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Titel
Enzensbergers Kursbuch. Eine Zeitschrift um 68


Autor(en)
Marmulla, Henning
Erschienen
Umfang
383 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Kapp, Walther-Rathenau-Kolleg am Moses-Mendelssohn-Zentrum Potsdam

Mit Henning Marmullas Dissertation über das „Kursbuch“ liegt nach Vibeke Rützou Petersens Untersuchung aus dem Jahre 1988[1] eine weitere Monographie über die Zeitschrift vor. Hatte Petersen das Thema ihrer Untersuchung noch zeitlich genau eingegrenzt (1965–1975) und vor allem eine Inhaltsanalyse geliefert, geht es Marmulla um mehr: „Den Zusammenhang zwischen der Entwicklung des ‚Kursbuchs‘, seines Herausgebers, der 68er Bewegung und den Redefinitionen nicht nur der Rolle des Schriftstellers und der Funktion der Literatur, sondern auch der des Mandats des Intellektuellen zu erklären, ist das zentrale Erkenntnisinteresse dieses Buches.“ (S. 10)

Methodisch versucht Marmulla eine Synthese aus Bourdieus Begriff des literarischen Feldes, seiner Kapitaltheorie und der Theorie des politischen Handelns, wie sie im Bielefelder Sonderforschungsbereich „Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte“ entwickelt wurde. Trotz dieses hochgesteckten Ziels bemüht sich das Buch um einen erzählenden Gestus und präsentiert den Forschungsgegenstand so als eine Geschichte, die eine Vor- und eine Nachgeschichte hat.

Zum langen Vorspiel gehören die Vermessung des literarischen Feldes der Bundesrepublik bis 1965, eine Kurzbiographie Hans Magnus Enzensbergers in Form einer Leistungsbilanz der durch ihn akkumulierten Kapitalsorten (frei nach Bourdieu) und die Geschichte des gescheiterten Versuchs der Gründung einer internationalen Zeitschrift. Marmulla kann nicht nur verlagsgeschichtlich die Genese des „Kursbuchs“ aus dieser nie realisierten „Revue Internationale“ nachzeichnen. Es gelingt ihm auch zu zeigen, dass die Entstehung dieses französisch-deutsch-italienischen Projekts auf die nicht nur in Frankreich geführten Debatten um das „Manifeste de 121“ von 1960 zurückgeht, das ein Widerstandsrecht gegen die französische Kolonialpolitik in Algerien proklamierte.

Der Hauptteil des Buches widmet sich der Gründung, dem Inhalt und der Trennung des „Kursbuchs“ vom Suhrkamp-Verlag. Marmulla beschreibt, wie es von Beginn an zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Enzensberger und dem Verleger Siegfried Unseld über die inhaltliche Ausgestaltung der Zeitschrift kam. Die Autonomie des Herausgebers wurde zwar vertraglich geregelt, von Unseld aber immer wieder in Frage gestellt. Diese Auseinandersetzung um „herausgeberische Autonomie und verlegerische Mitsprache“ (S. 206) wird von Marmulla als der zentrale Konflikt identifiziert, der am Ende zur Trennung geführt habe.

Marmullas inhaltliche Analyse der Zeitschrift widmet sich ausgewählten Fragen, die im „Kursbuch“ verhandelt wurden. Er untersucht Artikel zu den Themen Deutschlandpolitik, Verhältnis zur Dritten Welt (im Buch bewusst ohne Anführungszeichen geschrieben; vgl. S. 350), Studentenrevolte, Rolle und Funktion von Intellektuellen und Schriftstellern. Diese Auswahl bildet die Themenvielfalt der Zeitschrift aber nur ungenügend ab. Weder finden die literarischen Beiträge Berücksichtigung noch die Themenhefte etwa zum Wahnsinn (H. 3/1965), zum Strukturalismus (H. 5/1966) oder zur Mathematik (H. 8/1967), in denen auch gesellschaftspolitische Probleme debattiert wurden.

