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Titel
Sulla. Eine römische Karriere


Autor(en)
Christ, Karl
Erschienen
München 2002: C.H. Beck Verlag
Umfang
240 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Herbert Heftner, Institut für Alte Geschichte, Altertumskunde und Epigraphik, Universität Wien

Unternimmt man den Versuch, die Person eines römischen Staatsmannes der Republik zum Gegenstand einer Monographie zu machen, so liegt angesichts der Natur unseres Quellenmaterials die Versuchung nahe, sich entweder auf eine quellenkritische Detaildiskussion der auf die Hauptperson bezogenen Überlieferungsbrocken zu beschränken oder aber, wenn man eine narrative Struktur zugrundelegen möchte, die Person hinter den Ereignislinien zurücktreten zu lassen und das Werk zu einer umfassenden Darstellung der Geschichte Roms während der Lebens- bzw. Wirkungszeit des Helden auszuweiten.

In der hier anzuzeigenden Monographie über den Staatsmann und Diktator L. Cornelius Sulla gelingt es Karl Christ, eine narrative Darstellung zu bieten, die dem historischen Hintergrund gerecht wird, dabei aber niemals die Person des Helden aus den Augen verliert. Dies ist um so erfreulicher, als auf dem deutschsprachigen Buchmarkt bislang keine auch an ein breiteres Publikum gerichtete Monographie zur Person dieses wohl bedeutendsten römischen Staatsmannes des frühen 1. Jahrhunderts v.Chr. präsent war. Christs Werk füllt hier also eine schmerzlich empfundene Lücke.

Im ersten Hauptabschnitt steckt Christ den historischen Rahmen ab, in dem Sullas Leben sich bewegte, indem er knapp, aber informativ die Strukturen von Außenpolitik (S. 14-21), Wirtschaft und Gesellschaft (S. 21-29), Religion und Geisteswelt (S. 29-38) und innerer Politik (S. 38-43) im Rom des späten 2. Jahrhunderts v.Chr. nachzeichnet und sodann ein Kapitel über die Ereignisse der Gracchenzeit (S. 43-53) anschließt. Daß sich dabei enge Berührungen mit Christs umfassender Darstellung von "Krise und Untergang der Römischen Republik" (4. Aufl., Darmstadt 2000) ergeben, liegt in der Natur der Dinge, doch gelingt es dem Autor durchaus, über das in dem früheren Werk Gebotene hinaus neue Akzente zu setzen, etwa in der umfangmäßig knappen, inhaltlich reichen Skizze der literarisch-geistigen Entwicklung und in der Behandlung des Optimaten-Popularen-Problems, wo Christ zu Recht darauf verweist, daß der Senat im späten 2. Jahrhundert "keine in sich geschlossene Klasseninstitution" darstellte, sondern eine Vielfalt politischer Auffassungen, Mentalitäten und Temperamente in sich vereinigte (S. 40).

Im zweiten Abschnitt (S. 54-77) wendet sich Christ der Person seines Titelhelden zu, von dem er zunächst nur eine kurze, an Plutarchs Biographie orientierte Charakteristik gibt (S. 54-56), um dann in verhältnismäßiger Ausführlichkeit die Karriere von Sullas zeitweiligem Förderer und großem Gegenspieler Gaius Marius nachzuzeichnen (S. 56-71). Marius' Leistungen als Feldherr und Heeresreformer und sein Scheitern als Staatsmann stehen hier im Mittelpunkt, Sullas Rolle im Jugurthinischen und Kimbernkrieg wird gewürdigt, aber keineswegs überbetont. Für Sullas Tätigkeit während der Kimbernfeldzüge von 102 und 101 kommt Christ sogar zu einem überraschend harten Urteil: Sulla sei für das Versagen der römischen Kimbernabwehr an der Etsch mitverantwortlich gewesen, bei der Entscheidungsschlacht vor Vercellae sei seine Leistung wohl weniger ins Gewicht gefallen, als er in seinen Memoiren behauptete: "Glänzend war Sullas Anteil am entscheidenden Erfolg wohl kaum, sein Versuch, sich erneut auf Kosten von Marius zu profilieren, degoutant". Dementsprechend nimmt Christ an, daß diese Profilierungssucht Sullas im Anschluß an den Kimbernkrieg zu einer tiefgreifenden Entfremdung "bis zur Todfeindschaft" zwischen ihm und Marius geführt habe (S. 68).

