C. Dutt u.a. (Hrsg.): Zwischen Sprache und Geschichte

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Titel
Zwischen Sprache und Geschichte. Zum Werk Reinhart Kosellecks


Hrsg. v.
Dutt, Carsten; Laube, Reinhard
Erschienen
Göttingen 2013: Wallstein Verlag
Umfang
296 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Tietze, Seminar für Zeitgeschichte, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

„In der Sprache ist immer mehr oder weniger enthalten und aussagbar, als es in der wirklichen Geschichte der Fall war. So wie umgekehrt in jeder Geschichte immer mehr oder weniger enthalten ist, als jeweils darüber gesagt wird.“[1] Die These, dass ‚zwischen Sprache und Geschichte‘ eine Kluft, ein ‚Hiatus‘ bestehe, beruhte auf Kosellecks Überzeugung von der radikalen Geschichtlichkeit der Welt. Diese „Auffassung, dass alle Dinge einem Wandel in Raum und Zeit unterworfen seien“ (Niklas Olsen, S. 245f.), bewahrte Koselleck auch davor, sich für eine der beiden Seiten endgültig zu entscheiden. Vielmehr motivierte sie ihn, stets ausgehend vom ‚Dazwischen‘ von Sprache und Geschichte, sowohl Begriffsgeschichte als auch Sozialgeschichte zu untersuchen.

Der vorliegende Sammelband ist aus einer Tagung hervorgegangen, die anlässlich der Übergabe von Kosellecks wissenschaftlichem Nachlass und seiner Gelehrtenbibliothek an das Deutsche Literaturarchiv Marbach im Mai 2009 stattfand. Sie war Kosellecks Werk als „Inbegriff des linguistic turn der Geschichtswissenschaft“ (S. 7) gewidmet. Es finden sich im Sammelband vier zentrale Themenschwerpunkte, denen sich die Beiträge, der Übersicht und Auswahl halber, zuweisen lassen: erstens Beiträge zur Methode der Begriffsgeschichte, zweitens Rekonstruktionen von Kosellecks Geschichtstheorie (dies macht die Mehrzahl der Beiträge aus), drittens kritische Prüfungen seiner Deutung der Aufklärung sowie viertens Untersuchungen der praktischen Implikationen und politischen Intentionen seiner Geschichtsauffassung.

Mitherausgeber Carsten Dutt zeigt anschaulich, dass Kosellecks Begriffsgeschichte im Gegensatz zu ähnlichen philosophischen Strömungen nicht nur „Wissenschaft von politisch-sozialen Begriffsinhalten ist, sondern auch und vor allem Wissenschaft von politisch-sozialen Begriffsfunktionen“ (S. 67). Durch diese Kombination von Historischer Semantik und Historischer Pragmatik etablierte Koselleck einen „holistischen“, weil „interdisziplinären“ Zugriff auf den „Umwandlungsprozess zur Moderne“ (S. 77f.).

Die meisten Beiträge zu den geschichtstheoretischen Überlegungen Kosellecks betonen zudem, dass er entgegen seiner eigenen Forderung keine systematische Theorie historischer Zeiten entwickelt habe. Ute Daniel zufolge trug Koselleck vielmehr ex negativo die „Begründungen für die Hindernisse [zusammen], die einer Theorie historischer Erkenntnis entgegenstehen“ (S. 16), um diese zugleich als „Schrittsteine“ für ein theoriegeleitetes historiographisches Vorgehen zu etablieren. Eine „echte Erfahrungsgeschichte“ könne aber von Kosellecks Historik lernen, nicht nur die synchrone Ebene der Erfahrungen zu analysieren, sondern zugleich die „ineinandergestülpte Erfahrungsdiachronie“ (S. 23) ernstzunehmen.[2]

Auch Niklas Olsen stellt bei Koselleck einerseits einen „Mangel an theoretischer Systematisierung“ fest (S. 254), andererseits rekonstruiert er jedoch anhand der Wiederholungsstrukturen in Kosellecks eigenem Werk dessen „akademisches Programm“. Dieses sei als „ein einheitliches Muster und eine gemeinsame Zielvorgabe im sonst so vielfältigen Werk“ (S. 237) durchgehend darauf angelegt gewesen, „die Spannung zwischen einem universellen und einem pluralen Begriff der Geschichte in seinen Arbeiten aufzuheben“ (S. 253). Dass Olsen die Kontinuität in Kosellecks Werk zu stark betont, ist bereits angemerkt worden.[3] Doch wollte Koselleck die Aporie zwischen Sprache und ‚wirklicher Geschichte‘ tatsächlich ‚aufheben‘, und wenn ja, wie?

