A. Corbin: Auf den Spuren eines Unbekannten

Titel
Auf den Spuren eines Unbekannten. Ein Historiker rekonstruiert ein ganz gewöhnliches Leben


Autor(en)
Corbin, Alain
Erschienen
Frankfurt am Main 1999: Campus Verlag
Umfang
334 S., 3 Abb.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Moritz Föllmer, Humboldt-Universität zu Berlin

Louis-FranVois Pinagot wurde 1798 geboren und starb 1876. Der fünffache Vater arbeitete als Holzschuhmacher in der kleinen normannischen Gemeinde Origny-le-Butin, die er nie für längere Zeit verlassen hat. Er stand nicht vor Gericht und verfaßte keine Autobiographie - schon deshalb nicht, weil er weder lesen noch schreiben konnte. Alain Corbin hat die Welt dieses Unbekannten wieder zum Leben erweckt. Das Resultat ist nicht nur ein bedeutendes und facettenreiches Buch über das 19. Jahrhundert und eine exemplarische mikrogeschichtliche Studie, es stellt auch eine empirisch fundierte Reflexion über Möglichkeiten und Grenzen historischer Erkenntnis dar.

Corbin hat Louis-François Pinagot nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, durch blindes Tippen in Findbücher und Zivilstandsregister eines Departementalarchivs. Mit dieser Vorgehensweise will der wohl interessanteste und anregendste Historiker des 19. Jahrhunderts einen Kontrapunkt zu den bisherigen Studien über einzelne Personen aus dem "Volk" setzen, die ihm zufolge ein schiefes Bild der Vergangenheit zeichnen, weil ihre Objekte entweder Selbstzeugnisse verfaßten und sich dadurch oft ihrer Umgebung entfremdeten oder - wie etwa Carlo Ginzburgs Müller Menocchio - unangenehm genug auffielen, um in das Blickfeld staatlicher oder kirchlicher Institutionen zu geraten. Der Holzschuhmacher Pinagot war dagegen nur einer von Millionen gewöhnlicher Menschen im ländlichen Frankreich zwischen napoleonischem Kaiserreich und früher Dritter Republik. Corbin rekonstruiert seine Welt durch die geschickte Verknüpfung einer Vielzahl von Quellen und ordnet sie gleichzeitig souverän in übergreifende Zusammenhänge ein.

Die verschiedenen Dimensionen von Pinagots Leben werden in zehn Kapiteln behandelt, die sich drei Themenbereichen zuordnen lassen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung der räumlichen, sozialen und kulturellen Kontexte, in denen sich der Holzschuhmacher bewegte. Seine alltägliche Umgebung war durch den Wald und die umliegenden Dörfer markiert. Er war in ein enges Netz von Verwandten eingebunden, deren lokale Verwurzelung und berufliche Homogenität wahrscheinlich die gegenseitige Unterstützung erleichterte. Auch sonst waren seine sozialen Beziehungen durch eine Vielfalt von Arrangements bestimmt, für die der Austausch von Arbeitsleistungen wichtiger war als Handel, Schulden oder Zinsen. Pinagot, der zeitlebens von zahlreichen anderen Analphabeten umgeben war, wird nur selten mit Schriftlichkeit konfrontiert gewesen sein. Wesentlich war für ihn die mündliche Kommunikation bei Familienbesuchen und gemeinsamen Abenden mit den Nachbarn, die sich im regionalen Dialekt abspielte. Daß dieser von den Eliten seit den 1860er Jahren nicht mehr verachtet, sondern im Zuge der Konstruktion einer auf Geschichte, Landschaft und Sitten basierenden regionalen Identität der Perche aufgewertet wurde, dürfte ihn wenig berührt haben.

Drei Kapitel sind der Frage gewidmet, wie Pinagot die demographische und soziale Struktur der Gemeinde, die ökonomischen Veränderungen des 19. Jahrhunderts und seine jahrzehntelange Armut erfuhr. Die Tatsache, daß die lokale Bevölkerung seit den 1830er Jahren zurückging und immer älter wurde, muß für den Holzschuhmacher keineswegs nur negative Folgen gehabt haben. Daß er in den sechziger und siebziger Jahren inmitten von vielen alten Menschen lebte, mit denen er seine Erinnerungen teilen konnte, hat ihm den Lebensabend vielleicht angenehmer gestaltet. Seine wirtschaftliche Situation unterlag wechselnden Konjunkturen: War er zunächst stark vom Niedergang der regionalen Textilindustrie betroffen, weil seine Frau und seine Töchter als Spinnerinnen arbeiteten, profitierte er seit der Jahrhundertmitte vom Aufschwung der Handschuhmacherei, die seine Töchter ernährte und damit auch ihm selbst ein gesichertes Alter ermöglichte. Pinagots eigener, traditioneller Beruf, die Holzschuhmacherei, hielt sich nicht nur, sondern gewann sogar stetig an Bedeutung, was ihn umso mehr mit Stolz erfüllt haben dürfte, als der Holzschuh, dessen Klappern das akustische Distinktionsmerkmal der bäuerlichen Bevölkerung darstellte, auch einen identitätsstiftenden Wert hatte. Die Verbesserung seiner individuellen ökonomischen Lage fiel mit dem langsamen Ende einer noch stark frühneuzeitlich geprägten Kultur der Armut zusammen, das 1865 im Verbot der Bettelei kulminierte.

