2006 stellen acht Autoren mit unterschiedlichen Anteilen (der größte Teil geht auf das Konto der drei Herausgeber) in 21 Kapiteln die Entwicklung der Burg aufgrund ihrer Beobachtungen am sichtbaren Mauerwerk dar. Dabei werden zahlreiche frühere Schlüsse mit Hilfe des derzeitigen Methodenrepertoires der Bauforschung analysiert und in vielen Details korrigiert. Die gesamte Architektur der Burg wird in allen Einzelheiten besprochen – minutiös werden die Baufugen analysiert und die Verzahnungen der Lagen dargestellt. Das ist, obwohl stilistisch gut und lesenswert, nicht immer kurzweilig, aber aus Gründen der Vollständigkeit unvermeidbar. Spannender ist aus mediävistischer Perspektive die erfolgreiche Verknüpfung der Bauentwicklung aufgrund der Befunde mit historischen Strukturentwicklungen. So wird das Kriegsgeschehen in Outremer als ein „Wechselspiel zwischen der statischen Verteidigung von festen Plätzen und deren Entsatz durch bewegliche Feldtruppen (oder Flottenverbände)“ (S. 21) dargestellt und die lebhafte Bautätigkeit als Reaktion auf den zunehmenden Mangel an Feldtruppen (S. 22). Die vorgeschlagenen Rekonstruktionen der Nutzung einzelner Abschnitte der Burg lesen sich gut und erscheinen logisch, beruhen aber letztlich auf Vermutungen (S. 49, 71).

Insbesondere der Erstanlage der Kernburg nach dem Erdbeben 1170 wird viel Raum gewidmet. Ein weiterer Schwerpunkt – und zwar beider Publikationen – liegt auf dem Themenfeld der Wassernutzung – der Sammlung, Speicherung, Verwertung und auch der Entsorgung von Wasser (S. 305–343). Dabei wird eine (Um-)Deutung des Nordturms der Kernburg als „Dankzer“ vorgeschlagen, also als Toilettenanlage einer Burg (S. 119–135). Neu und überraschend ist die gut belegte Feststellung der Beteiligung armenischer Bauleute (S. 94 Anm. 11, 168–177) an verschiedenen Türmen der Anlage. Die Entstehungszeit der Kapelle wird mit 1170/80 angegeben. Hierbei wird festgestellt, dass sie damit zu den am genauesten datierten Kapellen der Region und dieses Zeithorizontes überhaupt gehört (S. 104). Dieser Befund könnte für künftige Forschungen an Burgen der Kreuzfahrerzeit noch an Bedeutung gewinnen. Die vergleichsweise engen Zeitfenster ihrer fränkischen Nutzung – im Fall des Krak 1170 bis 1271 – bieten für andere Forschungsfelder, etwa die Forschung zu mittelalterlichen Graffiti, genauere Datierungen, als sie sonst möglich sind. Graffiti und Inschriften, in geringerem Maße auch die Steinmetzzeichen, erfahren ebenfalls eine detaillierte textliche und graphische Dokumentation (S. 348–361). An weiteren, nicht unmittelbar bauteilbezogenen Themen werden neben der erwähnten Wasserversorgung und Fäkalienbeseitigung (S. 305–343) auch Aspekte der Ernährung der Burgbewohner (S. 344–347) und der Denkmalpflege (S. 362–367) dargestellt.

Nicht zuletzt die 30 Farbtafeln geben Forschern mit Reisebeschränkungen, beispielsweise aus Israel, unentbehrliche Materialien an die Hand. Ein Teil der Darstellungen wurde von John Zimmer erstellt. Für diese gilt, trotz der herauszuhebenden hohen Qualität der Zeichnungen, „dass der betont naturrealistische Darstellungsstil […] eine höhere Genauigkeit vortäuscht, als sie real vorhanden ist“ (S. 394 Anm. 6), und dass die Zeichnungen sich „in mancher Hinsicht als unvollständig und nicht detailgetreu“ (S. 446) erwiesen haben. Die den Text begleitenden insgesamt 311 schwarz-weißen Fotos und Umzeichnungen werden im Anhang durch 30 Tafeln, vier Vogelschaurekonstruktionen, zwei Baualterspläne und elf Bestandspläne – alle farbig – ergänzt. Vorbildlich enthält das Buch Zusammenfassungen in deutscher, englischer, französischer und arabischer Sprache. Der Zugang wird zudem durch ein Register erleichtert. Insgesamt ist die Publikation von Biller/Burger/Großmann eine gelungene Detailbesprechung der von Deschamps/Anus (S. 31–40) vorgebrachten Deutungen und eine in Text und Bild gelungene Neudokumentation der aufgehenden Bauteile.

