R. Faber u.a. (Hrsg.): Intellektuelle und Antiintellektuelle

Cover
Titel
Intellektuelle und Antiintellektuelle im 20. Jahrhundert.


Hrsg. v.
Faber, Richard; Puschner, Uwe
Erschienen
Frankfurt am Main 2013: Peter Lang/Frankfurt am Main
Umfang
239 S.
Preis
€ 46,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Gallus, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz

Es sind seit jeher die Intellektuellen, die Intellektuelle Intellektuelle schimpfen. Zumindest war das in der Anfangsphase der Begriffsgeschichte so, als dem Wort häufig ein abschätziger Beiklang anhaftete. Als Geburtsstunde des Intellektuellen gilt gemeinhin die französische Dreyfus-Affäre – so auch in diesem Band, der auf einer Ringvorlesung an der Freien Universität Berlin beruht. In einer historisch-kontextualisierenden Betrachtung ruft uns Anne Kwaschik die Urszenen intellektueller Intervention an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ins Gedächtnis. Damals entwickelte sich ein individueller Justizfall zu einer prinzipiellen Bewährungsprobe der öffentlichen Moral: Bald standen sich in unnachgiebiger Konfrontation Dreyfusards und Antidreyfusards gegenüber – oder auch Intellektuelle und Antiintellektuelle.

Damit ist die Grundkonstellation bezeichnet, an der entlang sich der Sammelband gliedert. Die Einzelstudien des ersten Abschnitts („Intellektuelle“) sind Simone Weil, Friedrich Wolf, Rudi Dutschke und der russischen Intelligenzija gewidmet. Der zweite Teil („Antiintellektuelle“) präsentiert Porträts des „deutsch-jüdischen Antiintellektuellen“ Karl Wolfskehl, des „völkischen Intellektuellen“ Willibald Hentschel, zu Joseph Goebbels’ Intellektuellenhass sowie zu Klaus Mehnert, der als „Intellektueller für Nichtintellektuelle“ vorgestellt wird. Grob betrachtet, sind die Intellektuellen also Linksintellektuelle, die Antiintellektuellen hingegen Rechtsintellektuelle. Das entspricht nicht nur einer Fremdzuweisung, sondern häufig auch der Selbstbezeichnung, denn ein betont antiintellektueller Habitus ist bei den rechten Exponenten der Intellektuellenspezies deutlich ausgeprägter als bei ihren linken Pendants. Dies wirkt wie ein Nachhall der zunächst dominanten, in Deutschland besonders hartnäckigen Tradition des Intellektuellenbegriffs als Schimpfwort.[1]

Auch die französische Philosophin Simone Weil, von deren politischen Gedankenwelten Helen Thein berichtet, besaß keine hohe Meinung von den Intellektuellen. Sie nannte diese „Wortzusammensteller“, die allzu oft auf der Seite der Herrschenden, der „Ausbeuter gegen die Produzenten“ gestanden hätten (Zitat Weil, S. 31). Eine solche Sicht entspricht insgesamt der marxistisch-kommunistischen Haltung gegenüber Intellektuellen, die als Geistige und Gebildete, eben Privilegierte, misstrauisch beäugt wurden. Antonio Gramsci hat mit seiner Figur des „organischen Intellektuellen“ wesentlich dazu beigetragen, die widerstreitenden Seiten einander anzunähern. Auch Weil trat offensiv dafür ein, dass sich „die sogenannten Intellektuellen […] und die Arbeiter mischen“ (Zitat Weil, S. 39). Die Intellektualisierung des Arbeiters sollte es diesem ermöglichen, nicht nur Produktionsprozesse zu befördern und Maschinen zu bedienen, sondern die Funktionsweise beider zu verstehen. Die Philosophin wollte den Intellektuellen seiner herausgehobenen, elitären Stellung entheben und jedem einzelnen Mitglied der Gesellschaft eine persönliche Verantwortung und Fähigkeit zu politischem Denken und Handeln zubilligen.

Während Weil einen strikt individualistischen Ansatz verfocht und insbesondere Parteibindungen mit größtem Misstrauen begegnete, tat sich der „Arzt, Schriftsteller, Kommunist“ Friedrich Wolf vergleichsweise leicht damit, seine Position als „freischwebender“ Intellektueller aufzugeben. Für Jens Flemming war er ein „rühriger, gläubiger Propagandist, ein Missionar, der aus Mitmenschen Proselyten und Mitkämpfer machen wollte“ (S. 76f.). Er habe sich als „Intellektueller der Bewegung“ und „unermüdlicher Arbeiter im Weinberg der Partei“ bewährt (S. 77). Flemming hebt die Eigenständigkeit der Entscheidung Wolfs hervor, seine Autonomie dem Eintritt in die Partei des Kommunismus zu opfern. So habe er ganz bewusst das Moskauer Exil und später die DDR als politische Heimat gewählt.

