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Titel
Byzanz. Die erstaunliche Geschichte eines mittelalterlichen Imperiums


Autor(en)
Herrin, Judith
Erschienen
Ditzingen 2013: Reclam
Umfang
416 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Grünbart, Institut für Byzantinistik und Neogräzistik, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Nun liegt Judith Herrins "Byzantium. The Surprising Life of a Medieval Empire" auch in einer deutschen Übersetzung vor. Ein weiteres Buch, das die Aktualität oder das Interesse am oströmischen Reich zeigt! Die deutsche Version ist mit einem zusätzlichen Vorwort versehen, in dem die bis 2008 am King's College London wirkende Wissenschaftlerin über ihre Erfahrungen an deutschen Universitäten (insbesondere München) berichtet.[1]

Das Buch ist in vier Teile gegliedert (I. Grundlagen, II. Der Übergang von der Antike zum Mittelalter, III. Byzanz wird ein mittelalterlicher Staat, IV. Die Wechselfälle des byzantinischen Reiches), die wiederum in 28 unterschiedlich lange Kapitel zerfallen. Herrin erzählt dabei keine durchgehende, chronologisch strukturierte Geschichte, sondern setzt Schwerpunkte, die ihre Forschungs- und Lehrtätigkeit an amerikanischen und englischen Universitäten widerspiegeln. In Teil I wird ausgehend von der Entscheidung Konstantins, Byzantion zu seiner Residenzstadt zu bestimmen, die Entwicklung der Orthodoxie behandelt, die aber nicht als Geschichte der kontinuierlichen Schärfung und Abgrenzung gegen abweichende Meinungen (oder Häresien) konstruiert wird. Der Triumph der Orthodoxie schließlich wird nach der Beendigung des sogenannten Ikonoklasmus ab 843 jährlich gefeiert, was Ausdruck der abschließenden Normierung des rechten Glaubens ist. Damit einher ging die Vernichtung der als Häretiker verurteilten Paulikianer im östlichen Kleinasien. Ob die „Ketzerei ein geringeres Problem als im mittelalterlichen Westen war“ (S. 71), soll in dieser Verallgemeinerung zumindest hinterfragt werden. In Teil II wird das 7. Jahrhundert als die Zeit des Übergangs des Reiches „zu einem sehr viel kleineren mittelalterlichen Staat“ (S. 119) durch die Ausbreitung der Araber gezeichnet, wobei die Pufferfunktion von Byzanz zwischen lateinischem Westen und islamischem Osten betont wird. In Teil III zeichnet Herrin die Festigung und Expansion des oströmischen Reiches ab der Mitte des 9. Jahrhunderts, die Krise des 11. Jahrhunderts und die letztmalige kosmopolitische Bedeutung des byzantinischen Kaisertums im 12. Jahrhundert nach, ehe sie in Teil IV auf das rasche Verschwinden von Byzanz als Großmacht nach 1204 eingeht. In einem Epilog streicht Herrin die unermüdliche Regenerationsfähigkeit des byzantinischen Gemeinwesens hervor, die „Gründungs-DNA“ (S. 364) erwies sich trotz der zwischenzeitlichen Lateinerherrschaft (bis 1261) als schwer aufzulösen. Mit der osmanischen Eroberung Konstantinopels 1453 und dem Verschwinden des letzten Kaisers endete die byzantinische Kultur allerdings nicht abrupt, sondern sie formte sich um und wurde von anderen politischen Gebilden aufgesogen. Zudem erfährt man in dem Buch, was das griechische Feuer ist, warum und seit wann die Purpurgeburt so wichtig war, welche Rolle die Frau in Byzanz spielte, wie die byzantinische Tischkultur die lateinisch-westliche beeinflusste und wie sich die byzantinische Gesellschaft von anderen vormodernen unterschied.

Im Folgenden sollen ein paar Anmerkungen gegeben werden:

Die platonische Akademie wurde im Jahr 529 nicht geschlossen (S. 97), es gab lediglich ein Edikt, in dem allgemein von Restriktionen gegenüber heidnischen und magischen Lehren und Bräuchen die Rede ist. Wörtlich nahmen dies dann offensichtlich christliche Kreise in Athen, die die Philosophenausbildung dort in den folgenden Jahren massiv beeinträchtigten.[2]

Die goldene Nase Kaiser Iustinianos' II. (S. 118) ist legendär – er ersetzte die 695 abgeschnittene angeblich durch eine Prothese – und nur bei Agnellus von Ravenna überliefert. Vielleicht passt dazu die Nachricht, dass das Haupt des 711 getöteten Iustinianos nach Rom und Ravenna geschickt wurde.