Waren die 452 Seiten im Jahr 2006 nicht schon genug, ganz abgesehen von dem Monumentalwerk von Deschamps/Anus 1934? Diese Frage stellt sich unwillkürlich, wenn die neuen 400 Seiten von 2011 über den Krak des Chevaliers aus dem stabilen Pappordner gezogen werden. Dieser ist dringend notwendig, denn das neue Forschungspaket über die Kreuzfahrerburg enthält auch 31 Pläne im Format A1. Damit liegt der Forschung eine fundamental neue kartographische Grundlage vor, deren Maßstäbe zwischen 1:100 (17), 1:200 (3), 1:250 (2), 1:300 (2) und 1:400 (7) variieren. Dieses von John Zimmer in sehr hoher Qualität ausgeführte Gesamtaufmaß war lange überfällig, denn im Nordostbereich der Unterburg weisen die bisher maßgeblichen „Pläne von François Anus Messfehler in der Größenordnung von 10 Metern auf“ (S. 293).

Die Eingangsfrage muss nicht nur wegen der Karten eindeutig verneint werden; das Buch enthält eine große Fülle an neuen Erkenntnissen, die auf den Ausgrabungen (S. 47–172) und neuen Bauuntersuchungen (S. 173–241) verschiedener Kampagnen der Jahre 2003 bis 2007 einer schweizerisch-luxemburgischen Forschergruppe beruhen. Aufgrund der neuen Quellenlage gelingen ganz neue Datierungsvorschläge und Deutungen (S. 242–344), die bisher nicht möglich waren.

Wer die Burg selbst besucht hat, weiß, wie viel hier eingemessen wurde. Trotzdem sind Desiderate für künftige Forschungen geblieben – die Türme 33–37 der westlichen Unterburg sind im Grundriss nicht erfasst, ebenso wenig Turm 40 oder Hammâm 45 – was sehr bedauerlich ist, da bereits in dem Band von 2006 (S. 446) auf die Notwendigkeit der Dokumentation hingewiesen wurde. Die anschließende Baubeschreibung (S. 203–241) bietet eine große Zahl neuer Funde und Befunde. Die archäologischen Sondierungen und Grabungen waren methodische Pionierarbeit, denn „archäologisch ist die nähere Umgebung des Krak schlecht bis gar nicht erforscht“ (S. 242). Auf dem Übersichtsplan mit den Grabungs- und Sondierungsschnitten (S. 175) werden die Baukörper vom höchsten zum niedrigsten spiralförmig gegen den Uhrzeigersinn durchnummeriert. Eine Konkordanz mit den Gebäudebenennungen bei Rey[2], bei Deschamps/Anus und bei Biller/Burger/Großmann wäre künftig wünschenswert.

Die Datierung der Bauteile bietet in drei Perioden acht Bauphasen (Periode I: 980–1170, Periode II: 1170–1250/60, Periode III: nach 1271) und damit die bisher klarste und schlüssigste Interpretation der Anlage. Im Gegensatz zu früheren Darstellungen wird der mutmaßliche Verlauf der Ringmauer der in Periode I errichteten ersten Anlage in einem bisher unbekannten Umfang auf den südlichen Hügelvorsprung erweitert dargestellt. Letzteres sei „in der bisherigen Literatur fälschlicherweise als ‚Vorwerk‘ angesprochen“ (S. 246) worden. Auch wenn diese Deutung nicht unwahrscheinlich ist, steht ein methodisch korrekter Nachweis noch aus, denn auf dem Südplateau ist lediglich eine, wenn auch gründliche, Oberflächenprospektion erfolgt, die keramische Kleinstfragmente erbracht hat (S. 154). Nach dem Erdbeben 1170 wurde „kein einziges noch stehendes Mauerstück […] in den Neubau integriert, sondern man erstellte nach einem ganz neuen Baukonzept eine Festung“ (S. 248).

Zu den heraushebenswerten Details der Dokumentation gehört, dass die Nordwand des bisher nur vermuteten Sakristeieinbaus entdeckt (S. 255) und für den mittleren Turm 7 des westlichen Innenrings eine Deutung als zweite Kapelle (Wehrkapelle) vorgeschlagen wurde (S. 268). Für den Nordturm der Kernburg wird hier eine Deutung als Barbakane, also eine einem Tor vorgelagerte Verteidigungsanlage, vorgeschlagen (S. 280, 285). Begründet wird dies mit der vielzitierten Inschrift von Nicolas Lorgne, für die als ursprünglicher Standort aufgrund der (nirgendwo erwähnten) Quaderhöhe der Nordturm vorgeschlagen wird (S. 280). Ein Schlüssel zur künftigen Deutung könnten die Steinmetzzeichen sein, bezüglich deren Bewertung jedoch Uneinigkeit besteht (S. 289, 298, 300).

