B. Steinbock: Social Memory in Athenian Public Discourse

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Titel
Social Memory in Athenian Public Discourse. Uses and Meanings of the Past


Autor(en)
Steinbock, Bernd
Erschienen
Umfang
XII, 411 S.
Preis
$85.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katharina Kostopoulos, Historisches Institut, Universität zu Köln

In der aktuellen Forschung ist das Thema der antiken griechischen Erinnerungskultur in den letzten Jahren aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet worden. Dabei wurden in zunehmendem Maße Feste, Rituale und Monumente als wichtige Elemente der griechischen Erinnerungspraxis mit einbezogen.[1] Bernd Steinbock fragt in seiner Monographie nach den Prozessen der Formierung des sozialen Gedächtnisses im klassischen Athen und will zeigen, wie individuelle Redner die Vergangenheit für ihre Zwecke genutzt haben und inwieweit die geteilten Erinnerungen den politischen Entscheidungsprozess im 4. Jahrhundert v.Chr. beeinflussen konnten. Die Rolle der athenisch-thebanischen Beziehungen in der athenischen Erinnerung soll die zentrale Bedeutung der Argumentation mit Vergangenheit im öffentlichen Diskurs veranschaulichen.

Das der Untersuchung zugrundeliegende Konzept des sozialen Gedächtnisses ist geprägt durch die kommunikative Aushandlung und die soziale Relevanz für das Individuum und die erinnernde Gemeinschaft. Bei der Erörterung der konkreten Bedeutung der Argumentation mit Vergangenheit wendet sich Steinbock ausdrücklich gegen die Annahme, dass Entscheidungen von Volksversammlung und Gerichtshöfen nur auf der Basis realpolitischer Erwägungen getroffen worden seien. Stattdessen hätten Argumente, die dem sozialen Gedächtnis entnommen waren, ebenfalls eine bedeutende Rolle gespielt (ausführlich S. 30–36 und öfters). Demzufolge können die Anspielungen auf vergangene Ereignisse auch nicht als leere rhetorische Formeln bzw. reine Propaganda abgetan werden (S. 36–43).

Anschließend stellt Steinbock die verschiedenen Träger des sozialen Gedächtnisses vor (Kapitel 1): Besonders betont wird die Rolle von Festen und öffentlichem Gedenken (S. 49–69), wobei laut Steinbock den Epitaphien eine zentrale Bedeutung zukam, da sie maßgeblich für die Verbreitung der „master narrative of Athenian history“ (S. 49) verantwortlich waren. Darüber hinaus werden verschiedene Erinnerungsgemeinschaften wie Demen und Phylen, Familientraditionen, die Institution des Symposions[2] sowie xenia und proxenia mit ihren unterschiedlichen Perspektiven in Hinblick auf die Vergangenheit vorgestellt. Wichtig sind außerdem Monumente und Inschriften (S. 84–94), die rhetorische Erziehung als Quelle der historischen Kenntnis der Redner sowie die Redner selbst, die in den Sitzungen der Volksversammlung und der Gerichtshöfe als „a pivotal factor in the manifestation, negotiation, and transmission of Athenian social memory“ auftraten (S. 96–99, Zitat S. 97).

Als Fallbeispiel dient in den folgenden Kapiteln die Geschichte der athenisch-thebanischen Beziehungen: Dabei geht Steinbock nicht chronologisch vor, sondern untersucht zunächst den „thebanischen Medismos“ in den Jahren 480–479 (Kapitel 2), dann die mythische Episode des Begräbnisses der gefallenen Argiver im Kontext des Zuges der Sieben gegen Theben (Kapitel 3), die thebanische Hilfe für die athenischen Demokraten 404/03 (Kapitel 4) sowie die Forderung Thebens am Ende des Peloponnesischen Krieges, Athen zu zerstören (Kapitel 5).

