: Willy Brandt. Deutscher - Europäer - Weltbürger. Stuttgart : Kohlhammer Verlag  2012 ISBN 978-3-17-021245-9, 288 S. € 24,90.

: Willy Brandt. Ein Leben, ein Jahrhundert. Berlin : Rowohlt Berlin Verlag  2013 ISBN 978-3-87134-645-3, 349 S. € 19,95.

: Mit anderen Augen. Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt. Bonn : Verlag J.H.W. Dietz Nachf.  2013 ISBN 978-3-8012-0441-9, 279 S. € 24,90.

: Willy Brandt. München : C.H. Beck Verlag  2013 ISBN 978-3-406-65466-4, 128 S. € 8,95.

: Die Familie Willy Brandt. Frankfurt am Main : S. Fischer  2013 ISBN 978-3-10-040407-7, 509 S. € 22,99.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gisela Diewald-Kerkmann, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Betrachtet man die kaum überschaubare Literatur, die Biographien und Tagungen über den ehemaligen Regierenden Bürgermeister West-Berlins im Kalten Krieg (1957–1966), Außenminister der Großen Koalition (1966–1969), Bundeskanzler der Bonner Republik (1969–1974), Parteivorsitzenden der SPD (1964–1987), Friedensnobelpreisträger (1971) und Präsidenten der Sozialistischen Internationale (1976–1992), stellt sich fast zwangsläufig die Frage, ob nicht bereits alles bekannt ist respektive gesagt wurde. Gerade der 100. Geburtstag Willy Brandts am 18. Dezember 2013 fand eine große Resonanz in der Öffentlichkeit. Weitere Biographien und Schriften folgten – „23 neue Bücher über ihn, außerdem neun Wiederauflagen, mehrere CDs mit Reden, Theaterstücke, Dokumentarfilme, Themenausgaben von Zeitschriften und auch eine erneute Sonderbriefmarke“.[1] Aus unterschiedlichen Blickwinkeln wurde das politische Leben, aber auch zunehmend die Privatsphäre der Ikone der Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert beleuchtet. Doch liefern die zahlreichen Abhandlungen tatsächlich neue Einsichten und Antworten auf bislang offene Fragen, etwa hinsichtlich einzelner Entscheidungen Brandts in schwierigen Konfliktsituationen? Oder handelt es sich lediglich um „Biographien mit hohem Nachplapperanteil“?[2] Für die hier betrachteten Darstellungen ist deshalb zu prüfen, ob und in welcher Weise neue Akzentuierungen vorgenommen werden.

Peter Brandt setzt sich nicht nur als ältester Sohn (geb. 1948) mit seinem Vater, sondern auch als Historiker mit dem zeithistorischen Kontext auseinander. Fast zeitgleich mit dem 100. Geburtstag des Vaters hielt er seine Abschiedsvorlesung an der Fernuniversität Hagen. Peter Brandts Buch (nach kurzer Zeit bereits in der 4. Auflage) ist weniger eine Biographie als ein Versuch im klassischen Sinne, sich „mit anderen Augen“ dem Politiker und Privatmann Willy Brandt zu nähern. Dabei ist der Autor bestrebt, „der Versuchung zu widerstehen, das Objekt meiner Bemühungen nach eigenen Wünschen idealisierend zurechtzuhobeln“ (S. 8). Er behandelt spezifische Themenfelder: Krankheit und Tod, Familie und Freunde, Arbeiterbewegung, revolutionären Sozialismus und soziale Demokratie, Jugendradikalisierung, die Protestbewegung der späten 1960er-Jahre, den Parteipolitiker und Staatsmann Brandt, Fragen bezüglich Volk und Nation, politische Weggefährten sowie Mensch und Werk. Aufschlussreich sind gerade diejenigen Passagen, in denen der damals im Kontext der Protestbewegung und linksradikalem Engagement mit dem Vater zerstrittene Sohn differenzierte Erklärungen für politische Handlungsmuster Willy Brandts sucht. Aber trotz der Kontroversen zwischen Außerparlamentarischer Opposition (APO) und Regierung, trotz der ideologischen Differenzen gab es ein „persönlich relativ gutes Verhältnis“ zwischen Vater und Sohn. Nach und nach habe Willy Brandt mehr Verständnis für die Positionen der radikalisierten Jugend entwickelt. Auch den ‚Radikalenerlass‘ von 1972 hat er „schon bald nach seinem Amtsverzicht als Fehler bezeichnet und unumwunden eingeräumt, sich geirrt zu haben. Eine gewisse Nonchalance gegenüber juristischen Fragen, die er immer schon besaß, hat sich hier negativ ausgewirkt“ (S. 151).