Hinsichtlich der in der Forschung umstrittenen Frage nach der Chronologie von Sullas Karriere in den neunziger Jahren geht Christ von einer Datierung der Prätur in das Jahr 97 aus, woran sich dann in den Folgejahren die Statthalterschaft in Kilikien angeschlossen habe, die für Sulla wegen der Begegnung mit chaldäischer Mantik und kleinasiatischem Religionsgut auch persönlich bedeutsam gewesen sei (S. 72-74). Die nächste Zäsur in seinem Leben bedeutete dann der Bundesgenossenkrieg, in dem er sich an der Spitze eines im kampanisch-samnitischen Raum operierenden Heeres auszeichnete und zugleich einen durch eine seltsame Verbindung von militärischer Effizienz und einer gewissen diziplinären Laxheit geprägten Führungsstil zur Geltung brachte, der für die spätrepublikanischen 'Heeresklientel'-Berufsarmeen richtungweisend werden sollte (S. 76f.).

Das tumultuarische Tribunat des Sulpicius Rufus, das zu Sullas Marsch auf Rom führte, betrachtet Christ als einen prägenden Eindruck für die politische Entwicklung seines Helden: Das Erlebnis der Machtlosigkeit der legitimen Staatsorgane gegenüber der Volkstribunenmacht habe ihn dazu geführt, seine einzige Stütze in der persönlichen Loyalität seiner Soldaten zu suchen. Indem er sein Heer gegen Rom führte, hätte er sich freilich vom guten Willen der Truppen abhängig gemacht (S. 78-81), Rücksicht auf die Stimmungslage der Soldaten habe dementsprechend auch seinen Entschluß bestimmt, nach dem Erfolg des Marsches auf Rom das Heer in den 'Beutekrieg' gegen Mithridates zu führen, ohne zuerst seine Machtposition in Italien zu konsolidieren (S. 81f.).

Die Notwendigkeit, die Beutewünsche der Soldaten zu befriedigen, ist das Leitmotiv in der Darstellung des Ersten Mithridatischen Krieges, den Christ vergleichsweise ausführlich beschreibt (S. 83-97). Dankenswerterweise finden neben dem eigentlichen Kriegsgeschehen auch die sozialen Umwälzungen, die mit Mithridates' Eroberungen in Kleinasien und der Ägäiswelt einhergingen, in der Darstellung gebührende Beachtung, ebenso die sullanische Restauration nach dem Frieden von Dardanos und ihre fatalen Folgen für die betroffenen Gemeinden (S. 90-95).

Im folgenden, dem 'großen' sullanischen Bürgerkrieg gewidmeten Abschnitt (S. 99-121) betont Christ zunächst, daß das Gesamtgeschehen der Jahre 88-83 als ein einziger großer, sich in immer neuen Konstellationen erneuernder und eskalierender Bürgerkrieg gesehen werden könne, in dessen Verlauf "die Verbrechen der jeweiligen Sieger durch immer neue, größere Verbrechen der zunächst Unterlegenen übertroffen wurden, wenn diese wieder die Macht erlangten". Sullas Diktatur mit ihren blutigen Säuberungen bilde dabei zweifellos den 'furchtbarsten und abstoßendsten' Höhepunkt; sie müsse jedoch stets im Zusammenhang mit dem vorangegangenen Prozeß der Gewalt-Eskalation betrachtet und gewürdigt werden (S. 101).

Daß dieser Verweis auf die Eskalationsspirale der achtziger Jahre als Kriterium zur gerechten Wertung des Geschehens, nicht etwa als Versuch einer parteiischen Relativierung der sullanischen Untaten gemeint ist, versteht sich bei einem Forscher vom Range Christs von selbst; es zeigt sich auch an seiner fairen Beurteilung der Cinnanischen Diktatur: Christ schildert die brutalen Säuberungsaktionen der siegreichen Popularen des Jahres 87 und Cinnas quasidiktatorische Machtausübung mittels nicht legitimierter Dauerkonsulate, gesteht dem Popularenführer aber andererseits auch zu, "eine gewisse Konsolidierung der Lage" erreicht zu haben (S. 102f.).

