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Titel
Samstags um halb vier. Die Geschichte der Fußballbundesliga


Autor(en)
Havemann, Nils
Erschienen
München 2013: Siedler Verlag
Umfang
671 S., mit Abb.
Preis
€ 26,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jürgen Mittag, Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung, Deutsche Sporthochschule Köln

Das 50. Jubiläum des ersten Spieltags der Fußballbundesliga am 24. August 1963 bot neben medialen Rückblicken und Festveranstaltungen auch einen willkommenen Anlass für publizistische Betrachtungen, darunter in erster Linie Erinnerungsstücke, Kuriositäten- und Anekdotensammlungen sowie statistische Überblicke jedweder Art. Aus der Fülle dieser Bundesliga-Geschichten, die aus Marketinggründen zum Teil lange vor dem Jubiläum veröffentlicht wurden, stechen – mit etwas Abstand betrachtet – drei Werke hervor: Ronald Rengs „andere Geschichte der Bundesliga“, die am Beispiel der Lebensgeschichte des Fußballspielers und -trainers Heinz Höher erzählerische und fachwissenschaftliche Aspekte verknüpft[1], die von Klaus Hoeltzenbein herausgegebene und im Wesentlichen von aktuellen wie ehemaligen Autoren der „Süddeutschen Zeitung“ verfasste umfangreiche Bundesligachronologie „15:30“[2] und die hier zu besprechende „Geschichte der Fußballbundesliga“ von Nils Havemann, die von allen Neuerscheinungen am stärksten in der Wissenschaft verankert ist. Hervorgegangen ist die Darstellung Havemanns, der als Fußballfachhistoriker bereits mit seiner Studie zur Rolle des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) im „Dritten Reich“ beträchtliche Aufmerksamkeit geweckt hat[3], aus einem dreijährigen Forschungsprojekt an der Universität Stuttgart.

Gemeinsam ist den drei genannten Werken, in der einen oder anderen Form eine Kulturgeschichte des Fußballoberhauses zu präsentieren, die die 50 Jahre Bundesliga jeweils in den zeithistorischen gesellschaftlichen Kontext einordnet und die anhaltende Tendenz zur Professionalisierung als wichtigstes Merkmal hervorhebt. Während Reng und Hoeltzenbein dabei den Medien eine dominante Rolle zusprechen – von der verdichteten Berichterstattung über die zunehmende Inszenierung bis hin zur umfassenden Unterhaltungsmaschinerie –, betont Havemann in besonderem Maße die ökonomischen Rahmenbedingungen. Den vorliegenden Studien über die identitäts- und gemeinschaftsstiftenden Funktionen des Fußballs und dessen sich verändernde Bedeutungszuschreibungen stellt er damit eine Akzentuierung der wirtschaftlichen Entwicklungen und Verwertungsinteressen im Fußball gegenüber. Havemann verbindet seinen Band dabei mit dem Anspruch, auch die dunklen Seiten des organisierten Fußballs zu beleuchten – bzw. das gewachsene Bewusstsein, dass es „sich bei der Bundesliga um ein bisweilen schmutziges Business handelte“ (S. 530).

Dieser Zielsetzung folgend liegt der Schwerpunkt auf den Wechselwirkungen zwischen Professionalisierung und Kommerzialisierung im westdeutschen Fußball. Das Grundmuster markiert dabei eine Konstante: Um erfolgreich in der Bundesliga agieren zu können, mussten die ambitionierten Vereine attraktive Spieler verpflichten bzw. halten. Um deren Ablösesummen bzw. Gehälter zu finanzieren, mussten wiederum beständig wachsende Einnahmen generiert werden. Dabei schöpften die Vereine mit großer Kreativität alle nur denkbaren Varianten aus. Von Anfang an kam es in diesem Zusammenhang, so Havemann, auch zu Bilanzierungstricks und Formen von Schattenwirtschaft. In Zeiten, als die so genannten Lizenzspieler nicht mehr als 1.200 Mark verdienen durften, wurden vielfach schwarze Kassen geführt oder Scheinanstellungen bei Sponsoren arrangiert. Seitens der öffentlichen Hand, namentlich von den Kommunen, wurde der Tendenz zur Ausgabensteigerung gerade in den Anfangsjahren der Liga noch Vorschub geleistet. Unter dem Signum der Gemeinnützigkeit gewährte man den Vereinen eine Befreiung von Abgaben und Steuern. Zudem halfen zahlreiche Bundesligastädte ihren sportlichen Aushängeschildern immer wieder bei Liquiditätsengpässen, indem sie Steuerschulden erließen oder Zuschüsse leisteten. Die enge Liaison zwischen den großen Vereinen und der öffentlichen Hand hatte letztlich zur Konsequenz, dass sich der Bundesligabetrieb bald in einem verheerenden finanziellen Zustand befand – und die Liga auf dem „Weg zur Staatsbundesliga“ (S. 193).

Die frühen 1970er-Jahre waren dann eine Wegmarke, für die sinnbildlich der Bundesligaskandal von 1971 als Zäsur steht. Die Kommunen begannen, ihr Verhältnis zum professionellen Fußball kritischer zu sehen. Diese „Entfremdung“ (S. 265) ging allerdings nie so weit, dass man sich vollständig zurückzog. In den nachfolgenden Jahrzehnten gab es weiterhin zahlreiche Unterstützungen für die Ligavereine; Seriosität und Solidität gewannen in der Bundesliga aber zunehmend an Bedeutung. Die heutigen Strukturen mit der Trennung von DFB und Deutscher Fußball-Liga (DFL) sowie der Ausgliederung der Lizenzspielerabteilungen aus den Vereinen spiegeln diese Entwicklung wider.