Die Runen in der Hagia Sophia (S. 271), die angeblich von Warägern angebracht worden sind, wurden jüngst ausführlich diskutiert.[3]

Mistras (S. 322) war auch nach dem Fall an die Osmanen weiterhin besiedelt – richtig Schaden nahm der Ort gegen Ende des 18. Jahrhunderts (russisch-türkischer Krieg 1770) und im Zuge des griechischen Befreiungskampfes (1825); erst danach wurde die Stadt verlassen und das Zentrum wieder nach Sparta verlegt, das mit Hilfe bayerischer Stadtplaner neu aufgebaut wurde (ab 1836).

Die Übersetzung ist gut lesbar, selten bleibt man an unebenen Stellen hängen. Auffallend ist, dass in der deutschen Übersetzung mehrmals von der Kathedrale Hagia Sophia (in Konstantinopel) die Rede ist (z.B. S. 41, 215) – die Wahl des Ausdrucks ist anachronistisch und eigentlich (außer im metaphorischen Sinn vielleicht) nicht gebräuchlich. Es handelt sich dabei um ein Missverständnis des Terminus ‚Cathedral church', was Hauptkirche, Domkirche oder Kirche eines Bischofs oder Patriarchen bedeutet. – "The palace library nurtured some intellectual rulers", wird übersetzt mit: "Die Palastbibliothek brachte einige gebildete Herrscher hervor" (S. 52), was den Sinn nicht trifft (besser ‚förderte' oder freier ‚unterstützte die Studien'). – "Emperor Alexander (912–13), for instance, introduced the image of John the Baptist, crowning him as emperor on the reverse of his coins": "Kaiser Alexander (912/913) etwa führte das Bildnis Johannes' des Täufers ein und krönte ihn auf der Rückseite seiner Münzen zum Kaiser" (S. 126); nicht Alexander krönt, sondern Johannes! – "In 1152, for instance, Isaac Komnenos established an imperial monastery": "So gründete zum Beispiel Isaak Komnenos 1152 ein Reichskloster" (S. 273). Das Kloster unterstand nicht dem Kaiser, sondern war eine Gründung des zur kaiserlichen Familie gehörenden Isaakios. – An mehreren Stellen wird von „demotischem Griechisch“ gesprochen, ob „demotic Greek“ nicht eher als „volkssprachliches Griechisch“ übersetzt werden sollte?

In der beigegebenen Tafel der Regierungszeiten der Kaiser fehlen (wie in der englischen Originalausgabe) Iustinos II. (565–578), Tiberios (578–582) sowie Nikephoros III. Botaneiates (1078–1081).

Im Gegensatz zur englischen Vorlage verzichtet man hier auf die 41 Abbildungen und reproduziert nur die Landkarten. Die Lektüre des Buches regt zum Nachdenken über das byzantinische Millennium an und eröffnet mitunter neue An- und Einsichten.

Anmerkungen:
[1] Teile dieser Version findet man in dem gerade Judith Herrin gewidmeten Sammelband von Pamela Armstrong (Hrsg.), Authority in Byzantium, Aldershot 2013, S. 1–6.
[2] Edward Watts, Justinian, Malalas and the End of Athenian Philosophical teaching in A.D. 529, in: Journal of Roman Studies 94 (2004), S. 168–182.
[3] Lars Johanson, Mutmaßungen über schwedische und türkische Runen, in: Lars Martin Hoffmann / Anuscha Monchizadeh (Hrsg.), Zwischen Polis, Provinz und Peripherie. Beiträge zur byzantinischen Geschichte und Kultur, Wiesbaden 2005, S. 807–819, besonders S. 816–818.

Zitation
Michael Grünbart: Rezension zu: : Byzanz. Die erstaunliche Geschichte eines mittelalterlichen Imperiums. Ditzingen  2013 , in: H-Soz-Kult, 22.05.2013, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20286>.