Sammelrezension: Lager im 20. Jahrhundert

Jahr, Christoph; Thiel, Jens (Hrsg.): Lager vor Auschwitz. Gewalt und Integration im 20. Jahrhundert. Berlin : Metropol Verlag  2013 ISBN 978-3-86331-068-4, 337 S. € 22,00.

Greiner, Bettina; Kramer, Alan (Hrsg.): Welt der Lager. Zur „Erfolgsgeschichte“ einer Institution. Hamburg : Hamburger Edition, HIS Verlag  2013 ISBN 978-3-86854-267-7, 359 S., 34 Abb. € 32,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bertrand Perz, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien

Seit Zygmunt Bauman den Begriff vom 20. Jahrhundert als „Jahrhundert der Lager“ geprägt hat, ist die Frage nach der Institution Lager über die NS-Konzentrationslager und den sowjetischen Gulag hinaus zum Thema geworden. Die historische Berechtigung zu einer derartigen Bezeichnung des Jahrhunderts scheint aus empirischer Sicht zweifellos gegeben zu sein. Joël Kotek und Pierre Rigoulot haben in ihrer gleichnamigen geschichtswissenschaftlichen Monographie ausgeführt, wie sich Lager als provisorische, schnell zu errichtende Massenquartiere im 20. Jahrhundert ausgebreitet haben und wie allgegenwärtig Lager auch weiterhin sind.[1] Derzeit ist Guantánamo wohl die bekannteste derartige Einrichtung, wenngleich quantitativ unbedeutend. Nimmt man die jährlich erscheinenden UNHCR-Berichte als Quellen (United Nations High Commissioner for Refugees), so ist davon auszugehen, dass viele Millionen Menschen ihr Leben in – oft zu Dauerprovisorien gewordenen – Lagern verbringen. Auch wenn Koteks und Rigoulots Studie methodisch nicht nur wegen der losen Aneinanderreihung von Erscheinungsformen des Lagers und der Fokussierung auf Repressionslager nicht völlig überzeugen kann – Fragen nach der Entwicklung, nach transnationalen oder nationalen Wissenstransfers bleiben außen vor –, so hat ihre Publikation dazu beigetragen, die bestehenden Forschungsfelder zum Thema Lager, von denen das NS-Lagersystem zweifellos das am intensivsten untersuchte ist, zu einem größeren Forschungsgebiet über Lager im 20. Jahrhundert zu erweitern. Dabei ist freilich noch viel zu tun.

Die Entstehung der hier zu besprechenden Bände erklärt sich vor diesem Hintergrund. Beide haben ihren Ursprung in einer Fachtagung „Die Welt der Lager: Ausgrenzung, soziale Kontrolle und Gewalt in transnationaler Perspektive“, die im Rahmen der Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte 2011 in Berlin stattfand, einer Kooperation des Hamburger Instituts für Sozialforschung und des Einstein Forums Potsdam.[2] Die Publikation von Konferenzergebnissen ist ein schwieriges Unterfangen – oft müssen wegen Finanzierungsfragen, Absagen oder mangelnder Qualität einzelner Texte gut überlegte Konzepte pragmatischen Entscheidungen geopfert werden. In diesem Fall lag das Problem aber offensichtlich bei den Veranstaltern. Warum sich die Organisatoren der Tagung – Christoph Jahr (Berlin/Heidelberg), Alan Kramer (Dublin), Claudia Siebrecht (Dublin) und Jens Thiel (Berlin) sowie die Koordinatorin Bettina Greiner (Berlin) – über die Publikation nicht einig wurden, verraten die entsprechenden Randnotizen in den Bänden nicht. Wenn es inhaltliche Differenzen waren, wäre das für die Profilschärfe der beiden Publikationen vielleicht erhellend gewesen. Jedenfalls sind nun zwei Sammelbände parallel entstanden, die beide nicht nur unterschiedliche Konferenzbeiträge abdrucken, sondern jeweils zusätzliche Texte aufgenommen haben. Nur eine Autorin – Heather Jones – findet sich in beiden Bänden, andere Konferenzteilnehmer in keinem der beiden. Eine Rezension von zwei Sammelbänden mit insgesamt 31, zum Teil ganz neuen und sehr unterschiedlichen Beiträgen kann diesen nicht vollständig gerecht werden. Im Folgenden wird daher stärker auf die in den Einleitungen dargelegten Konzeptionen und nur punktuell auf Einzelbeiträge eingegangen, was keine Aussage über die Qualität der nicht erwähnten Aufsätze sein soll.

