M. Feldkamp: Pius XII. und Deutschland

Titel
Pius XII. und Deutschland.


Autor(en)
Feldkamp, Michael F.
Erschienen
Göttingen 2000: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
236 S.
Preis
€ 14,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dr. Rainer Decker

Das Interesse an der Geschichte des Vatikans im Zeitalter der totalitären Systeme ist in der breiten Öffentlichkeit Ende der 90er Jahre wieder gestiegen, nachdem schon lange der Pulverdampf der Hochhuth-Kontroverse einer sachlicheren Debatte in der Wissenschaft Platz gemacht hatte. Auslöser für die neue Diskussion sind der Seligsprechungsprozess Pius' XII. einerseits, das Schuldbekenntnis Johannes Pauls II. zu Verfehlungen der katholischen Kirche im vergangenen Jahrtausend andererseits. Einen Rückfall in alte Klischees brachte leider das Buch von John Cornwell, "Pius XII., der Papst, der geschwiegen hat", das in den Medien ein geteiltes, bei Kennern ein überwiegend negatives Echo fand und auch an dieser Stelle bereits gebührend charakterisiert wurde. [1]

Daß man auf hohem intellektuellen Niveau, aber ohne Schwarz-Weiss-Zeichnung die Politik Pius' XII. kritisch darstellen kann, bewies jüngst der italienische Historiker Giovanni Miccoli [2], dessen Werk es aber aufgrund seiner differenzierten, anspruchsvollen Methode und seines Umfangs schwer haben wird, in andere Sprachen übersetzt zu werden.

Die beiden hier zu besprechenden Bücher dürfte Cornwell in der Schublade mit der Aufschrift "apologetische Papstliteratur" verschwinden lassen. Das wäre schade, denn sie enthalten eine Fülle an Informationen, deren Kenntnis auch für Vatikan-Kritiker hilfreich ist.

Pierre Blet ist das letzte lebende Mitglied einer Kommission von vier Jesuiten-Patres, die auf eine Initiative Papst Pauls VI. hin zwischen 1965 und 1981 in 12 umfangreichen Bänden die Akten des Vatikans zum 2. Weltkrieg herausgab. Da die meisten Quellentexte auf Italienisch, manche auch auf Latein verfasst sind, sind sie bis heute ausserhalb Italiens nur einigen Spezialisten zugänglich. Blets Buch besteht im Grossen und Ganzen aus dem Text der Einleitungen zu den Bänden, in manchen Teilen gekürzt, gelegentlich aber durch Quellenzitate ergänzt. Die 12 überwiegend chronologisch angeordneten Kapitel schlagen den Bogen vom Amtsantritt Pius XII. im Februar 1939 ("Die Vatikanische Diplomatie gegen den Krieg") bis zu "Die letzten Kämpfe und das Schicksal der Völker". Das Problem des "Schweigens des Papstes" wird besonders in den Kapiteln 7 bis 10 ("Rassengesetze und Verfolgungen", Judenverfolgung und Deportation in der Slowakei, Kroatien, Rumänien und Ungarn, "Das Schicksal der Ewigen Stadt") behandelt. Die zugrunde liegenden Quellen sind zu einem grossen Teil diplomatischer Natur, Berichte der Nuntien, Anweisungen an sie, Aufzeichnungen über Gespräche mit den beim Vatikan akkredierten Botschafter, interne Überlegungen.

Die quellennahe Darstellung hat den Vorteil, daß die Innensicht des Papstes und seiner engsten Mitarbeiter, des Kardinalstaatssekretärs Luigi Maglione sowie der Unterstaatssekretäre Domenico Tardini und Giovanni Battista Montini (der spätere Papst Paul VI.) als roter Faden erkennbar ist: das Bemühen um äussere Neutralität zwischen den kriegführenden Staaten, die stille Diplomatie in dem Bemühen, Menschenleben zu retten, die antitotalitäre Grundhaltung, Angst vor einer Expansion der Sowjetunion und der Verzicht auf laute Proteste "ad maiora mala vitanda". Der Nachteil einer Einleitung zu der Edition eines Quellenbestandes ist, daß sie naturgemäss eine wissenschaftliche Darstellung nicht ersetzen kann, denn diese müsste auch die Parallelüberlieferung der anderen beteiligten Parteien, hier insbesondere die der deutschen Führung, miteinbeziehen. Nur unter dieser Voraussetzung wäre, wenn überhaupt, die Frage beantwortbar, ob ein Machtwort des Papstes an die Adresse Hitlers und des deutschen Volkes jüdisches Leben gerettet oder aber, wie die Spitze der katholischen Kirche überzeugt war, den Kreis der Verfolgten nur noch vergrössert hätte.

Der Materialreichtum des Buches bleibt dank eines detaillierten Inhaltsverzeichnisses und des Namensregisters überschaubar Trotzdem hätte man sich eine stärkere Hervorhebung einzelner Geschehnisse gewünscht, so etwa des mutigen Versuches Pius XII. im Winter 1939/40, im Vorfeld eines geplanten Staatsstreichs gegen Hitler zwischen der deutschen Militäropposition und der britischen Regierung zu vermitteln, aber auch seiner Weihnachtsansprache 1942, in der er verklausuliert den NS-Völkermord verurteilte. Ein Fazit versucht Blet in dem Schlusskapitel, wo er ohne Pathos den von Pius XII. eingeschlagenen Kurs verteidigt, wodurch es gelungen sei, "eine nicht unerhebliche Zahl von Menschenleben zu retten" (S. 296). Leider unterläßt es Blet, sich explizit mit Kritikern der Position des Vatikans auseinanderzusetzen. Das kurze Literaturverzeichnis enthält zwar Titel bis 1995, aber in willkürlicher Auswahl. Bedauerlicherweise fehlen sogar die wichtigsten Veröffentlichungen von Blets Ordensbruder und Mitherausgeber, Pater Robert Graham, dessen quellenkritische Analysen und temperamentvolle Auseinandersetzungen mit Historikern anderer Couleur ein erfrischendes Pendant zu der ruhigen Diktion der Quellenedition und des vorliegenden Bandes darstellen. Solange die vatikanischen Archive nur bis 1922 zugänglich sind, bleibt die Aktenedition aber eine unverzichtbare Grundlage der Forschung. Die Übersetzung von Blets Buch erleichtert deutschen Lesern den Einstieg in diese voluminöse Materialsammlung und dokumentiert die offiziöse Sicht der Kurie zu Pius XII.

