L. Mertens (Hg.): Soziale Ungleichheit in der DDR

Cover
Titel
Soziale Ungleichheit in der DDR. Zu einem tabuisierten Strukturmerkmal der SED-Diktatur


Hrsg. v.
Mertens, Lothar
Erschienen
Berlin 2002: Duncker & Humblot
Umfang
201 S.
Preis
€ 54,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Hübner, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Soziale Ungleichheit gehört zweifellos zu den Forschungsfeldern, die einen differenzierteren Einblick in die Struktur- und Funktionszusammenhänge der DDR-Gesellschaft gewähren. Dem Thema war eine im April 2000 gemeinsam von der Fachgruppe Sozialwissenschaft der Gesellschaft für Deutschlandforschung e.V. und der Akademie für politische Bildung, Tutzing, ausgerichtete Tagung gewidmet. Der vorzustellende Sammelband enthält die dort präsentierten Referate. Sie beleuchten, so der Herausgeber, Privatdozent für Zeitgeschichte an der Ruhruniversität Bochum und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Chemnitz im knappen Vorwort, „an ausgewählten Beispielen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen exemplarisch die Ungleichheit in der DDR, welche in der kommunistischen Diktatur weitgehend tabuisiert wurde und die heute, zwölf Jahre nach der deutschen Vereinigung, immer mehr in Vergessenheit gerät“. (S. 5)

Damit ist ein diskutables Interpretationsmuster vorgegeben. Allerdings scheint es die Gefahr einer verengten Perspektive zu bergen. Denn das Ungleichheitsproblem der DDR lässt sich mit guten Gründen auch umgekehrt betrachten: Hatte nicht das Ende des Honecker´schen Sozialismus mit zu wenig Ungleichheit zu tun, mit einem Mangel an Eliten, mit zu viel Gleichmacherei? Es würde an dieser Stelle zu weit führen, Mertens´ Ausgangsthese auf solche Weise zu hinterfragen. Immerhin findet sich in den Beiträgen des Bandes mancher Beleg, der in diese Richtung deutet.

Die Analyse sozialer Ungleichheit gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen, um zu verstehen, welche Bindekräfte der DDR-Gesellschaft zur Verfügung standen, wo strukturelle Bruchlinien verliefen, was an sozialer Differenzierung gewollt und was unbeabsichtigt war. Hier ist noch manches zu klären. Freilich hat gerade die sozialwissenschaftliche Forschung im Verlaufe der neunziger Jahre manche Konturen des schon bekannten Bild schärfer kontrastiert und an anderer Stelle differenziertere Abstufungen vorgenommen. [1]

Auch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass das Thema der sozialen Ungleichheit in der soziologischen Literatur der DDR durchaus präsent war. Eine längere Liste von Veröffentlichungen, angefangen von Kurt Lungwitz [2] bis zu Manfred Lötsch, [3] bestätigt das. Mit sozialer Ungleichheit umzugehen, bereitete der SED immer wieder Probleme. Im Zweifelsfall neigten ihre Entscheidungsträger eher zu nivellierenden Lösungen. Umgekehrt wurden Überlegungen, wie sie Lötsch über das in sozialer Differenzierung angelegte Leistungspotential anstellte, wirksam blockiert. [4] Dieser unsichere Umgang mit den widersprüchlichen Tendenzen sozialer Differenzierung und Nivellierung war charakteristisch für die „Herrschaft einer Elite aus der Unterschicht“. [5] Alles dies bietet lohnende Zugänge zu einer methodisch reflektierten Diskussion. Was hat der von Lothar Mertens herausgegebene Band in dieser Hinsicht zu bieten?

Der inhaltliche Zusammenhang der sechs Beiträge erschließt sich dem Leser nicht auf den ersten Blick. Gleichwohl wird man nicht in Abrede stellen können, dass alles, was von den Autoren an Beispielen für Unterschiedlichkeit, Differenz oder auch Benachteiligung vorgestellt wird, in einer etwas weiteren Auslegung auch unter dem Rubrum „soziale Ungleichheit“ zu fassen ist.

Im ersten Beitrag beschreibt Lothar Mertens die Ehescheidungen in der DDR als ungelöstes gesellschaftliches Problem. Als einen wesentlichen Grund für die beträchtlichen Scheidungsraten in der DDR nennt er die hohe Erwerbsquote von Frauen und die daraus resultierende relative ökonomische Unabhängigkeit. Auch frühe Eheschließungen und eine prekäre Wohnraumsituation hatten an dieser Entwicklung ihren Anteil, wie der Autor mit vielen Zahlen belegt.

Annette Kaminsky verspricht im Titel ihres Beitrages, Ungleichheit am Beispiel des Konsums abhandeln zu wollen. Sie beschränkt sich dabei im wesentlichen auf den Versandhandel, worüber sie schon publiziert hat, [6] sowie auf die politisch immer brisanten Intershop- und Delikatangebote. Der gut lesbare Text imponiert durch Quellennähe. Dass allerdings die staatlichen HO-Läden bis 1958 ein Monopol für den Verkauf bewirtschafteter Waren innegehabt hätten (S. 63), ist ein Irrtum.

In einer sorgfältig differenzierenden Studie zeigt Ilse Nagelschmidt die Frauenliteratur in der DDR der siebziger und achtziger Jahre im Spannungsfeld gesellschaftlicher Widersprüche. Vor allem interessieren sie Identitätsverluste und Identitätsgewinne von Frauen in der späten DDR-Gesellschaft. Von ganz anderer Art ist der autobiographisch angelegte Bericht Peter Masers über die systematische Benachteiligung von Christen und anderen Gläubigen in der DDR. Auch von Solidarität zwischen Christen und Nichtchristen ist darin die Rede. Der knappe Hinweis, dass der gestürzte Erich Honecker Kirchenasyl in den Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Berlin fand (S. 116), bringt das Ende dieser Auseinandersetzung auf einen symbolhaften Nenner.

