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Titel
William S. Schlamm. Ideologischer Grenzgänger im 20. Jahrhundert


Autor(en)
Peters, Susanne
Erschienen
Berlin 2013: be.bra Verlag
Umfang
607 S.
Preis
€ 56,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marcus M. Payk, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Eine Biographie des österreichisch-amerikanischen Publizisten und prominenten Renegaten William S. Schlamm (1904–1978) war lange Zeit ein Desiderat der ideen- und mediengeschichtlichen Forschung zum 20. Jahrhundert. Susanne Peters hat diese Lücke mit ihrer Chemnitzer Dissertation jetzt geschlossen. In ihrer umfangreichen Untersuchung geht sie vor allem der Frage nach, wie sich die atemberaubend anmutende Wandlung eines entschlossenen Kommunisten zu einem ausgesprochen hitzigen Kalten Krieger erklären lässt. Sie identifiziert dazu drei wesentliche Abschnitte in Schlamms Lebensweg, denen sie jeweils einen Hauptteil ihrer Arbeit zuordnet: die Zeit als junger Kommunist und Journalist in Wien und Prag; nach 1938 die Emigration in die USA mit einer raschen Assimilation und einem beachtlichen publizistischen Aufstieg; schließlich nach 1959 die Rückkehr nach Europa mit einem nochmaligen Karriereaufschwung, dann aber auch mit einem Sturz in die Isolation.

Doch der Reihe nach. Schlamm wurde 1904 in eine jüdische Kaufmannsfamilie in Galizien hineingeboren, wuchs in Wien auf und fand dort über den Wandervogel schon früh zur Kommunistischen Jugendbewegung. In bitteren Fraktionskämpfen gestählt, saß er mit gerade einmal 18 Jahren bereits im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ), überwarf sich aber 1927 mit der Partei, wobei Peters aufzeigt, dass der gegen Schlamm erhobene Vorwurf des „Rechtsabweichlertums“ kaum von der Linkswende der sowjettreuen KPÖ zu trennen ist (S. 72). Das Ende des politischen Engagements ermöglichte Schlamm eine noch beachtlichere Karriere. Er widmete sich nunmehr ganz dem journalistischen Meinungsstreit, in dem er bald eine ebenso politisch pointierte wie glänzende Feder bewies. 1932 konnte er die Wiener Redaktion der legendären „Weltbühne“ Tucholskys und Ossietzkys übernehmen, die unter seiner Ägide schon im Jahr darauf nach Prag übersiedelte und dort als „Neue Weltbühne“ rasch zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Exilpublizistik aufstieg.

Das nachfolgende Jahrfünft bis zum „Anschluss“ Österreichs 1938 stellte für Schlamm eine Hochphase publizistischer Aktivität und Anerkennung dar. Er legte scharfsinnige Faschismusanalysen vor, die sich immun zeigten gegen alle bürgerlichen wie sozialdemokratischen Illusionen über die Dynamik von Hitlers Herrschaft, aber auch harsche Kritik an offiziösen kommunistischen Positionen übten. Zugleich kündigte sich jedoch schon hier Schlamms beachtliches Talent zum redaktionellen Unfrieden an. Nach zahlreichen internen Konflikten, in denen vielleicht zum ersten Mal das launige Bonmot einer „Schlammschlacht“ (S. 110) in Umlauf gebracht wurde, verdrängte ihn sein moskautreuer Konkurrent Hermann Budzislawski aus der Redaktion. Vielleicht auch deshalb wandte sich Schlamm immer stärker vom Kommunismus stalinistischer Prägung ab, was er selbst, nicht untypisch für viele desillusionierte Linksintellektuelle der Zeit, jedoch mit Hinweis auf die Moskauer Schauprozesse begründete. Einen ethisch-moralisch fundierten Sozialismus schloss dies keineswegs aus.[1]

Die eigentliche Wendung Schlamms zum radikalen Kommunistenhasser datiert Peters auf die Zeit nach 1938 und damit auf die amerikanische Emigration. Was hier unter dem Stichwort einer „intellektuellen Amerikanisierung“ präsentiert wird, hebt sich in der Tat von den Erfahrungen anderer Emigranten markant ab. Im Gegensatz zu vielen Intellektuellen und Publizisten gelang es Schlamm nicht nur, in der Sprache seines Gastlandes rasch wieder als Journalist zu arbeiten, sondern er war dabei auch ungewöhnlich erfolgreich. Besonders bedeutsam war seine Begegnung mit dem Pressemagnaten Henry Luce im Jahr 1941. Schlamm stieg in kürzester Zeit zur rechten Hand des Herausgebers von „Time“ und „Life“ auf, dessen Glauben an eine amerikanische Politik der Stärke er übernahm und angesichts der totalitären Anfechtungen von Nationalsozialismus und Kommunismus zugleich massiv befeuerte.

