O. Schwarzer: Sozialistische Zentralplanwirtschaft in der SBZ/DDR

Titel
Sozialistische Zentralplanwirtschaft in der SBZ/DDR. Ergebnisse eines ordnungspolitischen Experiments (1945 - 1989)


Autor(en)
Schwarzer, Oskar
Erschienen
Stuttgart 1999: Franz Steiner Verlag
Umfang
228 S.
Preis
€ 85,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ute Becker, Institut für Neuere Geschichte, Friedrich Alexander Universität Erlangen-Nürnberg

"Wir wollen jetzt nach vorne sehen. Es ist für uns gar keine Frage, ob die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik fortgeführt wird. Sie muß fortgeführt werden, denn sie ist ja der Sozialismus in der DDR!"[1]. Diese Worte sagte Egon Krenz noch im Mai 1989 zu höchsten Wirtschaftsfunktionären der DDR, obwohl schon zu diesem Zeitpunkt klar war, daß die wirtschaftliche Situation in der DDR dramatisch schlecht war. Die Auswirkungen dieser sozialistischen Wirtschaftsordnung der Zentralplanwirtschaft sind in den neuen Bundesländern noch heute, 10 Jahre nach dem politischen und wirtschaftlichen Umbruch, sicht- und spürbar. Welchen wirtschaftlichen Leistungsstand hatte die DDR während ihrer Existenz tatsächlich? Warum konnte der Staat im internationalen Vergleich nicht mithalten? Diese Fragen versucht der Bamberger Wirtschaftshistoriker Oskar Schwarzer in seiner Studie mit einer Fülle an ausgewerteten Zahlenmaterial zu beantworten. Die anzuzeigende Publikation stellt einen Ausschnitt aus seiner Habilitationsschrift zum Thema: "Wirtschaftsordnung, technischer Fortschritt und 'Wohlstand für Alle' in Deutschland (1750 - 1990)" dar.

Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der DDR ist überschätzt worden. Die Kenntnisse über die reale wirtschaftliche Situation in der DDR waren 1989 so unzureichend, daß die Politik die Probleme hinsichtlich der wirtschafts-, sozial- und strukturpolitischen Ziele der Wiedervereinigung unterschätzte(1). Erst seit 1990 ist es möglich, sich ohne Einschränkungen der Erforschung der DDR-Wirtschaft zu widmen[2]. Die bis 1989 erschienenen Publikationen sind aus verschiedenen Gründen unvollständig. Für westdeutsche, westeuropäische und amerikanische Wissenschaftler stellte sich bis 1989 im hohen Maße das Problem der ungünstigen Quellenlage, da das Material aus der DDR nur schwer oder gar nicht zugänglich war. DDR - Wissenschaftler standen hingegen unter dem Druck der offiziellen Parteilinie der SED. Diese Situation nahm Oskar Schwarzer zum Anlaß sich eingehender mit der DDR-Wirtschaft zu beschäftigen

Oskar Schwarzer beginnt mit der Beschreibung der sozialistischen Umgestaltung in der SBZ/DDR nach 1945 und deren Auswirkungen. Die Verhältnisse in der Sowjetunion waren Vorbild für die Systemänderung in der SBZ, da die Sowjetunion "als richtungsweisender Staat im Ostblock, als Modell und als Schutzschild die Entwicklung maßgeblich mitbestimmte" (11). Neben der Wirtschaft waren auch Gesellschaftsbereiche wie Justiz, Bildung und Sozialpolitik von dieser Umgestaltung betroffen. Voraussetzung für die Errichtung einer Planwirtschaft war die Enteignung der Betriebe und deren Überführung in Volkseigentum. So waren die beiden wichtigsten Prinzipien der DDR-Wirtschaft das "sozialistischen Eigentum an Produktionsmitteln und die sozialistische Zentralplanwirtschaft"(33). Das Wirtschaftlichkeitsprinzip fiel in der sozialistischen Zentralplanwirtschaft dem Primat der Politik zum Opfer. Das Ergebnis waren unsinnige Planvorgaben, die viel zu spät in den Betrieben ankamen und außerdem noch häufig während der Planperiode revidiert wurden.

Nach einer vergleichenden Skizze der Wettbewerbsfähigkeit beider deutscher Staaten im internationalen Vergleich geht Oskar Schwarzer besonders auf die Bevölkerungsentwicklung, das Arbeitskräftepotential und die Investitionen in das Humankapital in der DDR ein. "Die gesamtwirtschaftliche Leistung der DDR wurde unter Heranziehung von nahezu allen arbeitsfähigen Personen erbracht. Trotz abnehmender Bevölkerungszahl und Überalterung stieg der Beschäftigungsgrad, insbesondere bei Frauen, kräftig an"(82). Die Ausweitung der Produktion erfolgte ausschließlich durch eine extensive Bewirtschaftung des Produktionsfaktors Arbeit. Die DDR steckte im Laufe der Jahre immer mehr Mittel in die Ausbildung, ohne das entsprechende Erträge nachfolgten. Ergebnis war eine häufige Mehrfachqualifizierung, wobei die Mehrheit der Beschäftigten unterhalb ihres Qualifikationsniveaus arbeiteten.

