A. Menninger: Historienfilme als Geschichtsvermittler

Cover
Titel
Historienfilme als Geschichtsvermittler. Kolumbus und Amerika im populären Spielfilm


Autor(en)
Menninger, Annerose
Erschienen
Stuttgart 2010: Kohlhammer Verlag
Umfang
334 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andrea Brockmann, Kreiskunstverein Beckum Warendorf

Innerhalb des Spielfilmgenres hat sich schon früh der sogenannte Historienfilm etabliert, dessen Spektrum von Passionsspiel und Heiligenvita über Monumental- und Sandalenfilm, Mantel- und Degenfilm bis hin zu Kriegsfilmen und Biografien historisch bedeutender Persönlichkeiten reicht.[1] Als Vergegenwärtigung von Vergangenheit in Kulissen stellen Historienfilme Geschichte in fiktiven, aber nicht selten eindrucksvollen Bildern nach. In ihrer mehrfach kodierten Materialität aus Bildern, Tönen und Texten entwerfen sie historische Szenerien, arbeiten mit Realitätseffekten und detailgetreuen Requisiten, um kollektiv bedeutende Vergangenheit zu zitieren und dabei möglichst authentisch zu wirken. Oftmals gerinnt der geschichtliche Kontext dabei zur Staffage, tritt die Filmhandlung mit ihrem dramaturgischen Spannungsbogen in den Vordergrund. Doch trotz der dem Genre zugeschriebenen emotionalen, personenzentrierten und kommerziellen Tendenzen kann die filmische Erzählung im Mantel der Geschichte durchaus dazu beitragen, Welt erfahrbar zu machen und für historische Hintergründe zu sensibilisieren.

Annerose Menninger will nun mit ihrem Buch „Historienfilme als Geschichtsvermittler“ mit „neuen Fragestellungen und einem innovativen Methodenkonzept“ (S. 6) eine Modellstudie zur Analyse des Spielfilms im Allgemeinen und des Historienfilms im Besonderen liefern und mit ihrem „brisanten Untersuchungsgegenstand“ (S. 19) dazu beitragen, „die Geschichtswissenschaft im transdisziplinären Medien- und Filmdiskurs konkreter und profilierter zu positionieren“ (S.14). Sie setzt ihr ambitiöses Vorhaben am Beispiel zweier Kolumbus-Verfilmungen um: Menninger vergleicht die beiden Kinoproduktionen „Christopher Columbus“ (1949) und „1492: Conquest of Paradise“ (1992) und macht mithin auch die Kolumbus-Forschung und den Mythos Kolumbus zum Thema.

In der Einleitung formuliert sie offene Untersuchungsfelder, zu denen die Geschichtswissenschaft noch nicht vorgedrungen sei, und benennt explizit drei Lücken, die sie mit ihrem Buch schließen möchte. Erstens: Es fehlen systematische Einzelanalysen, die durch komparatistische Ergebnisse zu generellen Befunden führen. Zweitens: Das Verhältnis zwischen filmischer Authentizität und historischer Faktizität, das heißt die Frage nach den Filmvorlagen, muss erörtert werden, um historische Medienkompetenz zu schaffen. Drittens: Es fehlen Analysen über die mediale Inszenierung überseeischer Kulturen. Diesem Desiderat setzt Annerose Menninger ihre Filmanalyse entgegen, die am „Raster der historischen Quellenkritik“ (S. 26) ausgerichtet ist.

Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert. Grundlage ihrer „Modellstudie“ bildet eine ausführliche Darstellung der Quellen und Vorlagen, die dem Vergleich mit den Filminhalten dient. Das erste Kapitel beinhaltet zum einen eine biografische Skizze zu Christoph Kolumbus, die sein Bild und Urteil im Spiegel zeitgenössischer Quellen sowie der Öffentlichkeit und Forschung des 20. Jahrhunderts einschließt. Zum anderen werden indigene Kulturen ebenfalls im Kontext zeitgenössischer Quellen sowie die Öffentlichkeit und Forschung zum Zeitpunkt der Entstehung der Filme vorgestellt. Im zweiten und dritten Kapitel erfolgen auf der Basis dieser Ergebnisse die Filmanalysen von „Christopher Columbus“ und „1492: Conquest of Paradise“. Diese beiden Kapitel sind identisch aufgebaut. Am Beginn werden jeweils die Filmografien erarbeitet, die über Filmteams und die Entstehungsgeschichte der Filme Aufschluss geben. Danach folgen eine Zusammenfassung der Filminhalte und jeweils der Vergleich mit der Kolumbus-Biografie. Drittens rekonstruiert Menninger, auf welchen Bild- und Textquellen die Filme basieren. Die Analyse der Personen, des Protagonisten sowie seiner Antagonisten bildet den folgenden Schritt. Fünftens wird das Indiobild beleuchtet. In beiden Filmen werden Taino gezeigt, im jüngeren auch Kariben thematisiert. Untersucht wird, welche Funktion Indiokulturen in den Filmen einnehmen, wie genau Indigene gezeichnet sind und auf welche Vorlagen ihre Kulturmerkmale rekurrieren. Zum Abschluss der Analysekapitel versucht die Autorin, die zentralen Botschaften des jeweiligen Films herauszufiltern.