Nicht minder folgenreich war Schlamms Begegnung mit William F. Buckley, der ihm die Türen zum amerikanischen Konservatismus öffnete und ihm nach dem – mit Blick auf Schlamms schwierige Persönlichkeit letztlich absehbaren – Zerwürfnis mit Luce eine neue publizistische Wirkungsstätte eröffnete. Die ab 1955 gemeinsam herausgebrachte „National Review“ wurde schnell ein phänomenaler Erfolg, überwand sie doch die bis dahin vorherrschende Zersplitterung der amerikanischen Rechten. Es ist nicht zu hoch angesetzt, wenn Peters hier von der „Entdeckung einer Identität“ (S. 284) im US-Konservatismus spricht, welche von Barry Goldwater bis Ronald Reagan die politische Szenerie in den USA bestimmt habe.

Für Schlamm erwies sich jedoch auch sein Erfolg bei „National Review“ auf Sand gebaut. Mit seinem „blinden Extremismus“ (S. 302) überreizte er alle politischen Möglichkeiten und geriet innerhalb der amerikanischen Rechten zunehmend in die Isolation. Vielleicht auch deshalb entschied er sich kurzerhand für die Rückkehr nach Europa, als sein Bericht über die junge Bundesrepublik („Die Grenzen des Wunders“, 1959) zu einem unerwarteten Erfolg in der westdeutschen Öffentlichkeit wurde. Schlamm siedelte in die Schweiz über, reüssierte als politischer Publizist aber vor allem in der Bundesrepublik – zuerst als streitbarer Kolumnist bei Henri Nannens „Stern“, später bei Axel Springers „Welt“.

In der westdeutschen Gesellschaft der 1960er-Jahre sorgten Schlamms polemische Wortmeldungen regelmäßig für medialen Aufruhr, insbesondere seine Forderung eines atomaren Präventivschlags gegen den Ostblock. Die Ablehnung, die ihm in dieser wie in den meisten anderen Fragen entgegenschlug, war nahezu einhellig. Gleichwohl lässt sich mit Peters nach den Verbindungen zur westdeutschen Politik fragen, denn nicht allein in der ostdeutschen Presse wurde darüber spekuliert, dass Schlamm lediglich solche Positionen öffentlich vortrug, die etablierte Politiker sich nicht zu artikulieren trauten. Für eine besondere Protektion lässt sich allerdings kaum ein Beleg erbringen. Unionspolitiker wie Eugen Gerstenmaier, Franz Josef Strauß oder Karl Theodor zu Guttenberg setzten sich zwar für ihn ein, allerdings weniger aus inhaltlicher Überzeugung, sondern um einer als dominant wahrgenommenen „Linkspresse“ nicht kampflos das Feld zu überlassen. Auch in der konservativen Medienlandschaft wuchs zum Ende des Jahrzehnts die Skepsis gegenüber Schlamm, was nicht allein mit der Monotonie seiner antikommunistischen Obsessionen zu tun hatte, sondern ebenso mit seinem zunehmend unberechenbaren, oft polemisch-diffamierenden Auftreten.

Damit steht die Frage im Raum, ob und inwieweit Schlamm überhaupt als jener Konservativer gesehen werden kann, als den ihn Freund und, mehr noch, Feind betrachteten. Zwar führte ihn sein irrlichtender Lebensweg nach der Trennung vom Springer-Verlag 1971 vollends in das Dickicht des rechten Narrensaums der Bundesrepublik, wo er mit der „Zeitbühne“ ein neues Monatsmagazin begründete, das er bis zu seinem Tod im Jahr 1978 im Selbstverlag herausgab. Doch mit guten Gründen ist Peters skeptisch, Schlamm alleine aufgrund seines manischen Antikommunismus für einen Konservativen zu halten. Ein Theoretiker oder Systembauer des Konservatismus war er zumindest nie, allenfalls ein Eklektiker, der an den konservativen Debatten seiner Zeit kaum Anteil nahm und im Regelfall persönliche Eitelkeiten höher ansetzte als inhaltliche Positionen (S. 508ff., S. 521ff.).