Der von Alan Kramer und Bettina Greiner herausgegebene Band „Die Welt der Lager“ ist thematisch breit angelegt. Der Titel weckt allerdings Erwartungen, die ein solcher Sammelband nur schwer erfüllen kann. Denn wie Kramer in der Einleitung betont, geht es um keine Gesamtdarstellung der internationalen Geschichte der Lager seit 1900; so werden auch große Regionen – Südafrika, Südamerika, China und Nordkorea – nicht behandelt. Im Zentrum steht vielmehr die Frage der Verdichtung von Phänomen, die um 1900 zur Etablierung der modernen Lager geführt haben, sowie die Aneignung und Verwandlung dieser Institution durch die unterschiedlichen Regime. Die Präsentation exemplarischer Fälle soll neue Perspektiven auf die Lagerforschung eröffnen. Gefragt wird dabei nach dem Ursprung, dem Begriff und dem Funktionswandel der Lager: Welche nationalen und transnationalen Entwicklungslinien sind auszumachen? Wie verlaufen Dynamisierungs- und Lernprozesse? Dies steht freilich schon in einem gewissen Spannungsfeld zu einer weiteren Einschränkung, der weitgehenden Fokussierung auf „Repressionslager“, die in ihrer Funktion nochmals zwischen Haft- und Internierungsstätten einerseits, Lagern als Orten der Menschenvernichtung andererseits unterschieden werden. Kramer betont, dass die Lager nicht vom Extremfall Auschwitz her gedacht werden sollten, denn dieser Topos verstelle nur den Blick auf komplexe und oft kurvenreiche Entwicklungslinien.

Der Band versammelt in der Folge entlang der Zeitachse zwölf meist überblicksorientierte Beiträge, beginnend mit einem historischen Rückblick auf Voraussetzungen und Vorläufer des Konzentrationslagers vor der Moderne über die Frage nach den spanischen Reconcentrations-Zonen in Kuba und ihrer möglichen Vorbildwirkung, über Konzentrationslager in Deutsch-Südwestafrika, über Kriegsgefangenenlager im Ersten Weltkrieg, über den sowjetischen Gulag bis hin zur nationalsozialistischen Lagerwelt, den faschistischen Lagern in Spanien und Italien sowie den japanischen Lagern für Zivilisten und Kriegsgefangene 1941–1945. Drei weitere Beiträge beschäftigen sich mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: mit den Speziallagern des NKVD in Deutschland, mit Lagerformen im Zuge der Dekolonisierung von den 1950er- bis zu den 1970er-Jahren. Bernd Greiner reflektiert schließlich die Entwicklungen des „War on Terror“ von Guantánamo zum Drohnenkrieg, welcher der Lager als Form der Repression und Exklusion nicht mehr bedarf. Damit wirft Greiner die Frage auf, was das 21. Jahrhundert wohl vom 20. hinsichtlich der Lager unterscheiden wird.

Während man den Kolonialismus als einen Auslöser für moderne Lager um 1900 betrachten kann, wird darüber hinaus deutlich, wie sehr vor allem der Erste Weltkrieg (Heather Jones spricht von „technologischer Revolution“) die Entwicklung der Institution Lager dynamisiert hat – von der Infrastruktur über die Lagerarchitektur bis zur militarisierten transnationalen Lagerkultur – und wie wenig Faschismus und Kommunismus mit ihren rassen- bzw. sozialpolitischen Utopien dem hinzufügen mussten, um Lager als gewaltiges Repressionsinstrument zu bedienen. Deutlich wird auch, wie sehr im Zweiten Weltkrieg eine nochmals ganze neue Welt der Lager entstand, geprägt von Expansion, von Funktionsvielfalt und im NS-Regime vor allem mit der Funktion der Massenvernichtung. Für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vermisst man doch einiges an Inhalt, selbst wenn die Beiträge über „Zwangsumsiedlung und Counterinsurgency“ zwischen 1950 und 1970 sowie über den aktuellen „Anti-Terror-Krieg“ unter Führung der USA äußerst lesenswert sind. Die Frage nach den NKVD-Lagern und den damit zusammenhängenden politischen Debatten ist dagegen vor allem für Deutschland ein wichtiges Thema.

Trotz der explizit gemachten Einschränkungen muss die Frage erlaubt sein, wie sich der Anspruch, die „Erfolgsgeschichte“ der Institution Lager darzustellen und die unterschiedlichen Funktionen von Lagern sichtbar zu machen, mit dem Umstand verträgt, dass bestimmte Lagertypen und ihre Funktionen weitgehend ausgeblendet bleiben. Geht man davon aus, dass sich Lager entlang des Grades von Zwang und Freiwilligkeit einteilen lassen, vom direkten physischen Zwang über Lageraufenthalt als Dienstpflicht wie Militärlager bis hin zu den Feriencamps, dann fällt auf, dass etwa Flüchtlingslager, die oft mit fließendem Übergang sowohl Schutz für die Lagerinsassen bedeuten können wie auch Lagerhaft, kaum näher betrachtet werden. So geraten etwa Displaced-Persons-Camps nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren großen Zahlen an Insassen nicht ins Blickfeld dieses Bandes.

