Titel
Basketball. Eine Kulturgeschichte


Autor(en)
Ribbat, Christoph
Erschienen
Paderborn 2013: Wilhelm Fink Verlag
Umfang
195 S.
Preis
€ 24.90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Olaf Stieglitz, Historisches Institut / Anglo-Amerikanische Abteilung, Universität zu Köln

Die Jungs waren in einem innerstädtischen Problembezirk aufgewachsen, sie drohten nun endgültig auf die schiefe Bahn zu geraten. Doch der Pfarrer hatte einen klugen Einfall. Ein Basketballspiel gegen die gleichaltrigen Mitglieder des Kirchenchors, so dachte er, würde sicher dabei helfen, die Bande zurück auf den Weg der Tugend und vor allem wieder unter seinen eigenen Einfluss zu führen. Gerade rechtzeitig hatte die Gemeinde das Geld aufgebracht und die Turnhalle mit einem Spielfeld ausgestattet. Und tatsächlich war der Vorschlag des Pfarrers so attraktiv, dass Soapy, Pasty und die anderen den Billardtisch im Hinterzimmer der Bar verließen und sich zum Spiel unter den Körben bereitfanden. Doch kaum hatte das Match begonnen, wurde dem Pfarrer bewusst, dass sein pädagogisches Unterfangen keine raschen Erfolge zeigen würde: Die Spielweise der „Dead End Kids“ erwies sich als ganz anders als das Basketballspiel, das er den Chorknaben gelehrt hatte. Es war aggressiver, weit weniger körperlos, trickreicher und entzog sich einem festgeschrieben Regelwerk. Das ‚Spiel der Straße‘ war Ausdruck anderer Erfahrungen und Erwartungen, und an ihm prallte der Reformeifer des Geistlichen ab.

Diese Geschichte aus einem Hollywood Spielfilm[1] der 1930er-Jahre findet sich nicht in Christoph Ribbats Buch über Basketball, aber sie hätte darin durchaus ihren berechtigten Platz, denn sie vereint in sich eine Reihe von Aspekten, auf die auch Ribbats Kulturgeschichte immer wieder zu sprechen kommt. Zu nennen sind dabei der religiöse Kontext, in dem das Spiel Ende des 19. Jahrhunderts erfunden wurde, sowie die Verknüpfung des neuen Sports mit Bildungseinrichtungen und den Reformvorstellungen eines urbanen Bürgertums. Die Geschichte verweist darüber hinaus darauf, dass Basketball im Verlauf seiner Geschichte immer wieder neu und immer wieder anders praktiziert wurde und dass dies sehr häufig vor dem Hintergrund von Zuschreibungen interpretiert wurde, die auf Vorstellungen von „race“, „class“, „gender“ und „ethnicity“ aufsetzten. Und schließlich ist die kurze Filmsequenz auch ein früher Hinweis auf die Vielfalt an Repräsentationen, die das Spiel von Beginn an begleiteten und die entscheidend zu dessen gesellschaftlicher Bedeutungsaufladung beitrugen.

Christoph Ribbat geht es darum, die Geschichte des Basketballsports in den politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Rahmen der Vereinigten Staaten und darüber hinaus einzuweben. Eine „Kulturgeschichte“ verspricht der Autor im Untertitel des Buchs, und damit gehen durchaus bewusst gewählte programmatische Vorstellungen einher. Kulturgeschichten des Sports haben Konjunktur, doch weisen Inhalte und Ziele solcher Studien oft in sehr unterschiedliche Richtungen. So hat Hans Ulrich Gumbrecht in seinem provokanten und kontrovers diskutierten Essay vom „Lob des Sports“ argumentiert, Intellektuelle fühlten sich völlig zu Unrecht „meist verpflichtet, den Sport als Symptom höchst unerwünschter Tendenzen und Funktionen zu interpretieren“, sie fühlten sich verpflichtet, „‚kritisch‘ zu sein – immer und überall ‚kritisch‘“. Gumbrechts Verständnis einer Kulturgeschichte des Sports zielt vielmehr auf die „Freude des ästhetischen Erlebens […], die das wohl zentrale und sichtbarste Moment der Attraktivität des Sports ausmacht“.[2] Im ersten Kapitel seines Buchs wendet sich Ribbat ausdrücklich gegen eine solche Auffassung von Kulturgeschichtsschreibung, und er entwirft dabei ein überzeugendes Programm für sein eigenes Vorhaben. „Wie einst das Boxen und der Baseball ist auch diese im Vergleich so junge Sportart nun zu einer kraftvollen amerikanischen Metapher geworden, weil sich so zentrale Motive wie ethnische Differenz und Urbanität, Individualismus und Teamgeist, Tugendhaftigkeit und Kommerz in ihr verdichten.“ (S. 30) Das bedeutet auch, dass eine Kulturgeschichtsschreibung, wie sie sich Ribbat vorstellt, nicht nur Ästheten wie Gumbrecht enttäuschen muss, sondern auch Sportfans auf ihrer Suche nach dem vermeintlich authentischen, emotionalen Kern des Spiels:

„Kulturwissenschaftler interessieren sich nicht sehr für heiße Hände und noch weniger dafür, Heldenlegenden zu verfassen. Ihnen geht es darum, wie im Sport ethnische, lokale und nationale Identitäten konstruiert werden. Sie betrachten, welche Geschlechter- und Körperbilder er hervorbringt, wie er in globalen Waren- und Bilderströmen funktioniert und gesellschaftliche Definitionen von Leistungsfähigkeit und Normalität beeinflusst. Die Begeisterung für Dunks und Dribblings überlässt dieser Ansatz anderen.“ (S. 30f.)

