J. Peters: Menschen und Möglichkeiten

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Titel
Menschen und Möglichkeiten. Ein Historikerleben in der DDR und anderen Traumländern


Autor(en)
Peters, Jan
Erschienen
Stuttgart 2011: Franz Steiner Verlag
Umfang
559 S.
Preis
€ 78,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Roesler, Leibniz-Sozietät Berlin

Memoiren über ihr Leben und Wirken zu DDR-Zeiten haben bereits etliche Historiker veröffentlicht.[1] Sie alle sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, „dass das Geschichtsbild der DDR der Legitimation der SED-Diktatur zu dienen hatte und die Geschichtsforschung so instrumentalisiert war“.[2] Nicht „Priester der Klio“, sondern „Hofchronisten der Partei“ seien die DDR-Historiker gewesen.[3] Jan Peters fühlt sich angesprochen und bezichtigt die „Rückblicke der DDR aus Westfedern einseitiger Schieflage“. Er will darauf aber nicht, wie einige seiner Kollegen in ihren Memoiren, mit „empörter Einäugigkeit“ (S. 457) reagieren. Seine Antwort ist eine Darstellung des Wissenschaftlerlebens, des Wissenschaftsbetriebes und der Wissenschaftspolitik in der DDR, so wie er sie über dreieinhalb Jahrzehnte erlebt hat. Der Leser soll von ihm erfahren, woran die DDR-Wissenschaftler, „diese angeblichen Zuträger für die Parteiführung, speziell also die ‚parteinahen‘ Gesellschaftswissenschaftler zu tragen hatten.“ (S. 390)

Um sein Ziel zu erreichen, hat sich Peters „kritische Distanz“ verordnet. Diese zu erreichen und ausgerechnet in einem Memoirenband durchzuhalten, ist nicht einfach, dass weiß er: „Wie die Dinge wirklich gewesen, wissen wir schon deshalb nicht, weil wir kaum präzise zwischen damaliger Beobachtung und heutiger Einsicht unterscheiden können.“ (S. 286) Um ungeachtet dessen das Ziel seines Memoirenbandes – eine wirklichkeitsnahe Darstellung des DDR-Wissenschaftsbetriebes – zu erreichen, hat sich Peters nicht allein auf seine Erinnerungen verlassen, sondern nutzt den zeitgenössischen Briefwechsel mit Kollegen und Vorgesetzten, zitiert aus dienstlichen Anschreiben und Protokollen von Parteileitungssitzungen, hat aufmerksam und kritisch die Erinnerungen seiner Kollegen durchgesehen und manchen ehemaligen Vorgesetzten und Mitstreiter vor der Abfassung seiner Memoiren befragt.

Ein umfangreiches Privatarchiv machte Peters dieses Herangehen möglich. Dadurch sind seine Aufzeichnungen zu einem Mittelding zwischen historischer Analyse und Erlebnisbericht geworden. Sein Archiv hat ihm auch – in den ersten elf des 25 Kapitel umfassenden Bandes – erlaubt, die Geschichte seiner Familie zu erzählen, insbesondere den Lebensweg seiner Eltern nachzuvollziehen, linken Intellektuellen, die der Nationalsozialismus zunächst in die Sowjetunion und dann nach Schweden in ein Exil zwang, aus dem die Familie Peters 1947 in die Nähe von Berlin zurückkehrte. Jan Peters besuchte seit 1948 die Oberschule und studierte ab 1952 an der Humboldt-Universität Geschichte, bevor sein Wissenschaftlerleben ihn zunächst an die Universität Greifswald und ab 1962 wieder nach Berlin und schließlich an das Institut für Wirtschaftsgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR führte, dessen erster Direktor und langjähriger Mentor Jürgen Kuczynski war. Außerhalb des Wissenschaftsbetriebes war Peters 1962 bis 1964 als Journalist am DDR-Auslandsrundfunk „Radio Berlin International“ und 1967 bis 1970 als Leiter des DDR-Kulturzentrums in Stockholm tätig.

Der Wissenschaftler Peters trug bald Verantwortung, war parallel zu seiner Forschungstätigkeit auch häufig Mitglied der Direktionen bzw. der Parteileitungen der Institute. „Schon einen Mitbestimmer“ nennt er sich, aber doch einen, der „nicht vom Zentrum, sondern eher vom Rande aus“ (S. 11) agierte – und beobachtete. Die ausführliche Darstellung dieser „mittleren Erlebniswelt“, die für die professionellen „Aufarbeiter der DDR-Geschichte“ offensichtlich schwer zu fassen ist und die sie vielfach mit dem Hinweis auf die Existenz „bürokratischer Strukturen“ abtun, ist wohl das, was für Historiker, die sich mit der DDR beschäftigen, Peters Memoiren besonders interessant macht. In dessen Aufzeichnungen finden sich aufschlussreiche Angaben über Auffassungen, Verhaltensweisen und Leitungsmethoden „mittlerer Kader“, die die Direktiven von „oben“ durchzusetzen hatten, denen die „einfachen“ an Akademie bzw. Universität tätigen Wissenschaftler ausgesetzt waren. 1964 bis 1966 war Peters unmittelbar als Fachreferent, als „Büromensch“, in der Wissenschaftsorganisation tätig und gewann Einblicke, die ihm nahe legten, sich in Zukunft nur noch um einen Platz unmittelbar in der Forschung zu bemühen. Er lernte die Genossen der mittleren Leitungsebene als „folgsame und schmalspurige Parteisoldaten“ kennen, die sich von den Fachreferenten politische Lageberichte anfertigen ließen, um ihren Vorgesetzten im Zentralkomitee der SED vom glänzenden Vollzug ihrer Direktiven zu berichten. „Groteske parteiamtliche Einmischung in zeithistorische politische Themen“ (S. 428), vorgenommen, um „hinreichend Pluspunkte für den individuellen Aufstieg zu sammeln“, erlebte Peters wiederholt (S. 452). Er begriff aber auch, dass die „kämpferischen Genossen“ sich auch fürchteten. „Immer bestand ja für solche Leute die Gefahr, dass sie nicht rechtzeitig von einem vollzogenen Kurswechsel an der Spitze erfuhren und sich zu spät umstellten.“ (S. 252) Von ihrer unter diesen Bedingungen erworbenen Wendigkeit profitierten manche dieser „mittleren Kader“ dann nach dem Ende der DDR.

