K. Hruza (Hrsg.): Österreichische Historiker

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Titel
Österreichische Historiker. Lebensläufe und Karrieren 1900-1945: Band 2


Hrsg. v.
Hruza, Karel
Erschienen
Umfang
673 S.
Preis
€ 79,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Berg, Humboldt-Universität zu Berlin

Für viele Jahrzehnte stand, in strikter Abgrenzung zur einstmals so vielfach betriebenen Geschichte „großer Männer“, die Biographie in der deutschen Geschichtswissenschaft unter einem weitgehenden Generalverdacht. Wohl kaum einem historiographischen Sujet ist grundsätzlicher jegliche wissenschaftliche Aussagefähigkeit bestritten worden. Allerdings, eine Historiographiegeschichte frei von biographischen Darstellungen war, auch auf dem Höhepunkt der Ablehnung des biographischen Genres, offenkundig nicht denkbar.[1] In deshalb nicht zufälliger Parallelität haben die Geschichte der Geschichtswissenschaft wie auch die wissenschaftliche Biographik in den vergangenen zwei Dekaden gemeinsam eine anhaltende, fast symbiotisch erscheinende Forschungskonjunktur erlebt, resultierend in einer kaum mehr zu überblickenden Fülle von Veröffentlichungen.[2]

Anzuzeigen ist nun der unlängst erschienene zweite Band einer von Karel Hruza herausgegebenen Sammlung biographischer Darstellungen zur österreichischen Geschichtswissenschaft zwischen der Wende zum 20. Jahrhundert und dem Kriegsende 1945. Der Vorgängerband hat an dieser Stelle eine überaus zustimmende Besprechung erfahren – er wurde unter anderem als „Krönung der bisherigen Forschungsarbeit“ zumindest in Österreich bezeichnet –, sowohl bezüglich seiner Konzeption wie auch der Ausführung in den einzelnen Beiträgen.[3] Dem seinerzeit geäußerten, umfassenden Lob kann sich für den zweiten Band mit seinen weiteren vierzehn Historikerbiographien angeschlossen werden, vor allem da es sich in der Tat um eine Fortsetzung, teils auch um eine Nachlieferung von ursprünglich für den ersten Band bereits eingeplanten Beiträgen handelt (vgl. das Vorwort des Herausgebers S. 7f.). Der Verzicht Hruzas auf eine Wiederholung seiner im ersten Band enthaltenen, ausführlichen konzeptionellen Einführung ist deshalb nachvollziehbar, zumal diese keineswegs ersatzlos entfällt.[4] Hruza nutzt die Gelegenheit vielmehr, um den zweiten Teil seiner Unternehmung im Lichte der Rezeption des ersten Bandes, gleichsam in der von ihm selbst angeregten Forschungsdiskussion, zu platzieren (S. 9–21). Sicher fällt dieser souveräne Umgang mit der Aufnahme seines ersten Bandes dem Herausgeber auch deshalb leicht, weil die Mehrzahl der aufgeführten Besprechungen positiv ausfiel. Allerdings verschweigt er auch die kritischen Anmerkungen keineswegs. Im Besonderen seine Auseinandersetzung mit diesen addiert zur konzeptionellen Einführung des ersten Bandes die nun mögliche, reflektierte Ergänzung, Präzisierung oder Korrektur.

Im Einzelnen können die, entsprechend der Lebensläufe ihrer Protagonisten sehr unterschiedlichen Aspekten gewidmeten Beiträge nicht referiert werden. Auf einen durchaus wesentlichen Punkt jedoch soll eingegangen werden. Der Herausgeber streift diesen in seiner Darstellung der Rezeption des Erstlings fast nebenbei, indem er auf die deutlich überproportionale Wahrnehmung seiner Sammlung von österreichischen Historiker-Biographien in bundesdeutschen Zeitschriften und Zeitungen hinweist (S. 10). Nicht nur geteilte Sprache, Themen und oftmals politische Orientierung verbanden die deutsche und österreichische Historiographie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch institutionell waren enge Bande geknüpft, so teilten beide Geschichtswissenschaften bis 1945 eine gemeinsame Fachvereinigung, den Verband Deutscher Historiker, dessen Historikertage auch in Österreich abgehalten wurden.[5] Auch bei Berufungen waren grenzüberschreitende Karrieren – zumeist von Österreich nach Deutschland – keineswegs eine Seltenheit. Der Band trägt der besonderen Bedeutung dieses Verhältnisses in erfreulicher Weise Rechnung. So werden mit Michael Tangl und Anton Chroust zwei in Österreich geborene und ausgebildete Historiker gewürdigt, deren berufliche Karriere wesentlich in Deutschland an Schwung gewann bzw. auch dort ihren Abschluss fand.

