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Titel
Der vertraute Feind. Pressekritik in der Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts


Autor(en)
Göbel, Christian
Erschienen
Würzburg 2011: Königshausen & Neumann
Umfang
330 S.
Preis
€ 39,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Birkner, Institut für Kommunikationswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Wer sich über heutige Medienkritik mokiert, dem sei Arthur Schopenhauer ans Herz gelegt: „Eine große Menge schlechter Schriftsteller lebt allein von der Narrheit des Publikums, nichts lesen zu wollen, als was heute gedruckt ist – die Journalisten. Treffend benannt! Verdeutscht würde es heißen ‚Tagelöhner’.“ (S. 212) Hier fällt vieles zusammen – ein bisschen Publikumsbeschimpfung, deutliche Journalismuskritik und der Gegensatz von Schriftstellerei und dem medialen Tagesgeschäft. Und dies ist noch nicht einmal die schärfste Kritik, die Christian Göbel in seiner lesenswerten Studie zur Pressekritik in der Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zusammenträgt.

Göbel untersucht die Wechselwirkungen, Spannungen und Interdependenzen zwischen Literatur und dem als Profession entstehenden Journalismus in jener Zeit, da das „Jahrhundert des Journalismus“ seinen Anfang nimmt. Ihn interessieren dabei die Kritik an der konstruierten Medienrealität und der Gegensatz von Fakt und Fiktion, unter anderem mit Rückgriff auf Niklas Luhmanns systemtheoretische und konstruktivistische Schrift „Die Realität der Massenmedien".[1] Der „massenhaft (am Fließband)“ produzierte Feuilletonroman gilt ihm dabei als „Inbegriff der Kulturindustrie“ (S. 72f.), mit der Folge, dass der „Feuilletonstrich“ keineswegs deutlich die Grenze zwischen Nachrichtenberichterstattung und fiktionalem Unterhaltungsroman markiere (S. 73f.). Und gerade vor dem Hintergrund dieses „Zusammenspiels von Literatur und Presse“ lasse sich „das Auseinanderdriften der Systeme beobachten“, was wiederum „entscheidend zur kritischen Haltung der Literatur gegenüber der Massenpresse“ (S. 77) beitrage.

Göbel unterscheidet zwei Paradigmen der Pressekritik. Für das frühe 20. Jahrhundert beobachtet er den Trend der Collagetechnik, also dass die „Problematisierung der Berichterstattung mithilfe der formalen Integration von Zeitungsausschnitten“ geschieht (S. 13). Zunächst aber analysiert er die Pressekritik im 19. Jahrhundert in Romanen von Balzac, Maupassant, Thackeray, Trollope, Strindberg und Heinrich Mann. Es ist beeindruckend, mit welcher Akribie und Fachkenntnis Göbel die entsprechenden Romane seziert, in die Forschungsliteratur einordnet und ihre Pressekritik systematisiert. Dabei wird auch der Antisemitismus in der Pressekritik, insbesondere bei Maupassant und Mann, kurz thematisiert (S. 157f.). Spätestens hier wäre eine stärkere kritische Reflexion darüber, inwiefern die zeitgenössische Kritik am modernen Journalismus nicht vielleicht fehlgeleitet war, angebracht. Denn auch wenn Göbel zum Ende hin schreibt, dies sei nicht Ziel seiner Arbeit gewesen (S. 310), lässt sich doch seine Schlussfolgerung, dass „einzig Absatzstrategien die Zeitungsproduktion“ (S. 311) bestimmten, so nicht halten. Er weist aber zu Recht darauf hin, dass „die Schriftsteller in den untersuchten Romanen in dem Maße, in dem sie die Presse in ein schlechtes Licht rücken, auch sich selbst kritisieren, insofern sie selbst Teil des Systems sind“ (S. 172).

