J. Kocka: Geschichte des Kapitalismus

Cover
Titel
Geschichte des Kapitalismus.


Autor(en)
Kocka, Jürgen
Erschienen
München 2013: C.H. Beck Verlag
Umfang
144 S.
Preis
€ 8,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christof Dejung, Marie Curie Senior Research Fellow, Faculty of History, University of Cambridge

Kapitalismus hat zurzeit Konjunktur, zumindest in der Wissenschaft. Während Thomas Pikettys Buch zur wachsenden Ungleichheit im modernen Kapitalismus die internationalen Bestsellerlisten stürmt, publiziert Cambridge University Press eine zweibändige „Cambridge History of Capitalism“, die die Geschichte dieser Wirtschaftsform bis in die Antike zurückverfolgt.[1] Es ist wohl kein Zufall, dass das Interesse am Kapitalismus genau in dem Moment wieder erwacht ist, als die globale Finanzindustrie die Weltwirtschaft in ihre schwerste Krise seit acht Jahrzehnten geschickt hat. Denn traditionell wird der Begriff weniger zur Analyse eines bestimmten Wirtschaftssystems verwendet, sondern dient der Kritik an diesem.[2] Dass Kapitalismus jedoch weit mehr ist als eine klassenkämpferische Worthülse, zeigt Jürgen Kocka in seinem gehaltvollen Büchlein zur „Geschichte des Kapitalismus“.

Als konstitutiv für den Kapitalismus sieht Kocka drei Merkmale: erstens individuelle Eigentumsrechte und dezentrale Entscheidungsstrukturen, die zu einer zumindest teilweisen Autonomie des gesellschaftlichen Teilsystems Wirtschaft gegenüber demjenigen der Politik führen; zweitens die „Kommodifizierung“ von Ressourcen und die Koordinierung von wirtschaftlichen Akteuren vor allem über Märkte und Preise; drittens das Vorhandensein von Kapital sowie die Gewährung und Aufnahme von Krediten.

Ab wann kann man von Kapitalismus sprechen? Und wie und wo entwickelte er sich? Diesen Fragen geht Kocka in vier gehaltvollen Kapiteln nach. Nach einem einleitenden Kapitel, welches der Begriffsdefinition dient und die klassischen Studien von Karl Marx, Max Weber und Joseph A. Schumpeter Revue passieren lässt, folgt im zweiten ein Abriss des vormodernen Kaufmannskapitalismus. Dabei zeigt der Autor, dass Kapitalismus kein europäisches Phänomen ist. So existierten in Indien, China und dem arabischen Raum kapitalistische Praktiken und Institutionen lange bevor sie sich ab dem 12. Jahrhundert auch in Europa zu etablieren begannen. Diese beschränkten sich aber vornehmlich auf den Fernhandel und prägten die übrige Gesellschaft kaum.

Im dritten Kapitel wird die allmähliche Expansion des Kapitalismus zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert geschildert. Erst in dieser Phase, in der durch die europäische Expansion immer weitere Teile der Welt gewaltsam in ein kapitalistisch geprägtes Welthandelssystem integriert wurden, wurde Europa zur Leitregion dieser Wirtschaftsform. Wichtig waren zwei fundamentale Innovationen. Zum einen entstanden Organisationsformen wie Warenbörsen und Aktiengesellschaften, die von nun an das Wirtschaftsleben prägten. Wie risikoreich diese neuen Formen des Wirtschaftens waren, sollten die Zeitgenossen nur allzu bald erfahren, als in der Großen Tulpenmanie (1637) oder nach dem Konkurs der South Sea Company (1720) gewaltige Spekulationsblasen platzten. Zum anderen erfolgte in dieser Phase eine strukturelle Grenzüberschreitung. Während der Kapitalismus bis dahin vor allem ein Phänomen des Handels gewesen war, begann er nun zunehmend die Sphäre der Produktion zu prägen. So erfolgte ab dem 15. Jahrhundert in den Niederlanden und Großbritannien eine marktwirtschaftliche Durchdringung des Agrarsektors. Und durch das Eindringen des Kaufmannskapitals in das Handwerksgewerbe entstand eine protoindustrielle Hausindustrie. Die Heimarbeiter gerieten so zwar in die Abhängigkeit der Märkte, erhielten andererseits aber auch neue Konsumchancen, indem sie mit ihrem Verdienst aus den Kolonien importierte Produkte wie Tabak, Tee und Zucker oder Güter wie Taschenuhren oder Vorhänge erwerben konnten. Das intensive Wechselverhältnis zwischen Geschäft und Geselligkeit in Börsen und Kaffeehäusern führte dazu, dass viele Aufklärer den Kapitalismus als zivilisierende Kraft beschrieben. Denker wie Montesqieu oder Adam Smith vertraten die Ansicht, dass das menschliche Eigeninteresse der Förderung des Allgemeinwohls dienen könne, wenn es durch öffentliche Moral und klug gebaute Institutionen in die richtige Richtung gelenkt würde.

