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Titel
Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand


Autor(en)
Laabs, Dirk
Erschienen
München 2012: Pantheon Verlag
Umfang
384 S.
Preis
€ 16,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marcus Böick, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Der Auftrag der Treuhandanstalt war spektakulär. Bereits Zeitgenossen erkannten darin eine Jahrhundertaufgabe "ohne historisches Vorbild"[1]: der vollständige wie rasche Umbau einer sozialistischen Zentralplanwirtschaft mit ihren "volkseigenen" Kombinaten und Großbetrieben in eine kapitalistische Marktwirtschaft mit Privatunternehmen im globalen Wettbewerb. Groß waren 1989/90 in Ost und West die Erwartungen an die treuhänderischen "Wirtschaftswunderdoktoren"[2]; übertroffen wurden sie nur noch von den immensen Enttäuschungen bei der Auflösung der inzwischen "bestgehassten Institution"[3] Ende 1994. Dementsprechend erscheint die Debattenlandschaft zur Geschichte der Treuhand als ein buchstäblich verqualmtes "Minenfeld" der jüngsten Zeitgeschichte: empirisch schwer zugänglich; erzählerisch überfrachtet mit scharfen politischen Deutungen wie medienöffentlichen Zuschreibungen; methodisch herausfordernd gelegen zwischen Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Öffentlichkeit; perspektivisch angesiedelt im zeithistorischen Niemandsland zwischen DDR, Bonner und Berliner Republik. Es verwundert kaum, dass die zeithistorische Zunft bisher einen Bogen um die Geschichte der Treuhand geschlagen hat.

Der Hamburger Journalist und Regisseur Dirk Laabs wagt sich nun mit seinem Buch "Der deutsche Goldrausch" auf dieses unsichere Terrain vor. Der Text ist als Kalendarium mit personalisierten bzw. ereigniszentrierten Miniaturen gestaltet. Der Leser begleitet so verschiedene, meist wenig bekannte Zeitgenossen durch die wechselhaften Zeitläufe: den jungen ostdeutschen Nomenklaturkader, der es trotz vorheriger SED-Mitgliedschaft und NVA-Offizierskarriere zum (zeitweise einzigen) ostdeutschen Treuhand-Direktor bringt, oder den erfahrenen westdeutschen Maschinenbau-Manager, der Ende 1990 als Niederlassungs-Direktor in seine alte mitteldeutsche Heimat zurückkehrt und sich in einem Gestrüpp aus (Selbst-)Überforderung und Korruption verheddert. Diese überwiegend mit Wohlwollen gezeichneten Figuren kontrastiert Laabs mit zwielichtigen Schurkengestalten: einer DDR-Wirtschaftsfunktionärin und engen Vertrauten des Leiters der Abteilung "Kommerzielle Koordinierung", Alexander Schalck-Golodkowski, die nach 1990 von der Treuhand zur "Abwicklung" des verworrenen Stasi-Firmengeflechts weiterbeschäftigt wird und dabei auf eigene Rechnung weiter gegen den "Klassenfeind" arbeitet; oder einem Oberhausener Manager, der aus seiner beengten Essener Reihenhaussiedlung in den ‚Wilden Osten‘ aufbricht, um dort mithilfe einer konspirativen Ost-West-Seilschaft ein lukratives Unternehmen auszuhöhlen. Diese personalisierte Darstellungsform besticht einerseits durch ein hohes Maß an Anschaulichkeit – die handelnden Figuren agieren vor dem Hintergrund sich beständig überschlagender wie unübersichtlicher Kontexte der Umbruchszeit; sie sind Treibende und gleichzeitig immer auch Getriebene. Besonders gelungen erscheinen die Passagen, in denen Laabs die Zeitzeugen eindringlich aus ihrem Lebens- und Arbeitsalltag berichten lässt. Andererseits drohen die personalisierten Erzählstränge und sich überstürzenden Ereigniskaskaden den Text zu zerfasern; ein übergreifender roter Faden ist in den oft lose verbundenen Erzählungen bald nur noch schwer auszumachen.