In der Darstellung des Kriegsgeschehens selbst gelingt es Christ, die großen Linien des Geschehens eindringlich nachzuzeichnen und zu dem Höhepunkt, der packend geschilderten Schlacht an der Porta Collina hinzuführen. Der Anschluß diverser Nobilitäts-Größen an Sulla, der nach Christ für den Cornelier selbst überraschend gekommen sei (S. 105), wird als ein kriegsentscheidender Faktor gewürdigt, die Leistungen der jungen Nobiles Pompeius und Crassus finden gebührende Beachtung. Metellus Pius, in den Augen der Zeitgenossen sicher der wichtigste Zugang im Sullanerlager, tritt dagegen etwas zurück. Die Proskriptionen Sullas geben Anlaß zur Präsentation von anekdotischem Material, doch verweist Christ über das Menschlich-Tragische hinaus auf die Bedeutung der mit den Massenmorden einhergehenden Vermögensumschichtungen als einer tief einschneidenden und lange nachwirkenden Zäsur in der Sozialgeschichte des römischen Italiens. Der Autor läßt keinen Zweifel an Sullas letztlicher Verantwortung für die damaligen Greueltaten, zitiert aber als Gegengewicht eine exkulpierende Passage aus Ciceros Rosciana (S. 113-118).

Sullas Diktatur und seine verfassungspolitischen Maßnahmen werden auf zehn Seiten knapp, aber systematisch abgehandelt (S. 122-132). Zu Recht wird die eigenständige Position des Diktators betont, der allen politischen Strömungen und sozialen Gruppen gegenüber "stets seine völlige Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit" gewahrt habe. Christ macht kein Hehl aus seiner Bewunderung des sullanischen Gesetzeswerkes, das er als ein in sich geschlossenes Gebäude sieht, dessen einzelne Teile einander gegenseitig bedingten und stützten, muß aber am Ende des Abschnittes zugeben, daß Sulla beim Bau dieses Gebäudes "von zwei kardinalen Fehleinschätzungen" ausgegangen sei, indem er sowohl die strukturelle Lebensfähigkeit der Senatsherrschaft als auch die moralische Gesundheit ihrer tragenden Schicht, der Nobilität, überschätzt habe (S. 132).

Sullas Abdankung, die er auf den Beginn des Jahres 79 setzt, erklärt Christ einerseits aus dem Wunsch, den Präzedenzfall einer allzu langen Diktatur zu vermeiden, anderseits aber auch aus einer gewissen Machtverdrossenheit des von den Querelen seiner Parteigänger angeekelten Diktators (S. 132-134). Der Lebensabriß schließt mit der Beschreibung von Sullas letztem Lebensjahr, seines Endes und seines spektakulären Begräbnisses, das nach Christ für die Beisetzungen Caesars und der späteren Principes Vorbildwirkung hatte (S. 135-139).

Im folgenden, der "Wirkung" Sullas gewidmeten Abschnitt bietet Christ zunächst einen Überblick über den Fortgang der Geschichte Roms bis zum Untergang der Republik, wobei über weite Strecken Pompeius, der als Vollender von Sullas Werk im außenpolitischen Bereich, jedoch als dessen Zerstörer im Inneren charakterisiert wird, und dann der sich bewußt von Sullas Brutalität distanzierende Caesar im Mittelpunkt stehen (S. 140-155). Daran schließen sich ausführliche Behandlungen des Sulla-Bildes der antiken Überlieferung, in deren Rahmen auch die archäologischen und numismatischen Zeugnisse Erwähnung finden (S. 155-167), und der Sulla-Rezeption in der Neuzeit (S. 167-194) an, die die Spannweite der oft recht persönlich gefärbten Urteile der einzelnen Gelehrten deutlich werden läßt, dem fachlich weniger versierten Leser einen ersten Einblick in die Forschungsliteratur zur sullanischen Epoche bietet und auch einen kurzen Blick auf das Feld der Belletristik nicht ausspart. Der Rezensent gesteht, daß es ihn überrascht hat, Sulla als Helden nicht nur der Mozart'schen Oper und des Grabbe'schen Dramenfragments, sondern auch einer stattlichen Reihe neuerer Romane vorgestellt zu bekommen - ein Beweis für das Faszinierende dieser Diktatorenpersönlichkeit, aber auch für die fortdauernde Präsenz der spätrepublikanischen Epoche im Bewußtsein der Allgemeinheit.

