C. Jaser u.a. (Hrsg.): Alteuropa – Vormoderne – Neue Zeit

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Titel
Alteuropa – Vormoderne – Neue Zeit. Epochen und Dynamiken der europäischen Geschichte (1200–1800)


Hrsg. v.
Jaser, Christian; Lotz-Heumann, Ute; Pohlig, Matthias
Erschienen
Berlin 2012: Duncker & Humblot
Umfang
341 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hiram Kümper, Historisches Institut, Universität Mannheim

„Alteuropa“ als Chiffre für eine übergreifende Alternativperiodisierung, die das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit wieder enger aneinander bindet, ist alles andere als ein etablierter Begriff in der internationalen Geschichtswissenschaft. Das hat – zumal in Deutschland – sicher auch fachgeschichtliche Gründe: Die ja gerade erst als Disziplin etablierte Frühneuzeitforschung tut sich nachvollziehbar schwer, sich allzu freudig wieder dem interepochalen Schulterschluss preis zu geben. Erst in allerjüngster Zeit werden die Referenzen auf das Konzept „Alteuropa“ wieder häufiger. Dass zumindest in chronologischer Hinsicht sein Zuständigkeitsfeld – also das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit – dagegen längst übliche Praxis geworden ist, zeigt unter anderem einer der Beiträge in dem hier vorliegenden Sammelband, der Heinz Schillings 70. Geburtstag ehrt.[1] Dass ein solcher Band in den Beiheften der „Zeitschrift für historische Forschung“ (ZHF) erscheint – mithin der einzigen deutschsprachigen Zeitschrift, die sich bewusst über die etablierte Epochenschwelle hinwegsetzt –, erscheint absolut konsequent.

Obwohl der Buchtitel gleich drei Epochenetiketten aufwirft, ist es doch merklich das Alteuropa-Konzept, um das es den Herausgeber/innen geht. Das merkt man deutlich schon in der Anlage des Bandes, steht Alteuropa doch Pate für die drei Sektionen, unter denen sich die insgesamt 21 Beiträge gruppieren: Auf „Historiographiegeschichtliche und methodische Perspektiven“ auf das „Profil Alteuropas“ folgen „Alteuropäische Lektüren“ zur „Religions-, Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte“ und schließlich eine Betrachtung von Übergangsphänomenen hin zur Moderne unter dem Obertitel „Alteuropa und die Sattelzeit“. Dass dabei die mittlere der drei Sektionen mit ihrer dehnbaren Ansammlung von Bindestrichgeschichten die meisten Beiträge unter sich versammeln kann, vermag kaum zu verwundern.

Die Herausgeber/innen haben den Beiträgerinnen und Beiträgern die explizite Aufgabe gestellt, sich mit den Potenzialen, dem Nutzen, den Grenzen, „ja, vielleicht sogar der Nutzlosigkeit“ (S. 19) des Alteuropa-Konzepts auseinanderzusetzen, wofür ihnen ein offener Fragenkatalog (S. 20–22) an die Hand gegeben wurde. Das ist eine spannende Aufgabe. Und die allermeisten der Angefragten sind sie auch mit großem Ernst angegangen. Nur selten – und nie mehr als indizienhaft – beschleicht den Leser das Gefühl, er habe hier verstaubte Schubladenfunde oder neu arrangierte Wiederaufgüsse vor Augen, derer sich Festschriftbeiträge sonst allzu leicht verdächtig machen. Sie alle im Einzelnen vorzustellen, verbietet sich. Stattdessen seien nur einige wesentliche Schwerpunkte und Ergebnisse angeführt.