Vor diesem Hintergrund kann Peters ein schnörkelloses Fazit ziehen: Nie habe sich Schlamm wirklich gewandelt, sondern im Grunde immer nur Recht behalten wollen und sich sein ganzes Leben nach dem „totalen Sieg“ gesehnt, wenngleich unter wechselnden politischen Vorzeichen (S. 512). Das deckt sich mit den Ergebnissen zu anderen kommunistischen Renegaten, die sich vielfach durch einen, mit Isaac Deutscher gesprochen, „invertierten Stalinismus“ (S. 526) auszeichnen. Zugleich stellt dieser Befund jedoch ein wenig die Ernsthaftigkeit und ausführliche Exegese in Frage, die Peters den einzelnen Stellungnahmen Schlamms angedeihen lässt. Um seinen weltfremden Radikalismus, seine „Megalomanie“ (S. 408) und sein „eiferndes Sendungsbewusstsein“ (S. 526) mit paranoiden Einschüben als Forschungsproblem weiter aufzuschlüsseln, hätten psychopathologische Erklärungsmuster eventuell weiter geführt als die genaue Analyse seiner Schriften, so schwierig derartige Ansätze zu operationalisieren sein mögen. Auf der anderen Seite hätten manche Passagen zugunsten einer (noch) genaueren Berücksichtigung ihrer medialen und kommunikativen Rahmenbedingungen gestrafft werden können. Dass die westdeutsche Medienlandschaft beispielsweise erst Schlamms Aufstieg als nonkonformistischer Paradiesvogel ermöglichte, dann aber maßgeblich zu seiner Entzauberung beitrug, wird mehr angedeutet als ausgeführt. Auch die besondere Bedeutung, die der exzessive Alarmismus und die (Selbst-)Demontage eines Kalten Kriegers wie Schlamm zum Ende der 1960er-Jahre innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft erhalten konnte, wird nicht recht greifbar.

In der Gesamtbetrachtung muss als besondere Stärke des Buches die dichte Analyse von Schlamms amerikanischen Jahren herausgehoben werden, die durch eine Vielzahl unveröffentlichter Quellen aus zahlreichen US-Archiven erschlossen werden. Demgegenüber stützt sich der erste wie der dritte Untersuchungsteil vorwiegend auf veröffentlichte Schriften, was kein Nachteil sein muss, bei Peters aber teilweise zu sehr im Bann der unzähligen Zeitungsartikel von und über Schlamm steht; manche Fußnoten lesen sich geradezu als Auszug aus einer Pressemappe. Warum ausgerechnet das Archiv für Christlich-Demokratische Politik in der ansonsten überaus respektablen Liste der konsultierten Archive fehlt, erschließt sich nicht. Für das Verhältnis der Unionsparteien zu Schlamm wären hier vermutlich instruktive Funde zu machen gewesen.

Gleichwohl sei festgehalten: Susanne Peters hat ein detailfrohes und instruktives Buch geschrieben, dass das Leben und Schaffen von William S. Schlamm in einer zuvor unerreichten Weise ausleuchtet. Wer immer sich künftig über den streitbaren und unruhigen, vielleicht auch gequälten Publizisten genauer informieren will, wird zu dieser Studie greifen.

Anmerkung:
[1] Als Parallellektüre hierzu empfiehlt sich Alexander Gallus, Heimat „Weltbühne“. Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert, Göttingen 2012, S. 210–278. Siehe auch die Rezension von Clemens Albrecht, in: H-Soz-u-Kult, 25.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-186> (02.10.2013).

Zitation
Marcus M. Payk: Rezension zu: : William S. Schlamm. Ideologischer Grenzgänger im 20. Jahrhundert. Berlin  2013 , in: H-Soz-Kult, 07.11.2013, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19055>.