M. Pullmann: Konec experimentu [Das Ende des Experiments]

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Titel
Konec experimentu [Das Ende des Experiments]. Přestavba a pád komunismu v Československu


Autor(en)
Pullmann, Michal
Erschienen
Prag 2011: Scriptorium
Umfang
248 S.
Preis
183 Kč
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christiane Brenner, Collegium Carolinum, München

Seinem Buch über die Perestroika und den Fall des Kommunismus in der Tschechoslowakei hat Michal Pullmann ein auf den ersten Blick erstaunliches Motto vorangestellt, und zwar den Text eines bekannten tschechischen Volksliedes, in dem davon erzählt wird, dass der Ofen kaputt gegangen ist: Der junge Bäcker kann ihn nicht reparieren, der alte ist nicht zu Hause, doch dann wird der Großvater gerufen und der bringt mit ein paar Hammerschlägen alles wieder ins Lot. Diese Geschichte ist natürlich als Parabel auf den Sozialismus zu lesen. Als die sozialistische Ordnung – für die hier nicht zufällig ein vertrauter Alltagsgegenstand steht – Risse bekommt, kann sie auch von den Fachleuten nicht mehr gerettet werden. Dass ausgerechnet der Großvater zum entscheidenden Schlag ausholt, scheint dabei nicht ohne Hintersinn.

Bereits dieser Auftakt vermittelt eine Ahnung davon, weshalb der eher unscheinbare Band „Das Ende des Experiments“ in Tschechien so kontroverse Debatten hervorgerufen hat.[1] Michal Pullmann rekonstruiert nicht nur die Erosion des Staatssozialismus in der Tschechoslowakei ab Mitte der 1980er-Jahre, sondern entwickelt anhand dieser Verfallschronik auch weitreichende Thesen über die Gründe für die langjährige Stabilität dieses Systems einerseits, den weichen Übergang zu Liberalismus und Kapitalismus andererseits. Dies verbindet er mit einer scharfen Kritik der hegemonialen Deutungsmuster und der gegenwärtigen kollektiven Erinnerung der Tschechen an den Sozialismus als einer allein auf Repression und sozialer Befriedung gegründeten Ordnung, die zwangsläufig untergehen musste, weil sie falsch, verlogen und ungewollt gewesen sei.

Doch von Anfang an: In der Sowjetunion hatten Wirtschaftsexperten schon seit Beginn der 1980er-Jahre weitreichende Reformen gefordert, um den Niedergang der Wirtschaft aufzuhalten. Der Machtantritt Michail Gorbatschows verhalf ihren Vorschlägen zur Durchsetzung. Was zunächst noch in vertrauter Begrifflichkeit vorgestellt wurde – es war die Rede von „Intensivierung, Beschleunigung und Vervollkommnung“ – ging mit der Aufgabe der zentralen Planung und Lenkung, der Einführung von Marktelementen und einem leistungsbezogenen System der Entlohnung schon bald an die Grundfesten des Systems. In Verbindung mit einer neuen Informationspolitik (Glasnost) wurde auch die Rhetorik der Weiterführung aufgegeben und durch eine neue Semantik ersetzt, die dem radikalen Umbau auch der politischen Ordnung Rechnung trug (Perestroika).

In der Tschechoslowakei beobachtete man diese Prozesse mit gemischten Gefühlen. Pullmann zeigt das gesamte Spektrum an Reaktionen: Wirtschaftsfachleute und Betriebsdirektoren, die weiter gehen wollten als ihre sowjetischen Kollegen, Künstler und Intellektuelle, die die sowjetischen Debatten mit großem Interesse verfolgten und neue Themen „ausprobierten“, Arbeiter, die eher skeptisch reagierten und schließlich den Staats- und Parteiapparat, in dem Furcht und Ratlosigkeit überwogen. Denn die „Normalisierer“, die nach dem „Prager Frühling“ an die Macht gekommen waren, sahen sich vor ein ernstes Dilemma gestellt. Wie sollten sie dem sowjetischen Vorbild treu bleiben, ohne Erinnerungen an den gewaltsam beendeten reformsozialistischen Versuch der 1960er-Jahre wachzurufen und vor allem ohne die nach 1969 wiederhergestellte Stabilität aufs Spiel zu setzen? Doch während es in der Regierung durchaus Anhänger der „přestavba“, also der tschechoslowakischen Variante der Perestroika, gab, wollte die Kommunistische Partei (KSČ) Veränderungen möglichst vermeiden. Dass diese Variante des Umgangs mit der Perestroika die tschechoslowakische Politik bestimmte, war nicht zuletzt auch Folge sowjetischer Fehleinschätzungen. Denn Gorbatschow hatte bei der Neubesetzung des Postens des Generalsekretärs der KSČ Miloš Jakeš, einem unterdurchschnittlich begabtem Taktierer und Bremser, den Vorzug vor dem geistig beweglicheren und Reformen zugeneigten und Lubomír Štrougal gegeben. 1988/89 signalisierte Moskau dann deutlich, sich überhaupt nicht in die innenpolitischen Konkurrenzen in der Tschechoslowakei einschalten zu wollen. Auf Drängen der Prager Regierung und zur großen Enttäuschung vieler Tschechen und Slowaken verzichtete Gorbatschow auch auf eine offizielle Neubewertung des Reformkommunismus und des „Prager Frühlings“.

