Titel
Marginale Urbanität. Migrantisches Unternehmertum und Stadtentwicklung


Hrsg. v.
Hillmann, Felicitas
Umfang
258 S.
Preis
€ 28,80
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Barbara Lemberger, Institut für Volkskunde / Europäische Ethnologie, Ludwig-Maximilians-Universität München

Mit diesem Band liegt erstmals eine Bündelung von Einzelstudien zu und Reflexionen über selbständige und unternehmerische Tätigkeiten von MigrantInnen in Deutschland vor, unterfüttert von umfangreichem statistischem Material. Ziel und Intention ist es, einen Beitrag zur „Wissenslücke bezüglich der Forschung zur Arbeitsmarktintegration von MigrantInnen in Deutschland“ zu leisten mit Fokus auf jenen, die sich auf dem städtischen Arbeitsmarkt beruflich selbständig gemacht haben. Hierbei wiederum stehen dezidiert die Gruppen von Selbständigen im Mittelpunkt, deren Herkunftskontext außerhalb der EU-Staaten liegt (S. 9). Der Band ging hervor aus einer mehrjährigen intensiven Bearbeitung des Themas „Migration und Stadtentwicklung“ am Arbeitsbereich „Angewandte Geographie“ der Universität Bremen zwischen 2007 und 2011. Versammelt sind aktuelle Einsichten aus laufenden und abgeschlossenen Promotionsprojekten verschiedener sozialwissenschaftlicher Disziplinen, aber auch Beiträge von in dieser Thematik arrivierten KollegInnen wie Robert Klostermann und Jan Rath. „Migrantisches Unternehmertum“ wird von der Herausgeberin und der Koautorin Elena Sommer in ihrem Beitrag in Rekurs auf kritische Stimmen am Konzept der ethnischen Ökonomie[1] definiert als „die Selbständigkeit von Personen mit Migrationshintergrund unabhängig ihrer Herkunftsregion oder der Form ausgeübter Selbständigkeit“ und diese Besonderung „scheint legitim, da die MigrantInnen auf eine andere Ausgangssituation und damit verbundene Rahmenbedingungen (z.B. Gesetzgebung, Finanzierungsmöglichkeiten, formale Qualifikationsnachweise, andere Erfahrungen im Umgang mit den Behörden, Sprachkenntnisse, Zugang zu Informationen und verschiedenen sozialen Netzwerken etc.) treffen als einheimische UnternehmerInnen. Daraus ergeben sich auch unterschiedliche Möglichkeiten und Handlungsreichweiten für die Ausübung einer selbständigen Tätigkeit.“ (S. 30)

Im einführenden Kapitel unterstreicht Felicitas Hillmann, dass das Thema migrantische Ökonomie unbedingt in die allübergreifenden Prekarisierungstendenzen auf dem Arbeitsmarkt eingebettet verstanden werden muss. Da MigrantInnen jedoch in der Stadtgesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt eine „besondere Position“ einnähmen, könne man daraus Aussagen über die gesamte Bevölkerung betreffende Trends treffen, denn, so die Herausgeberin, „durch ihre Verschiedenheit […] erhellen sie den Blick auf eben jenen ‚mainstream‘“ (S.9). Dabei bilden selbständige MigrantInnen mittlerweile, so Hillmann, in bestimmten Städten Deutschlands bereits selbst den „mainstream“: in Frankfurt am Main sind heute mehr Zugwanderte als Einheimische Inhaber von Betrieben, in anderen Großstädten liegen die Gewerbeanmeldung von ausländischen StaatsbürgerInnen bei mindestens 30 Prozent (S. 10). Wenn es nun um die wissenschaftliche Beobachtung in und über migrantische Ökonomien geht, so ist der Anspruch der AutorInnen, dass die jeweiligen Ausformungen und Eigenheiten der Selbständigkeit von MigrantInnen mit der spezifischen Einwanderungsgeschichte und den strukturellen Rahmenbedingungen vor Ort gekoppelt gesehen werden muss.