Im letzten, "Sullas Persönlichkeit" übertitelten Abschnitt (S. 195-211) versucht Christ eine Annäherung an das Charakterbild seines Helden - eine bei antiken Personen stets schwere, in Sullas Fall aber besonders problematische Aufgabe, da hier zur fragmentarischen Natur des Quellenmaterials eine extreme Widersprüchlichkeit der Quellenaussagen hinzukommt, die wohl nicht allein auf die unterschiedlichen Standpunkte der Beurteiler, sondern auf tatsächliche Widersprüche in Sullas Charakterbild zurückzuführen ist. Christ ist sich dieser Problematik voll bewußt, er verweist zu Recht auf die Verzerrung des überlieferten Bildes durch Propaganda und Selbststilisierung einerseits, die sich aus Sullas wechselvollem Lebensgang nährende zeitgenössische Gerüchteküche andererseits, und kommt zu dem Schluß, daß Sullas Persönlichkeit nicht auf ein bestimmtes Element zurückgeführt werden könne: "Die Hauptzüge (seines Wesens) ... lassen sich nicht harmonisieren" (S. 197).

Es bleibt somit die Aufgabe, die Hauptzüge anhand des kritisch gewerteten Quellenmaterials zu beschreiben, und diese Aufgabe löst Christ in einer Abfolge prägnanter Skizzen zu Sullas (leider schlecht überliefertem) Familienleben, seinem Profil als Feldherr und Staatsmann und schließlich seiner - natürlich untrennbar mit Propaganda und Selbststilisierung verbundenen - Religiosität. Sehr zu Recht behält Christ bei der Betrachtung seines Helden stets den Hintergrund der "politischen und mentalen Konstellationen" seiner Zeit im Auge und kann so zwar nicht das innere Wesen des enigmatischen Mannes, wohl aber die nach außen hin wahrnehmbaren wirksamen Aspekte seiner Persönlichkeit trefflich zur Darstellung bringen. In seinem Schlußresümee betont Christ die große Bedeutung von Sullas Leistung für die weitere Geschichte der Republik, die in ihrer Wirkung paradoxerweise seinen eigenen Intentionen zuwidergelaufen sei: Indem er mit diktatorischen Mitteln die Republik zu stabilisieren suchte, habe er "ungewollt die historische Notwendigkeit einer monarchischen Leitung" des Imperiums bewiesen und über die ganze folgende Epoche bis in die Prinzipatszeit hinein seinen Schatten geworfen (S. 211).

Christ hat Lebensweg und Zeithintergrund seines Helden auf der Basis seiner souveränen Kenntnis der Quellen und Forschung rekonstruiert und diese Rekonstruktion in eingängig-flüssigem Stil zur Darstellung gebracht. Daß ihre Details den Rezensenten nicht in allen Punkten zu überzeugen vermochten, ist angesichts des fragmentarischen, mehrdeutigen und widersprüchlichen Charakters unserer Quellen nur natürlich. Zu bedauern ist freilich - und hier liegt die einzige schwache Stelle des Werkes -, daß die quellen- und forschungsmäßigen Grundlagen der Darstellung dem Leser nicht in deutlicher Weise präsentiert werden. Wenn Christ darauf verzichtet, seine Darstellung im einzelnen durch Anmerkungen zu belegen, so ist das für jeden nachvollziehbar, der das Unbehagen der Publikumsverlage gegenüber ausufernden Anmerkungsapparaten kennt, nur wäre dann eben aus der Sicht des Rezensenten eine nach der Abfolge der Abschnitte gegliederte bibliographie raisonnée wünschenswert gewesen, in der neben den wichtigsten Quellenstellen und den mit vollem Belegapparat versehenen Standardwerken nach Möglichkeit auch diejenigen Stücke der Sekundärliteratur angeführt zu sein hätten, die dem interessierten Leser einen Überblick über kontroversielle Forschungspositionen zu bieten geeignet sind.

Leider bietet Christs Monographie statt dessen ein nur wenig gegliedertes allgemeines Literaturverzeichnis (S. 218-224), das mangels einer klaren Scheidung des Grundlegenden und des nur am Rande Relevanten dem Informationsbedürfnis einer weniger fachkundigen Leserschaft nicht gerecht wird. Diese Kritik, die nicht als Beckmesserei, sondern als Anregung für eine mögliche Zweitauflage verstanden werden soll, kann der hohen Qualität des Werkes keinen Abbruch tun. Die Wissenschaft und das interessierte Publikum haben Christ für einen fundierten, originellen und gut lesbaren Beitrag zur einem zentralen Abschnitt der römischen Geschichte, vor allem aber auch für eine einfühlende Annäherung an die in all ihrer Fragwürdigkeit und Widersprüchlichkeit faszinierende Persönlichkeit des ersten großen Reformer-Autokraten der römischen Revolutionszeit zu danken.

Zitation
Herbert Heftner: Rezension zu: : Sulla. Eine römische Karriere. München  2002 , in: H-Soz-Kult, 14.10.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1878>.
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14.10.2002
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