R. Lugschitz: Spanienkämpferinnen

Cover
Titel
Spanienkämpferinnen. Ausländische Frauen im spanischen Bürgerkrieg 1936–1939


Autor(en)
Lugschitz, Renée
Erschienen
Berlin 2012: LIT Verlag
Umfang
213 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christiane Heß, Leuphana College, Leuphana Universität Lüneburg Email:

„Selbstverständlich hatte ich immer Angst! Denn ich bin kein Idiot.“ (S. 62) So äußerte sich die US-amerikanische Krankenschwester Ruth Davidow zu ihren Erfahrungen an der Front in den Jahren 1937/38 im Spanischen Bürgerkrieg. Die Anwesenheit von Frauen an der Front, ihre unterschiedlichen Aufgaben dort und im Hinterland des Spanischen Bürgerkriegs stehen im Mittelpunkt der Studie von Renée Lugschitz. Sie erzählt die Geschichten von Frauen aus Europa und den USA, die im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republik gegen die Aufständischen, die Franco-Truppen gekämpft, Verletzte versorgt, für die Presse fotografiert und geschrieben haben. Dabei geht es ihr um die „Gesamtheit und die Internationalität dieser Frauenbewegung“, aber auch um deren unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen (S. 10). Vertiefend werden elf individuelle Biografien dargestellt. Die Präsenz von nicht-spanischen Frauen in den Milizen der Arbeiterparteien und Gewerkschaften wie auch bei den Internationalen Brigaden ist erst seit wenigen Jahren Gegenstand der Forschung [1] und auch im erinnerungskulturellen Diskurs werden diese Frauen selten explizit erwähnt. Daher ist die „historische Würdigung“ der weiblichen Freiwilligen als Spanienkämpferinnen ein Anliegen der Studie, für die Renée Lugschitz 2012 den Anerkennungspreis des Bruno-Kreisky-Preises für das Politische Buch erhalten hat.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, wobei der erste die Hintergründe und den Ablauf des Spanischen Bürgerkriegs skizziert. Daran schließt sich ein Abriss der Entstehungsgeschichte der Internationalen Brigaden an. Als zentrale Orte hebt Lugschitz Paris, als „Umschlagsplatz“ für die Freiwilligen, Albacete in Kastilien-La Mancha als Mobilmachungsstelle und Ausbildungslager sowie die Fronten in Zentralspanien hervor. Dort kreuzten sich die Wege der – nach Lugschitz – ca. 35.000 bis 40.000 Freiwilligen, die – mit Ausnahme von ca. 2.000 Personen– bis zum Herbst 1938 in Spanien blieben. Bedauerlicherweise wird im ersten Teil nicht auf den eigentlichen Fokus der Studie, die nicht-spanischen Frauen, Bezug genommen. Dadurch wirkt dieser Teil wie ein allgemeiner Überblick, der in vielen Gesamtdarstellungen zu finden ist.

Die eigentliche Analyse des recherchierten und zusammengestellten Materials findet erst in den weiteren Kapiteln des Buches statt. Hier treten die Akteurinnen, darunter die elf Frauen, deren Biografien genauer beschrieben werden, erstmals in Erscheinung. Die Unterkapitel fokussieren jeweils auf unterschiedliche Aspekte des Kriegsalltags. Ihre Reihenfolge verläuft nicht chronologisch, sondern thematisch: Frauen in der Miliz und im bewaffneten Kampf, die Reiserouten nach Spanien, Tätigkeiten im Hospital, als Dolmetscherinnen oder Journalistinnen, die Politik der Internationalen Brigaden und das Privatleben werden etwa in den Blick genommen. Ein zentrales Anliegen der Autorin ist dabei, die vermeintlich eindeutigen Rollenzuschreibungen und Tätigkeiten zu hinterfragen, vor allem mit Blick auf die Bedeutung der Anwesenheit an der Front und den dort gemachten Erfahrungen.

Lugschitz hat 400 Namen recherchiert, und sie gibt zudem eine Hochrechnung von 500-600 Frauen an, die sie als Spanienkämpferinnen bezeichnet. Im Register sind lediglich die 178 Namen verzeichnet, die auch im Buch erwähnt werden, darunter jedoch auch Tarn- oder Geburtsnamen, was beim Nachschlagen manchmal zur Verwirrung führen kann. Als Quellenmaterial dienen Lugschitz zeitgenössische Briefe und Literatur, Zeitungsartikel, Nachlässe und Sammlungen. Sie bezieht ferner eigene Interviews mit ein sowie Aufzeichnungen von Gesprächen anderer mit ehemaligen Spanienkämpfern und -kämpferinnen.

Um ihre Auswahl zu begründen, hat Lugschitz eine Grenze zwischen „Spanienkämpferinnen und Besucherinnen“ gezogen; erstere sind Frauen, die sich über einen „längeren Zeitraum“ in Spanien aufhielten und „eindeutig für die Spanische Republik“ einsetzten oder Frauen, die bereits nach kurzem Aufenthalt, bei einem Einsatz verletzt oder getötet wurden (S. 11). Diese problematische Uneindeutigkeit der Kategorien „Spanienkämpferin“ und „Besucherin“ wird am Beispiel von Martha Gellhorn deutlich, einer Schriftstellerin und Journalistin, die sich selbst als „Kriegstouristin“ (S. 84) bezeichnete und von Lugschitz synonym als „Besucherin“ eingeordnet wird. Gleichzeitig steht ihr Name im Register der „Spanienkämpferinnen“, vermutlich, weil sie über einen längeren Zeitraum hinweg regelmäßig zwischen „Hotelzimmer und Front“ pendelte (S. 85).

