D. Heller: Zwischen Unternehmertum, Politik und Überleben

Cover
Titel
Zwischen Unternehmertum, Politik und Überleben. Emil G. Bührle und die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon, Bührle & Co. 1924- 1945


Autor(en)
Heller, Daniel
Erschienen
Frauenfeld 2002: Huber Verlag
Umfang
373 S.
Preis
€ 31,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Patrick Kupper, Institut für Geschichte, ETH Zürich

Die in Zürich beheimatete Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (WO) war im Zweiten Weltkrieg die führende schweizerische Exporteurin von Kriegsmaterial an die Länder der Achse – Deutschland, Italien und Rumänien - mit einem Marktanteil von rund zwei Dritteln an der gesamten Kriegsmaterialausfuhr aus der Schweiz in diese Länder. Die entsprechenden Geschäfte der Firma erreichten in den Jahren 1940 bis 1944 einen Gesamtumfang von über einer halben Mrd. Schweizer Franken, wobei das Deutschlandgeschäft mit gut 400 Mio. Franken zu Buche schlug. Geliefert wurde aus Oerlikon praktisch nur ein Waffenprodukt, eine 20-mm-Kanone (inklusive Munition und Ersatzteile), die vor allem in der Fliegerabwehr eingesetzt wurde. Der Aufstieg der WO zur international tätigen Rüstungsproduzentin in der Zwischenkriegszeit war eng mit der Geschichte Deutschlands verknüpft. Die vormalige Schweizerische Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon war 1923 von der Magdeburger Werkzeugmaschinenfabrik übernommen worden. Zur Durchsetzung ihrer Interessen entsandte sie Emil G. Bührle nach Zürich, der darauf 1924 die Geschäftsführung übernahm. In den folgenden Jahren löste Bührle das Unternehmen nach und nach aus den deutschen Abhängigkeiten. 1936 wurde er Alleinbesitzer, 1937 Schweizer Bürger. Das spätere Erfolgsprodukt der Firma, die 20-mm-Kanone, beruhte auf einem Patent der deutschen Stahlwerk Becker AG in Willich, das 1924 von der WO erworben wurde.

Daniel Heller zeichnet in seinem in Auftragsarbeit entstandenen Buch die Geschichte der WO von 1924 bis 1945 nach, faktenreich und übersichtlich. Wenn auch die Interpretationen nicht immer überzeugend ausfallen - so lässt etwa das Sammelsurium „Kommentare und Wertungen“ im Schlusskapitel den Leser ratlos zurück. Wäre dieses Buch vor wenigen Jahren sicherlich und zu Recht auf großes Interesse in Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit gestoßen, so hat sich in der Zwischenzeit allerdings Entscheidendes getan, was den Wert von Hellers Publikation stark einschränkt.

In den letzten Jahren hat die Forschung zur Geschichte der Schweiz der Jahre vor und während des Zweiten Weltkrieges einen Quantensprung vollzogen. Insbesondere die Beziehungen des Landes zum nationalsozialistischen Deutschland wurden systematisch untersucht. Am Anfang dieser in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre einsetzenden intensiven Beschäftigung standen hauptsächlich in den USA erhobene Vorwürfe zum Verhalten der Schweiz während und nach der Herrschaft des Nationalsozialismus. Auf die massive internationale Kritik, die sich zunächst auf die Thematiken Raubgold und nachrichtenlose Vermögen konzentrierte, später dann auf weitere Themenfelder ausdehnte, reagierten Parlament und Regierung der Schweiz unter anderem mit der Einsetzung einer international zusammengesetzten Expertenkommission, die 1997 ihre Arbeit aufnahm. Fünf Jahre später, 2001 und 2002, präsentierte die „Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg“ (UEK) die Resultate ihrer Arbeit in 25 thematisch gegliederten Einzelbänden und in einem alle Ergebnisse zusammenfassenden und einordnenden Schlussbericht. [1] Zur Erfüllung ihres Auftrages wurde die UEK mit einem Zugangsprivileg zu sämtlichen relevanten öffentlichen und privaten Aktenbeständen ausgestattet. Dies erlaubte ihren MitarbeiterInnen, bislang für unabhängige Forschung weitgehend verschlossene Archivbestände von Banken, Versicherungen, Industrieunternehmen und anderen gründlich zu bearbeiten.