Mit der Frage nach dem Stellenwert des Alteuropa-Konzepts beschäftigt sich die erste Sektion. Barbara Stollberg-Rilinger wirft in ihrem bereits angesprochenen Beitrag die Frage auf, mit welchem Epochenetikett (Alteuropa vs. Vormoderne) die von ihr diagnostizierte Bereitschaft zur epochenübergreifenden Arbeit am ehesten einzufangen sei.[2] Dass die Antwort nicht eindeutig ausfallen kann, liegt in der Sache. Deutlicher bezieht dagegen Gerd Schwerhoff Position für den Alteuropabegriff, den er für einen „unverzichtbaren Anachronismus“ hält. Aus kirchengeschichtlicher Perspektive besprechen Thomas Kaufmann (ganz essayistisch, ohne Anmerkungsapparat) und – eher historiographiegeschichtlich resümierend – Thomas A. Brady die Einheit Alteuropas. In diesen Zusammenhang gehört auch Volker Leppins Kartierung des „historischen Ortes der Reformation“, die sich später unter den Fallstudien findet. Christian Jaser und Stefan Ehrenpreis stellen mit Jacques Le Goffs „long moyen âge“ und Peters Lasletts „The World We Have Lost“ zwei alternative Epochengroßentwürfe vor, die in Deutschland bestenfalls zur Kenntnis genommen, aber im Grunde nie ernsthaft rezipiert worden sind.

Diese zweite Sektion versammelt Fallstudien zu Einzelproblemen der Alteuropäistik. So fragt etwa Ruth Slenczka, ob „Alteuropa“ nicht als Epochenchiffre für die Kunstgeschichte in Frage käme. Ihre Antwort: unter Umständen. Nötig sei dafür dann aber der (kunsthistorisch unübliche) Rekurs auf „allgemeinhistorische Epochenmerkmale“ anstelle von „stilistischen Formkonstanten“ (S. 242). Die Merkmale freilich, die Slenczka dann dafür in Anschlag bringt, unter anderem etwa das mittlerweile viel geschmähte „Ganze Haus“, dürften bei dieser Nachbardisziplin zumindest nicht auf ungeteilte Akzeptanz stoßen. Robert von Friedeburg diskutiert das bedenkenswerte Konzept der „new monarchies“ als stark komparatistisch operierenden Ansatz, um die Dynamiken der europäischen Staatenbildung in den Griff zu bekommen. Unter dieser Perspektive wird die frühe Neuzeit wieder deutlicher gegen das Mittelalter konturiert, wenngleich Friedeburg durchaus auch auf Elemente alteuropäischer Persistenz hinzuweisen vermag. Regelmäßig werden in den Beiträgen dieser Sektion europäische Sonderwege in Frage gestellt – oft nur en passant, manchmal ganz programmatisch, wie beispielsweise in Willem Frijhoffs knappem Essay über die Entwicklung der Universitäten in der frühen Neuzeit. In konzeptioneller Hinsicht schließlich wäre noch besonders auf Johannes Burkhardts anregenden Betrag über die „Modernität der Altökonomik“ hinzuweisen, der sich ganz dezidiert für eine Rettung des Epochenbegriffs „Frühe Neuzeit“ stark macht.

Nicht wirklich trennscharf setzt sich vom Sammelbecken der zweiten die dritte Sektion ab, in der ebenfalls im Wesentlichen Langzeitphänomene diskutiert werden – diesmal freilich nicht so sehr im Durchmarsch von (ehemals) Mittelalter und früher Neuzeit, sondern über die Scheidejahre um 1800 hinweg. So lernt der Leser, wieviel Alteuropa noch die Moderne geerbt haben könnte. Über den Export alteuropäischer Werte und Institutionen nach Nordamerika schließlich referiert Holger Gräf in einem lesenswerten Beitrag.

