J. Jacobi: Mädchen- und Frauenbildung in Europa

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Titel
Mädchen- und Frauenbildung in Europa. Von 1500 bis zur Gegenwart


Autor(en)
Jacobi, Juliane
Erschienen
Frankfurt am Main 2013: Campus Verlag
Umfang
509 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Margret Kraul, Allgemeine Pädagogik und Schulpädagogik, Georg-August-Universität Göttingen

Mit ihrer vergleichenden Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung seit der Frühen Neuzeit hat sich Juliane Jacobi einer immensen Herausforderung gestellt: Es geht um nicht weniger als 500 Jahre Geschichte, vorrangig in den drei Ländern Deutschland, England und Frankreich, ergänzt durch gelegentliche Ausblicke auf weitere europäische Länder und teilweise deren Kolonien, und das alles differenziert nach Schulformen und dem Zugang zur akademischen Bildung sowie nach beruflicher und allgemeiner Bildung. Darüber hinaus bezieht Juliane Jacobi sowohl das jeweilige pädagogische und geschlechtertheoretische Denken in ihre Darlegungen ein als auch die Institutionengeschichte und einzelne Belege, die über den Schulbesuch Auskunft geben, verwendet also eine Vielfalt unterschiedlicher Quellen, die sie in einer Langzeitperspektive auf weibliche Bildung münden lässt. Der Vergleich soll die nationale Perspektive relativieren, auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede verweisen und die Vernetzung von Personen und Ideen aufzeigen. Das Jahr 1500 als Anfangspunkt ihrer Darstellung steht dabei für die Ausweitung der alten auf die neue Welt, vor allem aber für die mit der Reformation verbundenen Umbrüche, deren Auswirkungen auf die Geschlechterordnung und die Strukturen und Inhalte der Mädchenbildung sich augenfällig im protestantischen und katholischen Raum manifestiert haben, und das nicht nur in der frühen Neuzeit. Bei einer so umfassenden Anlage des Buches, die auf unterschiedlichen und teilweise sehr detailliert ausdifferenzierten Ebenen durch die fünfhundertjährige Geschichte führt, ist es nicht möglich, referierend die wichtigen Ergebnisse wiederzugeben; allenfalls können die einzelnen Epochen grob skizziert und einzelne Beispiele hervorgehoben werden.

In einem ersten Abschnitt, der die Zeit zwischen 1500 und 1700 unter den Begriffen von „Ehrbarkeit und Frömmigkeit“ fasst, hebt Juliane Jacobi auf Bildungsideale sowie Bildungsangebote für Mädchen ab, setzt sie gekonnt in den Kontext der religiösen Bewegungen in den drei Ländern – vom Jansenismus bis zum Quietismus und vom Puritanismus bis zum Katholizismus – und reflektiert die entsprechenden pädagogischen Schriften und Praktiken. Dabei kann sie für Frankreich im grand siècle eine gegenüber England und den protestantischen Landesteilen Deutschlands deutliche Ausweitung der Teilhabe an Bildung bei adligen Frauen, aber auch eine generelle Aufmerksamkeit für Mädchen- und Frauenbildung konstatieren. Die Mädchenbildung der unteren Schichten war dagegen, trotz regionaler Unterschiede, eher in den protestantischen als in den katholischen Regionen zu finden. Dabei war die Institutionalisierung von Erziehung keineswegs nur an Schulen gebunden: Vielmehr kam, vor allem in der Oberschicht, der Privaterziehung, in der eigenen oder einer fremden Familie, große Bedeutung zu. Für die bürgerlichen Schichten spielten städtische Schulen, aber auch private Winkelschulen eine Rolle; in den katholischen Gebieten kamen Schulen der Lehrkongregationen hinzu. Über Schulordnungen, etwa für Gotha oder Nürnberg, und Schulbücher rekonstruiert Juliane Jacobi, was vermittelt werden sollte. Aber Aussagen über konkrete Bildungspraxen sind für diese frühe Zeit nur begrenzt zu treffen und so liegt die Stärke dieses Abschnitts denn auch mehr in der Darstellung der Bildungsideale für Frauen, vorrangig auf die Ehe bezogen, aber alternativ auch auf den Eintritt in eine der Kongregationen. Anhand der Schriften des Spaniers Juan Luis Vives, der mit Rückgriff auf Antike und Patristik einen Lebensplan für die christliche Frau skizziert, Francois Fénelons Schrift zur Mädchenbildung, aber auch mit Bezug auf die Schriften der Querelle des femmes entwirft Juliane Jacobi ein Bild damaliger Vorstellungen zu weiblicher Erziehung, das sie mit Biographien gelehrter Frauen von Christine de Pizans bis zu Anna Maria van Schurmann komplettiert. Es ist eine Fülle beeindruckender Einzelbeispiele, die den Eindruck von großer Gelehrsamkeit, auch der Autorin, entstehen lässt, die es aber – und diese Struktur ist dem so groß und breit angelegten Unternehmen geschuldet – gelegentlich auch schwierig macht, den einzelnen Verzweigungen zu folgen.

