E. Francois u.a. (Hrsg.): Geschichtspolitik in Europa seit 1989

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Titel
Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich


Hrsg. v.
François, Etienne; Kończal, Kornelia; Traba, Robert; Troebst, Stefan
Erschienen
Göttingen 2013: Wallstein Verlag
Umfang
560 S., 3 Abb.
Preis
€ 42,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Römer, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Geschichtspolitik ist in der Forschung zur jüngsten Zeitgeschichte Europas eines der zentralen Themen. Einige renommierte Kenner dieses Forschungsgebiet haben im November 2007 eine Tagung veranstaltet über die geschichtspolitischen Folgen der Zäsur von 1989/90 in und zwischen Deutschland, Polen und Frankreich.[1] Auf dieser Basis, aber mit etwas veränderter Zusammensetzung der Themen und Autoren ist nun ein Sammelband entstanden. Er wird von Akteuren herausgegeben, die sich allesamt nicht nur einer nationalen Forschungslandschaft verpflichtet fühlen. Im Vordergrund steht eine vergleichende Perspektive der geschichtspolitischen Entwicklungen in Europa seit 1989. Anders als es der Untertitel suggeriert, wird nicht nur der Umgang mit Vergangenheit in den nationalen Gemeinschaften des „Weimarer Dreiecks“ analysiert, sondern auch ein Blick auf weitere europäische Staaten geworfen (etwa Portugal oder die nordischen Länder) sowie auf transeuropäische Entwicklungen. Der Band ist in vier Hauptteile gegliedert: „Akteure der Geschichtspolitik“, „Konkurrenz der Opfer“, „Meistererzählungen“ und „Inszenierungen“.

Zwei übergreifende analytische Beiträge sind vorangestellt. Stefan Troebst steckt den Begriff der Geschichtspolitik ab, der sich seit seiner Wortprägung im westdeutschen „Historikerstreit“ zu einem akademischen Analysefeld ebenso wie zu einem politischen Kampfplatz entwickelt hat. Überzeugend stellt Troebst die Genese des Begriffs in den Kontext ähnlicher Begriffe wie „Vergangenheitspolitik“ und „Erinnerungspolitik“, grenzt ihn von diesen ab und leistet so einen Beitrag zur wissenschaftlichen Bestandsaufnahme wie auch zur Präzisierung des oft schwammig verwendeten Ausdrucks. Mit Edgar Wolfrum zitiert Troebst einen der prägenden deutschen Historiker in diesem Forschungsfeld. Wolfrum selbst skizziert im Folgekapitel (das schon der Sektion „Akteure der Geschichtspolitik“ zugeordnet ist, aber ähnlich grundlegenden Charakter hat wie Troebsts Beitrag) elementare und facettenreiche Fragen zur Untersuchung des Umgangs mit diktatorischen Vergangenheiten.

Zur Rolle von Historikern bei den geschichtspolitischen Reibungen der Gegenwart stellt François Hartog wie viele andere Autoren des Bandes fest, dass diese Rolle teilweise erstaunlich gering ist – was die Profession vor neue Herausforderungen stelle. Ähnlich sieht es Włodzimierz Borodziej, der den Aufstieg der ursprünglich religiösen Kategorie des „Opfers“ in geschichtspolitischen Debatten beschreibt. Anna Wolff-Powęska verdeutlicht, dass auch ein analytisch schwer greifbarer Akteur, die Zivilgesellschaft, geschichtspolitisch tätig werden kann. Die Wiederentdeckung des multikulturellen Erbes vieler polnischer Regionen dient der Autorin als Beleg für die erinnerungskulturelle Prägung „von unten“, die teils quer zur staatlichen Geschichtspolitik liege. Diese Entwicklung steht im Einklang zur Konzeption des „Museums der Geschichte der polnischen Juden“ in Warschau, die Monika Heinemann am Ende des Bandes analysiert. Dort kommt eine Zusammenführung der jüdischen und polnischen Geschichte und somit ein integratives Nationsverständnis zum Tragen, das der in anderen Warschauer Museen wie auch in der deutschen Wahrnehmung dominierenden ethnisch-exklusiven Sicht polnischer Geschichtspolitik zuwiderläuft.