Die Perestroika und die Frage, wie man auf diese Herausforderung reagieren soll, erscheinen also als Anfang vom Ende des Sozialismus in der Tschechoslowakei. Die Jahre davor charakterisiert Pullmann als bemerkenswert stabil, wobei er die Gründe für diese Stabilität in einem weitreichenden gesellschaftlichen Konsens ausmacht. Er beschreibt diesen Konsens als Zusammenspiel der eher intuitiven als reflektierten Überzeugung, dass der Sozialismus den Menschen ein gutes, ruhiges Leben ermögliche. Aufrecht erhalten und reproduziert worden sei dieser Konsens durch die endlose Wiederholung der immergleichen ideologischen Phrasen, also durch eine hyperideologisierte Sprache, die aber gerade aufgrund ihrer inhaltlichen Unbestimmtheit bzw. Leere Raum für die unterschiedlichsten partikularen Interessen gelassen habe. Mit Alexei Yurchak[2] argumentiert Pullmann, dass die innere Pluralität der Gesellschaft durch diesen Diskurs neutralisiert werden konnte, der fähig war, auch Themen zu integrieren, die auf ersten Blick mit Sozialismus gar nichts zu tun hatten, wie die Begeisterung für westliche Mode und Popmusik. Erst als im Zuge der Perestroika offen gefragt wurde, was Sozialismus eigentlich bedeute und warum er wünschenswert sei – also als ein Metadiskurs über Ideologie eröffnet wurde – verlor dieser Diskurs seine Funktionsfähigkeit.

Der Versuch konservativer Kräfte in der KSČ, das Reden über die Perestroika in alte Bahnen zu lenken und auf diesem Weg zur Legitimierung des Status quo beizutragen, kam zu spät. Längst wurden zahlreiche neue Themen und Deutungsangebote offen verhandelt. Aber auch die veränderten außenpolitischen Koordinaten und vor allem die ungewöhnlich schlechte Versorgungslage trieben die Führung in die Enge. Ihr blieb als letztes Angebot das Versprechen von Ruhe und Ordnung bzw. Schreckbilder von sozialer Not und Unruhe heraufzubeschwören und Gewalt anzudrohen. Erst an diesem Punkt, so Pullmann, hätten sich größere Teile der Bevölkerung mit den Dissidenten solidarisiert. Die Dissidenten seien also nicht Wegbereiter des Umbruchs gewesen. Eher habe der Werte- und Forderungskanon dieser lange Zeit von der Bevölkerung weitgehend separierten Gruppe einen zeitweiligen Ersatz für den zerbrochenen Konsens und auch eine Entlastungsfigur geboten. So habe sich die „Samtente Revolution“ als Sieg von Gewaltlosigkeit und Authentizität gegen eine angeblich auf Repression und Lüge gegründete Ordnung beschreiben und damit die eigene Beteiligung an diesem System leugnen lassen. Wie oberflächlich die Identifikation mit den Dissidenten war, zeigt Pullmann zufolge deren rascher Popularitätsverlust nach 1990. Gleiches lässt sich von den Kirchen sagen, die ihre in den späten 1980er-Jahren gewonnenen Mitglieder überwiegend wieder verloren haben. Während sowohl der Diskurs der Dissidenten als auch der der Kirchen über einen verbindlichen Wertekern verfügten, sei um die Leitbegriffe des rasch etablierten neuen Konsens Demokratie, Liberalismus und Kapitalismus in Tschechien bislang keine echte Diskussion geführt worden. Daher sei es wiederum ein auf schwammigen Werten begründeter Konsens, der die Gesellschaft zusammenhalte, Alltagspraktiken integriere, die den propagierten Idealen widersprechen sowie das ‚Fremde‘, ‚Schmutzige‘ und ‚Bedrohliche‘ ausschließe.

