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Titel
Rom. Bewunderte Vergangenheit – inszenierte Gegenwart. Die Stadt in literarischen Topographien der Renaissance


Autor(en)
Kritzer, Ruth E.
Erschienen
Umfang
452 S., zahlr. Abb.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ursula Gießmann, Historisches Institut, Universität zu Köln

Mit Ruth Kritzer hat eine neulateinische Philologin die vorliegende Studie zu den literarischen Topographien der Stadt Rom aus der Renaissancezeit angefertigt. Der Schwerpunkt dieses Bandes liegt auf dem philologischen Textvergleich verschiedener einschlägigen Autoren des 15. und 16. Jahrhunderts, die jeweils mit Übersetzung präsentiert werden: Flavio Biondo, Andrea Fulvio, Giovanni Bartolomeo Marliano und Jean Jacques Boissard. Nach einer knappen Einführung in die Gattung der literarischen Topographie werden aus den Schriften der genannten Autoren diejenigen Passagen nebeneinandergestellt, in denen die Entstehung Roms und das antike Zentrum mit Forum Romanum und Kapitol beschrieben werden. Damit rückt Kritzer zwei Themen in den Mittelpunkt, aus denen das von diesen Autoren der Renaissancezeit konstruierte Bild der antiken Stadt Rom besonders deutlich hervortritt. Die jeweils abschließenden „Auswertungen“ sind ausgesprochen knapp und lassen noch Raum für weitere Forschungen und Interpretationen.

Auf den umfangreichen Textvergleich (S. 65–279) der Werke ‚De Roma instaurata‘ (Flavio Biondo), ‚Antiquitates urbis‘ (Andrea Fulvio), ‚Urbis Romae topographia‘ (Giovanni Bartolomeo Marliano) und ‚Antiquitates Romanae seu Topographia Romanae Urbis pars I‘ (Jean Jacques Boissard) folgen knappe Ausführungen über das Verhältnis von literarischen Rombeschreibungen und bildlichen Darstellungen der Stadt. Dazwischen findet sich etwas versteckt ein weiterer Textvergleich der genannten Autoren zu der Frage, inwiefern die Rom-Literatur päpstliche Stadtplanung beeinflusste. Drei Register erschließen den Band auf unterschiedliche Weise, so steht nicht nur ein Stellen- und Personenregister zur Verfügung, sondern auch ein Verzeichnis der Orte und Monumente Roms. Eine knappe Bibliographie und über 50, teilweise farbige Abbildungen komplettieren diesen Band.

Bevor Kritzer in dem einleitenden Kapitel zu ihrem Schwerpunkt, den literarischen Topographien der Renaissance gelangt, stellt sie knapp die Vorläufer dieser Gattung in Spätantike und frühem Mittelalter mit Textbeispielen vor, so vor allem die Itinerarien und Rom-Pilgerführer. Intensiv beschäftigt sie sich mit den so genannten ‚Mirabilia urbis Romae‘. Als eine Übergangsfigur zwischen der mittelalterlichen Mirabilien-Literatur und der Romliteratur der Renaissance macht Kritzer den Kurienschreiber und zum Freundeskreis Petrarcas gehörenden Giovanni Cavallini aus. Auch den berühmten Spaziergang Poggio Bracciolinis durch die Ruinen Roms, den er innerhalb des 1448 fertiggestellten Dialogs ‚De varietate fortunae‘ schildert, zählt Kritzer zu den Verläufern der literarischen Beschreibungen Roms. Diesen literarischen Streifzug Bracciolinis und den dort beklagten Verlust der antiken Größe Roms – schon damals ein Gemeinplatz – rezipierten zahlreiche Autoren topogaphischer Werke und schrieben ihn, ebenso wie einige Irrtümer über den Verfall Roms, weiter fort.

Den eigentlichen Anfang der topographischen Beschreibung markierte, so die wenig überraschende Einschätzung von Kritzer, erst Flavio Biondo mit seiner Schrift ‚(De) Roma instaurata‘, deren Redaktion er 1446 abschloss. Biondos Romschilderung sowie die in seiner Nachfolge entstehenden Texte sind demnach als eigenständige literarische Gattung „zu klassifizieren, weil sie eben das, was ‚Topographie‘ in messtechnischem Sinn bedeutet […], in Worte bzw. einen leserfreundlichen, eigenständigen Text fassen“ (S. 25). Das Streben nach wissenschaftlicher Exaktheit soll dabei im Sinne einer Vermessung bzw. Autopsie verstanden werden, zugleich aber wurde auch das Konstrukt eines ‚alten‘ Roms entwickelt bzw. neu belebt. Im Folgenden stellt Kritzer die im Textvergleich gemeinsam mit Biondo herangezogenen Autoren des 16. Jahrhunderts – Fulvio, Marliano und Boissard – knapp vor. Daran schließen sich Beobachtungen über die Entwicklung der literarischen Rom-Beschreibungen in den folgenden Jahrhunderten an. Deren Charakter wurde insbesondere durch die voranschreitende Etablierung der Archäologie als Fachwissenschaft immer sachlicher, bis schließlich altertumskundliche Wissenschaftsprosa die literarisch überformten Beschreibungen ablöste. Zuletzt wird auf die programmatischen Vorreden in den einzelnen Werken eingegangen und die entscheidenden Passagen im Original (hier ohne Übersetzung) angegeben. Auch bei diesen hochgradig intentionalen Widmungsschreiben und Vorreden macht Kritzer nur sehr knappe Vorschläge für eine mögliche Interpretation.