Wie ein roter Faden durchzieht dieses Buch die Intention Peter Brandts, bekannte Vorurteile, Unterstellungen und Zuschreibungen, überhaupt Klischees zu überprüfen. Souverän und mit großer Empathie begegnet er vorgefassten Bildern kritisch, seien es die Depressivität des Vaters, die angebliche Vernachlässigung der Familie, die Gerüchte über den Frauenhelden oder das Verhältnis der Troika Herbert Wehner, Helmut Schmidt und Willy Brandt bei dessen Rücktritt 1974. Mehrfach hebt der Autor hervor, vieles erkläre sich „aus der unbehausten Kindheit und dem Zwang, ungewöhnlich früh allein zurechtkommen zu müssen“ (S. 265). Zwar räumt er ein, dass sein jüngerer Bruder Matthias (geb. 1961) den Vater als emotional behindert erlebt hat, doch könne er selbst „das Verdikt der Vernachlässigung durch den Vater nicht bestätigen“ (S. 29). Auch die Bewertungen der Rolle Herbert Wehners durch Willy Brandt, seine dritte Ehefrau Brigitte Seebacher-Brandt und Egon Bahr sieht er skeptisch. „Willy Brandt glaubte bis zu seinem Tod, er sei von Herbert Wehner im Zusammenspiel mit Ost-Berlin gestürzt worden, diese Annahme ist aber weder beweisbar noch plausibel.“ (S. 242) Allerdings führt dieses fast schon bewundernswerte Verständnis Peter Brandts stellenweise dazu, dass Konflikte und schwierige Konstellationen – beispielsweise der Testamentsstreit nach dem Tode Willy Brandts im Oktober 1992 – ausgeklammert werden.

Bernd Faulenbach, ebenfalls Historiker (Universität Bochum), langjähriger Vorsitzender der Historischen Kommission beim SPD-Vorstand und nicht zuletzt als Autor etlicher Studien zur Geschichte der SPD ein Kenner der Materie, konzentriert sich auf wichtige Stationen von Willy Brandts politischem Leben. Nach seiner Auffassung fallen Brandts Lebensdaten weitgehend mit dem „kurzen 20. Jahrhundert“ zusammen: Geboren 1913, ein halbes Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, und gestorben 1992, „kurz nach der Epochenwende, die durch den Untergang der kommunistischen Welt und durch die Überwindung der europäischen und der deutschen Spaltung markiert wird“ (S. 7). Dabei räumt Faulenbach ein, dass die sozialdemokratische Jahrhundertgestalt eine vielschichtige, keineswegs widerspruchsfreie Persönlichkeit gewesen sei, die sich einfachen Begriffen und Charakterisierungen entziehe. Aber Faulenbach vermeidet es, die persönlichen Charakterzüge Brandts, dessen Introvertiertheit ins Zentrum seiner politisch-biographischen Skizze zu rücken – nicht zuletzt deshalb, da solche Zuschreibungen häufig zum Klischee erstarren. Vielmehr ist er „an der Perzeption der Konstellationen und an dem politischen Denken und Handeln in den verschiedenen Zeiten interessiert und fragt nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten“ (S. 10). Chronologisch behandelt er zentrale Lebensstationen seines Protagonisten. Ausgehend von den Prägungen Brandts durch die sozialdemokratische Arbeiterkultur in Lübeck, seinen Erfahrungen in Emigration und Widerstand, seiner Zeit als Regierender Bürgermeister Berlins, Kanzlerkandidat und Vorsitzender der modernisierten SPD legt der Autor das Hauptaugenmerk auf den Kanzler der Reformen und der neuen Ostpolitik sowie auf dessen weltweites Engagement als Präsident der Sozialistischen Internationale. Darüber hinaus behandelt Faulenbach die Umwälzung von 1989/90 als deutsche, europäische und sozialdemokratische Chance, um dann in den letzten Kapiteln das Lebensende, Willy Brandts Würdigung durch die Zeitgenossen und sein Erbe anzusprechen.