Das verhielt sich in Rudi Dutschkes Fall anders. Er stammte bekanntlich aus der DDR, wo er bereits aufmüpfig war und ein Studienverbot erhielt; deshalb wechselt er kurz vor dem Mauerbau nach West-Berlin. Dort begab sich der spätere Studentenführer rasch auf die Suche nach einem wahrhaftigen, revolutionären, authentischen Sozialismus. Dies eröffnete ihm wie anderen „Abhauern“ die Möglichkeit, so Rüdiger Hentschel, „gegenüber der DDR kritisch treu zu bleiben“ und zugleich die von Anfang an vorhandene „Distanz gegenüber Westberlin bzw. [der] BRD mit oppositioneller Bedeutung aufzuladen“ (S. 84). In gewisser Weise nahm Dutschke damit den für Intellektuelle so charakteristischen Platz zwischen den Stühlen ein, auch indem er nach einem Dritten Weg Ausschau hielt – mit Anleihen beim frühen Richard Löwenthal (alias Paul Sering), dem Autor von „Jenseits des Kapitalismus“ (1946). Kritisch eingestellt blieb Dutschke stets gegenüber der „Dienstintelligenz“, was ihm von DKP-Seite scharfe Kritik an „seine[r] eingebildete[n] Intellektuellenfreiheit“ einbrachte, die er zum Leidwesen der Parteigenossen „nicht der proletarischen Disziplin opfern“ wollte (S. 103).

Erhard Stölting skizziert einmal mehr die „Intelligenzija“ in ihrer ursprünglichen russischen Ausprägung, die gemessen an den intellektuellen Eigenschaften von Unabhängigkeit und Ungebundenheit schon wie eine Anti-Form des Phänomens erscheint, bevor Richard Faber das „Antiintellektuellen“-Kapitel mit seiner Darstellung Karl Wolfskehls eröffnet, des wohl fleißigsten Vorarbeiters im Dienste des Stefan-George-Kults. So sehr der Schriftsteller sich dem Deutschen, ja den vermeintlichen Urgründen des Germanischen verschrieben hatte, so wenig schützte dies den Juden vor der Exklusion im NS-Deutschland, das ihn letztlich ins neuseeländische Exil zwang. Willibald Hentschel blieb ein solches Schicksal erspart. Früh im organisierten Antisemitismus aktiv, präsentierte er im „Mittgart“-Projekt kurz nach der Jahrhundertwende ebenso skurrile wie schreckenerregende rassenzüchterische Pläne. Auch wenn sich Hentschel in den Dienst der eigenen Überzeugungen und Ideen stellte und damit eine Öffentlichkeit zu erreichen suchte, will Uwe Puschner diesen Völkischen letztlich nicht als Intellektuellen gelten lassen, vielmehr als „Ideologen, Fanatiker, Demagogen und säkularen Propheten (in eigener Sache)“ (S. 163).

Diese beiden Aufsätze der zwei Herausgeber, darauf weisen sie selbst zu Beginn ihrer Texte hin, sind bereits zuvor veröffentlicht worden – in identischer oder etwas anderer Form. Ralf Georg Czaplas Studie zu Goebbels stellt dagegen eine Erstveröffentlichung dar. Wie der Autor – auch mit Hilfe langer Zitate – belegen kann, wurde Goebbels, wie die meisten Nationalsozialisten, von einer regelrechten Aversion gegen Intellektuelle angetrieben. Sie galten ihnen als Vertreter des verachteten rationalen, aufklärerischen, westlichen Denkens, das kalt und blutleer sei. Schließlich erfolgte auch die Ineinssetzung von „Intellektualismus“ als einem „volks- und artfremden Element“ mit dem Judentum. Ob allerdings Goebbels’ „pathologischer Intellektuellenhass“, wie Czapla meint, „die Konstante seines politischen Handelns schlechthin“ gewesen ist (S. 167), mag man bezweifeln.

