M. Janetzko: „Arisierung“ jüdischer Unternehmen in Bayern 1933–1939

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Titel
Die „Arisierung“ mittelständischer jüdischer Unternehmen in Bayern 1933–1939. Ein interregionaler Vergleich


Autor(en)
Janetzko, Maren
Umfang
XII, 381 S.
Preis
€ 18,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Kreutzmüller, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Berlin

Mit der Studie legt Maren Janetzko eine überarbeitete Version ihrer Dissertation vor, die sie 2009 an der Ruhr-Universität Bochum angefertigt hat. Die Autorin ist bereits im Rahmen des Projekts zur Erforschung der Geschichte der Dresdner Bank einschlägig an die Öffentlichkeit getreten[1] und hat unter anderem die kleine, feine Studie über das Bankhaus Kohn in Nürnberg publiziert.[2] In ihrem neuen Werk fokussiert sie im Rahmen eines „interregionalen Vergleichs“ auf das Schicksal als jüdisch betrachteter Unternehmen in Franken zwischen 1933 und 1939. Den 1933 mit aller Macht einsetzenden Prozess der Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit begreift Janetzko als Wechselspiel von lokalen und zentralen Instanzen und verweist einleitend auf die bekannten „großen lokalen Unterschiede […] hinsichtlich der Geschwindigkeit des Verdrängungsprozesses“ (S. 5). Der Fokus liegt dabei auf kleinen und mittleren jüdischen Unternehmen, da sich, wie Janetzko schreibt, deren „Arisierung […] im Kern der deutschen Gesellschaft“ abgespielt hat (S. 13).

Die auf breiter Quellenbasis gearbeitete Studie setzt mit einer Analyse der jeweiligen politischen Entwicklung vor Ort vor und nach 1933 ein. Im Gau Franken, der für die Expansion der NSDAP in das Reich eine strategische Brückenfunktion hatte, gelang es dem Gauleiter Julius Streicher „frühzeitig hohe Wahlerfolge“ zu erzielen (S. 21). An die politische Skizze schließt sich eine Darstellung der ungleichen sozioökonomischen Standortbedingungen in den vier zur Untersuchung anstehenden Städten – Augsburg, Gunzenhausen, Memmingen und Nürnberg – an. Während in der Kleinstadt Memmingen Kleinhandel und Handwerk dominierten, lagen die Verhältnisse in der Industrie- und Handelsmetropole Nürnberg naturgemäß anders. Große Unterschiede gab es auch hinsichtlich der jüdischen Gewerbebetriebe. Während in Memmingen insgesamt 160 Juden lebten, die nachweislich 40 Betriebe unterhielten, waren in Augsburg 1.033 Juden an insgesamt 175 Unternehmen und in Nürnberg 8.000 Juden an rund 1.000 Unternehmen in einem Maß beteiligt, dass sie nach 1933 – bzw. im Kontext der hier zur Debatte stehenden Untersuchung – als jüdisch galten. Während in Memmingen fast ein Viertel der Juden im Vieh- und Pferdehandel tätig waren, waren es in Nürnberg vor allem die Eisen- und Spielzeugindustrie sowie der Hopfenhandel, in denen sich Juden engagierten.

Spätestens ab 1933 waren die jüdischen Gewerbetreibenden ganz unterschiedlichen Bedrohungsszenarien ausgesetzt. Während in Augsburg bereits am 31. März 1933 eine umfassende Liste als jüdisch erachteter Unternehmen zirkulierte, wurden in Memmingen Kunden jüdischer Betriebe namentlich genannt und jüdische Gewerbetreibende verhaftet und verschleppt. Danach entstand allerorten eine „Situation latenter Bedrohung“ (S. 57), die freilich, wie die pogromähnlichen Vorgänge in Gunzenhausen allzu deutlich zeigen, sehr schnell in offene Gewalt umschlagen konnte. In diesem Kontext betont Janetzko die Bedeutung der Weltwirtschaftskrise, welche sowohl die jüdischen Unternehmen als auch potentielle Erwerber geschwächt hatte. Gerieten jüdische Gewerbetreibende einmal ins Fadenkreuz der Verfolgung, hatten sie in der Regel ökonomisch nur noch wenig zuzusetzen, während selbst wohlmeinende Käufer den Kaufpreis erst aus dem Unternehmen heraus erwirtschaften mussten. Nach der „ersten Arisierungswelle“ verstetigte sich der Prozess auch in Franken. Anfang 1938 nahm die Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit erneut an zerstörerischer Fahrt auf. Unter Einbeziehung der bereits veröffentlichten Daten von Bamberg[3], München[4] und Regensburg[5] arbeitet die Autorin heraus, dass in den Monaten zwischen der Anmeldung jüdischen Vermögens und dem Pogrom besonders viele jüdische Gewerbetreibende zur Geschäftsaufgabe gezwungen wurden. In Anlehnung an Avraham Barkai und unter Verweis auf die geringe Größe der verbliebenen Unternehmen spricht auch Janetzko von einem „Restbestand“ von Betrieben (S. 326), der nach den Novemberpogromen liquidiert wurde oder in den Besitz von Nicht-Juden gelangte. Die Darstellung wird durch einen ausführlichen tabellarischen Anhang ergänzt, der auch Bamberg, München und Regensburg einbezieht.

