R. v. d. Bussche: Konservatismus in der Weimarer Republik

Titel
Konservatismus in der Weimarer Republik. Die Politisierung des Unpolitischen


Autor(en)
von dem Bussche, Raimund
Erschienen
Umfang
428 S.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Hacke, Humboldt-Universität zu Berlin

An ideengeschichtlichen Arbeiten über die Zeit der Weimarer Republik mangelt es nicht. Dabei haben jene Denkrichtungen, die unter dem schillernden Paradoxon der "Konservativen Revolution" gebündelt werden, stets besondere Aufmerksamkeit erfahren. Ging es Kurt Sontheimer in seiner Pionierarbeit über "Antidemokratisches Denken" von 1962 noch darum, die "Steigbügelhalterrolle" der rechten Intelligenz für die Machtübertragung an die Nationalsozialisten insgesamt nachzuweisen, so legte der Soziologe Stefan Breuer in seiner anregenden Studie den Schwerpunkt auf die Gegensätze im rechten Spektrum, indem er die Auffassungen der "konservativen Revolutionäre" zu den Schlüsselbegriffen Staat, Reich, Volk, Nation und Rasse vergleichend überprüfte. Nach seiner "Anatomie der Konservativen Revolution" bestand der gemeinsame Nenner lediglich in der Leitvorstellung eines "neuen Nationalismus". Exemplarisch zeigen beide Arbeiten, wie schwierig es ist, Grenzziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen der politischen Rechten vorzunehmen und ein Programm der "Konservativen Revolution" zu erkennen.[1]

Jetzt will Raimund von dem Bussche dem Sammelbegriff der "Konservativen Revolution" in seiner Dissertation über den "Konservatismus in der Weimarer Republik" den Garaus machen. Breuer und allen anderen, die sich bisher mit der politischen Rechten der Weimarer Republik auseinandergesetzt haben, wirft er vor, von einer falschen Dichotomie des Forschungsfeldes ausgegangen zu sein, nämlich der Gegenüberstellung einer "wilhelminisch geprägten Reaktion" auf der einen und der Illusion von "jugendfrischen Konservativen" auf der anderen Seite (7). Bereits im Untertitel findet sich das verbindende Element dieses Konservatismus, das den Leser bis zum Ende des Buches durchgängig begleitet: die "Politisierung des Unpolitischen", wahlweise auch als eine "Politisierung des Irrationalismus" (47). Von Carl Schmitt bis Wilhelm Stapel, von Ernst Jünger bis Edgar Jung, von Ernst Niekisch bis Oswald Spengler wendet der Autor diese Formel an.

Der selbstgestellte Anspruch des Autors und der Titel wecken hohe Erwartungen, denn Bussche will "zu einer Darstellung gelangen, die sich mit den bereits vorhandenen historiographischen Untersuchungen zum Konservatismus anderer Zeiträume messen kann" (11). Dabei ist Bussches Ansatz eng auf rein ideengeschichtlich hermeneutische Methoden begrenzt und vertraut auf die Erklärungskraft, die die Formel von der "Politisierung des Unpolitischen" bereithält, bzw. auf die Plausibilität der Fallbeispiele, die der Autor auswählt.

Die Charakterisierung der für den Konservativen typischen Haltung findet Bussche in Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen". Dessen aus der Endphase des Kaiserreiches stammendes Credo, daß der spezifisch deutsche "seelische Konservatismus etwas wahrhaft Revolutionäres" bedeute und daß jenseits der Politik stehende Güter das überparteiliche Selbstverständnis des Konservativen, d.h. Unpolitischen, bestimmten, wies laut Bussche intellektuell den Weg für andere konservative Ideologen, die sich nach 1918 "nicht mehr in einer Abwehrhaltung" befanden, sondern "zur Offensive gezwungen" sahen (19). "Politik ist für den Unpolitischen ein Geschehen, das ohne seine Beteiligung stattfinden soll", so nimmt Bussche die Vorstellungen Manns auf (28). Deshalb strebt der unpolitische Konservative in Weimar die Rückkehr von der politischen Partizipation breiter Schichten zum Obrigkeitsstaat an, der die "vorpolitische Harmonie" garantiert. Den Kampf, um dieses Ziel zu erreichen, muß der Konservatismus allerdings mit politischen Mitteln führen, doch um diese Dialektik hat sich der Ästhet Thomas Mann, der sich bekanntlich bald zur Republik bekannte, schon nicht mehr gekümmert.

