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Titel
Die RAF-Erzählung. Eine mediale Historiographie des Terrorismus


Autor(en)
Henschen, Jan
Umfang
273 S.
Preis
€ 33,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexandra Tacke, workshop literatur e.V., Bremen

Die Studie „Die RAF-Erzählung“ von Jan Henschen beginnt mit der Auflösungserklärung der Roten Armee Fraktion (RAF) vom 20. April 1998, die das terroristische Projekt vorerst in einem letzen performativen Sprechakt zu ‚Geschichte‘ erklärt hat. Nichtsdestotrotz ist an dieser Geschichte unablässig weiter geschrieben worden. Bis heute erscheinen neue Dokumente, Texte, Erinnerungen und Filme. Hauptanliegen der medialen Historiographie des RAF-Terrorismus ist es, die enge Verschränkung von den Medien der Geschichte mit einer Geschichte von Medien aufzuzeigen: „Ereignis und Zeichen, Aktion und Medium, Gegenwart und Vergangenheit sind und waren die miteinander verschränkten Grundfiguren von ‚RAF-Sein‘ und ‚RAF-Handeln‘. Wie diese Paradigmen eine Geschichtswerdung inszenieren, oder genauer, wie sie als die Bedingungen der Möglichkeit einer Historiographie der Roten Armee Fraktion selbst in Aktion treten“ (S. 10), wird in drei Kapiteln anschaulich entfaltet. Die einzelnen Kapitel beginnen jeweils mit der Analyse einer Anekdote, eines Fundstücks oder einer kurzen Szene und eröffnen den theoretischen Horizont, in dem dann das Folgende näher betrachtet wird. Sich auf die kultur- und literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen beziehend, die in den letzten Jahren erschienen sind, konzentriert sich die Studie auf die spezifische Konstellation zwischen historischem Gegenstand, Medium und Historiografie und eröffnet dadurch einen neuen Blick auf die RAF-Geschichte. Vier Grundannahmen leiten dabei die Untersuchung: 1. dass die RAF auch als ‚Medienprojekt‘ gelesen werden muss, 2. dass die gegenseitige Durchdringung von Medien und terroristischen Praktiken noch intensiver zu beleuchten ist, 3. dass die historiografischen Verfahren sich in einem eigenwilligen Verhältnis zwischen Dokumentieren und Fiktionalisieren bewegen und 4. dass dies letztendlich verschiedene ästhetisierte Wissensformen zulässt.

Im ersten Kapitel „Vorgeschichten“ geht es um die nachzeitig verfassten ‚Urszenen‘ der RAF in Form von Ereignisnarrationen, Lexikoneinträgen, wissenschaftlichen Analysen und Biografien. Anhand von Paradetexten des Partisanenkrieges wie Carlos Marighellas „Minihandbuch des Stadtguerilleros“, Einzelbeiträgen von Huey Newton und Eldridge Cleaver oder auch Rudi Dutschkes berühmter Rede „Das Sich-Verweigern erfordert Guerilla-Mentalität“ wird schlüssig gezeigt, welchen zentralen Stellenwert die Kategorie der Medialität bereits in diesen Texten einnimmt. In einem zweiten Schritt werden diese mit unterschiedlichen theoretischen Positionen der 1960er-Jahre in Verbindung gebracht (Hans Magnus Enzensberger, Eckhard Siepmann, Umberto Eco), die den Medienbegriff als solchen problematisieren und zum Teil im Rückgriff auf Bertolt Brechts Radiotheorie und Walter Benjamins Reproduktionsaufsatz neu denken. Luzide wird die RAF dabei „als ‚Kollateralschaden‘ eines im Wandel begriffenen Medienverständnisses in Theorie und Praxis“ (S. 16) gelesen. Denn diese erkannte, setzte um und führte vor, dass die Medien stets an der Hervorbringung der Ereignisse mit beteiligt sind und diese grundsätzlich mitprägen. Die neue Art von Stadt-Guerillero musste somit nicht mehr länger nur über Gewehr und Feder, sondern auch über ein Fernsehgerät verfügen und Bilder und Erzählungen prägen können. Anhand des Beispiels der Bombe wird eine derartige Verzahnung von Fakt und Fiktion exemplarisch nachvollzogen. Denn bevor die Bombe im Kaufhaus in Frankfurt tatsächlich explodierte und damit der Auftakt zum deutschen Terrorismus gelegt wurde, zirkulierte sie bereits in harmlosen Explosionen, die „per Stift, Wandmalfarbe oder Druckmatrize […], dann per Pudding und Mehl“ (S. 74) erzeugt wurden. Abhängig von den jeweiligen Zuschreibungen steht die Bombe damit – ähnlich wie auch das Schreibgerät der Terroristen – zwischen Theorie und Tat, Sprechakt und Gewaltakt.

