T. Wozniak: Quedlinburg im 14. und 16. Jahrhundert

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Titel
Quedlinburg im 14. und 16. Jahrhundert. Ein sozialtopographischer Vergleich


Autor(en)
Wozniak, Thomas
Erschienen
Berlin 2013: Akademie Verlag
Umfang
537 S.
Preis
€ 99,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Doris Bulach, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Waren sozialtopographisch ausgerichtete Studien bis vor nicht allzu langer Zeit noch die Ausnahme, so lässt sich in den letzten Jahren ein regelrechter Forschungsboom zur städtischen Sozialtopographie ausmachen. Neben Untersuchungen zu Lübeck, Höxter, Göttingen, St. Gallen, Regensburg, Dortmund, Rostock, Greifswald, um nur einige der untersuchten Städte zu nennen, gesellt sich nun diese Studie, die das 14. und 16. Jahrhundert in Quedlinburg vergleichend in den Blick nehmen will. Die Grundlage für diesen Vergleich bilden städtische Steuerregister, im norddeutschen Raum Schossregister genannt, die für die Quedlinburger Alt- und Neustadt für die Jahre 1310/30 und 1547, 1548 und 1570 durch zwei Zufallsfunde überliefert sind. Dazu zieht Thomas Wozniak ergänzend Schossregister weiterer Jahre des 16. Jahrhunderts heran sowie aus dem 15./16. Jahrhunderts Häuserverzeichnisse, Neubürgerlisten und Stadtrechnungen. Das Ziel ist es, dadurch „eine möglichst differenzierte Sicht der sozialen Verhältnisse und der topographischen Entwicklung in Quedlinburg im frühen 14. und im 16. Jahrhundert zu bieten“ (S. 45).

Der Autor nähert sich in seiner Studie über drei Großkapitel der sozialen Topographie Quedlinburgs an: Zu Beginn stehen die „natürlichen und wirtschaftlichen Grundlagen“ der Stadt. Hier werden Stadtentwicklung, Straßennamen, Demographie, „Münz- und Steuerwesen“ und kurz das „Gilde- und Innungswesen“ behandelt. Einen neuen Weg geht Wozniak im zweiten Großkapitel, in dem er „Störfaktoren der Stadtentwicklung“ wie Umweltkatastrophen (Brände, Hochwasser), Epidemien und „politische Zäsuren“ mit in seine Untersuchung einbezieht. Hier geht er bei der Darstellung von Bränden und Hochwasser weit vor das 14. Jahrhundert zurück, während der Schwerpunkt der übrigen Zäsuren vor allem im 16. Jahrhundert liegt. Alle diese Störfaktoren spiegeln sich in den Schossregistern, etwa durch verminderte Steuerbelastungen oder verwaiste Hausstätten wider. Steuerausfälle durch leerstehende Häuser wurden allerdings im 16./17. Jahrhundert meist innerhalb weniger Jahre wieder durch Zuzug von Neubürgern ausgeglichen. Die Sterblichkeitsrate in Quedlinburg während der verschiedenen Epidemien des 16. Jahrhunderts wird sehr anschaulich in mehreren differenzierten Graphiken und Karten dargestellt.

Im dritten und umfangreichsten Hauptkapitel steht der „sozialtopographische Vergleich“ anhand der Schossregister im Zentrum. Hier liegt der Fokus der Studie auf der demographischen Entwicklung (Zuzug von Neubürgern, Umzüge innerhalb der Stadt), der Bevölkerungsstruktur nach Vermögen, verschiedenen Bevölkerungsteilen (Ratsfamilien, Adelige, ledige Frauen, Juden), der Berufsstruktur (Handwerker, Wachdienste, Prostituierte), kirchlich-geistlichen Institutionen sowie gebildeten Bevölkerungsschichten.

Wozniak geht bei seiner Einteilung der Quedlinburger Bevölkerung nach Vermögen mit einem rein mathematischen Ansatz vor, um keine willkürlichen Schichtgrenzen zu ziehen. Dabei wählt er getrennt für Alt- und Neustadt den arithmetischen Mittelwert aus der Gesamtsumme der in einem Jahr dort geleisteten Steuerbeiträge aus, um daraus je nach Mittelwert fünf bis sieben Vermögensschichten zu errechnen. Dabei ist festzustellen, dass die Vermögensverhältnisse zwischen 14. und beginnendem 16. Jahrhundert relativ konstant blieben, während sich für die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts eine Vermögenszunahme der Oberschicht und ein Anwachsen der untersten Steuergruppe auf Kosten der Mittelschicht konstatieren lässt.