Verhalten kritisch anzumerken bliebe der Umgang mit den Vorgängern: Verwunderlich bleibt etwa, warum Dietrich Gerhard mit seinem Alterswerk „Old Europe“[3] zwar in den meisten der Beiträge aufgerufen, sein konzeptioneller Ansatz aber mit Ausnahme von Gerd Schwerhoffs Plädoyer für den „unverzichtbaren Anachronismus“ Alteuropa (insbes. S. 32ff.) kaum ausgiebiger besprochen wird. Dass die ihn interessierende „Konstanz“, von der Dietrich Gerhard einmal in einem Brief an seinen Lehrer Meinecke spricht[4], mit Statik verwechselt wird, ist leider eines der großen Missverständnisse, die sich durch die Alteuropahistoriographie zieht. So bleibt Gerhard im Wesentlichen Fußnote. Gleiches gilt für die Chimäre Otto Brunner; hier gewinnt man den Eindruck, dass zu Brunners „Altem Haus“ mittlerweile alles gesagt sei und deshalb der Pauschalverweis genüge.[5] Und Braudels „longue durée“, die der Altmeister selbst zwar nie definitorisch passgenau, aber doch immerhin spezifischer ausformuliert hat, als es ihr Gebrauch im historiographischen Alltag gern suggeriert[6], bleibt in der Regel Chiffre für alles, was irgendwie lange dauert.[7] Auf der Suche nach einer positiven Bestimmung des Alteuropa-Konzepts würde hier neue Lektüre der „Klassiker“ sicher guttun. Das zeigen nicht zuletzt die genannten Ausnahmen von der hier leise geäußerten Kritik.

Und gerade deswegen auch torpedieren diese Einwände mitnichten den Befund, dass der vorliegende ein ausgesprochen lesenswerter Band ist. Im Gegenteil: Er bringt konstruktives Diskussionspotential auf einen Tisch, der eine Debatte in der Tat vertragen kann – in fachpolitischer ebenso wie in inhaltlicher Hinsicht. Die Frage, ob man über das, was viele schon ganz pragmatisch tagtäglich tun – nämlich das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit näher aneinander binden – nicht doch wieder auch einmal programmatisch diskutieren darf, muss erlaubt sein. Und dieser Band stellt sie auf anregende Weise.

Anmerkungen:
[1] Gemeint ist der Beitrag von Barbara Stollberg-Rilinger, die auf der Grundlage quantitativer Auswertungen des Rezensionsteils in der Zeitschrift für historische Forschung zu dem Ergebnis kommt, dass zwar „Alteuropa als Etikett“ sich „offenbar nicht recht durchsetzen konnte“, wohl aber die dahinter stehende epochenübergreifende Arbeitsweise (ebd., S. 51ff.).
[2] Vgl. Anm. 1.
[3] Dietrich Gerhard, Old Europe. A Study of Continuity, 1000–1800, New York 1981.
[4] Gerhard A. Ritter (Hrsg.), Friedrich Meinecke: Akademischer Lehrer und emigrierte Schüler. Briefe und Aufzeichnungen, 1910–1977 (Biographische Quellen zur Zeitgeschichte 23), München 2006, S. 180f.
[5] Eine sehr lesenswerte Ausnahme liefert der Beitrag von Kaspar von Greyerz über den „alteuropäischen Aristotelismus“ in diesem Band.
[6] Vgl. nur Fernand Braudel, Geschichte und Sozialwissenschaften: die longue durée [1972], in: Claudia Honneger (Hrsg.), Schrift und Materie in der Geschichte. Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse (Edition Suhrkamp 814), Frankfurt am Main 1977, S. 47–85.
[7] Erhellend sind in diesem Zusammenhang aber die kurzen Passagen in dem Beitrag von Christian Jaser über Jacques Le Goffs „long moyen âge“ (hier S. 83f.).

Zitation
Hiram Kümper: Rezension zu: Jaser, Christian; Lotz-Heumann, Ute; Pohlig, Matthias (Hrsg.): Alteuropa – Vormoderne – Neue Zeit. Epochen und Dynamiken der europäischen Geschichte (1200–1800). Berlin 2012 , in: H-Soz-Kult, 24.04.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19817>.
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24.04.2014
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