Zum eigentlichen Hauptteil, dem Vergleich von Textpassagen der vier bereits vorgestellten Autoren, kann kaum mehr gesagt werden als bislang geschehen. Denn die Zusammenstellung der topographischen Beschreibungen lässt den Leser mit vielen Fragen zurück, auf die er sich am Ende selbst Antworten geben muss. So wird etwa auf das aufgeworfene Problem, inwiefern die literarischen Rombeschreibungen Einfluss auf die päpstliche Baupolitik und Stadtplanung nahmen, nur oberflächlich eingegangen und dieser interessante Zusammenhang nicht einmal ansatzweise näher ausgeführt. Stattdessen stellt Kritzer Informationen aus der teilweise recht betagten Forschungsliteratur zur Verfügung und gibt die jeweilige Beschreibung des Vatikans der vier Autoren wieder. Dies geschieht ohne weitere Fragestellung, denn „wie alle vier Autoren der obigen Textvergleiche den Vatikan beschreiben, zeigt am deutlichsten, wie sie mit dem sich aufrichtenden Papsttum umgingen und welcher Bedeutung sie der geistlichen Macht zumaßen“ (S. 318). Die hier deutlich werdende Einschätzung, dass Quellen bereits für sich sprechen und keiner weiteren Untersuchung bedürfen, lässt nicht nur Historiker/innen recht unbefriedigt zurück. Dabei wäre eine stärkere Systematisierung und entsprechende Bearbeitung der hier präsentierten Texte nicht nur naheliegend, sondern sicherlich auch ertragreich gewesen. Auch eine ergänzende Zusammensicht der topographischen Beschreibungen mit zeitgenössischen Karten und Veduten wäre im Zuge des so genannten spatial turns erwartbar und sinnvoll gewesen. Immerhin haben sich bereits benachbarte Disziplinen wie Bildwissenschaft, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft längst zu diesen Fragen geäußert.[1]

Zuletzt arbeitet Kritzer einen interessanten Befund heraus: So argumentiert sie anhand von Randbemerkungen, die sich in der Salzburger Ausgabe der Rombeschreibung von Marliano (gedruckt 1588) befinden, dass sich der Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau (1587–1612), der umfangreiche städtebauliche Veränderungen in Salzburg initiierte, möglicherweise von eben dieser Schrift inspirieren ließ. Die Argumentation bleibt zwar zuletzt spekulativ, da die Randnotizen in humanistischer Kursive noch keine eindeutige Datierung erlauben. Doch Kritzer führt überzeugend aus, dass die literarischen Beschreibungen Roms nicht nur zu einem Rom-Konstrukt als Denkfigur führten, sondern mitunter auch Fernwirkungen entfalteten und sich etwa in sichtbarer Baupolitik materialisieren konnten. Dabei ist das Salzburger Beispiel nicht singulär, wurde Rom doch immer wieder als Modell und Ideal einer Stadt aufgefasst und entsprechend nachgebildet, man denke etwa an die Architektur der State Capitols in den Hauptstädten der US-Bundesstaaten.[2]

Insgesamt liegen die Stärken dieses Bandes in der Auswahl und Zusammenstellung der topographischen Beschreibungen Roms der Renaissancezeit, ihrer verlässlichen Übersetzung ins Deutsche und im umfangreichen Kommentar. Kritzer macht damit das in der Renaissance entstandene Bild des antiken Roms auch lateinunkundigen Forschern und Laien sowie für die universitäre Lehre zugänglich. Dies stellt eine ausgesprochen verdienstvolle Arbeit dar, die hoffentlich von allen Rominteressierten angemessen gewürdigt wird. Die bisweilen sperrige Begriffswahl (zum Beispiel „das Papsttum […] behandelt er eher ‚unemotional‘“ oder „stets tritt er als ‚Richtigsteller‘ auf“, beides S. 370) und allzu lange Zitate aus der Forschungsliteratur (etwa S. 276, 285, 315, 372) sollten diesen Eindruck nicht mindern. Die Einordnung der Autoren, die eigentliche Analyse und Interpretation dieser komplexen Texte sowie die Verschränkung mit zeitgenössischer Architektur und der bildlichen Überlieferung geschieht jedoch nur ansatzweise. Damit steht ein fruchtbares Feld für weitere Forschungen bereit.[3]

Anmerkungen:
[1] Vgl. für die Bildwissenschaft: Steffen Bogen / Felix Thürlemann, Rom. Eine Stadt in Karten von der Antike bis heute, Darmstadt 2009; für eine literaturwissenschaftliche Aufarbeitung: Hartmut Böhme (Hrsg.), Topographien der Literatur. Deutsche Literatur im transnationalen Kontext, Stuttgart u.a. 2005.
[2] Torsten Mattern, „Noble beyond expression“. Die Antike als Vorbild der US-Architektur, in: Ulrich Niggemann / Kai Ruffing (Hrsg.), Antike als Modell in Nordamerika. Konstruktion und Verargumentierung (1763–1809), München 2011, S. 277–303.
[3] Martin Disselkamp, "Nichts ist, Rom, dir gleich". Topographien und Gegenbilder aus dem mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa, Ruhpolding 2013.

Zitation
Ursula Gießmann: Rezension zu: : Rom. Bewunderte Vergangenheit – inszenierte Gegenwart. Die Stadt in literarischen Topographien der Renaissance. Wien  2012 , in: H-Soz-Kult, 19.03.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19850>.
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Veröffentlicht am
19.03.2014
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