Der Erinnerungsprozess an den „thebanischen Medismos“ (Kapitel 2, S. 100–154) war besonders eng mit der Erinnerung an die Schlacht bei Plataiai verknüpft und damit nicht nur in Athen, sondern auch in einem panhellenischen Kontext verortet. Der weitere Erinnerungsprozess im 5. Jahrhundert wurde insbesondere durch die fortgesetzte Feindschaft zwischen Athen und Theben befördert. Im 4. Jahrhundert waren es dann besonders zwei spezifische Kontexte, die diese Erinnerung aktuell hielten: der Konflikt zwischen Plataiai und Theben und das thebanische Verhalten gegenüber möglichen „barbarischen“ Invasoren, also gegenüber Persern und Makedonen. Außerdem beförderte das Bild „of a timeless noble Athenian character“ (S. 147, 149 und öfters), das besonders in den Epitaphien entwickelt wurde, eine Charakterisierung der Thebaner als „anti-Athens“ (S. 189) und „traitors by nature“ (S. 149).

Die Beschäftigung mit der mythischen Präzedenz anhand des Mythos vom Begräbnis der gefallenen Argiver durch Athen (Kapitel 3, S. 155–210) soll zeigen, wie kurze Zeit zurückliegende Erfahrungen wie die Perserkriege und die Zeit der athenischen Hegemonie das Bild vom Verhältnis der beiden Städte in mythischer Zeit beeinflussten. Maßgebliche Träger der Erinnerung waren in diesem Fall verschiedene lokale Kulte. Die Überzeugungskraft des Mythos war besonders durch die Darstellung Athens als Retter der Schutzflehenden gegeben, die sowohl historische Erfahrung mit solchen Situationen als auch die Rolle Athens in der hegemonialen Ideologie als prostates der Griechen reflektiert. So konnte der Mythos zu einer der vier „emblematischen Mythen“ (S. 183) des Epitaphios werden. Ein nicht unwichtiger Aspekt ist darum auch die Tatsache, dass in dem Mythos wiederum die Thebaner als Gegenspieler Athens fungieren. Abgesehen von den Epitaphien konnte der Mythos auch im politischen Alltag Athens eine Rolle spielen, insbesondere wenn es um aktuelle Hilfeleistungen Athens für Schutzsuchende ging.

Im vierten Kapitel (S. 211–279) rekonstruiert Steinbock die Weitergabe der Erinnerung an die Hilfe Thebens 404/03 für athenische Demokraten, die vor der Herrschaft der Dreißig in ihrer Polis geflohen waren. Erklärungsbedürftig ist die Tatsache, dass diese Erinnerung 80 Jahre nach den Ereignissen zum ersten Mal (zumindest in den erhaltenen Reden) erwähnt und dort als bekannt vorausgesetzt wird (Dein. 1,25), obwohl sie doch der so dominanten Version einer Polis Theben als „anti-Athens“ entgegenstand, das in den vorangehenden Kapiteln entwickelt wurde. Dieses Weitertragen einer positiven Erinnerung an Theben sei durch die starke Erinnerung an den Beginn der demokratischen Rebellion in Phyle als Anknüpfungspunkt für die vorangehende thebanische Unterstützung, durch Phasen des Bündnisses mit Theben und durch die diplomatische Praxis, sich auf ähnliche historische Umstände zu beziehen, ermöglicht worden. Damit verknüpft sei die Erwartung von Rückzahlung erwiesener Wohltaten zwischen Gastfreunden, was die starke Bedeutung persönlicher Bindungen im Erinnerungsprozess deutlich mache. Obgleich Steinbocks Hypothesen zu einer Weitergabe der Erinnerung bis auf Deinarchos durchaus schlüssig erscheinen, ist es meines Erachtens trotzdem fragwürdig, auf der Basis eines direkten Beleges von diesem Ereignis aus dem Jahr 404/03 als einem wiederkehrendem „hot topic“ (S. 254) im politischen Diskurs auszugehen. Problematisch ist darüber hinaus der Versuch, auch thebanische Einstellungen zur Vergangenheit zu rekonstruieren, was natürlich vor allem der Quellenlage geschuldet ist. So kann beispielsweise die Vermutung, Ismenias habe in der Diskussion um das Schicksal der athenischen Exilierten mit den mythischen Vorbildern Dionysos und Herakles argumentiert, nicht ausreichend belegt werden, obwohl die Vorstellung eine gewisse Plausibilität nicht entbehren kann (S. 224–232).[3]