Was Michal Pullmanns Buch für viele Leser (und wohl auch für viele Menschen, die sein Buch nicht gelesen haben) so provokant macht, ist das Bild, das er von der Normalisierungsgesellschaft zeichnet: Sie erscheint bei ihm als recht zufriedene Kleinbürgergemeinschaft, deren Interesse an und Empathie für die, die sich jenseits der Grenzen des ‚Guten‘, ‚Normalen‘ und ‚Ordentlichen‘ bewegten (Dissidenten, Roma), sehr gering war. Damit konterkariert er die üblichen Repressionsgeschichten, bricht aber auch mit der allzu einfachen Erklärung von einem Stillhalteabkommen zwischen einem Regime auf schmaler Basis und der eher ablehnenden Mehrheitsgesellschaft, die mit Konsum pazifiziert wurde. Pullmann identifiziert eine Grundhaltung gegenüber Politik, die ihre Vertreter selbst wahrscheinlich als unpolitisch beschreiben würden, weil sie primär auf die Verwirklichung individueller Interessen und auf persönlichen Komfort zielte, die in ihrer Wirkung aber systemstabilisierend waren. Der Konsens, von dem er spricht – und das wird von vielen sicher missverstanden – beruhte also nicht darauf, dass die tschechoslowakische Gesellschaft der 1970er- und 1980er-Jahre in ihrer Mehrheit aus überzeugten Anhängern der kommunistischen Ideologie beständen hätte, sondern hatte gerade die Abwesenheit verbindlicher Inhalte zur Voraussetzung. In dieser Konstellation sieht Pullmann die Kontinuität zwischen Normalisierungszeit und Gegenwart. Dass ihm reflexhaft Nähe zum Kommunismus vorgeworfen wird, überrascht nicht, geht aber völlig an dem vorbei, was das Buch so interessant macht: der tiefe Einblick in die Funktionsweise der sozialistischen Diktatur. Dabei wird die Gewalt keineswegs klein geredet, sondern vielmehr aus der Nahperspektive gezeigt, wie Gewalt, Verbote und unterschiedliche Interessen in einen Konsens mündeten, der einen Teil der Bevölkerung gezielt ausschloss.

Die Erklärung dieses Konsenses und seiner sprachlichen Manifestation lesen sich mitunter etwas redundant. Nicht unbedingt nötig im Gesamtzusammenhang des Buches ist auch das Kapitel über die innenpolitische Entwicklung in der Sowjetunion bis zu deren Auflösung, in dem die Fußnoten verraten, dass es auf gewaltigem Detailwissen beruht. Faszinierend sind indessen die Passagen, in denen Pullmann die Ausweitung und Pluralisierung der öffentlichen Debatten in den 1980er-Jahren an Beispielen wie alltäglicher Gewalt oder Homosexualität beschreibt. Hier lässt sich im Kleinen nachvollziehen, wie sich thematische und sprachliche Konventionen und Vorstellungen von dem, was normal oder akzeptabel ist, allmählich verändern und schließlich den eingeführten Diskurs sprengen. Brillant sind zudem die Beobachtungen der letzten kommunistischen Führungsgarnitur, die durchaus zwischen den verschiedenen Protagonisten differenzieren, insgesamt aber vom Verlust der Fähigkeit zeugen, die Situation zu begreifen, angemessen zu beschreiben und Wege aufzuzeigen, mit den herrschenden Schwierigkeiten umzugehen. Und schließlich kam ihr auch die Fähigkeit abhanden, wirkungsvoll Angst zu verbreiten.

Eine Übersetzung des Buches ins Englische oder Deutsche würde sich wirklich lohnen – und zwar nicht nur als Fallstudie über das Ende des Sozialismus in der Tschechoslowakei, sondern auch als innovativer Beitrag zu der Debatte über Konsens und Eigensinn im Spätsozialismus, die bislang vor allem am Beispiel der DDR geführt worden ist.

Anmerkungen:
[1] Die Beiträge der in tschechischen Zeitungen und Zeitschriften geführten Diskussion finden sich unter: <http://louc.bloguje.cz/898794-konec-experimentu-aneb-historie-jedne-polemiky.php> (08.12.2011)
[2] Alexei Yurchak, Everything was forever, until it was no more. The last Soviet generation, Oxford 2005.

Zitation
Christiane Brenner: Rezension zu: : Konec experimentu [Das Ende des Experiments]. Přestavba a pád komunismu v Československu. Prag  2011 , in: H-Soz-Kult, 18.01.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17693>.
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Veröffentlicht am
18.01.2012
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