Als Jan Peters seine Erinnerungen niederschrieb, sah er sich immer wieder mit der Frage konfrontiert, warum er und seine Gesinnungsfreunde – ungeachtet des Erlebten – weiter „mitgemacht“ haben. Er habe lange nicht an eine Systemkrise geglaubt, bekennt er. „Man begnügte sich mit der Hoffnung und Annahme, die ‚da oben‘ würden noch wohl zulernen und vernünftiger werden, auch in der Wissenschaftspolitik, und ein wenig könne man ja selbst an der Stellschraube drehen […]“ (S. 286).

Das war, davon ist Peters überzeugt, keine bloße Illusion. Wenn auch die Wissenschaftsplanung letztlich auf „eine zentrale Kontrolle der Historiker“ hinauslief, die Gängelei hatte ihre Grenzen. In Auswertung seiner zwei Jahrzehnte andauernden Mitarbeit an der Entwicklung des Forschungsprofils des Instituts für Wirtschaftsgeschichte – er selbst führte in dieser Zeit einen unablässigen Kampf um die Anerkennung der Sozialgeschichte im Rahmen der Wirtschaftsgeschichte – schreibt Peters: „Einmischung und Vorschriften durchliefen eine Realitätsanpassung, die etwa damit begann, dass prinzipiell Projekten zugestimmt wurde, die in der Regel von den Fachwissenschaftlern selbst stammten. Nicht selten vermittelten diese den Politikern die Vorstellung, diese selbst hätten die Forschungsprojekte erfunden. Und so fielen in Wirklichkeit viele wichtige Entscheidungen in unserem Leitinstitut, allerdings dann in einem von oben abgesegneten ‚Zentralen Plan‘ festgeschrieben.“ (S. 404f.)

Doch auch am Institut für Wirtschaftsgeschichte war man „schließlich strategisch verunsichert und wusste eigentlich nicht, was zu tun sei.“ (S. 423) So schien dem schon vom Elternhaus her mit marxistischen Anschauungen vertrauten Wissenschaftler nunmehr „das Christentum als eine mögliche Lebensform für einen enttäuschten kommunistischen Weltverbesserer.“ (S. 444)

Doch dann war die „Wende“ schon da. „Wir waren unterwegs zu unserer Wende,“ schreibt er über seine Aktivitäten in der Institutsleitung im Herbst und Winter 1989, „nicht zur unreflektierten Westwende“ ( S. 471). Er und die Mitarbeiter des Instituts, das ab 1990 Stück für Stück demontiert wurde, erlebten nun Unvorstellbares. „Die deutsche Wissenschaftsgeschichte ist kaum je zuvor in einen Strudel des Untergangs von solchem Ausmaß geraten, wie es die Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR in den Jahren 1989 bis 1991 erlebten“, urteilt Peters (S. 471).

Er selbst hatte Glück: Westdeutsche Wissenschaftler, die nicht nur den Willen hatten, sondern auch über genug Einfluss und Durchsetzungsvermögen verfügten, ebneten ihm den Weg zur Professur für „Geschichte der frühen Neuzeit mit dem Schwerpunkt Sozialgeschichte“ an der Universität Potsdam. Die Berufung ermöglichte ihm nicht nur, bis zur Pensionierung weiter zu forschen, sondern auch so manchem entlassenen Ost-Wissenschaftler durch Projektarbeit im Rahmen der von der Marx-Planck-Gesellschaft finanzierten Arbeitsgruppe „Gutsherrschaft“ eine berufliche Chance zu geben. Die letzten acht Jahre seiner Tätigkeit bis 1999 darzustellen, habe er „Hemmungen besonderer Art“ gehabt, gesteht Jan Peters, „gegenüber Freunden und Kollegen von früher nämlich, die weniger oder gar kein Glück hatten und zu den Verlierern des Großen Umbaus gehörten. Unter ihnen waren viele Hochbegabte, nicht etwa nur ‚Regimetreue‘, die in soziale Ungewissheit abstürzten.“ (S. 499)

Anmerkungen:
[1] Jürgen Kuczynski, „Ein linientreuer Dissident“, Memoiren 1945-1989, Berlin 1992; Fritz Klein, Drinnen und Draußen. Ein Historiker in der DDR. Erinnerungen, Frankfurt am Main 2000; Kurt Pätzold, Die Geschichte kennt kein Pardon, Berlin 2008.
[2] Hermann Weber, DDR. Grundriss der Geschichte, Hannover 1991, S. 9.
[3] Lothar Mertens, Priester der Klio oder Hofchronisten der Partei? Göttingen 2006.

Zitation
Jörg Roesler: Rezension zu: : Menschen und Möglichkeiten. Ein Historikerleben in der DDR und anderen Traumländern. Stuttgart  2011 , in: H-Soz-Kult, 01.12.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17457>.
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Veröffentlicht am
01.12.2011
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