Mit erheblichem interpretatorischem Aufwand verfolgt der Autor die Ideen Manns in den Schriften der Rechten. Aber weder von dem deutschnationalen Theologen Friedrich Brunstäd noch vom baltendeutschen Philosophen und Privatier Hermann Graf Keyserling, die Bussche zu Vordenkern der Rechten erhebt, läßt sich behaupten, daß sie den Weimarer Konservatismus entscheidend geprägt hätten.

Dagegen kann der Einfluß der von Bussche behandelten "Hausgötter" der politischen Rechten, Oswald Spengler und Arthur Moeller van den Bruck, nicht überschätzt werden. Treffend analysiert Bussche, daß die inhaltlich kargen Botschaften vom "preußischen Sozialismus" (Spengler) und vom "Dritten Reich" bzw. vom "Recht der jungen Völker" (Moeller) die beiden zu "den prominentesten Advokaten der Konservativen nach 1918" machten (128). Der "linken Intelligenz" wird, wie Bussche es auf den Punkt bringt, die "rechte Gesinnung entgegengestellt" (144).

Ob er die Ideologen der Rechten als "metapolitische Spekulanten" und "Entpolitisierer" freilich ausreichend charakterisiert, mag bezweifelt werden. Richtig ist, daß sowohl Spengler als auch Moeller van den Bruck oder Carl Schmitt eine radikale Transformation politischer Begrifflichkeiten anstrebten. Begriffe wie "Revolution", "Demokratie" und "Sozialismus" konnten seither nicht mehr von der Linken monopolisiert werden. Der geistige Beitrag eines Moeller van den Brucks zur rechten Ideologie bestand folglich "in der spezifischen Verwirrung, die er gewollt unter den politischen Begriffen stiftete" (177). Die anspruchsvolleren Vordenker der politischen Rechten, allen voran Carl Schmitt, waren sich darüber klar, daß sie nur "in der Sprache der Aufklärung gegen die Aufklärung zu Felde ziehen" konnten (231).

Wenn sich "Konservatismus" nach 1918 anders buchstabierte als im Kaiserreich und sehr verschiedene Gruppierungen umfaßte, wo findet sich dann das allen gemeinsame konservative Element? Heinrich August Winkler hat guten Grund, des Autors "Beinahe-Gleichsetzung" von "konservativ" und "unpolitisch" als konstruiertes "Zerrbild" zu kritisieren.[2] Denn es fällt schwer, einen mythischen Irrationalismus allein zur spezifisch konservativen Charakteristik zu erklären. Ohne Zweifel verstanden die Exponenten der politischen Rechten unter Politik nicht die parlamentarischen Spielregeln der Demokratie, sondern pflegten das Pathos der Entscheidung, aber sie waren - frei nach Carl Schmitt - politisch genug, um zu wissen, wo ihr jeweiliger Feind stand. Neben den (auch von den Kommunisten) geteilten Ressentiments gegen Liberalismus und Parlamentarismus, die sich leicht als "die Zerstörung der Politik" deuten lassen, gab es erhebliche Auffassungsunterschiede. Die politischen Ziele waren bei Schmitt andere als bei Spengler, bei Ernst Niekisch andere als bei Hugenberg. So war es der Soziologe Hans Freyer, der sich auf die Seite der Technik und der Moderne schlug und gegen nationale Romantik und überkommene Standesdünkel die "Revolution von rechts" beschwor - damit sprach er nicht gerade die Wählerschaft der DNVP an. Von solchen Meinungsverschiedenheiten im Lager der Rechten findet sich in Bussches Arbeit wenig.