Der Rolle des DFB widmet Havemann ebenfalls erheblichen Raum und betont hier erneut die Dominanz des Ökonomischen. Die Strategie des DFB – auch im Rahmen des Bundesligaskandals, über den der Verband nach Havemanns Quellenrecherchen frühzeitig informiert war – zielte vor allem darauf, das Produkt Bundesliga als Einnahmequelle möglichst erfolgreich zu vermarkten. Das komplexe Gesamtgebilde DFB mit seinen zahlreichen widerstreitenden Interessen und anhaltenden Konflikten von Amateuren und Profis vermochte es immer wieder, den Spagat zwischen proklamierten Werten und ökonomischen Interessen auszubalancieren bzw. rhetorisch zu ummänteln. Havemann zeichnet hier deutliche Kontinuitätslinien zur Weimarer Republik nach, als der seinerzeitige DFB-Präsident Felix Linnemann die ökonomisch motivierte Ausweitung von Spielen auf Sonn- und Feiertage mit dem Argument begründete, dass die „gesunde spielwillige Jugend“ ansonsten in Kinos und Kneipen getrieben würde (zit. auf S. 345). Demgegenüber relativiert Havemann die verbreitete Einschätzung einer grundsätzlich konservativ-reaktionären Haltung des DFB bei politischen Fragen. So führt er als Quellenbeleg aus der kontroversen Debatte im Vorfeld der Weltmeisterschaft 1978 unter anderem ein Plädoyer von DFB-Präsident Hermann Neuberger an: Dieser setzte sich dafür ein, dass die Nationalspieler Bemühungen von Amnesty International in Argentinien unterstützen sollten. Demgegenüber wies die sozialliberale Regierungskoalition bzw. die seinerzeitige Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Hildegard Hamm-Brücher (FDP), das Ansinnen zurück, „die Mitglieder unserer Elf […] zu Initiativen oder Erklärungen über die innerargentinische Situation zu ermuntern“ (zit. auf S. 253f.).

Mit diesen Beispielen sind nur einige der Themen angerissen, die Havemann in der detailreichen Darstellung beleuchtet. In seinen 50 Jahren Bundesligabetrachtung werden darüber hinaus so unterschiedliche Problemfelder wie Stadionbauten, Doping, Gewalt und Rassismus eingehender behandelt, aber auch zahlreiche Vereine und Akteure porträtiert, nicht zuletzt die zunehmend an Bedeutung gewinnenden Manager. Gerade die umfassende ökonomische Perspektive, aber auch die Überprüfung scheinbar gesicherten Wissens und die akribische Quellenarbeit – das Quellenverzeichnis führt allein 30 Archive unterschiedlichster Art in ganz Deutschland an, darunter zahlreiche Vereinsarchive – sind es, die den Wert dieser Bundesligageschichte ausmachen. Ohne Zweifel lässt sich vortrefflich über Havemanns These streiten, dass der allgemein als Ideologie- bzw. Systemdualismus wahrgenommene Konflikt zwischen Gladbach und Bayern in den 1970er-Jahren lediglich ein inszeniertes Scheingefecht gewesen sei, dem in Wirklichkeit gemeinsame ökonomische Interessen zugrunde gelegen hätten. Gewiss liest sich Havemanns komplexe Darstellung nicht immer so spannend wie Ronald Rengs „andere Geschichte der Bundesliga“, und vielleicht bietet sie auch nicht so regen Gesprächsstoff für den Fußball-Talk wie Klaus Hoeltzenbeins Band. Nils Havemann gebührt aber zweifelsohne das Verdienst, die erste aus den Quellen – jenseits der Zeitungsartikel – gearbeitete wissenschaftliche Studie zur Bundesliga verfasst zu haben. Als empirisch dichte wie interpretationsfreudige Gesamtschau mit ökonomischem Akzent kann sie den Anspruch erheben, ein Grundlagenwerk für die weitere Erforschung der jüngeren deutschen Fußballgeschichte darzustellen.

Abzuwarten bleibt allerdings, ob im Zuge dieser künftigen Forschungen Havemanns Titel noch Bestand haben kann. In den Anfangstagen der Bundesliga begannen die Spiele nicht um 15.30 Uhr, sondern, je nach Jahreszeit, zwischen 14.30 und 16.30 Uhr. Erst nach einem halben Jahrzehnt verständigte man sich auf die Anstoßzeit „halb 4“, die sich mehreren Generationen von Fußballfans fest ins Gedächtnis eingebrannt hat. Mittlerweile sind daraus jedoch fünf verschiedene Anstoßzeiten an drei aufeinanderfolgenden Tagen geworden – dies letztlich auch ein Ausdruck jener von Havemann beschriebenen Tendenz, den „Berufsfußball als einen Unterhaltungsbetrieb anzuerkennen, der marktwirtschaftlichen Regeln gehorchen muss, wenn er eine gewisse Qualität hervorbringen soll“ (S. 536).

Anmerkungen:
[1] Ronald Reng, Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga, München 2013.
[2] Klaus Hoeltzenbein (Hrsg.), 15:30 – Die Bundesliga. Das Buch, München 2013.
[3] Nils Havemann, Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz, Frankfurt am Main 2005.

Zitation
Jürgen Mittag: Rezension zu: : Samstags um halb vier. Die Geschichte der Fußballbundesliga. München  2013 , in: H-Soz-Kult, 18.03.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21029>.
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Veröffentlicht am
18.03.2014
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