Laabs gliedert sein Buch streng chronologisch. Nach einem kurzen Auftakt-Kapitel zum Jahr 1989 arbeitet er im zweiten Kapitel zu 1990 ("Die Jagd") pointiert die politökonomischen, von der zeitgenössischen Öffentlichkeit kaum registrierten Meinungs- und Verteilungskämpfe heraus; politische Ereignisse und taktische Manöver überstürzen sich regelrecht. Laabs Sympathien sind offenkundig: Einige ostdeutsche Bürgerrechtler aus der "Freien Forschungsgemeinschaft Selbstorganisation" kämpfen verzweifelt für ihre Idee, das "Volksvermögen" über Anteilsscheine an die ostdeutsche Bevölkerung zu verteilen. Sie sehen sich dabei einer Phalanx von vierschrötigen westdeutschen Beratern, Lobbyisten, Konzernen und Politikern – einer erdrückenden "D-Mark-Armee" (S. 8) – gegenüber, deren "Goldrausch" (S. 70) sie schließlich nichts entgegensetzen können: Die ‚Beute‘ wird verteilt, bevor die Treuhand überhaupt handlungsfähig ist. Im Kapitel zu 1991 ("Das Opfer") gelingt Laabs ein überzeugender Aufriss zu einem wenig beachteten Thema: den vielfältigen und teils spektakulären Demonstrationen und Belegschaftsprotesten gegen Treuhand und Wirtschaftsumbau zwischen Herbst 1990 und Frühjahr 1991. Die überforderten Treuhand-Manager werden im östlichen "Tornado" (S. 192) von der bundesdeutschen Politik und Wirtschaft allein gelassen. Den Schlusspunkt des Kapitels bildet das Attentat auf den Treuhand-Präsidenten Detlev Rohwedder am 1. April 1991, wobei Laabs sich nicht an neuerlichen Spekulationen über mögliche Hintermänner beteiligt.

Im vierten Kapitel ("Die lange Abwicklung") arbeitet sich Laabs dezidiert an zwei besonders skandalträchtigen Episoden ab: der schwer durchschaubaren Polit-Affäre um die Privatisierung der Leuna-Werke an den französischen Elf-Konzern sowie den Korruptionsskandalen in der Hallenser Treuhand-Niederlassung. Hier wirft Laabs sein ganzes handwerkliches und darstellerisches Können als investigativer Journalist in die Waagschale: Mit spürbarer Empörung präpariert er kriminelle Praktiken heraus, schildert eindringlich praktische Unzulänglichkeiten des Privatisierungsgeschäfts und beschreibt den allgegenwärtigen politischen wie öffentlichen Druck auf die Treuhand-Manager, das "operative Geschäft" zügig abzuschließen. Die Handlungsspielräume der Manager schmelzen zusammen; betriebswirtschaftliche Wert-Urteile treten hinter industriepolitischen Erwägungen zurück. Das Buch endet mit einem kurzen fünften Kapitel zu den "Altlasten".

Drei Quellengruppen bilden das empirische Fundament des Buches. So zieht Laabs für die Beschreibung der Skandale Gerichtsurteile und parlamentarische Vernehmungsprotokolle heran, die er bei Kriminalfällen als autoritative Tatsachenfeststellungen nutzt, ohne allerdings Spezifika der juristischen bzw. politischen Wahrheitsfindung zu berücksichtigen. Daneben arbeitet er mit printmedialen Veröffentlichungen, die Hintergründe und Ereignisschilderungen abstützen, deren quellenkritischer Wert aber ambivalent bleibt, weil sie meist zugespitzte, schwer prüfbare Produkte des Mediensystems, seiner Inszenierungstechniken und Aufmerksamkeitszyklen sind. Schließlich hat Laabs eine ganze Reihe von "Insider-Interviews" geführt, die insbesondere die biographischen Episoden unterfüttern. Es bleibt allerdings offen, inwiefern derart sensibles Material interpretativ auf die autobiographischen Selbstinszenierungen hin gewogen wurde. Oftmals beschleicht den Leser das Gefühl, dass Laabs sich ganz auf seine journalistische Intuition verlässt, in unterschiedlichem Maße mit seinen Gesprächspartnern sympathisiert und ihnen Glaubwürdigkeit zuerkennt.