Zwar ist der Vorsatz begrüßenswert, nicht mehr auf den Pfaden von Armin Mohler zu wandeln, um die Diversifikation im rechten Lager bis ins letzte Jota aufzuspüren, sondern im Gegenteil nach vereinfachenden Kategorien zu suchen. Doch erstaunlich bleibt das Ergebnis der Synthese Bussches, wenn die kritisierte Dichotomie von rückwärtsgewandten Monarchisten und "Konservativer Revolution" soweit aufgelöst wird, daß erstere völlig belanglos werden, ja für den Konservatismus der Weimarer Zeit gar keine Rolle mehr spielen. Zugegebenermaßen war aus dieser Ecke keine ideologische Kreativität zu erwarten, doch das war selten typisch für Konservative. Bussche hätte sich nur die Titelei seines eigenen Buches, das in der Reihe der "Heidelberger Abhandlungen" erschienen ist, ansehen müssen und wäre auf den dort immer noch als Begründer aufgeführten Historiker Erich Marcks gestoßen. In Marcks ist der verbreitete Typus des Konservativen zu sehen, der alljährlich an den Universitäten die Feiern zum Reichsgründungstag beging und der nicht allein in der von Bussche eingehender behandelten DNVP zu finden war, sondern ebenso zwischen anderen nationalen Splitterparteien und den ehemaligen Nationalliberalen der DVP desorientiert oszillierte. Daß auf die konservativen Grundlagen des Katholizismus ebenfalls einzugehen wäre, sei nur am Rande vermerkt.

Abschließend regt Bussche an, das Neue am Konservatismus nach 1918 mit dem etwas nebulösen Etikett des "konservativen Utopismus" zu versehen, weil es sich um "Entwürfe von Gesellschaften" handelt, "in denen Politik nicht stattfindet" (383). Diesem Vorschlag darf wohl mit dem Hinweis begegnet werden, daß noch jede Utopie nach der Beseitigung des Politischen strebte.

Die entscheidende Schwachstelle des Buches liegt darin, daß Bussche die Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik weitgehend aus seiner Arbeit heraushält. Der Leser erfährt - den Adel ausgenommen - wenig über die traditionellen Trägerschichten des Konservatismus in Justiz, Ministerialbürokratie, Kirche oder an den Universitäten. Es fehlen Versuche, die obzwar völkisch, aber nicht mehr konservativ zu nennende junge Intelligenz auf der politischen Rechten zu orten, wie dies Ulrich Herbert in seiner Studie über Werner Best bereits getan hat.[3] Vielmehr tendiert Bussches ideengeschichtlicher Ansatz dazu, den Konservatismus in Weimar als ein gleichsam statisches und in sich konsistentes Phänomen darzustellen. Das war er keinesfalls. Denn spätestens ab 1930 hatten sich "konservativ-revolutionäre nationalistische Strömungen im Bildungsbürgertum einen wichtigen literarischen Platz erobert und sorgten auf diesem Terrain für die geistige Radikalisierung des Konservatismus", wie Axel Schildt in seiner jüngsten Überblicksdarstellung zum "Konservatismus in Deutschland" feststellt.[4]

Bussches Arbeit ist reich an originellen Interpretationen und weist auf manche bislang kaum wahrgenommenen Zusammenhänge im Lager der politischen Rechten hin. Wer sich aber ein zutreffendes Bild vom politischen Konservatismus in der Weimarer Republik machen möchte, der sollte lieber bei Schildt das entsprechende Kapitel lesen.

Anmerkungen:
[1] Kurt Sontheimer: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933, München 1994, 4. Aufl.; Stefan Breuer: Anatomie der Konservativen Revolution, Darmstadt 1995, 2. Aufl.
[2] Vgl. Heinrich August Winkler: Metadialektik. Eine eigenwillige Deutung des Weimarer Konservatismus, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.8.1999, S. 10.
[3] Ulrich Herbert: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903-1989, Bonn 1996.
[4] Axel Schildt: Konservatismus in Deutschland. Von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 1998, S. 164.

Zitation
Jens Hacke: Rezension zu: : Konservatismus in der Weimarer Republik. Die Politisierung des Unpolitischen. Heidelberg  1998 , in: H-Soz-Kult, 04.02.2000, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-196>.
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04.02.2000
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