Die öffentliche Debatte um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, aber auch die Auftragserteilung an die UEK lösten eine Reihe weiterer Anstrengungen aus. Nicht zuletzt wurden viele der Unternehmen, die in der Kritik standen, selbst aktiv und schickten eigene Forscherteams in die Archive. Die Geschäftsleitungen wollten sich über die Vergangenheit ihrer Unternehmen vorsorglich ins Bild setzen, um erhobenen und befürchteten Anschuldigungen schnell und kompetent entgegentreten zu können. Einzelne Firmen ermöglichten zu einem späteren Zeitpunkt die Publikation der Ergebnisse dieser Nachforschungen in Buchform. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang insbesondere die Studien von Joseph Jung zur Credit Suisse Groupe und von Hans Ulrich Wipf zur Georg Fischer AG. [2]

Das Buch von Heller zur WO verdankte sein Entstehen einem analogen Verfahren. Die Geschäftsleitungen der Oerlikon Bührle Holding (heute Unaxis) und der Oerlikon Contraves AG beauftragten 1997 Daniel Heller, Vizedirektor der Farner PR Agentur und promovierter Historiker, die Kriegsmateriallieferungen der WO ans Ausland während des Zweiten Weltkrieges zu untersuchen. Der im folgenden Jahr abgelieferte Bericht wurde, abgesehen von einer in der Neuen Zürcher Zeitung erschienenen Kurzfassung [3], nicht publiziert. In einem zweiten, drei Jahre darauf erteilten Auftrag wurde das Manuskript im Hinblick auf eine Publikation überarbeitet und erweitert. [4]

Die Oerlikon-Gruppe hatte eine besonders gespanntes Verhältnis zur UEK. Die Nachfolgefirmen der WO fochten nicht nur die üblichen Meinungsdifferenzen aus, welche Firmendokumente für die Auftragserfüllung der UEK relevant und damit offen zu legen seien, sondern lehnten sich auch offen dagegen auf, dass die UEK den Berner Historiker Peter Hug mit dem Forschungsauftrag zu Rüstungsindustrie und Kriegsmaterialhandel betraute. Hug, der sich seit Jahren nicht nur historisch mit dem schweizerischen Rüstungswesen auseinandersetzt, sondern sich auch politisch gegen die Waffenausfuhr engagiert, wurde von den Firmen kurzerhand zur persona non grata erklärt. Die Ächtung der Person Hug findet nun im Buch Heller eine unrühmliche Fortsetzung. Den Namen Peter Hug sucht man im Text vergebens. Es wird konsequent von der „UEK-Studie zum Rüstungsgeschäft“ gesprochen. Dieses Verhalten verletzt nicht nur elementare Regeln des wissenschaftlichen Zitierens, sondern lässt auch Hellers Angabe, dass weder die Akteneinsicht noch die Niederschrift Restriktionen seitens der Auftraggeberin unterlegen gewesen seien, in einem anderen Licht erscheinen.

Die firmenpolitische Schlagseite des Buches wird zudem durch das Datum der Veröffentlichung evident. Die Arbeiten am Buch wurden Anfang 2002 abgeschlossen, wenige Wochen bevor die UEK die dritte und letzte Tranche ihrer Einzelstudien, darunter die knapp tausend Seiten starke Arbeit von Peter Hug [5] sowie ihren Schlussbericht veröffentlichten. Offensichtlich wurde die zeitgleiche Publikation mit den letzten Bänden der UEK einer fundierten inhaltlichen Auseinandersetzung mit deren Resultaten vorgezogen. Eine solche findet bei Heller folglich nur in Ansätzen statt, wobei die betreffenden Anmerkungen zumeist auf eine Ausgabe der Berner Zeitung referieren, in der im Zuge einer Indiskretion Passagen aus dem Manuskript des UEK-Schlussberichtes vorgängig publik gemacht wurden. [6] In welchem Umfang die Arbeit Hugs dem Team um Heller vorlag, geht aus dem Buch nicht eindeutig hervor. Hugs Studie wird im Literaturverzeichnis mit dem Kommentar „lag bei Redaktionsschluss dieser Arbeit nicht gedruckt vor“ aufgeführt. Wenige Fussnoten verweisen auf einen „unveröffentlichten Vorabdruck“ der Studie.

