P. Connerton: The Spirit of Mourning

Cover
Titel
The Spirit of Mourning. History, Memory and the Body


Autor(en)
Connerton, Paul
Erschienen
Umfang
XI, 178 S.
Preis
$ 85.00 / £ 50.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Kühne, Strassler Center for Holocaust and Genocide Studies, Clark University

Dieses Buch ist das dritte einer Reihe, in der der Cambridger Anthropologe Paul Connerton auf die körperliche Dimension von individuellen und kollektiven Erinnerungsmustern aufmerksam macht, worunter er alle möglichen Formen der Bewahrung oder Nichtbewahrung von Vergangenheit fasst. Während die ersten beiden, 1989 und 2009 erschienenen Bücher eher systematisch zugeschnitten waren[1], versammelt dieses jüngste sieben nur sehr locker verbundene, größtenteils allerdings noch nicht publizierte Aufsätze. Der erste davon hat dem Band den Titel gegeben. Connerton konstruiert darin zwei konträre Geschichtsschreibungen – eine affirmativ-legitimatorische, die Lyotards Kritik der Meistererzählungen und Foucaults Verwerfung der Totalen Geschichte evoziert habe, und eine andere, die sich der Geschichte unterdrückter oder marginalisierter Bevölkerungsgruppen annehme. Letztere beziehe ihren Antrieb aus der Trauer um und dem Leiden an traumatischen Unterdrückungs- und Marginalisierungserfahrungen. Beispiele sind die Geschichte kolonisierter Völker, der Schwarzen in den USA oder der Juden in Europa. Johann Jakob Bachofens Geschichte des Mutterrechts im vorrömischen Italien (zuerst 1861), geschrieben gegen Theodor Mommsen pompöse Geschichte der römischen Herrschaft, ist für Connerton das ältere Modell einer solchen „Geschichte aus dem Geist des Trauerns“ (S. 1).

Das zweite Kapitel präsentiert sieben Typen des Vergessens: das staatlich verordnete Vergessen vergangener Konflikte im Interesse der Friedenssicherung, etwa nach Bürger- oder anderen Kriegen; das Vergessen im Interesse der Stiftung neuer kollektiver Identität (der die Erinnerung an Vorfahren abträglich sein mag); das Vergessen durch Vernichtung von Artefakten, Dokumenten und dergleichen; das planvolle, „repressive“ Vergessenmachen von politischen Feinden durch eine dominante Staatsmacht; ein Vergessen, das Connerton als strukturelle Amnesie begrifflich zu fassen versucht; das Vergessen des Alten im Zuge konsumgesellschaftlicher Begeisterung für das ständig neu definierte Neue; und schließlich eine Art des Vergessens, die aus kollektiver Scham über traumatische Erfahrungen herrührt (zum Beispiel über die Massenvergewaltigung deutscher Frauen durch Sowjetsoldaten 1945).

Im dritten Kapitel analysiert Connerton in ähnlich typologisierender Weise unterschiedliche Formen des Schweigens und Beschweigens, im vierten verschiedene Aspekte dichotomischer räumlicher Orientierungen menschlichen Erinnerns, Denkens und Fühlens (oben/unten, rechts/links, vorne/hinten, innen/außen etc.). Das fünfte Kapitel enthält eine Kritik an Hans-Georg Gadamers Text- und Sprachverständnis und seinem Desinteresse an der körperlichen Dimension allen Verstehens. Im sechsten Kapitel knüpft Connerton am ehesten an geläufige Kategorien von Körpergeschichte oder Körperanthropologie an, indem er der Bedeutung von Tattoos, Masken und künstlichen Hautveränderungen nachgeht. Im siebten Kapitel schließlich werden Gebäude, öffentliche Plätze und natürliche Umgebungen als „Projektionen“ von Körperlichkeit untersucht, wobei Connerton zwischen „empathischen“, „mimetischen“ und „kosmischen“ Projektionen unterscheidet (S. 147).