Hundert Jahre und eine industrielle Revolution später blieb von derartigen Hoffnungen jedoch nicht mehr viel übrig, wie Kocka im vierten Kapitel zeigt. Während Liberale wie Weber um 1900 die zunehmende Zwanghaftigkeit und Sinnentleerung des kapitalistischen Systems beklagten, prangerten die Sozialisten die ihm inheränte Ungerechtigkeit an. Durch die Industrialisierung wurde Lohnarbeit auf breiter Basis eingeführt, womit die menschliche Arbeit erstmals in großem Maßstab in eine auf Arbeitsmärkten handelbare Warenform überführt wurde. Und die industrielle Massenproduktion eröffnete der breiten Bevölkerung die Möglichkeit – aber auch den Zwang – zum Konsum. Während sich die europäische Politik in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts aus dem Bereich der Wirtschaft zurückgezogen hatte, erfolgte ab den 1870er-Jahren eine neue Welle staatlicher Interventionen. Die beiden Weltkriege trieben die nicht-marktwirtschaftliche Durchorganisation des Kapitalismus weiter voran. Erst ab den 1970er-Jahren erfolge eine erneute Deregulierungswelle. Neoliberale Theorien wurden insbesondere nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zu einem gesellschaftlichen Mantra, bevor sie sich im Finanzcrash von 2008 selbst entzauberten.

Wie von einem Meister seines Faches nicht anders zu erwarten, bietet Kockas Buch einen konzisen Überblick über die Geschichte der kapitalistischen Wirtschaft. Trotz der notwendigen Kürze werden die wesentlichen Entwicklungslinien geschildert und bestimmte Ereignisse klug in ihren größeren historischen Kontext eingeordnet. Zwei wesentliche Erkenntnisse ergeben sich aus diesem Parforceritt durch zweitausend Jahre Wirtschaftsgeschichte. Erstens wird deutlich, wie schwierig eine Trennung von wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Prozessen ist. Auch wenn Kocka mit Verweis auf Weber hervorhebt, dass der Kapitalismus „eine gewisse Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Wirklichkeit und […] die relative Autonomie des Teilsystems ‚Wirtschaft‘ vor allem gegenüber der Politik voraussetzt“ (S. 13), macht er immer wieder deutlich, wie eng Markt und Staat miteinander verflochten waren. Zweitens betont er, dass der Kapitalismus seit seiner Genese nur als globales Phänomen verstanden werden kann. Der vormoderne Kaufmannskapitalismus entwickelte sich nicht zuletzt als Folge des Fernhandels zwischen Asien und Europa. Und der frühneuzeitliche Finanzkapitalismus fußte wesentlich auf kolonialen Monopolgesellschaften, Plantagengütern und dem transatlantischen Sklavenhandel. Allerdings fällt auf, dass Kocka diese globalhistorische Perspektive in seinem letzten Kapitel zum Industriekapitalismus nicht immer durchhalten kann. Zwar wird auch hier ein Blick über den euroamerikanischen Tellerrand geworfen. Mehrheitlich verbleibt das Narrativ jedoch in den industrialisierten Kernregionen Westeuropas und Nordamerikas. Die häufig durch imperiale Kanonenbootdiplomatie begleitete Sicherung von Rohstofflieferungen aus den „Ländern des Südens“ für den industrialisierten „Norden“ gerät dabei ebenso aus dem Blick wie die Bedeutung von nicht-westlichen Kapitalisten für die Entstehung von globalen Märkten.[3]