Diese ausländischen Frauen erschienen den Zeitgenossen zunächst als „Kuriosum“ wie Lugschitz betont (S. 43). Mehrheitlich aus den Städten Europas, den USA und anderen Ländern kommend, jung (unter 30 Jahre alt), viele mit einem jüdischen Familienhintergrund, reisten die Frauen, aus „persönlicher Betroffenheit“, nach Spanien (S. 47). Viele hatten bereits Diskriminierungs- und Verfolgungserfahrungen erlitten oder kamen aus wenig privilegierten Verhältnissen. Ausgebildete Ärztinnen machten sich auf den Weg, wie auch Frauen, die im Auftrag der Kommunistischen Partei als Krankenschwester ausgebildet wurden, um in Spanien eingesetzt zu werden – so z.B. die Österreicherin Lisa Gavrič. Oder sie begleiteten ihre Ehemänner, wie z.B. die Britin Nan Green. Lugschitz will Letztgenannte jedoch nicht als „Begleiterin“ verstanden wissen. Diese Frauen hätten von ihren Männern im Krieg kaum etwas gesehen, sondern vielmehr eigene Aufgaben übernommen und selbständige, professionelle Arbeit geleistet.

Bereits Anfang 1937 gab es keine Frauen mehr in den kämpfenden Einheiten, sie trugen keine Waffen mehr. Frauen waren von dem Zeitpunkt an vor allem als Sanitäterinnen, Ärztinnen, Informantinnen, Dolmetscherinnen eingesetzt. Lugschitz betont mehrmals, dass die Frauen immer wieder ihr Leben riskierten, sowohl an der Front als auch im Hinterland. Ihr geht es darum, eindeutige Zuweisungen wie „typisch weibliche“ Tätigkeiten aufzubrechen. Vor allem in den ersten Wochen seien Frauen als Kämpferinnen und Sanitäterinnen, die auch mal gekocht hätten, an der Front eingesetzt gewesen, aber auch bei ihrem späteren Einsatz in Spitälern oder Schulen hätten sie sehr bewusst „ihre Gesundheit und oft auch ihr Leben“ riskiert (S. 87), was, nach Lugschitz, einmal mehr für die Kategorisierung als „Spanienkämpferin“ spricht. Ebenso argumentiert sie, dass die Frauen über ein reflektiertes politisches Bewusstsein verfügten.

Die zum Teil schwierigen Arbeitsbedingungen der Ärztinnen und Krankenschwestern der Internationalen Brigaden erörtert Lugschitz detailliert in verschiedenen Abschnitten. Auch die politischen Konflikte innerhalb der internationalen Gruppe, die Sprachbarrieren, der Umgang mit Liebesbeziehungen und das Verhältnis zur spanischen Bevölkerung werden weiter diskutiert.

Die letzten zehn Seiten des zweiten Teils sind dem Ende und der Rückkehr der „Spanienkämpferinnen“ gewidmet. 1938/39 bedeutete für viele Frauen den Verlust existenzieller Sicherheit. Die Evakuierung, die Bombenangriffe, die Trümmer prägen die Erinnerungsberichte einerseits, andererseits betont die Autorin, dass die Erinnerung an den Spanischen Bürgerkrieg jeweils von den Lebensbedingungen nach der Rückkehr geprägt seien. Diese waren von Internierung, Exil, andauernder Unterstützung der Republik, aber auch späterer politischer Verfolgung und in sehr unterschiedlicher Weise geprägt.

Die elf Biografien im dritten Teil sind anschaulich erzählt, kritisch und mit großer Empathie geschrieben. Die Auswahl erfolgte vermutlich anhand des zur Verfügung stehenden Materials, darunter bereits veröffentlichte Biografien.[2] Fast alle Frauen haben – mit Ausnahme von Gerta Taro, die bereits 1937 starb – nach ihrer Rückkehr oder in späteren Jahren ihre Erinnerungen aufgezeichnet oder aber Interviews gegeben. Erwähnt sei hier noch die Biografie von Fredericka Martin, die als Krankenschwester im Spanischen Bürgerkrieg war und danach jahrelang in Alaska lebte und forschte. Ende der 1960er-Jahre begann sie an einem Buch über die Sanitätszentren der Internationalen Brigaden zu arbeiten. Das Buchprojekt wurde nie beendet. Ihr umfangreiches Archiv umfasst zahlreiche Korrespondenzen, die wiederum Auskunft geben können über weitere Spanienkämpferinnen.

Insgesamt hinterlässt das Buch einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits bieten die materialreichen Kapitel Einblicke in den Kriegsalltag aus der Perspektive der nicht-spanischen Frauen zwischen 1936 und 1938, andererseits würde sich die Rezensentin eine kritischere Einordnung des Quellenmaterials sowie methodische Reflexionen zum Beispiel zur Biografieforschung oder neueren Militärgeschichtsforschung wünschen, um neben einer nachvollziehbaren historischen Würdigung auch das kritische Potential einer Untersuchung dieser Akteurinnen im Spanischen Bürgerkrieg und seiner Nachgeschichte(n) herauszustellen. Die Verweise auf die noch nicht bearbeiteten Nachlässen lassen auf zukünftige Forschungen in diesem Kontext hoffen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Angela Jackson, Las mujeres británicas y Guerra Civil española, Valencia 2010.
[2] Vgl. Irme Schaber, Gerta Taro. Fotoreporterin im spanischen Bürgerkrieg, Marburg 1994 sowie zu Dora Goldszajder-Lorska vgl. Arno Lustiger, Shalom Libertad. Juden im Spanischen Bürgerkrieg, Berlin 2001, S. 307–311.

Zitation
Christiane Heß: Rezension zu: : Spanienkämpferinnen. Ausländische Frauen im spanischen Bürgerkrieg 1936–1939. Berlin  2012 , in: H-Soz-Kult, 03.12.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20257>.
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03.12.2014
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