Beim Lesen des schmalen Bandes wird deutlich, in welchem Maße Faulenbach eigene Arbeiten berücksichtigt, aber auch große Quellenbestände – etwa der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Willy-Brandt-Archivs – sowie eine umfangreiche Sekundärliteratur. Vielleicht führt gerade diese Quellendichte dazu, dass kritische Konstellationen und Situationen respektive problematische Phasen nicht ausgeklammert werden. So werden etwa die teils schwierigen Bedingungen des politischen Aufstiegs Brandts in der SPD, die Flügelkämpfe, aber auch die abweichenden Parteikonzeptionen und unterschiedlichen Verhaltensmuster nachgezeichnet. „Bereits am 8. Mai 1949, vier Jahre nach der Kapitulation, legte der inzwischen 35-jährige Brandt in einem Grundsatzreferat auf einem Berliner Landesparteitag seine Positionen über den ‚demokratischen Sozialismus‘ dar […]. Brandt tat sich wie andere parteireformerisch orientierte Sozialdemokraten, die irgendwie von außen, von links oder auch von bürgerlicher Seite kamen, mit dem sozialdemokratischen Traditionalismus schwer […]. Bedenklich war, dass Vorurteile und Vorwürfe gegen Brandt wegen seiner Exilzeit […] auch unter manchen Sozialdemokraten Resonanz fanden.“ (S. 31ff.)

Anders etwa als Torsten Körner oder Hans-Joachim Noack (auf deren Bücher gleich noch einzugehen ist) hinterfragt Faulenbach die vielfach wiederholte Annahme, dass Brandt an Depressionen gelitten habe, die ihn regierungsunfähig gemacht hätten. Er verweist auf die extremen Belastungen Brandts als Bundeskanzler und als SPD-Vorsitzender im Zeitraum von 1969 bis 1974, auf die Wahlkämpfe, insbesondere auf den vorgezogenen Bundestagswahlkampf, die zunehmende gesellschaftliche Fundamentalpolitisierung, die Spannungen zwischen den traditionellen Parteimitgliedern und Neumitgliedern, die neue Flügelbildung innerhalb der SPD und nicht zuletzt auf die zahlreichen Reformvorhaben respektive auf deren Widerstände. Brandt sei ausgebrannt, erschöpft und krank gewesen. In Anlehnung an den jüngsten Sohn Brandts, Matthias, beschreibt Faulenbach diese Gesamtverfassung eher als „Burn-out-Syndrom“ (S. 80), nicht als Depression.

Die weiteren Abschnitte etwa zur Erosion der Autorität Brandts oder die Schilderung seines Rücktritts liefern dagegen kaum neue Informationen. Als eine Folge der „Schwächephase“ Brandts sei die Regierungsbildung mit den Koalitionsverhandlungen in erheblichem Maße an ihm vorbeigegangen. Herbert Wehner und Helmut Schmidt hätten die Situation genutzt und Horst Ehmke als Leiter des Kanzleramts abgelöst. Entscheidend seien vor allem Wehners Angriffe auf den Bundeskanzler gewesen, die dieser im September 1973 ausgerechnet am Rande eines Besuchs einer Bundestagsdelegation in Moskau geäußert habe. Zwar führt Faulenbach als Auslöser des Rücktritts die Guillaume-Affäre an, aber die „konkreten Umstände des Rücktrittsbeschlusses sind immer noch umstritten und werden es wahrscheinlich immer bleiben. Doch hat offenbar für die Entscheidung Brandts ein Vier-Augen-Gespräch mit Wehner in Bad Münstereifel am Rande eines Treffens mit Gewerkschaftsführern, die sich kritisch zur Politik der Bundesregierung äußerten, ausschlaggebende Bedeutung gehabt“ (S. 85).