Das Ergebnis und Fazit beider Filmanalysen wird im Kapitel „Bilanz und Ausblick“ zusammengefasst und fällt dabei in der Zusammenschau recht knapp aus. In der Beurteilung beider Filme ergibt sich eine auffällige Parallele: „Die Filmschaffenden müssen sich intensiv mit ihrer Thematik auseinander gesetzt haben und vertraut gewesen sein mit dem zeitgenössischen Forschungsgeschehen, der Reputation von Kolumbus in der Öffentlichkeit und den einschlägigen Quellen.“ (S. 286) Annerose Menninger zeigt sich selbst „überrascht“ von diesem Befund, doch ihre Anerkennung für die Filmemacher geht noch weiter, zeugt doch „die rekonstruierte Quellennutzung von einer beeindruckenden Quellenkenntnis, auf deren Basis systematisch Rezeptionen und Konstruktionen gelangen – für Ereignisse, handelnde Akteure und die mediale Repräsentationen überseeischer Kulturen“ (S. 286). Hier deutet sich an, dass Annerose Menninger nicht über interne Kenntnisse des filmischen Produktionsalltages verfügt. In Spielfilmredaktionen deutscher Fernsehsender oder in national und international aufgestellten Produktionsfirmen gibt es historische Rechercheure, deren Aufgabe es ist, vor Produktionsbeginn möglichst lückenlose Exposés über die Quellenlage, über zentrale Thesen der Fachliteratur, über Forschungslücken und strittige Punkte in der Rezeptionsgeschichte zu erstellen.

Die Analyse von Annerose Menninger konzentriert sich auf die ausführliche Darstellung der historischen Fakten und Quellen zur Kolumbus-Thematik, die ihr für den engen Vergleich der beiden Beispielfilme dienen. Ihr Bemühen, die Filmanalysen auf der Grundlage von Filmprotokollen nah an den benutzten Quellen entlang zu erarbeiten, ist löblich, jedoch stellt sich die Frage nach dem Erkenntnisgewinn. Die Einsicht, dass Historienfilme mehr als bloße Unterhaltungsmedien sind und sich auf Quellenstudien verpflichten, fällt angesichts des ambitionierten Vorhabens, eine Modellstudie zur interdisziplinären, medienkompetenten Filmanalyse zu liefern, zu dünn aus.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Beschäftigung mit theoretischen und ästhetischen Problemen ausgeblendet bleibt. Geschichte erhält im Film eine spezielle Darstellungsdimension, die auch vor Manipulationen und Verzerrungen nicht gefeit ist. Nötig ist deshalb eine exakte interpretative Einordnung der Filmwerke, die als historische Kontextanalyse auch Probleme des Montagecharakters und der tendenziell gegen unendlich laufenden Informationsvielfalt von Filmen, sowohl visuell als auch narrativ, zu berücksichtigen hat. Gefragt sind daher Ansätze, die die institutionellen Rahmenbedingungen ebenso integrieren wie die ästhetische Gestaltung, subjektive Rezeptionskriterien und soziokulturelle Kontexte.[2] Hinsichtlich der Behandlung von Filmen als mentalitätsgeschichtlicher Quelle, auch mit Blick auf die Praxis des Geschichtsunterrichts, scheint daher beispielsweise die Dissertation von Richard Rongstock nutz- und Erkenntnis bringender als Annerose Menningers „Modellstudie“.[3]

Anmerkungen:
[1] Rainer C. M. Wagner, Geschichtsdarstellungen in Film und Fernsehen zwischen Dokumentation und Dramatisierung, in: Peter Zimmermann / Gebhard Moldenhauer (Hrsg.), Der geteilte Himmel. Arbeit, Alltag und Geschichte im ost- und westdeutschen Film, Konstanz 2000, S. 19-42, hier S. 20.
[2] Beispiele für gelungene historische Filmanalysen: Detlef Kannapin, Dialektik der Bilder. Der Nationalsozialismus im deutschen Film. Ein Ost-West-Vergleich, Berlin 2005; vgl. die Rezension von Katrin Hammerstein, in: H-Soz-u-Kult, 15.12.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-4-203> (12.06.2012); Matthias Steinle, Vom Feindbild zum Fremdbild. Die gegenseitige Darstellung von BRD und DDR im Dokumentarfilm, Konstanz 2003; vgl. die Rezension von Stefan Zahlmann, in: H-Soz-u-Kult, 02.04.2004, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-2-004> (12.06.2012).
[3] Richard Rongstock, Film als mentalitätsgeschichtliche Quelle. Eine Betrachtung aus geschichtsdidaktischer Perspektive, Berlin 2011.

Zitation
Andrea Brockmann: Rezension zu: : Historienfilme als Geschichtsvermittler. Kolumbus und Amerika im populären Spielfilm. Stuttgart  2010 , in: H-Soz-Kult, 19.06.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17983>.
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19.06.2012
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