Da die Gesamtanlage als „Garnisonsburg“ eher Züge einer Festung als einer Burg trägt (S. 309f.), und sich die in der Literatur immer wieder genannte „wichtige strategische Lage“ oder „beherrschende Lage“ als „wertlose Worthülsen“ entlarven (S. 311), wird der Verteidigungswert als sehr hoch eingeschätzt, der militärische oder politische Wert jedoch als fraglich eingestuft (S. 313). Die Wasserversorgung, die bereits 2001 und 2003 inventarisiert und dokumentiert wurde, ist aufgrund der Untersuchungen 2005 und 2007 in Einzelpunkten ergänzt und korrigiert worden, das Kanalsystem als Ganzes ist beim derzeitigen Forschungsstand aber noch nicht zu entschlüsseln (S. 324–329, 332). An Aspekten zum Leben auf dem Krak wurden neben 44 in Stein angelegten Brettspielen (überwiegend Mankalaspiele) auch eine Reihe von Spielmarken aus den mittelalterlichen Schichten geborgen und dokumentiert (S. 335). Die auf dem Krak gefundenen, modelgepressten Pfeifenköpfe sind stratigraphisch vor 1300 zu datieren und könnten auf Haschischkonsum hindeuten (S. 336). Unnötig sind kaum belegbare Aussagen wie die, dass, „obwohl der Krak den Johannitern gehörte, […] sich in seinen Mauern kein klösterliches Leben abgespielt“ (S. 278) habe.

Im aufschlussreichen Kapitel „Der Krak in der Geschichte“ (S. 345–373), das den historischen Kenntnisstand zusammenfasst, ist vor allem der Teil über die Eroberung durch Sultan Baibars 1271 hervorzuheben, in dem aufgrund der neuen Befunde eine Neubeurteilung des Geschehens gegeben wird. Ergänzt wird der Band um ein lesenswertes Kapitel zur Rezeption des Krak (S. 345–373), bis hin zur Darstellung im Schulunterricht (S. 368f.). Auch bei der Publikation von Zimmer/Meyer/Boscardin ist die Fülle an Abbildungen eine der Stärken, da sie eine wahre Fundgrube an neuem Material bietet. Angefangen mit 20 alten Fotografien des französischen Orientreisenden Louis de Clercq von 1859 (S. 25–46), die die Anlage vor den Umbauten von 1934 zeigen, wurden insgesamt über 200 farbige und über 40 schwarz-weiße Fotos sowie über 140 überwiegend farbige Zeichnungen gedruckt. Zusätzlich enthält der Katalog des aufgedeckten Fundmaterials (S. 84–154) auf 36 Tafeln 927 gezeichnete und dokumentierte Einzelfunde. Leider wurde auf Register, die einen gezielteren Zugang ermöglicht hätten, verzichtet.

Fazit: In Zukunft stehen der ernsthaften Forschung zum Krak zwei aktuelle monumentale Werke mit hoher Qualität zur Verfügung. Diese dokumentieren ein neues Gesamtaufmaß in präziseren Karten (mit den genannten Desideraten) als jemals zuvor und eine große Fülle von grundlegend neuen bauhistorischen und archäologischen Befunden. Detailliert und in hoher Qualität in Text und Bild liefern sie zu der bereits während der 1930er-Jahre erfolgten Darstellung eine Vielzahl an korrigierenden Informationen. Es bleibt zu hoffen, dass durch künftige Kampagnen die Erkenntnisbasis (Steinmetzzeichen, Turmgrundrisse, Grabungen auf der Angriffsseite) weiter verbessert werden kann und die „[r]igorose[n] Restaurierungsmaßnahmen, die 2007 noch nicht abgeschlossen waren“ (S. 274) möglichst viele Befunde für solche Forschung übrig lassen.

Anmerkungen:
[1] Paul Deschamps, Les châteaux des croisés en Terre Sainte, Tome I: Le Crac des Chevaliers, étude historique et archéologique précédée d’une introduction générale sur la Syrie franque. Préface par René Dussaud. Plans en couleurs et croquis par François Anus, Paris 1934.
[2] Guillaume Emmanuel Rey, Étude sur les monuments de l’architecture militaire des croisés en Syrie et dans l’île de Chypre, Paris 1871.

Zitation
Thomas Wozniak: Rezension zu: : Krak des Chevaliers in Syrien. Archäologie und Bauforschung 2003–2007. Braubach  2011 / Biller, Thomas; Burger, Daniel; Großmann, G. Ulrich (Hrsg.): Der Crac des Chevaliers. Die Baugeschichte einer Ordensburg der Kreuzfahrerzeit. Regensburg  2006 , in: H-Soz-Kult, 18.01.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17328>.