Dass Brandts Rolle als Präsident der Sozialistischen Internationale (SI) – trotz der umfangreichen Literatur über ihn – bislang nicht ausreichend gewürdigt zu sein scheint, dokumentiert gerade Faulenbachs Unterkapitel mit der Überschrift „Weltweites Engagement für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität“. Es wird deutlich, dass Brandt sich bereits vor der Übernahme seines neuen Amts in Spanien – nach dem Ende der Franco-Diktatur – und in Portugal für die Durchsetzung demokratischer Strukturen einsetzte. Dabei war es sein Ziel, eine ausschließlich eurozentrische Sichtweise zu vermeiden. Er engagierte sich nicht nur in Südafrika gegen das Apartheidregime oder generell in Afrika für Befreiungsbewegungen, sondern war ebenso um Lösungen des Nahost-Konflikts bemüht. Ob er tatsächlich einer der ersten war, „die die Begriffe ‚Globalisierung‘ und ‚Weltinnenpolitik‘, letzterer stammt ursprünglich von Carl Friedrich von Weizsäcker, verwandten“ (S. 105), mag dahingestellt sein.

Torsten Körner, freiberuflicher Autor und Journalist, hat nach vielfach gelobten Biographien über Heinz Rühmann, Franz Beckenbauer und Götz George nun auch über die Familie Brandt geschrieben. Diese Familiengeschichte stelle keinen Versuch dar, den Faden der Erzählung enger zu knüpfen, als das Gewebe zwischen den Mitgliedern der Familie tatsächlich gewesen sei. Vielmehr solle die Darstellung offen sein für Fragmente, rivalisierende Einschätzungen, Leerstellen, Entwicklungssackgassen und abgerissene Fäden. Mit diesem Ziel richtet Körner seinen Blick auf die einzelnen Familienmitglieder, insbesondere auf die zweite Frau Rut. Befragt hat er die Söhne Peter, Lars und Matthias sowie die Tochter Ninja aus erster Ehe. Auffällig ist in diesem Kontext, dass die dritte Ehefrau Brandts – Brigitte Seebacher-Brandt – nicht direkt einbezogen wird. Körner interviewt etliche Zeitzeugen aus dem Freundeskreis, der Nachbarschaft, aus privaten Verbindungen und politischen Zusammenhängen. Weiter sichtet er private Korrespondenzen und besucht Orte, an denen die Familie Brandt lebte. Etwas irritierend sind die Kapitelüberschriften, beispielsweise: „An Gräbern stehen“, „Der Verlassene“, „Geborgen“, „Sich trauen“, „Ninja“, „Roter Peter“, „Genscher sieht dich an“, „Haut“, „Schmidt!!!“ oder „Mehr Gefühl wagen“.

Bereits hier ist festzuhalten, dass es sich um eine gut lesbare Biographie handelt, die aber starke Tendenzen zur Psychologisierung aufweist – angefangen von der Verlassenheit als „eine[r] zentrale[n] Erfahrung in Willy Brandts Kindheit und Jugend“ (S. 21), der Familie, die „kein verlässlicher Raum der Selbstfindung und Selbstbegründung“ gewesen sei (S. 25), der mangelnden Fähigkeit Brandts, „die politische Arena zu verlassen, um den familiären Bezirk zu betreten“ (S. 79) über die „Art und Weise, wie Peter [Brandt] reagiert, […] kennzeichnend für die Männer in der Familie Brandt, sich zu erklären, Unangenehmes zur Sprache zu bringen, auf Verletzungen zu reagieren“ (S. 156), bis zur bitteren Reue Brandts, „der Gefährtin [d.h. der Zigarette] nicht treu geblieben zu sein, ohne sie fühlte er sich ganz offenbar nur wie ein halber Mensch“ (S. 283). Körner zufolge klagte Brandt nach seinem Rücktritt, dass dieser Schritt vermeidbar gewesen wäre, wenn er beim Rauchen geblieben wäre. Überhaupt gilt Brandt, der am 18. Dezember 1913 als Herbert Frahm unehelich geboren wurde und in Lübeck beim Stiefgroßvater aufwuchs, als „Verlassener“ (S. 19). Vor diesem Hintergrund ist die folgende Passage zu bewerten: „Die Familie Brandt forderte Willy Brandt heraus, ängstigte ihn, gab ihm das Gefühl, ihr nicht gewachsen zu sein, schürte in ihm die Furcht, sich selbst zu versäumen, weil er selbst in Kindheit und Jugend nie gefunden hatte, was diese, seine Kinder und seine Frau suchten: Nähe, Geborgenheit, geteilte und gemeinsam gelebte Intimität. Brandt war kein Mann, der gefühllos war oder zu wenig Gefühl besaß, sein Problemtalent (vielleicht seine Tragik) war, dass er ein Übermaß an Gefühlen besaß, unerwiderte, gestaute Gefühle, schlecht ausgebildete, verletzte, beschädigte, niemals befreite Gefühle, die ihm als Politiker faszinierende Tiefe verliehen, als Privatmann aber in Einsamkeit bannten.“ (S. 395) Demgegenüber sei Helmut Schmidt ein Politiker gewesen, der mit sich selbst im Einklang war, dessen Ich keine Kriege gegen sich selbst führte, da er viel zu dynamisch gewesen sei, um an sich selbst zu zweifeln (S. 325).