Den „Antiintellektuellen“-Abschnitt beschließt eine lesenswerte Miniatur aus der Feder Michael Kohlstrucks zu dem von der Zeitgeschichtsschreibung bislang eher vernachlässigten Publizisten, Ostforscher und Politik-Professor Klaus Mehnert. Kohlstruck skizziert einen Wandel von nationalistischen und demokratieskeptischen Positionen in den 1950er-Jahren, als Mehnert die „Christ und Welt“-Redaktion leitete, hin zu einem erneuerten, liberalisierten Konservatismus im Folgejahrzehnt. Die politischen Sachbücher, die Mehnert in großer Zahl publizierte, erreichten regelmäßig ein beachtliches Publikum, auch in nichtintellektuellen Leserschichten. Für Kohlstruck ist diese Breitenwirkung bemerkenswert, die nur wenigen konservativen Publizisten der alten Bundesrepublik vergönnt gewesen sei. Mehnert war ein – zunehmend: moderater – konservativer Zeitdiagnostiker, der einen Nerv des „Zeitgeists“ traf, indem er, frei von intellektuellen Gipfelwanderungen, gut verdauliches Orientierungswissen vermittelte, gespickt mit Erfahrungsberichten und eigenen Wertungen. Diese entsprachen mehr und mehr einem Konservatismus, der sich mit einem eigentümlich pragmatischen Bundesrepublikanismus paarte und von kulturpessimistischen wie antiwestlichen Einstellungen früherer Jahrzehnte Abschied nahm. Es lohnt sich, die Repräsentanten eines konservativen „middle ground“ stärker in den Blick zu nehmen, um die Ideengeschichte der Bundesrepublik zu vervollständigen.[2] Dabei sind nicht nur die Ideen selbst, sondern in ebensolchem Maße Netzwerk- und Gruppenbildungsprozesse näher auszuleuchten. Für Hans Manfred Bock, der den Band mit einem Ausblick abrundet, gilt es, den entsprechenden Koordinaten der „Sozialfigur“ des Intellektuellen vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken.[3] Zugleich ist dies ein Fingerzeig gegenüber der Intellektuellen-Forschung, sich von bis zur „Sakralisierung“ reichenden normativen Aufladungen des Begriffs endgültig zu verabschieden und stattdessen das Denken, Handeln und Wirken konkreter Exponenten in ihrer kultur-, sozial- und politikgeschichtlichen Verflochtenheit zu rekonstruieren.

Eine solche historisierende wie kontextualisierende „Erdung“ ist nun schon seit einiger Zeit im Gange und prägt die „Intellectual History“ oder „erneuerte Ideengeschichte“, von der Bock spricht. Der hier vorgestellte Band liegt grosso modo in diesem allgemeinen Trend. Dem Buch fehlt indes ein Leitfaden, der die Einzelstudien stärker miteinander verbinden würde – einmal abgesehen von der Anordnung entlang des Begriffspaars „Intellektueller – Antiintellektueller“, das ausdrücklicher und ausführlicher hätte erörtert werden sollen. So heterogen das Gesamte ist, so lesenswert sind die einzelnen Intellektuellenstudien – und das ist schon viel. Indirekt ist der Band aber zugleich ein Beleg dafür, wie sehr umfassende Monografien insbesondere zur deutschen Intellektuellengeschichte fehlen, ob für das gesamte 20. Jahrhundert oder speziell für die Bundesrepublik. Letztere ist zwar wiederholt intellektuell neu-, um- und zweitbegründet oder selbst als Idee ausgerufen worden. Ein entsprechendes Opus magnum mit historischen Längsschnitten lässt jedoch weiter auf sich warten.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Dietz Bering, Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes, Stuttgart 1978.
[2] Zu diesen intellektuellen Gründerfiguren konservativer Provenienz zählt beispielsweise auch Helmut Schelsky. Vgl. Alexander Gallus (Hrsg.), Helmut Schelsky – der politische Anti-Soziologe. Eine Neurezeption, Göttingen 2013. Zu den Exponenten der „liberalkonservativen“ Münsteraner Ritter-Schule siehe Jens Hacke, Philosophie der Bürgerlichkeit. Die liberalkonservative Begründung der Bundesrepublik, Göttingen 2006.
[3] Siehe auch Hans Manfred Bock, Der Intellektuelle als Sozialfigur. Neuere vergleichende Forschungen zu ihren Formen, Funktionen und Wandlungen, in: Archiv für Sozialgeschichte 51 (2011), S. 591–643.

Zitation
Alexander Gallus: Rezension zu: Faber, Richard; Puschner, Uwe (Hrsg.): Intellektuelle und Antiintellektuelle im 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main  2013 , in: H-Soz-Kult, 08.01.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20577>.