Generell erscheint die Geschichte des Kapitalismus als nichts Geringeres denn eine „histoire totale“, bei der Markt und Staat, Kultur und Ökonomie eng miteinander verflochten sind. Die Ambitionen der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte, die in den letzten Jahrzehnten versuchten, ihre Subdisziplinen auf das Fundament der ökonomischen Theorie zu stellen – und diese Fragmentarisierung anschließend durch Bezüge zu scheinbar klar konturierbaren anderen sozialen Feldern wie „Politik“ oder „Kultur“ wieder aufzuheben – werden so zumindest fragwürdig. Dieser totalhistorische Zugang hat große Potentiale, beinhaltet aber auch beträchtliche Herausforderungen. Ein Vorteil besteht sicher darin, dass er die Wirtschaftsgeschichte aus ihrem Randdasein befreien kann, in das sie seit dem Aufkommen der neueren Kulturgeschichte gedrängt wurde. Sowohl für die universitäre Lehre wie auch für die geschichtstheoretischen Debatten bieten sich hier Ansatzpunkte um zu zeigen, dass Wirtschaftsgeschichte sich nicht in einer Anhäufung quantifizierender Analysen und ökonometrischer Modelle erschöpfen muss, als welche sie Außenstehenden bisweilen erscheint, sondern dass sie in ihrem Kern eine gesellschaftsgeschichtliche Angelegenheit ist. Wenn man das Diktum Arjun Appadurais ernst nehmen möchte, wonach der Kapitalismus auch ein Kultursystem sei[4], so ließe sich weiter fragen, inwiefern kulturelle Deutungsmuster und epistemische Konfigurationen nicht nur als Begleiterscheinungen des Kapitalismus zu begreifen sind, sondern eine eigentliche Prägekraft für ökonomische Prozesse beinhalten. Die Herausforderung eines solchen Ansatzes besteht jedoch darin, dass „Wirtschaft“ nicht mehr als klar identifizierbares Subsystem erscheint, sondern stets in Relation zu Politik und Kultur auftritt. Wie die Wirtschaftsgeschichte auf eine derartige Auflösung ihres Untersuchungsgegenstandes reagieren kann, bleibt abzuwarten.

Das Buch endet mit einer kritischen Note zur oft eher unbedarften Kapitalismuskritik, die im Anschluss an die Lehmann-Pleite immer wieder geäußert wurde. Kocka verweist zu Recht auf die beträchtlichen Fortschritte, die einer großen Zahl von Menschen in vielen Teilen der Welt eine beispiellose Steigerung ihrer materiellen Lebensverhältnisse und einen Zugewinn an Wahlmöglichkeiten erlaubt habe. Gleichzeitig gibt er zu bedenken, dass der Kapitalismus seine Ziele nicht aus sich selbst heraus entwickelt, sondern unterschiedlichen Zwecken nutzbar gemacht werden kann. Dass die gegenwärtige Variante eines entfesselten Turbokapitalismus die soziale, kulturelle und politische Einbettung zu zerstören droht, von der er letzten Endes lebt, steht für Kocka außer Frage. Als Fazit hält er deshalb fest, dass die „Reform des Kapitalismus […] eine Daueraufgabe“ darstelle, wobei die „Kapitalismuskritik eine zentrale Rolle“ spiele (S. 128). Es wäre nicht das geringste Verdienst von Kockas Schrift, wenn sie einem solchen Vorhaben das notwendige historische Orientierungswissen bereitstellen könnte.

Anmerkungen:
[1] Thomas Piketty, Capital in the Twenty-First Century, Cambridge MA 2014; Larry Neal / Jeffrey Williamson (Hrsg.), The Cambridge History of Capitalism. 2 Volumes, Cambridge 2014.
[2] So zeigt eine Begriffsanalyse im Ngram Viewer von Google Books für das 20. Jahrhundert zwei Spitzen in der historischen Verwendung des Kapitalismusbegriffs: Ende der 1920er-Jahre und zwischen den späten 1960er- und frühen 1980er-Jahren. In der Periode zwischen 1980 und 2006, und damit genau in der Phase, als der neoliberale Turbokapitalismus sich Bahn schlug, erfuhr der Begriff dagegen einen publizistischen Niedergang.
[3] Vgl. Rajat Kanta Ray, Asian Capital in the Age of European Domination. The Rise of the Bazaar, 1800–1914, in: Modern Asian Studies 29 (1995), S. 449–554; Christof Dejung, Die Fäden des globalen Marktes. Eine Sozial- und Kulturgeschichte des Welthandels am Beispiel der Handelsfirma Gebrüder Volkart 1851–1999, Köln 2013.
[4] Arjun Appadurai, Introduction. Commodities and the Politics of Value, in: Ders. (Hrsg.), The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective, Cambridge 1986, S. 3–63.

Zitation
Christof Dejung: Rezension zu: : Geschichte des Kapitalismus. München  2013 , in: H-Soz-Kult, 04.09.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21077>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.09.2014
Redaktionell betreut durch