Im zweiten Teil widmet sich Göbel dann vor allem der Collagetechnik in der Pressekritik im frühen 20. Jahrhundert und ordnet diese Technik auch kunsthistorisch als „paradigmatisches Verfahren der Avantgarde“ (S. 177) ein. Die modern gesetzte und layoutete Zeitungsseite ist ein Konstrukt und „aufgrund dieses Montagecharakters erweist sich die Zeitung als prädestiniert, um als Klebematerial in Collagen und Montagen in Kunst und Literatur eingesetzt zu werden, indem Exzerpte aus Zeitungen ausgeschnitten werden“ (S. 203). In den Mittelpunkt der Studie rückt nun die Kritik an der Rolle der Presse im Ersten Weltkrieg. Hier hätten bei der Einordnung die Erkenntnisse die Studien von Dominik Geppert zu den deutsch-britischen Pressekriegen 1896-1912 und von Martin Schramm zum Deutschlandbild in der britischen Presse 1912-1919 berücksichtigt werden können.[2]

Göbel macht in seinem Überblick deutlich, wie verheerend sich Pressezensur und -propaganda auswirkten: „Nachdem die Presse über vier Jahre lang ununterbrochen von militärischen Erfolgen des deutschen Heeres berichtete, endet der Krieg nun mit einer allumfassenden Niederlage.“ (S. 238) Führte dies einerseits zum Erfolg der sogenannten „Dolchstoßlegende“, so brachte es doch andererseits auch eine ebenso beißende wie kunstvolle Pressekritik hervor. Hier stehen insbesondere das Kriegstagebuch des rasenden Reporters Egon Erwin Kisch „Schreib das auf, Kisch!“ und das Antikriegsdrama „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus im Vordergrund. Kisch hatte in sein Tagebuch vielfach Zeitungsartikels integriert und so die mediale Darstellung des Krieges mit seinen eigenen Wahrnehmungen kontrastiert: „Am 16. Dezember notiert Kisch das Eintreffen alter Zeitungen, die auf den Monatsanfang datieren und die den feierlichen Einzug der österreichischen Truppen in Belgrad verkünden. Kisch kommentiert dies sarkastisch: ‚Wer hat daran gezweifelt! Der Rückzug war etwas weniger feierlich‘.“ (S. 248)

Noch stärker ausgeprägt ist die Collagetechnik bei Karl Kraus, der bereits vor dem Krieg mit seiner Zeitschrift „Die Fackel“ angetreten war, die Zeitungsrealität zu dekonstruieren und ihre Phrasen zu entlarven. In „Die letzten Tage der Menschheit“ werden nun „die auf der formalen Ebene einmontierten authentischen Zeitungsartikel im inneren Kommunikationssystem des Dramas diskutiert“ (S. 262). So gelingt Kraus eine sehr intensive Kritik an der Rolle der Presse im Verlauf des Krieges, an den Berichterstattern, der Realitätsverzerrung und der Propaganda. „Kraus sieht die Presse als hauptverantwortlich dafür an, dass sich mithilfe eines Denkens und Sprechens in Phrasen Sprache und Wirklichkeit voneinander entfremdet haben.“ (S. 277)

Eindrucksvoll hat Göbel hier die Entwicklung der kritischen Auseinandersetzung mit der aufkommenden Massenpresse in der Literatur hin zur dokumentarisch-pressekritischen Collagetechnik von Kisch und Kraus und ihre Weiterentwicklung als poetisch-spielerische Collage im Dadaismus dargestellt. Er sieht die Collagetechnik als letzten Schritt „zur Herausbildung einer modernen Literatur als Konsequenz aus der Krise der ästhetischen Vermittlung der technisierten Moderne“ (S. 305) an. So hatte die literarische Pressekritik zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr Gehalt als jenes – oft zitierte – Goethe-Wort: „Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.“ (S. 49) Man muss ja auch nicht immer auf Goethe hören.

Anmerkungen:
[1]Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden 1996.
[2] Dominik Geppert, Pressekriege. Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen 1896-1912, München 2007; vgl. die Rezension von Thomas Birkner, in: H-Soz-u-Kult, 17.12.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-220> (08.03.2012); Martin Schramm, Das Deutschlandbild in der britischen Presse 1912-1919, Berlin 2007; vgl. die Rezension von Florian Keisinger, in: H-Soz-u-Kult, 18.01.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=9750> (08.03.2012).

Zitation
Thomas Birkner: Rezension zu: : Der vertraute Feind. Pressekritik in der Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Würzburg  2011 , in: H-Soz-Kult, 16.03.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17774>.
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16.03.2012
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