Das zweite Kapitel unter der Überschrift „Vernunft, Gefühl und Tugend“ widmet sich dem pädagogischen Jahrhundert (1700–1800). Hier kommen die Frauen selbst zu Wort, vor allem englische und französische Autorinnen. Was sehr schön deutlich wird, ist die transnationale Verflechtung: So erscheinen Madame d’Épinays Conversations d’Émile zunächst in Deutschland, und Campes Robinson der Jüngere wird in Mädchenschulen in Deutschland in einer französischen Übersetzung gelesen (S. 120). Aber auch Verbindungslinien, die Saint Cyr, das von Fénelon und der Madame de Maintenon geprägte Internat für adlige Mädchen, als Vorbild für die Gründung des Magdalenenstifts in Altenburg durch die pietistische Freifrau Henriette Katharina von Gersdorf ausweisen, werden aufgedeckt (S. 155) und nicht zuletzt wird der Bogen von Saint Cyr nach Russland geschlagen, wo Katharina die Große eine Erziehungsanstalt für adelige und großbürgerliche Fräulein gründet. Zugleich werden Differenzen zwischen den einzelnen Vertreterinnen weiblicher Bildung offenbar: von denjenigen, die eine umfassende Bildung der Frau vor allem mit deren antizipierter Mutterschaft begründen, wie die von Rousseau beeinflusste Madame d’Épinay, über Vertreterinnen, die wie Mary Wollstonecraft Bildung zu den allgemeinen Menschenrechten zählen, bis zu konservativen Frauen, die die christliche Frömmigkeit an die erste Stelle rücken (S. 172f.). Unabhängig von ihrer jeweiligen Ausrichtung waren sie alle um die Umsetzung ihrer Vorstellungen in pädagogische Programme bemüht. Was die drei Länder betraf, so waren gelehrte Frauenzirkel wie die englischen Bluestockings – nicht zuletzt wegen der zentralistischen Raumordnung – stärker auf Frankreich und England fokussiert, die Elementarbildung für Mädchen war dagegen in Deutschland weiter verbreitet.

Die ersten zwei Drittel des 19. Jahrhunderts werden sodann im dritten Kapitel als „Bildung und fromme Häuslichkeit“ überschrieben. Erneut lässt Juliane Jacobi Madame Campan ausführlich zu Wort kommen, die religiöse Erziehung mit den gesellschaftlichen Aufgaben der zukünftigen Mütter verbindet. Die religiöse Erziehung nimmt Juliane Jacobi zum Anlass, kenntnisreich das Netzwerk europäischer Frömmigkeitsbewegungen und ihrer Auswirkungen auf die Mädchenbildung zu zeichnen, zweifellos einer der stärksten Abschnitte des Buches. Zugleich werden Unterschiede zwischen England und dem Kontinent aufgezeigt, nicht nur in Bezug auf den Unterricht, für den in Deutschland und Frankreich mehr öffentliche Verantwortung übernommen wurde als in England, sondern auch für die Lehrerinnenbildung, in deren Rahmen in Frankreich sogar Frauen als Schulinspektorinnen eingesetzt wurden. Die Vielgestaltigkeit von Schulen und Lehrplänen, ergänzt durch autobiographische Berichte wie Fanny Lewalds Lebenserinnerungen und Hinweise auf Initiativen christlicher Frauengemeinschaften, die ihre Überzeugungen verbunden mit Bildungsangeboten in das koloniale Ausland transferieren, lässt erneut, wie auch schon in den vorausgegangenen Kapiteln, ein buntes Bild entstehen, wobei die spannenden Einzelheiten und Bezüge zeitweilig die großen Linien etwas verdecken. Vermutlich jedoch ist diese Darstellungsweise den vielen unterschiedlichen Ideen und Praxen angemessener als der Versuch, die einzelnen Ausprägungen in eine stärkere Systematik zu bringen.