Welchen Stellenwert hatte Politik für Pinagots Erinnerungs- und Erfahrungshaushalt? Im Gedächtnis des Holzschuhmachers, der zeitlebens von alten Menschen umgeben war, blieb das 18. Jahrhundert in Form mündlicher Erzählungen von lokalen Ereignissen präsent, auch wenn er sie nicht unbedingt in eine lineare Abfolge brachte. Er lebte inmitten der Akteure und Zeugen verschiedener Hungerrevolten der Revolutionsjahre und könnte auch von offiziell verdrängten Aktionen wie dem rituellen Mord an einem Priester auf informellem Wege erfahren haben. Obwohl Pinagot - anders als einige seiner Verwandten - von der Härte der beiden preußischen Invasionen 1815 und 1870/71 nicht direkt betroffen war, läßt sich vermuten, daß er am Ende seines Lebens den zweimaligen gewaltsamen Eindringlingen in seinen Lebensraum mit Ablehnung gegenüberstand. Sein Weg zur politischen Partizipation war lang: Nach der Julirevolution wurde er Mitglied der neugeschaffenen Nationalgarde und nahm an den Wahlen ihrer Offiziere und Unteroffiziere teil. Auf kommunaler Ebene wählte er erst 1868 zum ersten Mal, konnte sich aber bereits zwei Jahre später, kurz vor seinem Tod, insofern als geachteter Mann fühlen, als sein Sohn zum Gemeinderat avancierte.

Alain Corbins Studie ist in mehrerer Hinsicht ein herausragendes Buch. Die konsequente Sicht von Veränderungsprozessen aus der Perspektive eines Individuums und seiner traditional geprägten Lebenswelt stellt eine wichtige Ergänzung zu den - nicht eben zahlreichen - Arbeiten dar, die umgekehrt von bestimmten Erscheinungsformen der Modernisierung im 19. Jahrhundert ausgehen und nach ihrer Erfahrung und Deutung fragen.[1] Der Wandel von der Frühen Neuzeit zur Moderne erscheint als ein langfristiger und diskontinuierlicher Vorgang, der für Louis-FranVois Pinagot, wie in weiten Teilen des ländlichen Frankreich überhaupt, erst in den 1860er Jahren einen gewissen Endpunkt erreichte.

Die Bedeutung der "unmöglichen Lebensbeschreibung" (S. 292) des Louis-FranVois Pinagot liegt darüber hinaus darin, daß sie zur Reflexion über die Grenzen der historischen Erkenntnis zwingt. Auch ein so versierter Empiriker wie Corbin kann die subjektiven Wahrnehmungen einer Person, von der keine einzige Äußerung überliefert ist, letztlich nicht erfassen. Diese Wissensgrenze wird an keiner Stelle spekulativ verwischt oder fiktional überschritten.[2] Über wichtige Aspekte von Pinagots Biographie, etwa Eheleben, Sexualität und Kindererziehung, erfährt man ebensowenig wie über seine Charaktereigenschaften. Der Holzschuhmacher wird dem Leser zwar in vieler Hinsicht verständlicher, seine Fremdheit wird jedoch nicht künstlich aufgehoben. Corbin beschreibt die Erfahrungen und Deutungen seines gewöhnlichen Helden im Modus der begründeten Vermutung, "durch Induktion, Deduktion und Intuition" (S. 257), und gesteht z.B. offen ein, daß wir "niemals etwas über die politischen Ansichten, Überzeugungen oder Gefühle von Louis-FranVois Pinagot wissen" werden (S. 280). Daß die zahlreichen Mutmassungen abwägend formuliert, empirisch wie argumentativ gestützt und vor allen Dingen klar als solche zu erkennen sind, macht sie methodisch kontrolliert und diskutierbar. Auf dieser Basis steht es dem Leser frei, die Wissenslücken über Pinagots Biographie imaginativ zu füllen (S. 10). Noch nie sind die Grenzen der Überlieferung und ihre epistemischen Konsequenzen mit solcher Offenheit und intellektuellen Strenge thematisiert worden. Alain Corbins Forschungsreise "auf den Spuren eines Unbekannten" ist ein Meilenstein im gegenwärtigen Trend zur Selbstreflexivität in der Geschichtswissenschaft.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Wolfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1989.
[2] Letzteres im Unterschied zu: Natalie Zemon Davis, Die wahrhaftige Geschichte von der Wiederkehr des Martin Guerre, Muenchen 1984.

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Zitation
Moritz Föllmer: Rezension zu: : Auf den Spuren eines Unbekannten. Ein Historiker rekonstruiert ein ganz gewöhnliches Leben. Frankfurt am Main  1999 , in: H-Soz-Kult, 29.02.2000, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-182>.
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Veröffentlicht am
29.02.2000
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