Als Gegenpol zu zivilgesellschaftlichen Initiativen ist vielfach die Europäische Union zum Akteur von Geschichtspolitik geworden, besonders seit der Osterweiterung 2004.[2] Stefan Troebst schildert in einem chronologisch geschickt changierenden, 60-seitigen Schlüsselbeitrag des Bandes den Versuch wie auch die Konflikte des „Brüsseler Identitätsmanagements“ (S. 97). Deutlich wird, wie sehr nationale Interessen zu einer begrifflichen Uneindeutigkeit von EU-Beschlüssen geführt haben. Die sich widersprechenden Geschichtsbilder des „alten Europas“ mit der Konzentration auf die Shoah-Erinnerung und die totalitarismustheoretischen Deutungsmuster der „neuen“ Mitgliedsstaaten führten zu inhaltlich oft wenig fundierten Kompromisslösungen, wie Troebst zeigt. Auf der Strecke bleibt ihm zufolge im EU-Diskurs erstaunlicherweise das gewaltfreie Ende der Diktaturen in Süd- und Osteuropa. Geschichtspolitische Schwächen der EU werden an anderen Stellen des Bandes immer wieder aufgegriffen, etwa am Beispiel des geplanten „Hauses der europäischen Geschichte“ in Brüssel.[3] Georg Kreis bezeichnet die inhaltlichen Grundlagen des Konzeptpapiers des Hauses durch eine vom EU-Parlament eingesetzte Expertenkommission als „dilettantisch“ (S. 534), und Camille Mazé konstatiert, dass bei dem Versuch, gemeinsame Museen in einem Europa mit heterogenen Identitäten zu schaffen, oft nationale Erinnerungsorte wiederbelebt werden (S. 511).

Aber auch positiv zu bewertende Trends finden im Sammelband ihren Platz: Die (späte) Anerkennung des Algerienkriegs in Frankreich oder das nach zahlreichen Friktionen inzwischen stark verbesserte polnisch-russische Verhältnis werden durch Benjamin Stora und Wolfram von Scheliha erläutert. Im Falle Polens und Russlands half die rhetorische Schaffung einer „transnationalen Opfergemeinschaft“, die Wladimir Putin bei der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Massenmordes von Katyn am 7. April 2010 beschwor, was einen stets virulenten geschichtspolitischen Konflikt zwischen zwei Erinnerungsgemeinschaften zunächst befrieden konnte.

Das deutsche Beispiel der „Aufarbeitung“ von Vergangenheit dient zahlreichen Beiträgen als Vergleichsfolie. Trotz historischer Kontroversen und Selbstverständigungsprozesse in den nordischen Ländern erreiche man dort nicht annähernd die Intensität des deutschen Modells, so Bo Stråth. Die DDR-Aufarbeitung scheint gegenüber der NS-Aufarbeitung durchaus ein Fortschritt zu sein, auch wenn erstere zu Beginn der 1990er-Jahre gar kein Vorbild für die ostmitteleuropäischen Staaten sein konnte, wie Wojciech Pięciak angesichts der ungleichen Übergänge zur Demokratie klug anmerkt. In Tschechien etwa diente die deutsche Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) als Orientierung für das Institut für das Studium totalitärer Regime (ÚSTR), das gleichwohl politisch nicht neutral war, sondern im Sinne einer konservativen Wende in den ostmitteleuropäischen Staaten agierte, wie Michal Kopeček in seinem Beitrag verdeutlicht. Frankreich hingegen könnte der deutschen Geschichtspolitik in mancher Hinsicht durchaus als Vorbild dienen: Matthias Middell beschreibt, wie es nach langen Deutungsstreitigkeiten um das postkoloniale Erbe schließlich gelang, ethnische Minderheiten in das Geschichtsbild zu integrieren.