Insgesamt wäre in Körners Buch eine stärkere Auseinandersetzung mit dem zeithistorischen Kontext – auch für eine Familiengeschichte – sinnvoll gewesen. So weist Peter Brandt im Zusammenhang eines Interviews mit dem Journalisten Jacques Schuster zu Recht darauf hin, dass der fehlende körperliche Kontakt mit seinem Vater ihn kaum von anderen Kindern seiner Generation unterschieden habe (S. 311). Tatsächlich hatten die meisten Väter in den 1950er- und 1960er-Jahren eher ein körperlich distanziertes Verhältnis zu ihren Kindern. Folglich werden viele Heranwachsende dieser Jahrgänge ihre Väter ähnlich wahrgenommen haben. Ferner ist kritisch anzumerken, dass Körners Interviews – vor allem mit Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher – partiell oberflächlich wirken. So kann der Eindruck entstehen, wie Robert Leicht treffend konstatiert, dass die „reichlich selbstgefälligen Berichte“ nur zeigen, „dass er [d.h. Körner] – mangels politisch-substantiellen Interesses – mit ihnen kein relevantes Gespräch führen konnte, wohl auch, weil er sie nicht nach dem Politiker Brandt, sondern nur nach persönlichen Dingen befragte, von denen sie annahmen, dass sie weder sie selbst noch den Autor noch uns etwas angingen“.[3]

Einhart Lorenz, aus Berlin stammender Historiker und emeritierter Professor für europäische Geschichte, war lange Jahre an der Universität Oslo tätig. Bereits im Vorwort seiner politischen Biographie macht er deutlich, dass er bei dem Vorhaben, eine so komplexe Zeit und eine derartig komplexe Persönlichkeit wie Brandt auf knappem Raum zu behandeln, nicht alles erfassen könne – vor allem dann nicht, wenn versucht werde, den Protagonisten nicht nur aus einer deutschen Perspektive zu betrachten. Gerade in diesem Perspektivenwechsel liegt der Gewinn von Lorenz' Buch. Da er die norwegische und schwedische Sprache beherrscht, war es ihm möglich, neue Quellen zu erschließen, überhaupt zahlreiche Originaltexte der skandinavischen Exiljahre Brandts auszuwerten – nicht zuletzt die publizistischen Arbeiten. Ein Ergebnis ist, dass er Brandts Jahre in Oslo von 1937 bis 1940, seine Rolle in der norwegischen Arbeiterbewegung wie auch sein Leben im schwedischen Exil in der Zeit von 1940 bis 1945 äußerst differenziert und aufschlussreich darstellen kann. Dabei räumt er mit der Sicht auf, Brandts Aufenthalt und Arbeit in Oslo sei „ein Leben ohne Stress“, Anpassung an die „bedächtige Lebensweise der Norweger“ und „politische Schrebergärtnerei“ gewesen (S. 25). Das Gegenteil sei der Fall gewesen: „Er hatte es nicht nur mit einer Fremdenpolizei zu tun, die ihn ausweisen wollte und die ihn vorübergehend zwang, in Deckung zu gehen, sondern auch mit Gestapoagenten und norwegischen Nationalsozialisten, die ihn beschatteten.“ (Ebd.)