Alle Kapitel profitieren von der ungeheuren Belesenheit des Autors, die quer durch die Weltgeschichte der Literatur, Historiographie, Philosophie, Bildenden und Baukunst sowie Kulturanthropologie reicht. Im ersten Kapitel zum Beispiel wird der Leser von Lyotard und Foucault zu Aischylos’ Orestie und von dort zur Tanzarchitektur in Charleston in den USA geleitet, dann zu Cleve Jones’ AIDS Memorial Quilt Project, zur chinesischen Kulturrevolution, dann weiter zu Bachofen und Mommsen, von wo aus es zur jüdischen Geschichtsschreibung des 16. Jahrhunderts und von dort zu derjenigen des Holocaust geht, wobei auch Camus’ „Pest“, Solschenizyns „Archipel Gulag“ und die Arbeiten des Ehepaars Mitscherlich einbezogen sowie schließlich noch Peter Sloterdijk und Klaus Theweleit erwähnt werden.

Connerton geht es um Generalisierung oder, wie er sagt, um „kulturelle Universalien“ (S. 83). Während seine Belesenheit zweifellos beindruckend ist und das Buch auf sonst vergessene oder wenig gelesene Texte und Autoren aufmerksam zu machen in der Lage ist (und insofern durchaus ein Gewinn sein kann), ist der analytische Nutzen solcher Abstraktionsleistungen eher bescheiden. Im zweiten Kapitel wird die Typologie des Vergessens schlichtweg dadurch hergestellt, dass verschiedene Phänomene nicht wie üblicher- und sinnvollerweise auf verschiedene Begriffe gebracht werden (Vergessen, Verdrängen, Unterdrücken, Beschweigen etc.), sondern unter einem Begriff subsumiert werden. In ähnlicher Manier werden im sechsten Kapitel die Symboliken von Tattoos und anderen künstlichen Hautveränderungen in abstrakter Form als Ehrenmale oder Stigmatisierungen kategorisiert, wobei kulturelle Differenz und historischer Wandel zwar nicht völlig außer Acht bleiben, aber doch ständig zugunsten der Universalisierung an den Rand gerückt werden.

Schließlich beruht auch die These, die dem Buch den Titel gegeben hat, auf artifiziellen Verallgemeinerungen und willkürlichen Setzungen. Am Ende des besagten ersten Kapitels gesteht Connerton dies sogar ein, wenn er sagt: „It would be an error to imagine that narratives of mourning and narratives of legitimation belong to easily separable categories.“ (S. 27) Dazu rekurriert er auf „national groups“, die sozialen Zusammenhalt durch Geschichten von erlittenem Unrecht generieren. Als Paradebeispiele führt er (auf einer Seite) die NS-Bewegung und den Staat Israel nach 1948 an (S. 28). Mit der Feststellung, dass „narratives of cultural bereavement“ ohne weiteres in „narratives of legitimation“ umgewandelt werden könnten und dass „the same events signify glory for some and humiliation for others“ (S. 29), hat es in diesem Kapitel sein Bewenden, obwohl doch gerade hier die legitimitäts- und identitätsstiftende Funktion auch von Geschichten kollektiver Trauer, kollektiver Traumata und kollektiver Marginalisierung offensichtlich ist – und die Analyse ihren Anfang hätte nehmen können.

Kurz gesagt: „The Spirit of Mourning“ schöpft aus einem beeindruckend reichhaltigen Zettelkasten. Er hätte mehr als eine Buchbindersynthese verdient.

Anmerkung:
[1] Paul Connerton, How Societies Remember, Cambridge 1989; ders., How Modernity Forgets, Cambridge 2009.

Zitation
Thomas Kühne: Rezension zu: Connerton, Paul: The Spirit of Mourning. History, Memory and the Body. Cambridge 2011 , in: H-Soz-Kult, 01.06.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17519>.
Redaktion
Veröffentlicht am
01.06.2012
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