Abschließend (S. 280–341) betrachtet Steinbock die Tatsache, dass die Forderung nach der Zerstörung Athens am Ende des Peloponnesischen Krieges das gesamte 4. Jahrhundert über im politischen Diskurs Athens gegenwärtig blieb. Dies ist dadurch zu begründen, dass die Angst der Athener vor Zerstörung ihrer Stadt durchaus real war und somit eine traumatische Erfahrung bedeutete, die trotz der Verschonung der Polis im kollektiven historischen Bewusstsein haften blieb. Ähnliche Ereignisse verstärkten auch hier die Erinnerung: Die von den Griechen als historisch geglaubte rituelle Auslöschung Krisas im Ersten Heiligen Krieg diente dabei als Folie, während die Schicksale verschiedener Poleis im 5. und 4. Jahrhundert, an denen die Athener zum Teil unmittelbar beteiligt waren, die Erinnerung auffrischten. Je nach den politischen Umständen war die Rahmenhandlung wandelbar, was besonders mit dem jeweiligen Verhältnis zu Theben zusammenhing: War die Stimmung zwischen beiden Poleis feindlich, so besonders während der thebanischen Suprematie in den Jahren 371 bis 362, wurde Theben als allein verantwortlich für die Forderung dargestellt.

In seiner Untersuchung hat Steinbock insgesamt überzeugend aufgezeigt, welche Schlüsselrolle der Argumentation mit Vergangenheit im politischen Diskurs der athenischen Demokratie zukam. Dabei wird er seinem eigenen Anspruch, neben den Reden auch die unterschiedlichen anderen Erinnerungsträger mit einzubeziehen, gerecht und stellt die Verknüpfungen zwischen den jeweiligen Erinnerungsträgern klar und plausibel dar.

Nicht in jedem Detail wird man Steinbock zustimmen wollen, und auch er selbst muss oft einräumen, dass andere Interpretationen ebenso ihre Berechtigung haben. Insgesamt handelt es sich aber um ein stilistisch ansprechend formuliertes und thematisch anregendes Buch, wozu nicht zuletzt auch die umfangreiche Bibliographie und mehrere Indices beitragen. Steinbock leistet sowohl in theoretischer als auch in inhaltlicher Hinsicht einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Forschungsdiskussion über die Bedeutung von Vergangenheit in Athen, auf den weitere Untersuchungen aufbauen können.

Anmerkungen:
[1] Stellvertretend dafür seien einige Sammelbände genannt: Elke Stein-Hölkeskamp / Karl-Joachim Hölkeskamp (Hrsg.), Die griechische Welt. Erinnerungsorte der Antike, München 2010; Lin Foxhall / Hans-Joachim Gehrke / Nino Luraghi (Hrsg.), Intentional History. Spinning Time in Ancient Greece, Stuttgart 2010; John Marincola / Lloyd Llewellyn-Jones / Calum Maciver (Hrsg.), Greek Notions of the Past in the Archaic and Classical Eras. History Without Historians, Edinburgh 2012. Erst kürzlich erschienen ist zudem die Monographie von Maria Osmers, „Wir aber sind damals und jetzt immer die gleichen“. Vergangenheitsbezüge in der polisübergreifenden Kommunikation der klassischen Zeit, Stuttgart 2013.
[2] Problematisch ist in diesem Zusammenhang die Annahme, dass auch Dichter wie Tyrtaios „had […] been fully incorporated into the Athenian memorial framework“ (S. 78); diese Annahme scheint durch Lyk. Leokr. 105–108; Plat. Nom. 629a sowie weit spätere Quellen nur unzureichend belegt.
[3] In diesem Zusammenhang fehlt auch der Hinweis auf Angela Kühr, Als Kadmos nach Boiotien kam. Polis und Ethnos im Spiegel thebanischer Gründungsmythen, Stuttgart 2006, die sich auch mit der räumlich-rituellen Vergegenwärtigung der Mythen um Herakles beschäftigt hat (S. 167–198).

Zitation
Katharina Kostopoulos: Rezension zu: : Social Memory in Athenian Public Discourse. Uses and Meanings of the Past. Ann Arbor  2013 , in: H-Soz-Kult, 18.11.2013, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20582>.
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18.11.2013
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