In einem weiteren Kapitel führt Oskar Schwarzer eine Effizienz-Analyse der DDR-Wirtschaft durch. Dabei geht er auf das Wachstum der Gesamtwirtschaft, Investitionen, Außenhandel, Subventionen und die Verschuldung der DDR ein. Ein Problem stellt die Vergleichbarkeit der Währung und der Preise der DDR zu nichtsozialistischen Staaten dar. "Die über das Kriegsende hinaus weiterführende Abschottung gegenüber den Weltmärkten durch Außenhandels- und Valutamonopol, die Abschaffung der Gewerbefreiheit und die Nivellierung der Einkommen auf relativ niedrigen Niveau mit der Folge, daß die Leistungsmotivation der ökonomisch aktiven Bevölkerung sank, verhinderte in der DDR einen vergleichbaren Wiederaufbau wie im Westen"(223) so faßt Oskar Schwarzer das Ursachenbündel für die Ineffizienz der DDR-Wirtschaft zusammen. Hinzu kamen, daß erhebliche Teile des Volkseinkommens und des Volksvermögens zu Machtsicherungszwecken eingesetzt wurden. Im Ergebnis lebte spätestens ab Mitte der 50er Jahre die DDR von der Hand in den Mund, hatte also keine Reserven mehr. "Der intervalutarische Produktivitätsvergleich erbrachte für die DDR 1989 eine Bandbreite von 14 bis 20% des bundesdeutschen Niveaus [...]. Dies entsprach etwa einem Produktivitätsstand wie ihn die Bundesrepublik vor 1950 oder Deutschland 1936 bzw. 1914 hatte"(217).

Abschließend beschäftigt sich Oskar Schwarzer mit dem Lebensstandard und der Eigentums- und Vermögensstruktur in der DDR. Die stetige Steigerung des Lebensniveaus war ein erklärtes ideologisches Ziel der SED, zum einen, um die Legitimation der Parteiherrschaft zu erhöhen und zum anderen, um soziale Unruhen zu verhindern. Dabei erreichte die DDR-Bevölkerung 1989 etwa den Stand des westdeutschen Niveaus von Anfang der siebziger Jahre. Trotzdem war der Lebensstandard im Vergleich zur Produktivität in der DDR zu hoch. Das private Eigentum spielte in der DDR kaum eine Rolle. Es gab keinen Anreiz Grund und Boden zu besitzen. "Das gesamtgesellschaftliche Volkseigentum war - ideologisch bedingt - die dominante Form des Eigentums"(186) stellt Oskar Schwarzer fest. "Insgesamt hatte das Sparvermögen in der DDR stets einen Anteil von mehr als 80% am gesamten Geldvermögen der DDR"(190).

Oskar Schwarzer stellt seiner Untersuchung ein umfangreiches Quellensupplement zur Seite. Darin sind eine ausführlich Statistik des gesellschaftlichen Gesamtproduktes und des Nationaleinkommens der DDR von 1949 bis 1989, Daten zum Lebensstandard in der DDR und Basisdaten zur Vermögensstruktur der DDR enthalten. Außerdem präsentiert Oskar Schwarzer Quellen aus dem Bundesarchiv Berlin und Quellen der Stiftung der Parteien und Massenorganisationen der ehemaligen DDR im Bundesarchiv - Zentrales Parteiarchiv der SED, Berlin. Besonders interessant war für mich jedoch der Situationsbericht aus der SBZ - 1946, den Oskar Schwarzer in der Library of Congress, Washington, D.C. - Manuscript Division aufgespürt hat und als Supplement 5 in seinem Buch abdruckt. Von einem Zeitzeugen wird hier die Situation nach 1945 beschrieben.

Oskar Schwarzer bietet in seiner Studie einen systemanalytischen Überblick über die sozialistische Zentralplanwirtschaft in der DDR. Er geht nicht chronologisch vor, sondern untersucht die DDR-Wirtschaft von ihren Ergebnissen, von ihrem Ende ausgehend. Das verursacht teilweise eine Sprunghaftigkeit in der Beschreibung der Ereignisse. Die große Stärke seiner Arbeit ist das umfangreiche Zahlenmaterial, das Oskar Schwarzer in Form von Tabellen und Graphiken auswertet. Sie bilden eine wesentliche Grundlage für zukünftige Arbeiten über die DDR-Wirtschaft. Wichtig ist meiner Meinung nach nun eine weiterführende Aufarbeitung der historischen Quellen verschiedener Zeitabschnitte und verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in der DDR.

Anmerkungen:

[1] Zit. nach: Klaus Schroeder: Der SED-Staat. Partei, Staat und Gesellschaft 1949 - 1990, München 1998. S. 308.

[2] z.B. Christoph Buchheim (Hrsg.): Wirtschaftliche Folgelasten des Krieges in der SBZ/DDR, Baden-Baden 1995. Christian Heimann: Systembedingte Ursachen des Niedergangs der DDR-Wirtschaft. Das Beispiel der Textil- und Bekleidungsindustrie 1945 - 1989, Frankfurt/M 1997. Jürgen Schneider / Wolfgang Harbrecht (Hgg.): Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik in Deutschland (1933 - 1993), Stuttgart 1996.

Zitation
Ute Becker: Rezension zu: : Sozialistische Zentralplanwirtschaft in der SBZ/DDR. Ergebnisse eines ordnungspolitischen Experiments (1945 - 1989). Stuttgart  1999 , in: H-Soz-Kult, 14.11.1999, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20>.
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Veröffentlicht am
14.11.1999
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