Gerade wenn man diskutiert, ob die verschiedenen Lagertypen in der Geschichte einen Begriff vom Lager als große erschließungsfähige Klammer erlauben, wäre nach eventuellen gemeinsamen Strukturen und Formen solcher Lager zu suchen, die von ihren Funktionen her wenig miteinander zu tun haben. Die Frage nach der Institution Lager über die Repressionslager hinaus, die nur im Beitrag von Marc Buggeln und Michael Wildt über die NS-Integrationslager ausführlich angesprochen wird, hätte etwa eine genauere Auseinandersetzung mit Ulrich Herberts Kritik an Zygmunt Baumans „Jahrhundert der Lager“ nahegelegt, die man in beiden Bänden vergeblich sucht.[3] Bauman hatte den Begriff vom „Jahrhundert der Lager“ ursprünglich mit der Absicht in die Diskussion geworfen, einen naiven Fortschrittsoptimismus im Hinblick auf eine sich national und weltweit entwickelnde Zivilgesellschaft infrage zu stellen. Lager seien kein Rückfall in die Barbarei, aber auch kein Betriebsunfall, sondern eng an die Moderne und den Fortschritt geknüpft.

An Baumans Sicht wurde unter anderem kritisiert, dass das Lager bei ihm keinen spezifischen historischen und politischen Ort mehr habe[4] und sein hohes Abstraktionsniveau die Besonderheit der nationalsozialistischen Vernichtungslager verschwinden lasse. Herbert hat in seiner Replik nicht nur große Skepsis gegenüber Baumans „geschichtspessimistischen Menetekeln“ geäußert. Die Lager, so die Gegenthese, seien nicht Ausdruck der modernen Gesellschaft, sondern ihr Krisenfall, ein Indikator für „Entwicklungsverwerfungen“ in einer Phase der umfassendsten und tiefgreifendsten Veränderungen der Menschheitsgeschichte. Herbert skizzierte in der Folge fünf Faktoren, die das Lager im 20. Jahrhundert zu einem massenhaften Phänomen vor allem auch des zivilen Lebens gemacht hätten: Krieg, Migration, ethnische Flurbereinigung, Repression, soziales Experiment.[5] Auch wenn man die Interpretation der Lager als Transformationsphänomene moderner Industriegesellschaften nicht teilen muss, so bieten die genannten Faktoren, die sich mit verschiedensten Formen von Lagern verbinden und über den Typus des Repressionslagers hinausweisen, eine Möglichkeit, die Geschichte der „Institution“ Lager im 20. Jahrhundert breiter zu strukturieren. Nicht zuletzt hätten Herberts Thesen eine Auseinandersetzung in den sonst so instruktiven Einleitungen beider Bände verdient, weil Herbert vor dem Hintergrund der extremen Unterschiede in Form und Funktion von Lagern einen universellen Lagerbegriff für problematisch hält.

Gerade dazu findet sich aber im Beitrag von Marc Buggeln und Michael Wildt, nicht zuletzt aufbauend auf früheren Texten von Kiran Klaus Patel (der im zweiten zu besprechenden Band mit einem Beitrag vertreten ist), der wichtige Hinweis, dass eine vorschnelle Zurückweisung eines übergreifenden Lagerbegriffs den Blick auf gemeinsame Funktionen verstellen kann. Patel hatte mit Bezug auf die nationalsozialistischen Lager argumentiert, dass die Reduktion solcher Einrichtungen auf zentrale Orte von Terror, Verfolgung und Vernichtung eine „semantische Halbierung“ dieses „Kollektivsingulars“ bedeute. Das NS-Regime habe ein zweites, fast ebenso komplexes Konglomerat von Lagern geschaffen, das sich an die Mitglieder der „Volksgemeinschaft“ wandte und als eine Art soziales Experiment Tendenzen zur Ersetzung der Familie durch neue Formen der Vergemeinschaftung in sich trug.[6] Trotz aller Differenz wird beim Thema dieser NS-Lager deutlich, welche großen strukturellen Ähnlichkeiten und vielfältigen Beziehungen hinsichtlich der Ordnung des Raums und der Zeit zwischen beiden Erscheinungsformen von Lagern bestehen, die beide als ein Instrument zur Dynamisierung des gesellschaftlichen Wandels verstanden wurden. Für die Frage, ob „Lager“ als übergeordneter Begriff überhaupt taugt, ist dies ein relevanter, an einem konkreten Beispiel fruchtbringend durchgespielter Ansatz. Andere politische Systeme müssten daraufhin noch untersucht werden.