Einen anderen Weg, sich der umstrittenen Persönlichkeit des Papstes zu nähern, schlägt Michael F. Feldkamp ein, der sich durch Forschungen und Editionen als Kenner der vatikanischen Diplomatie der frühen Neuzeit, aber auch der Anfänge der Bundesrepublik Deutschland und ihres Verhältnisses zum Heiligen Stuhl erwiesen hat. Die Beziehungen zu Deutschland haben bei keinem anderen Papst der Neuzeit so im Vordergrund gestanden, und das nicht nur aufgrund äusserer, hochpolitischer Zwange, sondern aufgrund einer tiefen Sympathie dieses aus Rom stammenden "deutschen Papstes" (Papa tedescho) zu dem Land, in dem er zwischen 1917 und 1929 als Nuntius lebte und aus dem er sich dann einen Stab tüchtiger Mitarbeiter in den Vatikan holte. Feldkamp bietet zwar keine grundlegend neuen Erkenntnisse, sondern profitiert von der guten Quellen- und Forschungslage, ermöglicht aber sowohl dem interessierten Laien als auch dem Historiker, der sich in die Materie einarbeiten will, einen problemorientierten Zugang, in dem kontroverse Fragen leitend sind wie: "Hat Staatssekretär Eugenio Pacelli vor Abschluss des Reichskonkordats 1933 die Selbstauflösung der deutschen Zentrumspartei gefordert? ... Hat er zum Holocaust geschwiegen, um einen antibolschewistischen Pakt mit dem deutschen Reichskanzler Adolf Hitler nicht aufs Spiel zu setzen?" (S. 5). Die meisten Leser dürften dabei gern in Kauf nehmen: "Auf die Bedeutung dieses Papstes als Priester, Theologe und Kirchenlehrer soll nicht näher eingegangen werden. Auch wenn sein kirchlich-geistlicher Hintergrund nicht völlig ausgeblendet werden kann, steht der Diplomat und Politiker im Vordergrund..." (S. 7).

In fünf grossen Kapiteln werden die Lebensstationen Pacellis von den Anfängen (Familie, Ausbildung, Eintritt in die Kurie, das Konkordat mit Serbien 1914, das von Cornwell fehlgedeutet wurde), über die Nuntiaturen in Deutschland, das Amt des Kardinalstaatssekretärs (1930-1939) bis zum Wirken des Papstes im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit verfolgt. Die eigentlich brisante Epoche, 1939-1945, findet nur auf 32 Seiten Berücksichtigung, das Wirken des Nuntius dagegen auf 48 und das Kardinalstaatssekretärs auf 56. Hinzu kommt allerdings ein wichtiges Schlusskapitel zu den "Auseinandersetzungen um das 'Schweigen' des Papstes" mit dem "'Fall Hochhuth'" und "Pius XII. im Widerstreit der Meinungen". Über zahlreiche interessante Einzelinformationen zur Kritik an Pius XII. seit 1945 hinaus arbeitet Feldkamp dabei noch einmal die entscheidende Frage heraus, "ob der Papst aus gesinnungsethischem Antrieb heraus seinen moralischen Standpunkt noch deutlicher publik hätte machen müssen, oder ob er in der Rolle des Verantwortungsethikers tatsächlich mehr Menschenleben hätte retten können." Feldkamps Antwort lautet: "Pius XII. hat sich für den in seinen Augen realistischen Weg entschieden und den Verhandlungsweg offen gelassen. Er hat, wie gezeigt wurde, dennoch nicht geschwiegen, sondern die Lehre der katholischen Kirche weiterhin verkündigt" (S. 190).

Diese These wird auf Widerspruch stossen, aber dank der übersichtlichen, gut lesbaren Darstellung, der Skizzierung der Forschungsgeschichte, der detaillierten Quellenangaben und des umfangreichen Literaturverzeichnisses, also seines handbuchartigen Charakters hat das Bändchen auf jeden Fall einen hohen Informationswert. In einer Neuauflage zu verbessern wäre die Zahlenangabe auf Seite 152, wonach der Vatikan während der deutschen Besetzung Roms 1943/44 etwa 200.000 Italiener, darunter zahlreiche Juden, versteckt habe, was viel zu hoch gegriffen ist (Druckfehler statt 20.000?).

Anmerkungen:
[1] Rezension in H-Soz-u-Kult vom 22.2.2000; http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensio/bücher/2000/DeRa0200.htm
[2] Giovanni Miccoli, I dilemmi e i silenzi di Pio XII, Milano 2000.

Zitation
Rainer Decker: Rezension zu: : Pius XII. und Deutschland. Göttingen  2000 , in: H-Soz-Kult, 20.02.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2126>.
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20.02.2001
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