Im Exil beteiligte sich Brandt nicht nur an zentralen Diskussionen in der norwegischen Arbeiterbewegung, hielt Vorträge und erstellte zahlreiche Materialsammlungen, sondern versorgte darüber hinaus auch die Arbeiterpresse mit Nachrichten über die politische Entwicklung im NS-Regime. Dabei nutzte er die Netzwerke der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) und stellte Verbindungen zu SAP-Grenzkurieren sowie zur Auslandszentrale her. Zudem betreute er Flüchtlinge, deren Sprecher er war. Da Lorenz weder die ideologischen Debatten noch die Konflikte in der norwegischen Arbeiterbewegung ausklammert, wird der politische Veränderungsprozess Brandts nachvollziehbar – „weg von den dogmatischen Positionen und eine Annäherung an die Prinzipien des demokratischen Parlamentarismus […] [sowie] die Erkenntnis, dass seine politischen Kontrahenten in Norwegen zwischen Person und Politik zu unterscheiden wussten“ (S. 31).

Chronologisch beleuchtet der Autor dann Brandts Jahre von 1945 bis 1947 zwischen Norwegen und Deutschland, seine Rückkehr 1947 in die deutsche Politik und seinen Aufstieg zum Regierenden Bürgermeister von Berlin, den Zeitraum 1960 bis 1966 als Kanzlerkandidat, die Jahre 1966 bis 1969 als Vizekanzler und Außenminister respektive 1969 bis 1974 als Bundeskanzler. Im elften Kapitel geht es um die Phase von 1974 bis 1992 als Parteivorsitzender, Weltbürger und Staatsmann ohne Staatsamt. Hervorzuheben ist vor allem das neunte Kapitel (1969–1974: Willy Brandt als Bundeskanzler, S. 150–194), hier das Unterkapitel „Hochgespannte Erwartungen, parteiinterne Kritik und Machtverfall“, in dem Lorenz den Eklat zwischen Herbert Wehner und Willy Brandt beschreibt. Unbestritten sind Brandts passive Reaktion und seine Abneigung vor der Konfrontation im Kontext der veränderten Popularität zu bewerten. „Hatten noch im Juni 1973 76 % der Befragten ihre Zustimmung zu seiner Kanzlerschaft ausgedrückt, war seine Popularität Ende des Jahres mit 38 % auf einem Tiefpunkt angelangt.“ (S. 187) Aber auch diese – vielfach emotional aufgeladene – Thematik behandelt Lorenz mit einer kritischen Distanz und verschont uns mit Klischees. Das gilt für sämtliche Kapitel des Buches.

Hans-Joachim Noack, langjähriger Politikchef des „Spiegel“, vorher Reporter der „Süddeutschen Zeitung“ sowie der „Frankfurter Rundschau“, lernte Willy Brandt 1970 im niedersächsischen Landtagswahlkampf kennen. In den letzten Jahren sind bereits seine Biographien über Helmut Schmidt und Helmut Kohl erschienen. Gerade Noacks Buch dokumentiert, wie schwierig es ist, neue politische Fakten über die „sozialdemokratische Jahrhundertgestalt“ zu veröffentlichen. Ausgehend von seinen eigenen Begegnungen in den Jahren 1970 bis 1992 versucht der Autor eine chronologische Annäherung an Willy Brandt – „Ein von Geburt an chronisch einsamer Kerl“ (S. 7). Noack setzt sich mit Brandts Kindheit und Jugend in Lübeck auseinander, mit seinem Exil in Norwegen respektive in Schweden und mit seiner Rückkehr in die zerstörte Heimat. Auf dieser Basis behandelt er die wichtigen Phasen Brandts als Berliner Bürgermeister, Entspannungspolitiker und Außenminister in der Großen Koalition sowie vor allem als Kanzler des Aufbruchs. Es folgen erwartungsgemäß Krise und Rücktritt, Brandts Zeit als „Parteipatriarch und Weltinnenpolitiker“ (S. 285), um dann im letzten Kapitel das Thema „Mensch und Mythos“ aufzugreifen.