Ausgehend von der Schreibmaschine Andreas Baaders, die zunächst als kriminalistisches Indiz verwertet wurde, um dann als historisches Artefakt in der Dauerausstellung des Bonner Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Eingang zu finden, wird der ‚Anschlag‘ im zweiten Kapitel „Anschläge der RAF: Schreibmaschinerien“ gleich mehrfach homonym gelesen: Zum einen werden die regelrechten Textproduktionsexzesse eines Baader in ihrer Materialität (Logo, Unterschrift, Fingerabdruck etc.) zusammen mit den Aktionen und ‚Anschlägen‘, die häufig durch die performativen Sprechakte vorweggenommen wurden, eingehend betrachtet. Zum anderen wird die eigenständige Produktivität von Schreiben, Schreibmaschine, Schrifttype in dem Romanfragment „Die Reise“ und anderen Texten von Bernd Vesper analysiert. Im Vordergrund stehen dabei die extensiven Reflexionen über unterschiedliche Schreibtechniken, Verfahren der Archivierung und des Übertragens sowie über das Verhältnis von Schreibgerät, Körper und (Selbst-)Verortung. In der Art wie Vesper sich als Sammler von Vorgefundenem geriert, das durch eine Bild-Text-Montagetechnik nur neu angeordnet werden muss, gleicht das Schreibprojekt „Die Reise“ des Weiteren auch dem aus zehnjähriger Distanz zum Deutschen Herbst verfassten ‚Historienstück‘ „Kontrolliert“ von Rainald Goetz, das mit Verfahren der Re-Lektüre, Re-Flexion und Re-Skription spielt. Trotz vergleichbarer Problemstellungen liegt der Schwerpunkt bei Goetz allerdings mehr noch „auf der Verknüpfung der RAF-Erinnerung an bestimmte Materialitäten und auf dem Umgang mit den entsprechenden Medienformen“ (S. 18). Die Bedeutung der Medien für jegliche Art von Geschichtsschreibung rückt dadurch in den Fokus. Ähnlich wie schon bei Vesper wird so die Dichotomie zwischen fiktionalem Erzählen und faktischem Kontext infrage gestellt. Bilder und Texte sind insofern immer schon die ‚Fakten’ bzw. das Material, aus dem Geschichte konstruiert wird: „Eine Geschichte des Deutschen Herbstes ist immer auch Repräsentation, Ästhetisierung und Erzählung zugleich.“ (S. 180)

Das dritte Kapitel, „Verhaftungen, Verhandlungen und Entlassungen der RAF: Erzählungen und Bilder“, schließt an diese Erkenntnis an, indem es unterschiedliche Beobachterperspektiven und Inszenierungsstrategien für die RAF ausfindig macht und näher untersucht. Markante historische Punkte für die Wahl der paradigmatischen Umgangsarten sind dabei 1. der 2. Juni 1967 bzw. der Tod von Benno Ohnesorg, der von dem Dokumentarfilmer Roman Brodmann zufällig dokumentiert wurde, 2. die Krise des Deutschen Herbst 1977, die im Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ von Regisseuren wie Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge und anderen unmittelbar reflektiert wurde, sowie 3. das gespenstische Nachleben der RAF nach der offiziellen Auflösung 1998, das zu popkulturellen Adaptionen wie zum Beispiel dem Roman „Rosenfest“ von Leander Scholz geführt hat. Überzeugend werden insbesondere die popkulturellen Auseinandersetzungen als ‚Freilassungen‘ gelesen, die ein ganz spezifisches eigenes Wissen generieren und zu einer Historisierung des Historisierungsprozesses selbst beitragen. Abschließend wird so auch die enge Verquickung von filmischen Helden der 1960er-Jahre (Jean-Paul Belmondo, Marlon Brando etc.) mit Beschreibungen von Baader, wie sie in aktuellen populären und wissenschaftlichen Historiografien vermehrt zu finden sind, luzide historisiert. Wie eng Fakt und Fiktion am Anfang der Gründung der RAF bereits zusammenhängen, sieht man auch an der bezeichnenden Decknamensgebung von Baader und Gudrun Ensslin, die als Märchengestalten ‚Hans‘ und ‚Grete‘ nicht nur in die Geschichte eingehen sollten, sondern auch selbst dadurch das Fundament für die eigene Legenden- und Mythenbildung gelegt haben. Denn Märchen sind „die Narrative, die immer wieder und weiter erzählt werden. Sie sind Geschichten wundersamer Begebenheiten und seltsamer Figuren, die faszinieren und die vor allem ihre eigene Geschichte und Wahrheit beanspruchen, ohne sich auf historische Referenten zurückführen lassen zu müssen“ (S. 262). Dass deshalb auch in Zukunft das Märchen um ‚Hans‘ und ‚Grete‘ immer wieder, anders und neu in und mit unterschiedlichen Medien erzählt werden wird, macht die Studie von Henschen auf äußerst anschauliche Weise deutlich. Gerade das exemplarische Vorgehen macht aus der „RAF-Erzählung“ eine kurzweilige Studie, die sich durch eine hohe Sprachpräzision und kluge Argumentation auszeichnet.

Zitation
Alexandra Tacke: Rezension zu: : Die RAF-Erzählung. Eine mediale Historiographie des Terrorismus. Bielefeld  2013 , in: H-Soz-Kult, 02.07.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21264>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.07.2014
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