Der zweite, von Christoph Jahr und Jens Thiel herausgegebene Band mit dem Titel „Lager vor Auschwitz“ erhebt im Unterschied zu Greiners und Kramers Band nicht den Anspruch eines Gesamtblicks auf das Phänomen Lager. Er versammelt Beiträge aus einem zentralen Abschnitt der „longue durée der modernen Lagergeschichte“ von 1900 an, ausgehend von der Entstehung des modernen Lagers in unmittelbarem Zusammenhang mit der globalen Ausbreitung des Kolonialismus bis zur Mitte des Jahrhunderts mit den nationalsozialistischen Lagersystemen und dem Gulag.

In Übereinstimmung mit Greiner und Kramer postulieren auch Jahr und Thiel in ihren „Prolegomena zu einer Geschichte der Lager“, dass diese in ihrer modernen Form nicht vom radikalen Endpunkt Auschwitz her zu denken seien, sondern von ihren Anfängen her, da Auschwitz als Extremfall den Blick auf andere Lagerformen eher verstelle. Wie im Titel schon angesprochen, fokussiert der Band auf die Verbindung von Lager, Gewalt und Integration, die als weit in die Geschichte zurück verfolgbar dargestellt wird. Ausgrenzung, soziale Kontrolle und Disziplinierung verbänden das moderne Lager mit älteren Formen (siehe dazu auch Andreas Gestrichs Beitrag im Band von Greiner und Kramer).

Jahr und Thiel geben am Ende ihrer instruktiven Einleitung einen Ausblick auf die Zeit nach 1945; sie verweisen stärker als Greiner und Kramer auch auf andere Lagerformen und Funktionen. So erwähnen sie etwa die Displaced-Persons-Lager oder die Lager für Kinder, Jugendliche und Studierende (seien es Pionier- oder Ferienlager) und stellen dabei die Verbindung zu den von ihnen behandelten Lagern her – letztlich gehe es auch hier immer um Orte der Sozialisation, der Disziplinierung und / oder der politischen, weltanschaulichen oder ideologischen Beeinflussung. Lampedusa und Guantánamo würden überdies unterstreichen, dass das Phänomen Lager auch im 21. Jahrhundert von hoher Bedeutung geblieben sei. Um die Frage nach der spezifischen Institution Lager zu schärfen, wäre hier allerdings zusätzlich nach anderen aktuellen Formen von In- und Exklusion zu suchen, etwa dem Phänomen der „gated communities“.

Der Band selbst versammelt insgesamt 17 Beiträge. Vorangestellt sind zwei sehr informative Texte, die weit hinter das Jahr 1900 zurückgehen: eine Begriffsgeschichte der Lager anhand von Konversationslexika sowie eine rechtshistorische Abhandlung über „Lager und Recht – Recht im Lager“ seit der Aufklärung. Die Entwicklung seit 1900 wird dargestellt durch jeweils mehrere Beiträge zur Lagerproblematik in Deutsch-Südwestafrika, im Ersten Weltkrieg, in der Sowjetunion und im Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1939, wiederum mit Betonung sowohl der Repressions- wie auch der Integrationslager. Dazu kommen zwei Beiträge zum Thema Flüchtlingslager – einmal zum Ersten Weltkrieg in Osteuropa, einmal zu den „Heimkehrlagern“ in der frühen Weimarer Republik. Ein Beitrag zu den „austrofaschistischen Hochschullagern der Jahre 1936 und 1937“ greift das Thema der Integrationslager am österreichischen Beispiel auf.