Der "Goldrausch" endet mit einem interessanten Nachwort. Laabs reklamiert hier ein "Anrecht" der Ostdeutschen, dass man ihnen endlich "erklären" möge, was aus "ihrem" Vermögen letztlich geworden sei: Die damalige Bundesregierung unter Helmut Kohl habe "Managern, Betriebswirten und Wirtschaftspolitikern" die "Moderation" des praktischen Wirtschaftsumbaus überlassen, "deren Stärke es gerade nicht ist, politische Prozesse zu erklären" (S. 342). Gerade an dieser Stelle werden die interpretativen Herausforderungen deutlich, denen sich insbesondere die Geistes- und Kulturwissenschaften gegenüber sehen, die sich erst allmählich aus ihrer lange gehegten Distanz gegenüber allem Ökonomischen zu lösen beginnen. Die Kernfrage lautet: Wie lassen sich das äußerlich oft nur schwer durchschaubare Handeln und Denken ökonomischer Experten und Akteure sowie die hier obwaltenden spezifischen Logiken, Wissens- und Praxisformen schlüssig "erzählen", ohne sich in wohlfeiler Polemik, simplifizierenden Grundannahmen oder der Reproduktion zeitgenössischer Urteile zu ergehen?

Laabs löst diese Aufgabe im Modus des investigativen Journalismus und sucht so nach der "wahren Geschichte", wie der Untertitel verspricht. Die Fragen, die Laabs umtreiben, ziehen ihn letztlich immer stärker in den hitzigen zeitgenössischen Meinungs- und Deutungsstreit hinein; er sieht sich dazu gedrängt, lange schwelende Konflikte zu entscheiden, endlich Ordnung in das undurchsichtige wie enervierende Gestrüpp an Mutmaßungen zu bringen. Gerade in seinen letzten Kapiteln knüpft Laabs so an zeitgenössische "Enthüllungsgeschichten" an. Auf diese Weise richtet er die Schlaglichter vor allem auf das Grelle, Schrille, Anstößige: Skandale, Missstände, Konflikte. Völlig offen bleibt, welcher Stellenwert "Leuna" und "Halle" in der Geschichte der Treuhand insgesamt zukommt: Was sagen diese spektakulären Fehlschläge über das vieltausendfache Alltagsgeschäft der ostdeutschen Massenprivatisierung aus? Ist die schon von vielen Zeitgenossen oft strapazierte Western-Storyline von "Helden und Halunken" im neokolonialen "Deutsch-Nordost" die einzige Variante, dieser turbulenten Episode der jüngsten Geschichte erzählerisch beizukommen?[4]

Dirk Laabs ist ein durchweg spannendes, im besten Sinne populäres Buch über die Geschichte der Treuhandanstalt gelungen, in dem er sich mit einigen besonders skandalträchtigen Episoden der frühen 1990er-Jahre auseinandersetzt. Gerade die Zeitzeugengespräche erscheinen aus historischer Perspektive als bleibendes Verdienst. Seinem engagierten Abschlussplädoyer für eine systematische Offenlegung und Aufarbeitung der noch immer unzugänglichen Treuhand-Quellen ist nichts hinzuzufügen.

Anmerkungen:
[1] Birgit Breuel / Manfred Burda (Hrsg.), Ohne historisches Vorbild. Die Treuhandanstalt 1990 bis 1994, Berlin 2005.
[2] Rolf Antrecht / Wolfgang Stiller, Die Wirtschaftswunderdoktoren, in: Capital 11/1990, S. 12-14.
[3] Wolfgang Seibel, Verwaltete Illusionen. Die Privatisierung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt und ihre Nachfolger 1990-2000, Frankfurt am Main u.a. 2005, S. 488; vgl. auch insg. noch immer Marc Kemmler, Die Entstehung der Treuhandanstalt. Von der Wahrung zur Privatisierung des DDR-Volkseigentums, Frankfurt am Main u.a. 1994.
[4] Exemplarisch etwa Christ Peter / Ralf Neubauer, Kolonie im eigenen Land. Die Treuhand, Bonn und die Wirtschaftskatastrophe der fünf neuen Länder, Berlin 1991.

Zitation
Marcus Böick: Rezension zu: : Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand. München  2012 , in: H-Soz-Kult, 29.05.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18507>.
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29.05.2012
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