Dieser Frage ist auch Dominic Kaegis Beitrag gewidmet, der letztlich Koselleck die Zugehörigkeit zum linguistic turn abspricht. Im Gegensatz zu Gadamer, für den „Geschichtlichkeit Verstehen“ sei (S. 265), gelte für Koselleck: „[E]rst kommt die Historik, dann die Hermeneutik.“ (S. 264) Demnach gehört die Sprache nicht zu den quasi metahistorischen, anthropologischen Bedingungen möglicher Geschichten, denen sich die Historik widmet. Dies ergebe sich denknotwendig aus Kosellecks Annahme, dass Geschichte aus Gegensätzen hervorgehe: „Sprache wäre nur dann eine Bedingung möglicher Geschichten, wenn es eine passende Opposition, ein anti-sprachliches Pendant dazu gäbe. Ein solches Pendant gibt es nicht.“ (S. 263) Es bleibt jedoch die Frage, warum Koselleck die Sprache in Form einer Aporie jener ‚wirklichen Geschichte‘ gleichberechtigt gegenüberstellte, die, sehr wohl auch „sprachlich ermöglicht und sprachlich vermittelt, gleichwohl mehr ist, als Sprache jemals einholen kann“.[4] Koselleck, so scheint es, wollte die „Geschichtlichkeit“ trotz der Gefahr logischer Inkonsequenz für die empirische Erfahrungsgeschichte offenhalten, indem er sie nicht durch eine Reduktion auf das ‚Verstehen‘ entproblematisierte.

Jörg Fisch argumentiert überzeugend, dass Kosellecks Interesse als Historiker dem geschichtlichen Wandel als Beschleunigung in der Geschichte und „nicht zuletzt [der] sprachliche[n] Bezeichnung dieser Geschichtlichkeit“ (S. 60) gegolten habe. Mithin stand nicht so sehr das anthropologisch-theoretische, sondern das begriffsgeschichtliche Problem im Zentrum von Kosellecks Denken. Im Falle Kosellecks könne eigentlich nur von „Beiträgen zur Untersuchung des Zeitbegriffs“ (S. 63) gesprochen werden; eine systematische Theorie historischer Zeiten bleibe weiterhin ein Desiderat.

Dieser Forschungslücke ist der anregende Beitrag von Alexandre Escudier gewidmet, der die von Koselleck entwickelten „allgemeinen Formalbestimmungen von Innen und Außen, Oben und Unten, Früher oder Später“[5] und deren Ableitungen systematisiert, indem er sie auf einen Grundgegensatz reduziert: Einer existentiellen, vorpolitischen und somit „enthistorisiert erlebten“ Zeitlichkeit stehe die „eigentlich geschichtliche Zeit“ (S. 200) gegenüber. Koselleck freilich verstand die formalen Bedingungen möglicher Geschichten als „Aporien der Endlichkeit des Menschen in seiner Zeitlichkeit“[6], die nicht weiter aufeinander reduziert werden können. Entsprechend wäre eine ausführlichere Begründung des von Escudier eingeräumten Vorrangs der „Oben/Unten“- vor der „Innen/Außen“-Dichotomie (S. 203) wünschenswert gewesen, allein schon um dem Einwand zu begegnen, dass es eine Kernthese von Kosellecks Dissertation „Kritik und Krise“ war, gerade aus dem scheinbar apolitischen Innen heraus könne eine revolutionäre Außenwirkung entstehen, die die Herrschaftsverhältnisse zum Sturz bringe.[7]

Diese Deutung der Aufklärung unterzieht Hans Erich Bödeker einer kritischen Prüfung: Einerseits finde sich in Kosellecks Interpretation der Aufklärung eine Unterschätzung von Pluralität und Heterogenität, insofern die Öffentlichkeit im Absolutismus durchaus „polyphon“ war. Andererseits überschätze Kosellecks Deutung die Notwendigkeit geschichtlicher Entwicklungen; ein „Determinismus von Aufklärung und Revolution“ (S. 149) könne aus der These der moralischen Politisierung nicht abgeleitet werden. Die Dominanz gegenwartsbezogener Interessen mache ein Umschreiben von Kosellecks Aufklärungsdeutung erforderlich, das Kosellecks geschichtstheoretische Einsichten gegen seine historiographischen Interpretationen „methodisch ernst“ nimmt (S. 174).

