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Titel
Pompeji. Das Leben in einer römischen Stadt


Autor(en)
Beard, Mary
Erschienen
Stuttgart 2011: Reclam
Umfang
480 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Manuel Flecker, Institut für Klassische Archäologie, Eberhard Karls Universität Tübingen

Seit kurzem liegt nun die deutsche Übersetzung des 2008 erschienenen Bandes „Pompeii. The Life of a Roman Town“ der Althistorikerin Mary Beard vor. Auch wenn dies nicht explizit ausgeführt wird, so richtet sich das Buch doch an ein breites Publikum und steht damit in der Tradition unzähliger populärer Darstellungen zu Pompeji und zum römischen Alltagsleben im Allgemeinen. Aufgrund der großen Zahl an Publikationen zu diesem Thema hätte man sich von der Autorin selbst zu Beginn mehr Informationen zu Intention und Einordnung ihres Werkes in die bestehende Publikationslandschaft gewünscht; Angaben, die so nur dem Schutzumschlag und einer kurzen Passage in der Einleitung zu entnehmen sind. Demnach geht es Beard, neben einer Beschreibung und Rekonstruktion des pompejanischen Alltags, vor allem darum „die Prozesse [zu] reflektieren, die unserer Deutung der zutage geförderten Überreste zugrunde liegen“ (S. 36), sowie einige „strittige Fragen“ wieder ins Blickfeld zu rücken (S. 38). Dies ist ein Anliegen, das sich wie ein roter Faden durch ihre bisherigen Publikationen zieht; es wurde von Karl-Joachim Hölkeskamp zuletzt in anderem Kontext treffend folgendermaßen beschrieben: „In elegantem Duktus, aber mit spitzer Feder und erbarmungsloser Schärfe will sie sich erklärtermaßen daranmachen, die gesamte bisherige Forschung souverän-kritisch auseinanderzunehmen und das Dickicht aus trügerischen Sicherheiten und verstaubten Vorurteilen, hergebrachten Handbuchweisheiten und verbohrten Orthodoxien zu lichten“.[1] All jene Aspekte lassen sich auch ohne Schwierigkeiten in dem hier zu besprechenden Werk wiederfinden.

Das Buch beginnt mit einem einführenden Kapitel, das dem Hauptteil des Textes vorangestellt ist. Hier beleuchtet Beard neben der Grabungsgeschichte und dem erneuten Verfall der Stadt seit ihrer Wiederentdeckung im 18. Jahrhundert vor allem die Geschehnisse vor und nach der Katastrophe des Vesuv-Ausbruchs von 79 n.Chr. Indem sie in eindringlichen Worten die Situation der Flüchtenden skizziert, gelingt ihr eine gelungene Einführung in das Thema. Bereits dieses erste Kapitel zeigt darüber hinaus die Stärken des Buches auf: So vermag es Beard, durch das geschickte Verweben von archäologischer Evidenz mit epigraphischen und literarischen Quellen sowie anschaulichen Anekdoten und Details eine dichte Beschreibung des pompejanischen Alltags zu liefern. Getragen wird all dies von einem essayhaft-frischen und manchmal derb-flapsigen Schreibstil, der sicherlich polarisiert, den der Rezensent aber zumeist gerne gelesen hat. Gerade die geschickte Komposition der einzelnen Kapitel und diese nonchalante Schreibweise dürften dem fachfremden Leser den Zugang zum Thema erleichtern und ihn über so manche Plattitüde und Überspitzung (so wird Pompeji als zweites Venedig oder das Amphitheater als Streichelzoo charakterisiert) hinwegsehen lassen. Kaum hinwegsehen lässt sich allerdings über den unnötigen Habitus Beards, andere stets ungenannte Forscher häufig explizit abzukanzeln oder auch zu loben, um sich so selbst im Zentrum der Deutungshoheit als entscheidende Wissensinstanz darzustellen.[2]

Trotz der manchmal etwa gezwungen schwungvoll formulierten Kapitelüberschriften ist der Aufbau des Buches konventionell, und die Autorin führt den Leser durch die wichtigsten Bereiche pompejanischen Alltagslebens: So bietet Kapitel 1 den geschichtlichen Hintergrund vom 6. Jahrhundert v.Chr. bis in das Jahr 79 n.Chr. und erläutert die Bedeutung Pompejis und seine vielfältigen Verbindungen zu Rom.[3] Der Abschnitt „Straßenleben“ stellt die Infrastruktur der Stadt von den neuesten Untersuchungen zur Organisation des Straßenverkehrs bis hin zur Wasserversorgung vor, behandelt beispielsweise aber auch Fragen nach Schmutz und Unrat im Stadtbild oder nach dem nächtlichen Treiben in den pompejanischen Gassen. Die Kapitel „Heim und Herd“ sowie „Malen und Dekorieren“ verlagern den Blick dann sowohl in die Häuser der städtischen Eliten als auch in die einfacheren Unterkünfte der lokalen Mittel- und Unterschichten und fragen nach Entstehung, Inhalt und Funktion der pompejanischen Wandmalerei als essentiellem Bestandteil all jener Wohnformen. Während die beiden folgenden Abschnitte die wirtschaftlichen und politischen Grundlagen der Stadt diskutieren, wenden sich Kapitel 7 und 8 („Die Freuden des Körpers“ und „Spaß und Spiel“) den schönen Dingen des Lebens zu: Speisesitten, Gaststättenkultur, Bordelle, Brettspiele und blutige Spiele stehen hier im Vordergrund. Ein letzter langer Abschnitt handelt von der Allgegenwärtigkeit des Göttlichen im pompejanischen Stadtbild. Abgeschlossen wird das Buch durch einen Epilog über die Gräberstraßen und Grabdenkmäler Pompejis. Dieser ist jedoch mit sechs Seiten gerade im Vergleich zu allen anderen Kapiteln viel zu kurz geraten und wird der Bedeutung der dortigen Nekropolen und ihren Besonderheiten in keinster Weise gerecht.[4]