Der ukrainische Fall wiederum belegt, wie das geschichtspolitische Ringen um einen Opfer- und Heldenmythos außenpolitisch für Schäden sorgen kann. Tomasz Stryjek kritisiert in seinem Beitrag die Geschichtspolitik Wiktor Juschtschenkos und hebt dabei die Gleichsetzung der polnischen Polizei mit Gestapo und NKWD sowie die Aufwertung des ukrainischen Nationalisten Stefan Bandera (1909–1959) als Negativbeispiele hervor. Deutlich wird in den Beiträgen immer wieder, wie zentral der Kampf um den Opferbegriff innerhalb und zwischen den europäischen Gesellschaften ist. In dem wohl kontroversesten Aufsatz des Bandes kritisiert Pieter Lagrou diesen Kampf um den Opferstatus wie auch die Zentralität des Erinnerungsorts Auschwitz als einen die geschichtspolitische Entwicklung der EU hemmenden und zudem „eurozentristischen“ Diskurs (S. 300). Martin Sabrow weist darauf hin, dass Deutschland ein Beispiel für eine „postheroische Gedächtnisgesellschaft“ sei, in der inzwischen wie in ganz Europa ein Wandel vom Helden- zum Opferbild zu erkennen sei.

Die Vielfalt des Bandes ist eine große Stärke. In seinem abschließenden Resümee führt Etienne François die verschiedenen Beiträge stimmig zusammen. Er bilanziert, dass zwar einerseits noch ein je nationaler Rahmen in den Geschichtspolitiken dominiere, dass es aber gleichzeitig transeuropäische Entwicklungen gebe. Ähnlich wie die Nationalstaaten könne Europa als Konflikt- und zugleich als Erinnerungsgemeinschaft betrachtet werden. Was in der Themenvielfalt des Bandes hier und da zu zerfasern droht, kann François an dieser Stelle klug miteinander verbinden. Deutlich wird, wie sehr die Ereignisse von 1989/90 die historischen Identitäten in ganz Europa erschütterten und etwa Frankreich zu einer „Mittelmacht“ absinken ließen, aber zum Beispiel auch die Diskussionen um die Diktaturvergangenheit in Portugal neu belebten.

Mit dem Sammelband liegt eine kontroverse und streitbare Zusammenschau geschichtspolitischer Fragen und Debatten in fast ganz Europa vor. Es wundert etwas, dass ein so kontroverses Beispiel wie Ungarn in dieser Zusammenstellung fehlt. Andere Fragen wiederholen sich dagegen, etwa die Debatten um das „Haus der Europäischen Geschichte“. Zudem werden die eigentlich klug abgesteckten Begriffe nicht quer durch alle Beiträge konsequent eingehalten; „Geschichtspolitik“ wird an einigen Stellen dann doch wieder zu „Vergangenheits-“ oder „Erinnerungspolitik“ – und umgekehrt. Ferner erscheint die sehr deutliche Abkehr von der Annahme einer Singularität der Shoah, die François als bereits gegeben ansieht („Wer spricht heute noch von der Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit des Holocausts?“, S. 556), als etwas voreilig.[4]

Nichtsdestotrotz ist das Werk grundlegend für die Betrachtung von Transformationen der europäischen Erinnerungslandschaft zwischen 1989 und 2013. Es wirft Fragen für die Historiographie wie auch für die Profession des Historikers auf, und es eröffnet weitere Diskussionen über die kollektiven Erinnerungen der europäischen Gesellschaft(en) wie auch über transnationale Trends.

Anmerkungen:
[1] Agnieszka Wierzcholska, Tagungsbericht zu: Strategien der Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich, 30.1.2008, URL: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1858> (24.11.2013).
[2] Kürzlich ist zudem die Rolle des Europarats untersucht worden: Elisabeth Kübler, Europäische Erinnerungspolitik. Der Europarat und die Erinnerung an den Holocaust, Bielefeld 2012 (rezensiert von Harald Schmid, 23.10.2013: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-062> [24.11.2013]).
[3] <http://www.europarl.europa.eu/visiting/de/visits/historyhouse.html> [24.11.2013].
[4] Siehe etwa Katharina Peetz, Tagungsbericht zu: Theologie und Vergangenheitsbewältigung IV. „Doppelte Vergangenheitsbewältigung“ und die Singularität des Holocaust, 21.12.2011, URL: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3814> (24.11.2013).

Zitation
Peter Römer: Rezension zu: François, Etienne; Kończal, Kornelia; Traba, Robert; Troebst, Stefan (Hrsg.): Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich. Göttingen  2013 , in: H-Soz-Kult, 06.01.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20014>.