Auf die Jahre von 1860–1918 bezieht sich das vierte Kapitel: „Politisierung und weiblicher Kulturbeitrag“ (S. 235ff.). Es ist dies die Zeit der Normierung und Formierung des Mädchenschulwesens, verbunden mit heftigen Debatten über die Rolle der Frau in der Gesellschaft, angefangen von der konservativen, an der alten Geschlechterordnung festhaltenden Sicht eines Heinrich Wilhelm Riehl über die national-sozialdarwinistische Perspektive eines Jules Michelet bis hin zu John Stuart Mills radikaler Kritik an der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. So unterschiedlich diese drei Denker die drei Länder auch repräsentieren, in allen wird die Frage nach der Rolle der Frau in der Gesellschaft von Frauengruppen aufgegriffen und – ungeachtet einzelner Differenzen – als soziale Frage diskutiert. Dabei spielt in Deutschland und in England das Konstrukt der Mütterlichkeit eine große Rolle, während es in Frankreich in die Rolle der Staatsbürgerin eingebunden wird. Unter Bezug auf die unterschiedlichen Steuerungsmodelle der Länder werden in diesem Kapitel verstärkt die Bildungsangebote abgehandelt: Elementarbildung, Sekundarschulen sowie die schulische Vorbereitung für Berufsfelder. Das, was eigentlich der Vorzug in der Anlage des Buches ist, der Vergleich, erweist sich allerdings erneut als Problem für die Darstellung; Entwicklungslinien in einzelnen Ländern, die vor allem für das Bildungssystem wichtig sind, gehen unter. Zudem schleichen sich – angesichts des großen Vorhabens verständlich – Wiederholungen, auch über einzelne Kapitel hinweg, sowie Ungenauigkeiten ein: So hatte Preußen bis 1918 eine Unterrichtspflicht, aber keine Schulpflicht (S. 257); das Lyzeum von 1908 war keine Mittelschule (S. 302ff.) – Mittelschulen gehörten zum niederen Schulwesen –, sondern auch in seiner zehnjährigen Form eine höhere Schule, das war ja gerade die Errungenschaft der Reform von 1908, was dann im letzten Kapitel auch richtig dargestellt wird (S. 372). Während die Schulstruktur und die Bildungssysteme noch präziser hätten geklärt und vielleicht gelegentlich auch durch ein Schaubild erhellt werden können, erfährt man aber spannende Einzelheiten wie die Pläne von Ida von Kortzfleisch, eine „weibliche Dienstpflicht“ für „Maiden“ zu etablieren; MAID als Akronym für Mut, Ausdauer, Idealismus und Demut. Insgesamt belegt dieses Kapitel schön den Kampf um Bildungsrechte, der sich, weitgehend getragen von der Gruppe der Lehrerinnen, in allen drei Ländern durchsetzt und dabei sozialreformerische Züge mit der Forderung nach dem Ausbau weiblicher Bildung verbindet.

Das 20. Jahrhundert (1918–2000), subsumiert im fünften Kapitel unter dem Begriffspaar „Gleichheit und Ungleichheit“, bildet den Abschluss und greift die ganze Problematik, die uns heute beschäftigt, auf: Bildungschancen für Mädchen, Bildung und Ausbildung für „Frauenberufe“, die pragmatische Durchsetzung der Koedukation, Studienfachwahlen von Mädchen, die Bildungspolitik in Frankreich, Deutschland – BRD und DDR – und England, vor allem aber auch die „Gleichheit und Ungleichheit“ zwischen den Geschlechtern, der zufolge die Mädchen die Jungen zwar hinsichtlich der Zensuren und der Studierquoten überholt haben und dennoch in gesellschaftlich weniger anerkannten Frauenberufen verhaftet bleiben. Eine ihrer abschließenden Reflexionen widmet Juliane Jacobi der Frage, ob Deutschland in Bezug auf die Frauenbildung eine verspätete Nation gewesen sei, und resümiert, dass sich das schwach normierte englische Bildungssystem im Gegensatz zu dem an Berechtigungen orientierten deutschen Bildungssystem für den Eintritt von Frauen in akademische Berufe zunächst positiv ausgewirkt habe, sich nach dem Ersten Weltkrieg die Verhältnisse in den Ländern jedoch nicht mehr so stark unterschieden hätten. Differenzen kann sie dagegen ausmachen bei der vor allem in Deutschland ideologisch aufgeladenen „Kulturpolitik“, der Frage um die richtige Frauen-, Kinder- und Familienpolitik (S. 441), die in Frankreich und England zeitlich früher und weiter verbreitet zugunsten von Kinderbetreuungseinrichtungen gelöst worden sei. Ferner konstatiert sie, dass in Deutschland Frauen in Wissenschaft und Forschung eine immer noch geringere Präsenz aufweisen als in den beiden Nachbarländern. Dennoch überwiegen die Gemeinsamkeiten: Da ist einmal die Bedeutung von Ehe und Familie für Frauen, und zwar über die Länder und Zeiten hinweg, verbunden mit der Vorrangstellung des Mannes und der gesellschaftlichen Ungleichheit der Geschlechter, ferner sind es die in ähnlicher Weise sozial und kulturell geformten Geschlechtscharaktere und nicht zuletzt ist die Entwicklung der Mädchenbildung zwischen den Forderungen nach Besonderheit und Gleichheit in allen drei Ländern ähnlich verlaufen.

Dass hier ein kenntnisreiches gewichtiges Kompendium entstanden ist, das sich durch die Langzeitperspektive und den Vergleich auszeichnet und das die vielen Namen und Einzelheiten in ein vorzügliches Register einbindet, steht außer Frage, dass es zugleich den Gefahren, die ein solch multidimensionales Konzept mit sich bringt, nicht ganz entgehen konnte, ebenso. Die Stärken des Buches liegen daher nicht in der Darstellung der einzelnen Bildungssysteme und in lang durchgezogenen Linien, sondern in der Verknüpfung der jeweiligen Bildungsideale mit Theologie, Geschlechtertheorie und Pädagogik und deren Verflechtungen über Länder und Zeiten hinweg.

Zitation
Margret Kraul: Rezension zu: : Mädchen- und Frauenbildung in Europa. Von 1500 bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main  2013 , in: H-Soz-Kult, 10.06.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21047>.
Redaktion
Veröffentlicht am
10.06.2014
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/