Den gegenwartsbezogenen praktischen und politischen Implikationen von Kosellecks Werk ist Jan-Friedrich Missfelders Beitrag gewidmet, der hinter Kosellecks Aufklärungskritik das unter Rechtsintellektuellen wie Ernst Jünger und Carl Schmitt nach 1945 weithin diskutierte „Weltbürgerkriegsparadigma“ offenlegt. Ganz im Gegensatz zu Schmitt sei es Koselleck jedoch nicht um eine nachträgliche Rechtfertigung totalitärer Ideologeme gegangen, sondern darum, eine „Utopie nach dem Ende der Utopien“ zu entwickeln, mithin „eine über die eigene Hypokrisie historisch aufgeklärte Aufklärung, die alle Universalismen vermeidet und den Weltbürgerkrieg beendet“ (S. 286). Hermann Lübbe erkennt in Kosellecks Skepsis gegenüber jeglicher Geschichtsphilosophie daher eine Nähe zur „antihistorizistischen“ Position Karl Poppers, die ihm auch eine Unabhängigkeit gegenüber geschichtspolitischen Imperativen verschafft habe.

Schließlich zeigt der Mitherausgeber Reinhard Laube, wie Kosellecks Gelehrtenbibliothek einen „Erinnerungsort“ darstellt, der auf vielfältige Weise die Beschäftigung mit Kosellecks Werk vertiefen kann. Es wäre interessant gewesen, von Laube zu erfahren, ob Koselleck ähnlich wie Karl Mannheim, vom dem auch die Begriffe „Erfahrungsraum“ und „Erwartungshorizont“ stammen (S. 107), eine re-problematisierende Lösung des Historismus-Problems, der alles relativierenden Geschichtlichkeit, gefunden hat.[8] Eine solche Lösung, die Geschichtlichkeit und Sprachlichkeit zusammenbringen könnte, ohne beide Seiten aufeinander zu reduzieren, wirft zugleich die Frage auf, ob damit nicht auch eine neue Art spezifisch geschichtswissenschaftlicher ‚Theorie‘ der „Schrittsteine“ (Ute Daniel) notwendig wird: mithin eine den begriffsgeschichtlichen Erkenntnisinteressen untergeordnete, anthropologisch informierte Betrachtungsweise, die auf ein philosophisch-strenges System verzichtet, um der Geschichtlichkeit gerecht zu werden, sich aber auch nicht vollends der Sprachlichkeit anheimgibt, um die historischen Erfahrungen nicht aus den Augen zu verlieren.

Insgesamt stellt der Sammelband eine lohnende Lektüre für diejenigen dar, die sich mit zentralen Forschungsfragen zum geschichtstheoretischen und historiographischen Werk Reinhart Kosellecks auseinandersetzen wollen.[9] Es wird ebenso die Frage nach dem Status der Begriffsgeschichte als „Wissenschaft“ verfolgt wie insbesondere die Frage nach den praktischen Implikationen von und den inneren Widersprüchen in Kosellecks geschichtstheoretischem Werk – sowie die Frage, ob in seinem Fall überhaupt von einer „Theorie“ im landläufigen Sinne gesprochen werden kann.

Anmerkungen:
[1] Reinhart Koselleck, Einleitung, in: ders., Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt am Main 2000, S. 9–16, hier S. 15.
[2] Siehe jetzt auch Reinhart Koselleck / Carsten Dutt, Erfahrene Geschichte. Zwei Gespräche, Heidelberg 2013.
[3] Vgl. die Rezension von Achim Saupe zu Niklas Olsen, History in the Plural. An Introduction to the Work of Reinhart Koselleck, New York 2012, in: H-Soz-u-Kult, 28.3.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-210> (29.12.2013).
[4] Reinhart Koselleck, Historik und Hermeneutik [1985], in: ders., Zeitschichten, S. 97–118, hier S. 117.
[5] Ebd., S. 112.
[6] Ebd., S. 98.
[7] Ders., Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt [1959], Frankfurt am Main 1973.
[8] Vgl. hierzu Reinhard Laube, „Perspektivität“. Ein wissenschaftssoziologisches Problem zwischen kulturbedingter Entproblematisierung und kulturwissenschaftlicher Reproblematisierung, in: Otto Gerhard Oexle (Hrsg.), Das Problem der Problemgeschichte 1880–1932, Göttingen 2001, S. 129–179.
[9] Zur parallelen Lektüre sei außerdem ein anderer aktueller Sammelband genannt, der Fragen der politisch-historischen Ästhetik und Visualität im Hinblick auf Kosellecks Werk diskutiert: Hubert Locher / Adriana Markantonatos (Hrsg.), Reinhart Koselleck und die Politische Ikonologie, Berlin 2013.

Zitation
Peter Tietze: Rezension zu: Dutt, Carsten; Laube, Reinhard (Hrsg.): Zwischen Sprache und Geschichte. Zum Werk Reinhart Kosellecks. Göttingen  2013 , in: H-Soz-Kult, 22.01.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18991>.