In einem weiteren Beitrag präsentiert Lothar Mertens empirische Belege für soziale Ungleichheit, wie sie unter anderem von der Sozialstrukturforschung in den siebziger und achtziger Jahren zutage gefördert wurden. Als Hauptquelle dienen dem Verf. einschlägige, aber unveröffentlicht gebliebene Dissertationen aus der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. Mertens konzentriert sich auf Einkommensunterschiede, die Ungleichheit von Frauen und Männern in der beruflichen Position, darunter auch die Unterrepräsentanz von Frauen in Leitungsfunktionen, sowie auf die sozialen Ungleichheiten der Wohnsituation und bei der Versorgung mit Wohnraum. Es sind solche Bereiche, bei denen die Differenz zwischen dem programmatischen Anspruch der SED und der sozialen Realität besonders evident wurde.

Im abschließenden Referat behandelt Siegfried Grundmann räumliche Disparitäten in der DDR, also „das Besser- oder Schlechter-Sein und nicht das bloße Anderssein der Lebensbedingungen“ (S. 159), im Vergleich unterschiedlicher Orte und geographischer Räume. Als Bestimmungsfaktoren werden Umwelt, Arbeit, Wohnen, Wohnort, Infrastruktur, Dienstleistungen und das Wanderungsverhalten der Bevölkerung herangezogen. Auf dieser Basis definiert Grundmann den Nordosten der DDR, das Industriedreieck Halle-Borna-Bitterfeld und die Oberlausitz als soziale Problemgebiete, während er Ostberlin und Umgebung, das obere Elbtal, Thüringen und die Küstenregion um Rostock als Vorzugsgebiete kennzeichnet. Ob „regionale Disparitäten wesentlich zum Zusammenbruch der DDR beigetragen haben“ (S. 200), wäre wohl noch einer kritischeren Prüfung wert.

Die hier behandelten Themen sind im engen Rahmen von Sammelbandbeiträgen ganz sicher nicht in jede wünschbare Richtung auszuloten. Man sollte da nicht beckmesserisch sein. Gleichwohl scheint unter einem nicht ganz unwesentlichen Aspekt Kritik am Platze: Herausgeber und Autoren wären gut beraten gewesen, stärker auf die komparative Methode zu setzen, im Hinblick auf den internationalen Vergleich ebenso wie hinsichtlich historischer Voraussetzungen. Auf diese Weise hätte man die Befunde besser auf ihre DDR-typischen Besonderheiten aber auch auf systembedingte Übereinstimmungen abklopfen können.

Jeder Beitrag verfügt über ein separates Literaturverzeichnis, dem im Einzelfall eine Aktualisierung gut getan hätte. Über kleine redaktionelle Flüchtigkeiten kann man hinwegsehen, so über den Beleg eines Honecker-Zitates von 1977 mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ (die hier übrigens zur „Neuen Züricher Zeitung“ wird) von 1988 (S. 74), der Hinweis auf ein Lemma, das nirgendwo zu finden ist (S. 89), oder unvollständige Tabellenüberschriften (S. 173). Leider fehlt ein Register, ein Service, der beim stolzen Preis des Bandes wohl erwartet werden dürfte. Hätte man darüber hinaus noch einen Wunsch frei, so käme eine themenübergreifende Synthese in Betracht. Dieser kleinen Einwände ungeachtet, bieten die einzelnen Beiträge neben viel Sachinformation wichtige Ansätze zur weiteren Diskussion. Vor allem verdient die Frage, ob die DDR nach ihrer eigenen Entwicklungslogik zu viel oder zu wenig an sozialer Ungleichheit aufwies, noch gründlicherer Erörterung.

Anmerkungen:
[1] So u.a. Michael Vester/Michael Hofmann/Irene Zierke (Hg.): Soziale Milieus in Ostdeutschland. Gesellschaftliche Strukturen zwischen Zerfall und Neubildung; Heike Solga: Auf dem Weg in eine klassenlose Gesellschaft? Klassenlagen und Mobilität zwischen Generationen in der DDR, Berlin 1995; Rainer Geißler: Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Zwischenbilanz zur Vereinigung, Opladen, 2., neubearbeitete und erweiterte Auflage 1996.
[2] Kurt Lungwitz: Über die Klassenstruktur in der Deutschen Demokratischen Republik: eine sozioökonomisch-statistische Untersuchung, Berlin 1962.
[3] Manfred Lötsch: Sozialstruktur der DDR. Kontinuität und Wandel, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 32-1988, S. 13-19.
[4] Ders.: Sozialstruktur und Wirtschaftswachstum. Überlegungen zum Problem sozialer Triebkräfte des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, in: Wirtschaftswissenschaft 29 (1981), S. 59-69.
[5] Dieter Segert: Die Grenzen Osteuropas. 1918, 1945, 1989 – Drei Versuche im Westen anzukommen. Frankfurt a.M./New York 2002, S. 108-117.
[6] Annette Kaminsky: Kaufrausch. Die Geschichte der ostdeutschen Versandhäuser, Berlin 1998.

Zitation
Peter Hübner: Rezension zu: Mertens, Lothar (Hrsg.): Soziale Ungleichheit in der DDR. Zu einem tabuisierten Strukturmerkmal der SED-Diktatur. Berlin  2002 , in: H-Soz-Kult, 12.11.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1829>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.11.2002
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation