Titel
Kill Anything That Moves. The Real American War in Vietnam


Autor(en)
Turse, Nick
Erschienen
New York 2013: Henry Holt and Company
Umfang
370 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marcel Berni, Bern

Viel wurde in den vergangenen Jahren über den Vietnamkrieg geschrieben. Der Krieg – dessen Erfolg aus amerikanischer Perspektive nicht länger an gewonnenem Territorium, sondern an der Anzahl der getöteten Feinde gemessen wurde – gilt als gut untersucht und breit dokumentiert. Davon zeugt eine nur schwer überblickbare Palette von zumeist englischsprachigen Publikationen, die sich dem Krieg aus wissenschaftlicher Perspektive annehmen. Weshalb also noch ein Buch über den Vietnamkrieg?

Die Legitimation für die vorliegende Studie von Nick Turse ist simpel: Viele der bisher erschienenen Arbeiten fokussieren auf politische, diplomatische oder administrative Kriegsaspekte oder auf eine Vergangenheitsbewältigung der Niederlage der USA und ihrer Verbündeten im Dschungel Südostasiens. So konstatierte der Hamburger Historiker Bernd Greiner 2007, dass zwar ausführlich „über den Krieg geschrieben [wird], ohne dass der Krieg als solcher beschrieben“ würde.[1] Dies gilt jedoch nicht für das aufrüttelnde und in mancher Hinsicht schockierende Werk von Turse. Auf 370 Seiten (inklusive 87 Seiten Anmerkungen) beschäftigt sich der Journalist mit den zivilen südvietnamesischen Opfern des Krieges, die durch die amerikanischen Streitkräfte und deren Alliierte verursacht wurden. Das sorgfältig recherchierte Buch, das von unzähligen drastischen Beschreibungen von ungerechtfertigten und gegen geltendes Völkerrecht verstoßenden Gewaltakten gegenüber Zivilisten handelt, soll damit die „Hidden History“ dieses Krieges beleuchten (S. 14).

Diese handelt vom Unrecht und den bis heute nur schwer vorstellbaren Qualen der südvietnamesischen Zivilbevölkerung. So war das Massaker von My Lai an über 500 unschuldigen Männern, Frauen und Kindern, das von Soldaten des ersten Bataillons der Americal Divison verübt wurde, kein Einzelfall. Dass dieses keine Ausnahmeerscheinung darstellte, bewiesen unter anderen bereits die Publikationen von Gary D. Solis sowie von Michael Sallah und Mitch Weiss.[2] Nick Turse geht aber um einiges weiter als die bisherigen Untersuchungen zu amerikanischen Kriegsverbrechen im Vietnamkrieg.

Im ersten Kapitel seines Buches erläutert Turse die Grundlagen des Krieges und die Umstände, unter welchen die amerikanischen Einheiten einen „Technowar“ ausfochten (S. 41). Der Einsatz von geballter Feuerkraft hatte zur Folge, dass viele Nichtkombattanten in die Kriegshandlungen involviert wurden (S. 41ff.). „Shoot first, ask questions later“ (S. 119), und „if it‘s dead and Vietnamese, it‘s VC“ (S. 47), lauten zwei Zitate, die die den Krieg beherrschende amerikanische Mentalität auf den Punkt bringen. Kapitel drei „Overkill“ verdeutlicht die materielle Überlegenheit und die fortschrittliche Technologie der amerikanischen Militärmaschinerie. Die darauf folgenden Kapitel „A Litany of Atrocities“ sowie „Unbounded Misery“ schildern nebst den direkten auch die weniger mittelbaren Auswirkungen des Krieges auf die südvietnamesische Zivilbevölkerung. Der „Body Count“, der zum berechenbaren Parameter des Kriegsfortschrittes werden sollte, führte dazu, dass Beförderungen, militärische Auszeichnungen und sonstige Belohnungen auf der Basis von Tötungsquoten vergeben wurden. Nur aufgrund dieses Leichen-Kultes war es – so zeigt Turse eindrücklich – Soldaten wie Sergeant Roy Bumgarner möglich, einen „Body Count“ von über 1.500 Getöteten zu erzielen (S. 192). Deshalb konnte auch Colonel John Donaldson reihenweise Zivilisten aus dem Hubschrauber abschlachten (S. 200f.) und General Julian Ewell vermochte im Rahmen der Operation „Speedy Express“ in den Jahren 1968 und 1969 das Tötungsverhältnis im Mekong Delta von 8:1 auf 134:1 zu steigern (S. 209). Turse lässt keinen Zweifel daran, dass für solche Quoten gezielt Zivilisten ermordet wurden. Sein Buch endet mit der Feststellung, dass nur wenige der schuldigen Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen wurden. Der Autor wirft dem amerikanischen Militär gezielte Vertuschungsmaßnahmen vor. In diesem Sinne erstaunt es auch nicht, weshalb nach den Kriegsverbrechen in My Lai lediglich ein Armee-Angehöriger, Leutnant William Calley, als Sündenbock des gesamten Massakers zu einer milden Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Zivile Opfer und Kollateralschäden gehören zu den Übeln eines jeden Krieges. Im asymmetrischen Vietnamkrieg waren diese aber mehr als nur eine Begleiterscheinung. Durch Ausbildung, Führungskultur und die Besonderheiten der amerikanischen Kriegsführung entstand eine Doktrin des Tötens, die von vielen Soldaten befolgt wurde und die zu zwei Millionen getöteten südvietnamesischen Zivilisten führte (S. 13). Das in der Literatur bisher dominante Kriegsverbrechen von My Lai war nur die Spitze eines riesigen Eisberges, so das Hauptargument von Turse. Das Leiden der Zivilbevölkerung war viel größer, als bisher wahrgenommen. My Lai war folglich eine typische Kriegsoperation und keine Anomalie. Gewalt gegenüber Nichtkombattanten war nach Turse ein spezifisches Strukturmerkmal des Krieges: „Murder, torture, rape, abuse, forced displacement, home burnings, specious arrests, imprisonment without due process – such occurrences were virtually a daily fact of life throughout the years of the American presence in Vietnam.“ (S. 6) Turse untermauert damit, was der heutige US-Außenminister und Vietnamveteran John Kerry bereits im April 1971 angeklagt hatte: Bei den regelmäßig begangenen Gewalttaten gegenüber der vietnamesischen Zivilbevölkerung handelte es sich nicht um „isolated incidents”, diese waren vielmehr „crimes committed on a day-to-day basis with the full awareness of officers at all levels of command.“[3]