Dass dieses Buch mit einer großen Sympathie für Brandt geschrieben ist, wird deutlich. Aber ungeachtet dessen finden sich auch kritische Passagen. Beispielsweise erwähnt Noack den turbulenten Nürnberger SPD-Kongress im März 1968, auf dem Brandt sich „in aller Schärfe von dem revoltierenden ‚Pöbel‘ [distanzierte] und selbst sein Bedauern über das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke […] mit einer deutlichen Abfuhr an die Adresse der APO“ verband (S. 195). Bereits Anfang 1966 habe Brandt als Regierender Bürgermeister die erste große Demonstration gegen den Vietnamkrieg voller Wut eine „Schande für Berlin“ genannt (S. 196). Bei dieser Haltung sei er trotz der Kritik seines ältesten Sohnes Peter geblieben. Aber auch die dritte Ehefrau Brigitte Seebacher-Brandt wird mit Skepsis betrachtet. Während sie in den anderen Biographien kaum oder nur am Rande erwähnt wird, stand sie Noack zufolge „von Anfang an im Verdacht, den kontaktscheuen Vorsitzenden kühl kalkuliert zu vereinnahmen und seiner Partei zu entfremden“ (S. 14).

Mit einem eigenen Kapitel unter der Überschrift „Der Herr badet gern lau, so in einem Schaumbad“ (S. 251–283) unterstützt Noack offensiv die These, dass die Intrigen Herbert Wehners den Bundeskanzler mehr oder weniger zum Rücktritt gezwungen hätten. Demnach hätten Wehner und Schmidt die Stimmbänderentzündung und notwendige Operation Brandts genutzt, um die Gespräche über das zweite sozialliberale Kabinett 1972 in ihrem Sinne zu entscheiden. „Im Schulterschluss mit dem Fraktionsvorsitzenden, der sich nicht scheut, mehrere ihm schriftlich überbrachte Brandt-Direktiven einfach in einer seiner legendären dicken Aktentaschen verschwinden zu lassen, werkelt der Chef Helmut Schmidt des wieder eigenständigen Finanzministeriums unverblümt an seiner Karriere. Dem ohnehin schon einflussreichen Ressort werden die Fachgebiete Konjunktur und Währung zugeschlagen, während Horst Ehmke und Egon Bahr ihre Schlüsselpositionen verlieren.“ (S. 252) Der sich in einem anhaltenden ‚Formtief‘ befindende Brandt sei weder in der Lage gewesen, Wehner und Schmidt entgegenzutreten, noch dazu, seine Richtlinienkompetenz durchzusetzen. Noack erläutert ausführlich, manchmal auch zu detailliert, die einzelnen Schritte der Kontrahenten: „Macht der forsche Hanseat ein über das andere Mal keinen Hehl daraus, dass er sich ‚Führung‘ ganz anders vorstellt, als sie im Palais Schaumburg praktiziert wird, sorgt sich der zusehends verbiesterte ‚Onkel‘ in erster Linie um seinen Einfluss.“ (S. 256) Wehner habe sich sogar zur größten Entgleisung hinreißen lassen, die die SPD bis dahin erlebt habe. So konferierte Brandt noch in den USA, als Wehner im Rahmen eines Pressegesprächs in Moskau den Bundeskanzler als unzuverlässiges Leichtgewicht denunziert habe, das „entrückt“ und „abgeschlafft“ sei und „zumal in der Deutschland- und Ostpolitik längst das nötige Augenmaß verloren“ habe (S. 264).