Vor allem aber Heinrich Ritter von Srbik gilt es an dieser Stelle zu nennen. Srbik avancierte seit den 1920er-Jahren in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft zu einem der angesehensten Vertreter der Disziplin, fachlich wie teils auch politisch. Nach dem vom aufstrebenden NS-Historiker Walter Frank inszenierten Sturz Hermann Onckens im Frühjahr 1935 verhinderte nur Srbiks eigener Verzicht seine Berufung auf den „ersten“, bedeutendsten Lehrstuhl des Faches an der Berliner Universität. Eine ausführlichere Untersuchung der wissenschaftlichen Biographie Srbiks ist ein weiterhin zu beklagendes Desiderat. Im zweiten Band der Sammlung nun gibt Martina Pesditschek in ihrem dezidiert kritischen, zugleich aber differenzierenden, über sechzig Seiten umfassenden Porträt einen Eindruck davon, wie vielversprechend eine monographische Arbeit über Srbik ist. Man wird nicht allen, gelegentlich auch apodiktischen Wertungen Pesditscheks folgen wollen, doch verdeutlicht ihr Beitrag fraglos für ein weiteres Beispiel die enge Verbindung zwischen Geschichtswissenschaft und Nationalsozialismus.

Der Aufsatz zu Srbik offenbart allerdings auch ein gewisses Problem dieses ansonsten so erfreulichen Bandes. Nach 1945 verlor Srbik (vorerst) sämtliche Ämter und starb bereits 1951, nur noch skizzenhaft widmet sich Pesditschek der durchaus nennenswerten literarischen Produktion Srbiks in seinen letzten Lebensjahren. Vor allem aber stirbt, von einer knappen Auflistung späterer Ehrenrettungsversuche abgesehen, in Pesditscheks Darstellung mit dem Menschen Srbik auch der Historiker. Srbiks etwaige weitere Wirkungsgeschichte in der österreichischen (und deutschen) Geschichtswissenschaft entfällt. Von dieser aber würde man doch gern mehr wissen. Inwieweit war dem historiographischen Werk Srbiks zumindest in den 1950er-Jahren (oder länger?) ein Weiterleben beschieden, welche Aspekte blieben „nutzbar“, welche nicht? Kurzum, inwieweit ist der vorgenommene Kurzschluss von politischem Bruch und innerwissenschaftlichem, paradigmatischem Wandel gerechtfertigt? Die Frage mag nicht für alle dargestellten Protagonisten von unmittelbaren Belang sein, auch enden die Beiträge in den gegebenen Fällen durchaus nicht strikt mit dem Kriegsende. Aber, am Beispiel Srbiks wird es deutlich, ein historiographiegeschichtlich begründetes Ende des Untersuchungszeitraumes hätte zusätzliche Erkenntnisperspektiven eröffnen können.

Dies jedoch sei weniger als Kritik denn als Überlegung und Anregung verstanden, insgesamt erfährt die eingangs angeführte, essentielle Verbindung von biographischer Darstellung und historiographiegeschichtlicher Forschung in diesem zweiten Teil der „Österreichischen Historiker“ eine eindrückliche Bestätigung. Für einige der untersuchten Historiker wird, wie bei Srbik, auf eine eigenständige Untersuchung zu hoffen sein. Für andere wiederum – die weder der monographischen Ausführlichkeit bedürfen noch mit einer Spalte im Lexikon hinreichend gewürdigt wären – werden die hier vorgelegten Beiträge wohl für lange Zeit die Forschung anregen. Man kann diesen zweiten Band also als sehr willkommene Erweiterung zum ersten stellen und mit Spannung dem vom Herausgeber bereits angekündigten, dritten Teil entgegenblicken.

Anmerkungen:
[1] Vgl. beispielhaft Hans-Ulrich Wehler (Hsrg.), Deutsche Historiker. Band I–IX, Göttingen 1971–1982, sowie Notker Hammerstein (Hsrg.), Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, Stuttgart 1988.
[2] Zusammenfassend zur Entwicklung der wissenschaftlichen Biographik vgl. Thomas Etzemüller, Biographien. Lesen – erforschen – erzählen, Frankfurt am Main 2012.
[3] Der erste Band erschien 2008, vgl. Karel Hruza (Hsrg.), Österreichische Historiker 1900–1945. Lebensläufe und Karrieren in Österreich, Deutschland und der Tschechoslowakei in wissenschaftsgeschichtlichen Porträts, Wien 2008; besprochen von Pavel Kolar in: H-Soz-u-Kult, 06.07.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-3-014> (10.05.2013).
[4] Vgl. die Einführung: Karel Hruza, Österreichische Historiker 1900–1945. Zum Stand der Forschung, in: ders. (Hsrg.), Österreichische Historiker 1900–1945. Lebensläufe und Karrieren in Österreich, Deutschland und der Tschechoslowakei in wissenschaftsgeschichtlichen Porträts, Wien 2008, S. 13–37.
[5] Von den neunzehn bis 1945 gemeinsam veranstalteten Tagungen fanden immerhin vier in Österreich statt.

Zitation
Matthias Berg: Rezension zu: Hruza, Karel (Hrsg.): Österreichische Historiker. Lebensläufe und Karrieren 1900-1945: Band 2. Wien  2012 , in: H-Soz-Kult, 31.05.2013, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19643>.