Bei der Darstellung der Quedlinburger Berufsstruktur hält sich Wozniak eng an seine drei Quellengruppen, so dass darüber hinaus kaum weiterführende Erläuterungen zu den einzelnen Bevölkerungsteilen und ihren Tätigkeiten zu finden sind. Manche kleineren Kapitel wie dasjenige zum Verteidigungswesen geraten dadurch sehr kurz und bieten vor allem einen chronologischen Überblick zu Personen und Örtlichkeiten. Leider erfährt man in diesem Kapitel auch nichts darüber, wie in Quedlinburg Vermögens- und Berufsstruktur aufeinander bezogen waren, also welche Personen sich hinter den abstrakten Vermögensschichten verbargen. Karten zu ausgewählten Personengruppen des 14. und des 16. Jahrhunderts und die Lage ihrer Wohnorte machen vor allem im dritten Teil den schnellen optischen Vergleich möglich. Zu manchen Bevölkerungsgruppen oder zur kirchlichen Topographie finden sich dagegen ohne weitere Erklärung keine Karten, obwohl das Material dafür vorhanden gewesen wäre.

Innerhalb der Bildungstopographie versteckt sich ein kurzes Kapitel über aus Quedlinburg stammende Studenten an europäischen Hochschulen, wobei Wittenberg, Leipzig und Helmstedt zu deren bevorzugten Universitäten zählten. Akademiker wiederum in Quedlinburg selbst nachzuweisen, gelang nur für wenige Personen.

Im Anhang seiner Untersuchung liefert Wozniak die Edition seiner Hauptquellen für das 14. Jahrhundert: Die Steuerumgänge der Altstadt (um 1310) und der Neustadt (um 1330), die übersichtlich aufgearbeitet und mit ausführlichem Anmerkungsapparat zu Personen und Örtlichkeiten versehen sind (S. 384–446).

Außer den Tabellen und Karten innerhalb des Textes weist der Anhang weitere 46 Tabellen auf, darunter welche mit der Ersterwähnung Quedlinburger Straßennamen oder mit Personenlisten von Bürgermeistern und Ratsherren im 16. Jahrhundert und von Gewerbetreibenden, Kaufleuten, ledigen Frauen und Witwen. Dazu kommen weitere acht Farbtafeln, unter anderem mit den Mühlenstandorten in und um der Stadt, mit den Herkunftsorten der Neubürger und der Rekonstruktion der Steuerumgänge im 14., 16. und 19. Jahrhundert sowie im hinteren Einband ein Katasterplan mit dem Baualter der mittelalterlichen Fachwerkhäuser.

Abgerundet wird der Band durch ein Quellen- und Literaturverzeichnis. Erschließbar ist er durch einen Index der Orts- und Personennamen, der auch alle Örtlichkeiten Quedlinburgs detailliert verzeichnet.

Da der Fokus neuerer Forschungen zu Quedlinburg bisher vor allem auf dem Früh- und Hochmittelalter und auf dem Stiftsberg lag, bietet die Studie von Thomas Wozniak endlich auch umfassende Einblicke in die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Stadt Quedlinburg und ihre soziale und wirtschaftliche Topographie. Zu weiterführenden Fragen, auf die man sich gerade durch einen tatsächlichen Vergleich der beiden Jahrhunderte Antworten erhoffen würde, etwa dazu, inwieweit sich zwischen den beiden Untersuchungszeiträumen strukturelle Veränderungen abzeichneten, finden sich aber kaum Aussagen. Damit wird die Studie sicherlich vor allem für die archäologische und bauhistorische Forschung zur Quedlinburger Stadtgeschichte weiterführend sein. Darüber hinaus bietet die aufbereitete Edition des Schossregisters die Grundlage für weitere historische Forschungen zu Personen oder Örtlichkeiten der spätmittelalterlichen Stadt.

Zitation
Doris Bulach: Rezension zu: : Quedlinburg im 14. und 16. Jahrhundert. Ein sozialtopographischer Vergleich. Berlin  2013 , in: H-Soz-Kult, 15.01.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21206>.