Diese bruchstückhafte Berücksichtigung der Darstellungen der UEK führt teilweise zu grotesken Ergebnissen. So wird die Aussage Hugs, die auch im UEK-Schlussbericht Aufnahme fand, Schweizer Unternehmen hätten durch die aktive Förderung der verdeckten deutschen Rüstung in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren wesentlich zur raschen Erreichung der Kriegsfähigkeit Nazi-Deutschlands beigetragen, mit dem Argument bestritten, die Schweiz habe in den betreffenden Jahren nicht zu den wichtigen Waffenexportländern gehört. Dieses Argument zielt aber an der Begründung Hugs vorbei: Der Beitrag der Schweizer Unternehmen bestand in dieser Zeit, laut Hug, nicht in der Lieferung von Waffen, sondern in der Weiterentwicklung deutscher Rüstungstechnik und dem Rücktransfer des gewonnen Know-hows nach Deutschland. Diese Vorgänge, an denen die WO maßgeblich beteiligt war, kann Hug mit Dokumenten aus dem deutschen Bundesarchiv-Militärarchiv belegen. Heller und seinem Team waren diese Quellen offenbar nicht bekannt.

Angesichts eines derartigen vorbeugenden Erstschlages - der militärische Jargon scheint mir hier berechtigt - entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die Einschätzungen Hellers in zentralen Bereichen weitgehend mit den Befunden Hugs und der UEK übereinstimmen. Erstens war der Beitrag der WO wie der übrigen schweizerischen Rüstungsexportunternehmen zur Kriegsrüstung der Achse in Anbetracht der Kapazitäten insbesondere der deutschen Industrie quantitativ und qualitativ unbedeutend. Zweitens standen die Lieferungen von Kriegsmaterial ans nördliche Nachbarland weitestgehend im Einklang mit der Wirtschaftspolitik der schweizerischen Regierung gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland. Drittens verletzten diese Waffenexporte das Haager Abkommen von 1907, das die Pflichten neutraler Staaten kodifizierte, mehrfach. Verschiedene Waffenlieferungen fanden auf Veranlassung öffentlicher Schweizer Stellen statt, Schweizer Staatsbetriebe lieferten Bestandteile zum von privaten Unternehmen exportierten Kriegsmaterial, Deutschland und Italien wurden zum Bezug von Schweizer Waffen Kredite (Clearing) gewährt. [7]

Durch die politisch bestimmte Publikationsstrategie wurde die Chance vertan, einen substantiellen Beitrag zur Forschung zu leisten. Hellers Buch wurde augenscheinlich als Anti-UEK-Bericht konzipiert. Allerdings kann es der UEK-Studie Peter Hugs das Wasser nicht reichen. Den wissenschaftlichen Referenzrahmen für die zukünftige Forschung bildet denn auch eindeutig die Arbeit von Hug. Der wissenschaftliche Mehrwert von Hellers Buch ist gering. Zum einen kann es als ergänzende Literatur dienen – es enthält zum Beispiel einige interessante Ausführungen zu den Geschäftspraktiken der WO im Waffenhandel – zum anderen als Zusammenstellung von Fakten, an der sich die entsprechenden Angaben bei Hug zur WO abgleichen lassen.

Anmerkungen:
[1] Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg: Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg, Schlussbericht, Zürich 2002. Sämtliche Einzelstudien sind 2001 und 2002 im Chronos-Verlag Zürich erschienen. Für die UEK wird häufig auch die Bezeichnung Bergier-Kommission (nach ihrem Präsidenten Jean-François Bergier) verwendet.
[2] Jung, Joseph, Zwischen Bundeshaus und Paradeplatz: Die Banken der Credit Suisse Group im Zweiten Weltkrieg, Studien und Materialien, Zürich 2001; Ulrich Wipf, Hans, Georg Fischer AG 1930-1945. Ein Schweizer Industrieunternehmen im Spannungsfeld Europas, Zürich 2001.
[3] NZZ, Nr. 224, 27.9.1999.
[4] Bei beiden Aufträgen wurde Heller von eigens gebildeten Forscherteams unterstützt. Dem ersten Team (1997/98) gehörten Andreas Richner und Michael Schaub an, dem zweiten Team (2001/02) Philippe Jung, Stina Schwarzenbach, Ivan Jaeggi.
[5] Hug, Peter, Schweizer Rüstungsindustrie und Kriegsmaterialhandel zur Zeit des Nationalsozialismus. Unternehmensstrategien - Marktentwicklung - politische Überwachung, Teil 1 und 2, Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg 11, Zürich 2002.
[6] Berner Zeitung, 19.1.2002.
[7] Siehe UEK (Hg.), Die Schweiz, der Nationalsozialismus und das Recht I. Öffentliches Recht, Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg 18, Zürich 2001.

Zitation
Patrick Kupper: Rezension zu: : Zwischen Unternehmertum, Politik und Überleben. Emil G. Bührle und die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon, Bührle & Co. 1924- 1945. Frauenfeld  2002 , in: H-Soz-Kult, 16.07.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1803>.
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16.07.2003
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