Was man in beiden Bänden vergeblich sucht, sind stärker kulturwissenschaftlich geprägte Ansätze. So mutet die im Band von Greiner und Kramer vorangestellte Präsentation von 34 Bildern, die das Lager als „ein weltweites Phänomen“ veranschaulichen soll (und 20 Jahre historische Auseinandersetzung um Fotografien als Quelle ausblendet), etwas eigenartig an. Gerade die Fragen der Transfers, die den Herausgebern wichtig sind, hätten auch über eine Auseinandersetzung mit der Bildproduktion von Lagerorten verhandelt werden können. Fragen nach der Bedeutung von Lagerdarstellungen und ihren Verweisen für die Bewertung politischer Systeme spielen in einer medialen Welt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wenn etwa die Schlüsselszene des NS-Propagandafilms „Ohm Krüger“ von 1941 eine brutale Behandlung von Frauen und Kindern in den britischen Concentration Camps des Burenkriegs gekonnt inszeniert, um antibritische Ressentiments zu wecken und zugleich die eigenen Konzentrationslager zu verharmlosen, verweist dies ebenso auf die Bildmächtigkeit derartiger Lagerrepräsentationen wie der Fall der 1992 entstandenen Aufnahmen von ausgemergelten Männern hinter Stacheldraht in Bosnien-Herzegowina. Die dem Lager Omarska zugeordneten Bilder, von Anfang an wegen des Vorwurfs der Inszenierung heftig umstritten, hatten mit ihrem offensichtlichen Bezug zu den sowjetischen Befreiungsbildern von Auschwitz eine legitimatorische Funktion für die internationale Intervention in die Balkankriege der 1990er-Jahre.

Zuletzt sei noch auf den politischen Kontext beider Publikationen eingegangen, den die Bände eher ausklammern. Die Beschäftigung mit Lagern im 20. Jahrhundert, zumal in Deutschland, kann Befürchtungen wecken, dass Auschwitz in ein langes Jahrhundert der Gewalt eingemeindet werden könnte. Zwar wird in den Einleitungen beider Bände der besondere Stellenwert der nationalsozialistischen Vernichtungslager betont. Der Blick auf das gesamte 20. Jahrhundert zeigt aber trotzdem eine bereits seit längerem in Gang befindliche Verschiebung hinsichtlich des Stellenwerts des Themas Nationalsozialismus an. Das muss Wissenschaft in ihrem Fortgang nicht kümmern; gesellschaftspolitisch hat dies mittelfristig in Ländern wie Deutschland mit seiner ausgeprägten KZ-Gedenkstättenlandschaft aber sehr wohl Auswirkungen. Eine vom Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten erwirkte einstweilige Verfügung gegen eine Passage in Bettina Greiners Artikel zu den Speziallagern der NKVD, die die Rolle der Stiftung betrifft, verweist daher nicht nur auf handwerkliche Fehler in einem Artikel; dahinter steht auch eine seit den frühen 1990er-Jahren geführte heftige geschichtspolitische Auseinandersetzung über die Frage des Stellenwerts von NS-Konzentrationslagern und stalinistischen Speziallagern für die deutsche Erinnerungskultur. Eine Geschichte der Lager wird daher, vor allem wenn sie in Deutschland geschrieben wird, schwer möglich sein, ohne sich selbstreflexiv mit ihren gesellschaftspolitischen Implikationen zu beschäftigen.

Mit den beiden Publikationen zu Lagern im 20. Jahrhundert liegen zwei sehr wichtige Sammelwerke vor, die man unbedingt gemeinsam lesen sollte. Sie geben nicht nur einen guten Einblick in den gegenwärtigen Forschungsstand, sondern machen auch deutlich, dass auf diesem Gebiet noch viel an historiographischer Arbeit möglich und nötig ist.

Anmerkungen:
[1] Joël Kotek / Pierre Rigoulot, Das Jahrhundert der Lager. Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung, Berlin 2001.
[2] Siehe den Tagungsbericht von Sebastian Bischoff, in: H-Soz-u-Kult, 09.06.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3676> (02.05.2014).
[3] Ulrich Herbert, Das „Jahrhundert der Lager“: Ursachen, Erscheinungsformen, Auswirkungen, in: Peter Reif-Spirek / Bodo Ritscher (Hrsg.), Speziallager in der SBZ. Gedenkstätten mit „doppelter Vergangenheit“, Berlin 1999, S. 11–19.
[4] Jörg Später, Jahrhundert der Lager? Über Stärken und Schwächen eines Begriffs, in: iz3w, 1999, Ausgabe 239, S. 21–24, <https://www.iz3w.org/zeitschrift/ausgaben/239_jahrhundert_der_lager/faa> (02.05.2014).
[5] Wie Anm. 3.
[6] Kiran Klaus Patel, Auslese und Ausmerze. Das Janusgesicht der nationalsozialistischen Lager, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 54 (2006), S. 339–365, hier S. 339.

Zitation
Bertrand Perz: Rezension zu: Jahr, Christoph; Thiel, Jens (Hrsg.): Lager vor Auschwitz. Gewalt und Integration im 20. Jahrhundert. Berlin  2013 / Greiner, Bettina; Kramer, Alan (Hrsg.): Welt der Lager. Zur „Erfolgsgeschichte“ einer Institution. Hamburg  2013 , in: H-Soz-Kult, 22.05.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21035>.