Das Theorem der „Marginalität“, das vor allem in der geographiewissenschaftlichen Beschäftigung mit Megacities in Lateinamerika eingeführt ist und unter dessen Horizont die empirischen Studien stehen, vermöge das stadtentwicklerische Potenzial hin zu einer neuen, von Kosmpolitismus getragenen Urbanität (S. 16) deutlich zu machen: „Der Hinweis auf die marginale Urbanität betont die besondere Bedeutung migrantischer Ökonomien für die europäischen Städte. Ohne eine Einbettung in den städtischen Kontext können migrantische Ökonomien nicht funktionieren und sie bieten diesem städtischen Kontext zugleich etwas an, das zu deren innerster Eigenschaft beiträgt: zu deren Urbanität. Die Be- und Verarbeitung des Fremden in der Stadt, der Umgang mit ‚Differenz‘, ist ein Kernelement des Städtischen […]“ (S. 10), und weiterhin „sind [migrantische Ökonomien] jedoch selbst auch als Akteure städtischen Handelns zu verstehen. Die migrantischen UnternehmerInnen stellen gewohnte Abläufe in Frage, sie entwerfen neue Strategien, um eine gewisse Passfähigkeit zwischen ihren Anforderungen und Bedürfnissen und denen der Stadt herzustellen“ (S. 16).

Ausgespart wird jedoch mit dieser auf „Entwicklung“ von Urbanität „vor Ort“ fokussierten Perspektive, die zugleich den Anspruch verfolgt, „mainstreaming“-Prozessen von Seiten migrantischer ökonomischer AkteurInnen nachzugehen (S. 16), dass selbständige MigrantInnen nicht nur „in“ der Stadt wirken, sondern gerade durch ihre transnationalen Verbindungen, die sich oftmals dezidiert gar nicht auf den Herkunftskontext beziehen (vgl. Antonie Schmiz in ihrem Beitrag), selbst zu gravierenden AkteurInnen von Globalisierungsprozessen ihrer Stadt der Residenz, der Herkunft oder eines dritten Ortes werden; diese Phänomene ließen sich gut mit dem migrations- und stadttheoretischen Ansatz von city-(re-)scaling[2] herausarbeiten (vgl. auch Beitrag von Inken Carstensen-Egwuom in diesem Band).

Gegliedert ist der Band in zwei Teile: Im ersten geben drei Aufsätze einen „Einblick in die theoretische Reflektion“: Felicitas Hillmann und Elena Sommer machen in ihrem Aufsatz „Döner und Bulette revisited oder: was man über migrantische Ökonomien genau wissen kann“ zunächst umfangreiches statistisches Material auf Basis von Gewerbean- und -abmeldungen sortiert nach Nationalitäten und Tätigkeiten in Branchen zugänglich, um von hier aus die These von der Diversität und zunehmenden Diversifizierung migrantischer Selbständigkeiten zu entwickeln. Robert Kloosterman und Jan Raths Ausführungen kreisen um migrantische UnternehmerInnen als Avantgarde auf dem postindustriellen Arbeitsmarkt, ausgehend von der erfrischenden, sich von der Norm der (Arbeitsmarkt-)Integration distanzierende These, dass „[s]elbständige Erwerbstätigkeit für MigrantInnen […] nicht länger nur eine Lösung zweiter Wahl dar[stellt], […], sondern […] in zunehmenden Maße als eine attraktive Option gesehen [wird]“ (S. 87). Erol Yildiz, bekannt für seine Forschungen zu „Stadt“ als Normalisierungsprozess von Migration, skizziert am Beispiel der Entwicklungen des ehemaligen Kölner Arbeiterquartiers rund um die „Keupstraße“, dass die „Kultur der Selbständigkeit“ türkischstämmiger AkteurInnen ein in mehrerlei Hinsicht attraktives Viertel hat entstehen lassen und dennoch gegen stigmatisierende Zuschreibungen zu kämpfen hat.