Seinen Schwerpunkt legt Marmulla auf Enzensbergers eigene Texte. Dabei arbeitet er im Wesentlichen drei Thesen heraus, die Intention und Vorgehen des Herausgebers zusammenfassend beschreiben sollen. Erstens habe Enzensberger ausgehend von Adornos und Horkheimers Begriff der Kulturindustrie diesen von seinem Fatalismus befreit und mit dem Konzept der Bewusstseinsindustrie einen theoretischen Rahmen abgesteckt, in dem es denkbar war, Kapitalismuskritik auch massenmedial wirksam werden zu lassen. Mit dem „Kursbuch“ habe Enzensberger dieses theoretisch fundierte Programm einer Gegenöffentlichkeit institutionalisieren können. Zweitens sei die Zeitschrift geprägt gewesen von einer Debattenkultur, die das „Kursbuch“ zu mehr als einem Sprachrohr ihres Herausgebers machte. „In diesem Sinne kann man durchaus von einer demokratisierten Zeitschrift sprechen.“ (S. 141) Drittens sei es das Ziel Enzensbergers gewesen, bei den Lesern eine „Wahrnehmungsrevolution“ auszulösen. „Veränderung der Welt sollte über die Veränderung der Wahrnehmung der Welt angestoßen werden.“ (S. 174) Die letzten beiden Thesen vermögen allerdings wenig zu überzeugen – nicht weil sie falsch wären, sondern weil sie so allgemein sind, dass sie nicht nur spezifisch für das „Kursbuch“ gelten.

Da Marmulla seinen Blick auf Artikel von Enzensberger und anderen Autoren fokussiert, die im „Kursbuch“ veröffentlicht wurden, fehlt ihm ein Vergleichsmaßstab, der es ihm erlaubte, die Ergebnisse einzuordnen. Dadurch erscheinen Enzensberger und mit ihm die Zeitschrift, die er herausgab, als Solitäre ihrer Zeit. Das mögen sie gewesen sein. Es wäre jedoch nur durch eine die zeitgenössischen Debatten und andere Printmedien breiter rezipierende Studie zu zeigen gewesen. So veröffentlichte Enzensberger selbst in den 1960er-Jahren nicht nur in seiner Zeitschrift, sondern auch in „Pardon“, „Konkret“ und „Twen“. Die Planungen der „Konkret“, 1967 unter anderem mit Enzensberger zu einer Kooperation zu kommen, um das Blatt so zu einem Sprachrohr der Außerparlamentarischen Opposition zu machen, werden von Marmulla nicht einmal erwähnt.[2] Um die Bedeutung des „Kursbuchs“ für die 68er-Bewegung und seine Spezifika zu ermessen, wäre es zudem nötig gewesen, weitere Zeitschriften mit in den Blick zu nehmen, die sich an ein studentisches Publikum wandten – etwa den „kürbiskern“, das „Argument“ oder die „alternative“.

Den Einfluss der Zeitschrift auf die 68er-Bewegung begründet Marmulla vor allem damit, dass das „Kursbuch“ thematische Anstöße gegeben habe. Inwieweit diese jedoch aufgenommen und weitergetragen wurden, gehört nicht mehr zu seinem Untersuchungsgegenstand. Als weitere Indizien dienen ihm Enzensbergers persönliche Bekanntschaften mit wichtigen Akteuren der Zeit. Da diese jedoch eher anekdotisch abgehandelt werden, bleibt ihr Erkenntniswert gering.

Die an einzelnen Heften des „Kursbuchs“ orientierte thematische Gliederung der Studie hat den Nachteil, dass verlagsgeschichtliche Informationen an ungewöhnlicher Stelle referiert werden. So findet sich eine Übersicht der Auflagenhöhe der einzelnen Ausgaben im Kapitel „Die Dritte Welt und die Industriemetropolen“. Dabei sind die Zahlen wichtige Indikatoren für die Bedeutung des „Kursbuchs“; sie könnten Aufschluss darüber geben, welche Themenhefte auf besonderes Interesse stießen. Kaum Beachtung schenkt Marmulla auch dem Werbeteil der Zeitschrift, an dem sich die Etablierung eines „Markts für Marx“ nachvollziehen ließe.[3] Einige der dem „Kursbuch“ ab 1968 beigelegten „Kursbögen“ finden zwar die Aufmerksamkeit des Autors, weil sie zu heftigen Debatten mit Unseld führten. Marmulla hat sich diese Plakate aber leider nicht genauer angeschaut. Dabei ließe sich an ihnen eine Geschichte der Bildsprache der Neuen Linken in der Bundesrepublik erzählen: vom textlastigen Pamphlet Walter Boehlichs bis zu den ersten Seyfried-Comics 1976.