Anschließend an den Hauptteil folgen kurze Hinweise zur Besichtigung vor Ort und eine kommentierte Literaturliste, die den fehlenden Fußnotenapparat ersetzt. Diese enthält – dem ursprünglichen Adressatenkreis geschuldet – vor allem leicht zugängliche englische Titel, um eine weitere Beschäftigung mit dem Thema anzuregen.[5] Daneben ist es auch das Anliegen Beards, wichtige Standardwerke in anderen Sprachen anzugeben. Dies gelingt ihr jedoch nicht immer: So fehlen etwa in den Literaturzitaten zu dem eben kritisierten Abschnitt über die Nekropolen Pompejis alle wichtigen Grundlagenwerke.[6]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Beard eine sehr gute Einführung in römisches Alltagsleben am Beispiel Pompejis gelungen ist, die sich auf der Höhe des aktuellen Forschungsstands befindet. Aufgrund des fehlenden Anmerkungsapparates und der limitierten Literaturliste eignet sich das Buch kaum für den Einsatz im universitären Alltag, kann aber als anregende Lektüre zu bestimmten Themenfeldern diesen begleiten. Aus meiner Sicht wäre ein abschließender Kritikpunkt die allzu enge Beschränkung auf die Stadt Pompeji. Vermag die Fokussierung auf einen geschlossenen Befund oft ein prägnanteres Bild zu zeichnen, so hätte hier die Weitung des Blickfelds auch auf andere Vesuvstädte – vor allem Herculaneum ist hier zu nennen – so manchen behandelten Punkt besser veranschaulicht. Beispielsweise hätte man im Zuge der Besprechung lokaler „Polit-Größen“ auf Marcus Nonius Balbus verweisen[7], im Kontext der Besprechung kleinräumigen Wohnens die weit besser erhaltenen herculanensischen tabernae und cenacula betrachten[8] und zur Veranschaulichung römischen Rechtswesens die aus Herculaneum und Murecine überlieferten gerichtlichen Schreiben heranziehen können.[9]

Anmerkungen:
[1] Karl-Joachim Hölkeskamp, Rez. zu Mary Beard, The Roman Triumph, Cambridge, Mass. 2007, in: Gnomon 82 (2010), S. 130–136, hier 130.
[2] Vgl. z.B.: „viele im Brustton der Überzeugung vorgebrachten Behauptungen heutiger Wissenschaftler“ (S. 273); „trotz der Versuche einiger allzu optimistischer heutiger Wissenschaftler“ (S. 318); „Archäologen tendieren dazu“ (S. 332); „nach einem klugen Vorschlag“ (S. 353).
[3] Beard bringt hier die beiden auf dem Forum gefundenen Elogia des Romulus und des Aeneas nachwievor mit dem Gebäude der Eumachia in Verbindung, eine Zuweisung, die sich nicht mehr halten lässt, vgl. Valentin Kockel, Altes und Neues vom Forum und vom Gebäude der Eumachia in Pompeji, in: Richard Neudecker / Paul Zanker (Hrsg.), Lebenswelten. Bilder und Räume in der römischen Stadt der Kaiserzeit, Wiesbaden 2005, S. 51–72, hier 69–72.
[4] Zu dem von Beard ausführlicher besprochenen Grab des Publius Vesonius Phileros vgl. zuletzt: William van Andringa u.a., I riti e la morte a Pompei. Nuove ricerche archeologiche nella necropoli di Porta Nocera, in: Nuove ricerche archeologiche nell’area vesuviana (scavi 2003–2006). Atti del Convegno internazionale, Roma 1–3 febbraio 2007, Roma 2008, S. 377–387.
[5] Im Zuge der Übersetzung wäre natürlich auch eine inhaltliche Modifikation der Literaturliste wünschenswert gewesen.
[6] Antonio D’Ambrosio / Stefano De Caro / Licia Vlad Borelli, Un impegno per Pompei. Fotopiano e documentazione della necropoli di porta Nocera. Studi e contributi, Milano 1983; Valentin Kockel, Die Grabbauten vor dem Herkulaner Tor in Pompeji, Mainz am Rhein 1983.
[7] Umberto Pappalardo, Marcus Nonius Balbus. Der patronus von Herculaneum, in: Josef Mühlenbrock / Dieter Richter (Hrsg.), Verschüttet vom Vesuv. Die letzten Stunden von Herculaneum. Ausstellungskatalog, Archäologische Staatssammlung München, 14.6.–1.11.2006, Mainz am Rhein 2005, S. 171–181.
[8] Vgl. z.B. die Casa a Graticcio: Felix Pirson, Mietwohnungen in Pompeji und Herkulaneum. Untersuchungen zur Architektur, zum Wohnen und zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Vesuvstädte, München 1999, S. 112–115.
[9] Vgl. zuletzt Richard Neudecker, The forum of Augustus in Rome. Law and order in sacred spaces, in: Francesco de Angelis (Hrsg.), Spaces of justice in the Roman world, Leiden 2010, S. 161–188.

Zitation
Manuel Flecker: Rezension zu: : Pompeji. Das Leben in einer römischen Stadt. Stuttgart  2011 , in: H-Soz-Kult, 29.05.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17482>.
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Veröffentlicht am
29.05.2012
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