Im zweiten Teil geben Beispiele aus einzelnen empirischen Studien einen Überblick über Gründungsmotive, Geschäftsbiografien und weitere betriebliche Verläufe, eingebettet in die Wechselwirkung von persönlichen und historisch-politischen Umständen der Migration: Elena Sommer geht den „unauffälligen“ russischsprachigen Selbständigen im Raum Düsseldorf nach, eine Gruppe, die in der Regel mit privilegiertem Rechts-Status ausgestattet ist und auf dem Feld der Selbständigkeit erst langsam in Schwung kommt. Antonie Schmiz berichtet aus ihrer abgeschlossenen Forschung über transnationale, von Flexibilität geprägte Handlungsstrategien vietnamesischer GroßhändlerInnen in Berlin. In einem Artikel grundsätzlicher Art erläutern Felicitas Hillmann und Sandra Bröring die Arbeitsmarktintegration von MigrantInnen aus sogenannten Entwicklungsländern, die hochqualifiziert, internationalisiert, individualisiert und doch als am Rande stehend zu bezeichnen sind. Jana Taube und Alejandra Borja setzen sich mit den InhaberInnen, der Funktion und (herkunfts-heterogenen) Kundenkreisen von Afro-Shops in Berlin auseinander. Imken Carstensen-Egwuom abschließender theoretisch und empirisch höchst produktiver Beitrag kreist um das Spannungsverhältnis von Migration und Unternehmertum in der Stadt Chemnitz, die offensichtlich wenig Erfahrung mit Migration hat und den wenigen MigrantInnen vor Ort nur eine Inkorporation über den Pfad des „lokalen öffentlichen Ausländers“ anbietet. Die Autorin bindet ihr empirisches Beispiel eines Professionsmusikers aus Ghana konsequent in den city-scale-Ansatz ein.

Insgesamt geben die sorgfältig zusammenstellten Beiträge einen sehr guten Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zur Thematik „Migration und Ökonomie“ aus sozialwissenschaftlichen Perspektiven. Der Band rückt darüber hinaus die Rolle vor allem von UnternehmerInnen aus Nicht-EU-Staaten für die Migrantisierung der städtischen Ökonomie im Zusammenhang mit Stadtentwicklung in den Blickpunkt. Dennoch bleibt die Frage rund um „Normalisierung“ von Migration im Kontext von Ökonomie und letztlich Gesellschaft nicht befriedigend beantwortet bzw. lassen sich Gedanken von da aus weiter spinnen: Wie lassen sich bei dieser Thematik MigrantInnen von den Rändern ins Zentrum holen, ohne den hegemonialen Diskurs von Einwanderung und Ökonomie weiter zu bedienen? Welche alternativen Begrifflichkeiten und Kategorien könnten wie produktiv gemacht werden jenseits der üblichen von (nationalem) „Normalunternehmertum“ ausgrenzenden Termini wie „Netzwerk“, „Informalität“, „Sozialkapital“, „Prekarität“, „Familie“? Dies ist umso virulenter, als dass zwar oft auf quantitative und qualitative Gemeinsamkeiten mit der Unternehmensführung oder „-kultur“ von Einheimischen FirmeninhaberInnen hingewiesen wird (etwa Taube/Borja; Hillmann/Sommer), es aber dennoch bei Lippenbekenntnissen bleibt: migrantisches Unternehmertum muss mit den vielfältigen Erkenntnissen speziell aus der Familienunternehmensforschung zusammengebracht werden respektive ist für dieses (ebenso) in Normen und nationalen Methodologismen verhaftete Forschungsthema eine „Migrantisierung“ längst überfällig.

Anmerkungen:
[1] Vgl. vor allem die Kritik der Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Timm, Kritik der „ethnischen Ökonomie“, in: Prokla – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 30. Jg., Vol. 120, Nr. 3, 2000, S. 363-376.
[2] Vgl. hierzu Nina Glick-Schiller / Ayse Caglar (Hrsg.), Locating Migration. Rescaling cities and migrants, Ithaca 2011.

Zitation
Barbara Lemberger: Rezension zu: Hillmann, Felicitas (Hrsg.): Marginale Urbanität. Migrantisches Unternehmertum und Stadtentwicklung. Bielefeld  2011 , in: H-Soz-Kult, 22.02.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17739>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.02.2012
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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