Die Kulturgeschichte, die Ribbat in den folgenden vier Kapiteln entfaltet, erfüllt diesen Anspruch nicht nur, sie geht bisweilen in sehr origineller Weise darüber hinaus und bezieht dabei durchaus die ästhetische Dimension sportlicher Körper ebenso mit ein wie die Begeisterung für Spielverläufe oder interessante Biografien. Die Breite der hierzu herangezogenen Quellen ist groß, sie reichen von Sportberichterstattung in Zeitungen und im Fernsehen hin zu den Aufzeichnungen und Erinnerungen einzelner Personen auf wie neben den Spielfeldern, sie umfassen Fotografien, Dokumentar- und Spielfilme sowie Essays, Romane und Kurzgeschichten. Ribbat unterstreicht die Wirkmacht des Zusammenspiels dieser unterschiedlichen Repräsentationen von Basketball, sie sind in seinem Verständnis keineswegs Randerscheinungen des ‚eigentlichen‘ Spiels, sondern konstitutiver Bestandteil dessen, was Basketball ausmacht. Hervorzuheben ist die konsequente Miteinbeziehung fiktionalen Materials; ein deutlicher Mehrwert für eine Geschichtsschreibung, der es darum geht, die Reichweite der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Spiel und seinen Bedeutungen auszuleuchten.

Die Reihung der vier inhaltlichen Kapitel des Buchs erscheint zunächst einer chronologischen Ordnung zu folgen, doch bricht der Autor diese immer wieder zugunsten thematischer Schwerpunkte auf. „Passen in Princeton“ konzentriert sich etwa auf die „Frühgeschichte einer Leibesübung“ (S. 35), doch erfahren Leserinnen und Leser nicht nur etwas über die christlichen und reformorientierten Anfänge des Sports, sondern auch viel über die Konkurrenz unterschiedlicher Spielstile und wie diese mit Herkunft, vermeintlichem Charakter oder zugeschriebenen Ambitionen derjenigen verbunden wurden, die sie auf dem Spielfeld demonstrierten. Das folgende Kapitel „Korb und Revolte“ stellt mit Kareem Abdul-Jabbar einen Profi und den Wandel seiner (Selbst-)Wahrnehmung ins Zentrum. Es zeigt indes nicht allein die Verbindungen zwischen Basketball und afroamerikanischer Bürgerrechtsbewegung auf, sondern stellt sehr viel umfassender die Frage nach der Rolle des Sports für Emanzipation und Anerkennung in einer Gesellschaft, die durch eine Vielzahl von oftmals strikt kontrollierten Hierarchien geprägt war und ist. „Amerika unter Jordan“ führt die Leserinnen und Leser dann in die letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts. Zentrale Themen sind zum einen die immense Kommerzialisierung von Basketball, festzumachen an der Über-Ikone Michael Jordan und der mit seiner ‚Regentschaft‘ einhergehenden globalen Dominanz von Sportartikelherstellern, und zum anderen die parallel zu beobachtende Explosion intellektueller Bedeutungsproduktion, die das Spiel nunmehr begleitete. In „Die Splitter nach dem Dunk“ beschließt Ribbat sein Buch, indem er die internationale Geschichte des Sports in den Blick nimmt. Auch Hagen beispielsweise ist eine ‚Basketballstadt‘, und sowohl die Begeisterung als auch die Kontroversen um den Sport dort und an vielen anderen Orten dieser Welt sind untrennbar verbunden mit den changierenden Wahrnehmungen der USA und ihrer Politik.

„Basketball. Eine Kulturgeschichte“ ist ein schmales Buch, und so ist man vielleicht nicht mit jeder Auswahlentscheidung des Autors ganz glücklich. Der interessanten, weil ungewöhnlichen Geschichte des Frauenbasketballs widmet Ribbat nur wenige Seiten, und insgesamt erfährt die Kategorie Geschlecht geringere Beachtung als „race“, „ethnicity“ oder auch „region“. Über die Bedeutung von Basketball für die vielen Menschen, die das Spiel in Rollstühlen praktizieren, liest man gar nichts, dafür wird Barack Obamas Image-fördernde Liebe zu Dribblings und Dunks womöglich einmal zu häufig angesprochen. Aber, nochmals, das sind legitime und gut begründbare Entscheidungen, und Ribbat offeriert am Ende des Buchs einen sehr schönen, kommentierten Literaturbericht, mit dessen Hilfe Leserinnen und Leser sich weitere Dimensionen der Geschichte des Basketballs erschließen können. Und diese Geschichte, das kann Christoph Ribbat zeigen, ist vielschichtig und komplex, sie geht weder in einem Fortschrittsnarrativ wachsender Emanzipation noch in der Erzählung vom Niedergang der Kultur durch ihre Kommerzialisierung auf. Die Geschichte des Basketballs ist kontrovers und somit politisch: „Im Rhythmus des Spiels ist ein Gespräch über Amerika zu hören: seine Krisen, sein Versprechen.“ (S. 32)

Anmerkungen:
[1] Angels with Dirty Faces, USA 1938. Warner Bros., Regie: Michael Curtiz, 00:30,00 – 00:35,42.
[2] Hans Ulrich Gumbrecht, Lob des Sports. Frankfurt am Main 2005, S. 20, 22, 27.

Zitation
Olaf Stieglitz: Rezension zu: : Basketball. Eine Kulturgeschichte. Paderborn  2013 , in: H-Soz-Kult, 17.01.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21152>.
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Veröffentlicht am
17.01.2014
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