Insgesamt arbeitet Janetzko die Rolle der lokalen Akteure heraus und betont, dass „ein frühzeitiges Bestreben lokaler Parteiinstanzen nach einer Kontrolle über die ‚Arisierung‘ jüdischer Betriebe als ‚Normalfall‘“ anzusprechen sei (S. 335). Auch hänge „die Geschwindigkeit des Verdrängungsprozesses weit weniger als bislang vermutet mit der Größe des jeweiligen Ortes“ zusammen (S. 327). Hier stellt sich allerdings die Frage, ob die Erhebung diesen Schluss wirklich zulässt und – falls dies der Fall ist – ob die fehlende Schutzfunktion der großen Städte nicht ein Spezifikum Frankens (oder gar Bayerns) ist. Kritisch muss ferner angemerkt werden, dass Janetzko in ihrem Forschungsansatz noch sehr in der „Arisierungsforschung“ der 1990er-Jahre verhaftet ist. So nutzt sie den Begriff der „Arisierung“, obwohl sie zugesteht, „dass die Mehrzahl der Unternehmen in jüdischem Besitz nicht verkauft, sondern liquidiert wurde“ (S. 69). Ganz abgesehen von der offensichtlichen semantischen Schieflage führt dies zu einer analytischen Engführung, in der die jüdischen Gewerbetreibenden vornehmlich als passive Subjekte analysiert werden. Statt die jüdischen Gewerbetreibenden als Akteure zu begreifen und zu beschreiben, geht Janetzko – klug argumentierend und quellenkritisch, aber auf sehr dünnem analytischem wie empirischem Eis – der letztlich nicht beantwortbaren Frage nach, wie viele Erwerber bös- oder gutwillig waren. Hier hätte der Rezensent gern etwas mehr über die frühe Ächtung jüdischer Unternehmen erfahren, die im Gau Julius Streichers sicherlich bereits vor 1933 erhebliche zerstörerische Wirkung entfaltet hat. Alles in allem aber gelingt es der Autorin durch den Vergleich verschiedener Städte und Regionen ein und desselben nationalsozialistischen Gaus die Bedeutung der Handlungsträger der untersten lokalen Ebene deutlich herauszuarbeiten. Damit präzisiert sie unser Bild dieses hochkomplexen Prozesses und tilgt gleichzeitig einige blinde Flecken auf der Karte der Lokalstudien der Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit im Deutschen Reich.

Anmerkungen:
[1] Maren Janetzko, Die Arisierungs-Vermittlung, in: Dieter Ziegler, Die Dresdner Bank und die deutschen Juden, München 2006, S. 177–212.
[2] Dies., Haben Sie nicht das Bankhaus Kohn gesehen? Ein jüdisches Familienschicksal in Nürnberg 1850–1950, Nürnberg 1998.
[3] Franz Fichtl u.a., ‚Bambergs Wirtschaft judenfrei‘. Die Verdrängung der jüdischen Geschäftsleute in den Jahren 1933 bis 1939, Bamberg 1998.
[4] Marian Rappl, ‚Arisierungen‘ in München. Die Verdrängung der jüdischen Wirtschaftstreibenden aus dem Wirtschaftsleben der Stadt 1933–1939, in: Zeitschrift für Bayrische Landesgeschichte 63 (2000), S. 123–184.
[5] Klaus Hofmann, Die Verdrängung der Juden aus dem öffentlichen Dienst und selbstständigen Berufen in Regensburg 1933–1939, Frankfurt am Main 1993.

Zitation
Christoph Kreutzmüller: Rezension zu: : Die „Arisierung“ mittelständischer jüdischer Unternehmen in Bayern 1933–1939. Ein interregionaler Vergleich. Ansbach  2012 , in: H-Soz-Kult, 16.01.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20644>.
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Veröffentlicht am
16.01.2014
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