Hier erweist sich die zeitliche Beschränkung der Studie als ein Nachteil. Zwar greift Marmulla weit aus, wenn er Enzensbergers literarische Produktion der 1970er-Jahre untersucht. Die von ihm analysierten Texte erschienen jedoch alle nicht im „Kursbuch“. 1970, als der Suhrkamp-Verlag sich von der Zeitschrift trennte, beginnt für Marmulla bereits die „Nachgeschichte“. Dabei fungierte Enzensberger bis 1975 weiter als Herausgeber – zuerst im Wagenbach-Verlag, ab 1973 im Rotbuch-Verlag. Ob sich mit dem Wechsel der Verlage auch inhaltliche Veränderungen ergaben, wird gar nicht mehr untersucht.[4] Zudem wird durch die Konzentration auf Enzensberger die Rolle Karl Markus Michels für das „Kursbuch“ unterschätzt. Marmulla verweist zwar darauf, dass „der Hauptteil der Arbeit […] an Michel hängen“ blieb (S. 91) und Enzensberger selbst die Zeitschrift als ihr gemeinsames „Baby“ (S. 340) bezeichnet hat. Eine eingehendere Beschäftigung mit Michel findet sich jedoch nicht.

So liegen die Stärken des Buches in der Beschreibung der Positionen Enzensbergers in den 1960er- und 1970er-Jahren anhand der von Henning Marmulla ausgewerteten Quellen aus dem jetzt in Marbach befindlichen Siegfried-Unseld-Archiv. Über die „Zeitschrift um 68“ – wie es der Untertitel mehrdeutig formuliert – würde man jedoch gern mehr erfahren; nicht zuletzt auch als breitere ideen-, sozial- und kulturgeschichtliche Einordnung des vom Soziologen Armin Nassehi jüngst gestarteten Versuchs, das „Kursbuch“ (erneut) wiederzubeleben.[5]

Anmerkungen:
[1] Vibeke Rützou Petersen, „Kursbuch“ 1965–1975. Social, Political and Literary Perspectives of West Germany, New York 1988.
[2] Vgl. Detlef Siegfried, Time is on my Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Göttingen 2006, S. 533.
[3] Vgl. Adelheid von Saldern, Markt für Marx. Literaturbetrieb und Lesebewegungen in der Bundesrepublik in den Sechziger- und Siebzigerjahren, in: Archiv für Sozialgeschichte 44 (2004), S. 149-180; auch online unter <http://library.fes.de/jportal/servlets/MCRFileNodeServlet/jportal_derivate_00021392/afs-2004-149.pdf> (14.2.2012).
[4] Nach der Trennung von Suhrkamp veröffentlichte das „Kursbuch“ jährlich seine Bilanz. Diese finanzielle Transparenz kann als Reaktion auf Unselds Umgang mit diesem Herrschaftswissen verstanden werden; der Verleger hatte selbst engsten Mitarbeitern keinen Einblick in die von ihnen erwirtschafteten Gewinne gewährt. Vgl. Karlheinz Braun, Wie das, was die Autoren schreiben, Folgen hat, in: Walter Boehlich u.a., Chronik der Lektoren. Von Suhrkamp zum Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2011, S. 57-76, hier S. 70.
[5] Vgl. Gregor Dotzauer, Liebe Krise, in: Tagesspiegel, 15.10.2011, S. 29, auch online unter <http://www.tagesspiegel.de/kultur/liebe-krise/4760396.html> (14.2.2012); Katja Huber, Solidarität mit den Abendländischen, in: taz, 13.2.2012, auch online unter <http://www.taz.de/Neues-Kursbuch-nach-vier-Jahren/!87593/> (14.2.2012).

Zitation
Christoph Kapp: Rezension zu: : Enzensbergers Kursbuch. Eine Zeitschrift um 68. Berlin  2011 , in: H-Soz-Kult, 22.03.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17560>.
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Veröffentlicht am
22.03.2012
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