Durchweg wird Wehner als listig und kaltblütig, überhaupt als verbiestert tituliert. Er habe Brandt gerade während der spektakulärsten Geheimdienstaffäre in der Geschichte der Bundesrepublik – dem Fall „Guillaume“ 1974 – mit einem wenig substanziellen Treuegelöbnis abgespeist, obwohl er ihn einige Wochen zuvor noch als unersetzbar bezeichnet habe. Schmidt dagegen kommt bei Noack etwas besser weg. So habe er versucht, Brandt davon zu überzeugen, dass man wegen solcher „Lappalien“ nicht die Segel streiche: „‚Spionage‘, schreit er seinen schwankenden Kanzler da an, gebe es ‚jedes Jahr, und wenn mir irgendjemand eine Wanze in meine Aktentasche tut, was kann ich dafür?‘. Bei aller Ungeduld, mit der es den ehrgeizigen Hanseaten an die Spitze drängt – die Vorstellung, dass die Stasi einen Regierungschef der Bonner Republik aus dem Amt zu kippen imstande sein könnte, ist ihm so ‚instinktiv unerträglich‘, wie er die ‚kleinbürgerliche Moralität‘ verabscheut, die dem Spektakel anhaftet.“ (S. 282) Da Noack sich fast ausschließlich auf die Konflikte zwischen Brandt, Wehner und Schmidt konzentriert, gewinnen die häufig angeführten außerehelichen Affären, Frauengeschichten und Brandts vermeintliche Erpressbarkeit keine Bedeutung. Das ist positiv herauszustellen, trotz einiger sonstiger Schwächen dieses Buchs.

Insgesamt wird deutlich, dass bei einer Jahrhundertgestalt wie Willy Brandt nach einer Flut von Biographien, Presseberichten, Schriftenreihen (besonders der 10-bändigen „Berliner Ausgabe“ und der Schriftenreihe der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung mit bisher 27 Heften[4]) sowie zahlreichen publizierten Selbstzeugnissen Brandts nicht unbedingt Neues zutage gefördert werden kann. Ungeachtet dessen werden – partiell auf der Basis von bislang noch nicht erschlossenen Quellen – neue, auch wichtige Akzente gesetzt, andererseits jedoch bekannte Vorurteile und Zuschreibungen wiederholt. Gleichzeitig werden fortbestehende Defizite sichtbar. Noch stärker als bisher gilt es, Brandts Rolle als Präsident der Sozialistischen Internationale von 1976 bis 1992, als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission von 1977 bis 1983 und als Mitglied des Europaparlaments von 1979 bis 1983, überhaupt sein globales Engagement zu analysieren. Die Gefahr, dass Willy Brandt zur Ikone erstarrt, ist offenkundig. Umso notwendiger ist eine kritische Auseinandersetzung mit Klischees, überhaupt eine Dekonstruktion des Brandt-Mythos.

Anmerkungen:
[1] Bernd Rother, Rezension zu Hélène Miard-Delacroix, Willy Brandt, Paris 2013, in: H-Soz-u-Kult, 10.02.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-1-099> (08.07.2014).
[2] Albrecht Müller, Rezension zu Peter Brandt, Mit anderen Augen. Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt, Bonn 2013, in: NachDenkSeiten – Die kritische Website, <http://www.nachdenkseiten.de/?p=19024> (08.07.2014).
[3] Robert Leicht, Kanzler der Herzen, in: Tagesspiegel, 25.09.2013, <http://www.tagesspiegel.de/kultur/kanzler-der-herzen/8841686.html> (08.07.2014; Rezension zu den Büchern von Hans-Joachim Noack und Torsten Körner).
[4] Frei zugänglich unter <http://www.willy-brandt.de/stiftung/downloads.html> (08.07.2014). In ihrer Reihe „Willy-Brandt-Studien“ hat die Stiftung bislang außerdem fünf Bände veröffentlicht, zwei weitere Bände in der Reihe „Willy-Brandt-Dokumente“. Siehe <http://www.willy-brandt.de/stiftung/forschung-und-publikationen/studien-und-dokumente.html> (08.07.2014).

Zitation
Gisela Diewald-Kerkmann: Rezension zu: : Willy Brandt. Deutscher - Europäer - Weltbürger. Stuttgart  2012 / : Willy Brandt. Ein Leben, ein Jahrhundert. Berlin  2013 / : Mit anderen Augen. Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt. Bonn  2013 / : Willy Brandt. München  2013 / : Die Familie Willy Brandt. Frankfurt am Main  2013 , in: H-Soz-Kult, 29.07.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19194>.
Redaktion
Veröffentlicht am
29.07.2014
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