Turses Untersuchung, die leider eine Bibliographie vermissen lässt, beruht auf zwei Arten von Quellen. Der Autor untersucht die von Greiner als „Goldgrube“[4] für Historiker titulierten Akten der „Vietnam War Crimes Working Group“, einer Pentagon Task Force, die im Anschluss an das Kriegsverbrechen von My Lai und dessen medialem Aufruhr den Auftrag erhielt, ähnliche Anschuldigungen intern zu untersuchen. Einige der darin protokollierten Fälle analysiert Turse, indem er die aufgeführten Täter, Zeugen und Opfer interviewt. Diese Verknüpfung von Akten und Befragungen erweist sich als fruchtbar und bringt viele bereichernde Fallstudien hervor, so etwa die Darstellung eines Massakers von Marine-Soldaten in Trieu Ai, einem Bauerndorf in Quang Tri – der nördlichsten Provinz Südvietnams –, dem wahrscheinlich 12 unbewaffnete Zivilisten zum Opfer fielen (S. 37). Trotzdem läuft Turse damit Gefahr, den Aussagen der Zeitzeugen, die er ohne große Quellenkritik wiedergibt, zu sehr zu verfallen.

Zu relativieren ist zudem die dominante These, dass sowohl den einfachen Soldaten, als auch den höheren Rängen von Kriegsbeginn an eine „Body Count“-Mentalität indoktriniert worden sei, die keinerlei Rücksicht auf ziviles Leben nahm. Oft habe eine solche Gehirnwäsche zur gezielten Vernichtung von Nichtkombattanten geführt, um so ein besseres Tötungsverhältnis zu erzielen (S. 27f.). Für gewisse Einheiten oder Funktionen mag dies zutreffend sein, trotzdem unterschätzt Turse damit die individuellen Handlungsspielräume einzelner GIs sowie die temporale, lokale und nicht zuletzt situative Variabilität soldatischer Handlungsoptionen. Obwohl für viele Soldaten die militärische „Search and Destroy“ Doktrin, die einen hohen „Body Count“ forderte, handlungsanleitend wurde, gab es – wie andere Untersuchungen zeigen – immer auch Ausnahmen und Verweigerer, die illegale Befehle ignorierten oder sich den „Rules of Engagement“ verpflichtet fühlten.

Dies sind aber kleine Einwände, die die Relevanz von Turses Werk unter keinen Umständen in Frage stellen. Seine Arbeit zeigt, dass die Brutalität des Vietnamkrieges nicht auf das Wüten weniger „Bad Apples“ zurückgeführt werden kann (S. 6). Die Verachtung des zivilen Lebens war vielmehr ein gezieltes Ergebnis der amerikanischen Kriegspolitik. Diese war nach Turse illegal und kriminell und wurde von Journalisten und Historikern bis dato zu wenig aufgearbeitet. So trägt Turse zu einem neuartigen und vor allem in den USA verdrängten Narrativ des Vietnamkrieges bei.

Anmerkungen:
[1] Bernd Greiner, Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam, Hamburg 2007, S. 23.
[2] Gary D. Solis, Son Thang. An American War Crime, Annapolis 1997; Michael Sallah / Mitch Weiss, Tiger Force. A True Story of Men and War, London 2006.
[3] Congressional Record (92nd Congress, 1st Session) for Thursday, April 22, 1971, Complete Testimony of Lt. John Kerry to Senate Foreign Relations Committee. On Behalf of Vietnam Veterans Against the War, S. 179–210, hier S. 180, URL: <http://www.lib.berkeley.edu/videodir/pacificaviet/kerry.pdf> (27.07.2013).
[4] Greiner, Krieg, S. 21.

Zitation
Marcel Berni: Rezension zu: : Kill Anything That Moves. The Real American War in Vietnam. New York  2013 , in: H-Soz-Kult, 20.09.2013, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21212>.
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Veröffentlicht am
20.09.2013
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