A. Fraser Terjanian: Commerce and Its Discontents

Cover
Titel
Commerce and Its Discontents in Eighteenth-Century French Political Thought.


Autor(en)
Fraser Terjanian, Anoush
Erschienen
Umfang
226 S.
Preis
€ 71,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jutta Wimmler, Vergleichende Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Europa-Universität Viadrina

Liegt die Lösung all unserer Probleme im Handel? In ihrem Buch analysiert Anoush Fraser Terjanian, wie französische Wirtschaftstheoretiker des 18. Jahrhunderts zu dieser Frage standen. Die Autorin stellt sich der weitläufigen Meinung entgegen, dass diese frühen Vertreter der Wirtschaftswissenschaften dem Handel nur befreiendes Potenzial zugesprochen hätten, und argumentiert stattdessen, dass die zerstörerischen Begleiterscheinungen des Handels ausgesprochen ernst genommen wurden. Obwohl sie zu diesem Zweck eine Fülle relevanter Quellen analysiert, liegt ihr besonderes Augenmerk auf der als Histoire des Deux Indes bekannten Schrift (HDI, Erstausgabe 1770), einer von Guillaume Raynal edierten mehrbändigen Handelsgeschichte, die in Frankreich und Europa zu den meistgelesenen Büchern des 18. Jahrhunderts gehörte. Da eine große Anzahl prominenter französischer Denker an ihrer Entstehung beteiligt war und das Werk eine große Strahlkraft hatte, bietet sich die HDI als Gradmesser für Wirtschaftstheorien in Frankreich und Europa sicherlich an. Fraser Terjanians Ziel ist es, einen Beitrag zur Forschungsdebatte über die Ursprünge der politischen Ökonomie (und damit der Wirtschaftswissenschaften als Disziplin) zu leisten, die bisher stark auf die Genese anglo-amerikanischer Denkmodelle beschränkt war.

Luxus, Sklavenhandel, Piraterie und Monopol sind die Leitthemen, die den wirtschaftspolitischen Diskurs im Frankreich des 18. Jahrhunderts der Autorin zufolge wesentlich formten, weswegen sie diesen Themen jeweils ein Kapitel widmet. Diese Vierteilung ist inhaltlich sinnvoll und bringt ihr Argument der Ambivalenz des Diskurses auf den Punkt: Die querelle du luxe drehte sich um Sinn und Unsinn, vor allem aber um die Moral von Konsum. Die Moralfrage wurde durch die Thematisierung des Sklavenhandels zugespitzt, welcher den Gegensatz von legitimen (moralischen) und illegitimen (unmoralischen) Formen des Handels verschärfte. Mit Piraterie und Monopol rückt die gesetzliche Basis von Handelsbeziehungen (und ihre moralische Beurteilung) in den Vordergrund und damit auch der Nutzen von Kommerz für Staat und Volkswirtschaft. In dieser Vierteilung orientiert sich Fraser Terjanian zwar an den Inhalten der HDI, setzt die dort vertretenen Ansichten allerdings immer in einen breiteren diskursiven Zusammenhang.

Das Buch zeichnet sich von Anfang an durch eine kritische Beurteilung gängiger Forschungsansätze aus. Bereits im ersten Kapitel kritisiert die Autorin, dass die querelle du luxe in der Forschung meist unreflektiert als dualistischer Streit zwischen Gegnern und Befürwortern von Luxus dargestellt werde. Im Gegensatz dazu argumentiert sie, dass sich bei den meisten Denkern der Zeit ambivalente Positionen fänden, die sowohl „gute“ als auch „schlechte“ Formen des Luxus anerkennen. Dies zeige sich eindeutig in der HDI, welche in ihrer historischen Abhandlung ab dem 14. Jahrhundert Luxus als wirtschaftlichen und kulturellen Motor beschreibt und damit zu einer Säule jeder „gesunden kommerziellen Gesellschaft“ stilisiert (S. 55). Negativ wird Luxus einerseits in Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen höfischen Gesellschaft beschrieben, insbesondere aber in der Schilderung der europäischen Expansion nach Amerika. Die Sucht nach Luxus in den Kolonien führe der HDI zufolge zu einer Abhängigkeit von der europäischen Metropole und ihren Manufakturwaren und zerstöre außerdem traditionelle Familienstrukturen. Luxus wurde also einerseits als Voraussetzung für eine funktionierende Volkswirtschaft, gleichzeitig aber auch als potenziell destruktiv betrachtet.

Dieses zerstörerische Potenzial von Handel manifestierte sich auch dann, wenn es sich bei dem Handelsgut um Menschen handelte. Im zweiten Kapitel untersucht die Autorin daher den Sklavenhandel, welcher in der HDI überraschend prominent diskutiert wird. Hier hebt Fraser Terjanian die Ausnahmestellung der HDI hervor. Obwohl Sklaverei als Metapher für tyrannische Herrschaft im Bereich der Politik und Philosophie in aller Munde war, wurden die tatsächliche Sklaverei in den Amerikas und der dazugehörige transatlantische Sklavenhandel in der französischen Gesellschaft geradezu totgeschwiegen. Laut Fraser Terjanian kritisiert die HDI diese Ignoranz explizit und räumt dem Thema deshalb viel Platz ein (S. 77). Der Sklavenhandel sei nicht nur unmoralisch, sondern auch nicht förderlich für die Wirtschaft, und die Politik müsse aktiv eingreifen um diesen abzuschaffen. Die Signifikanz dieser Diskussion für ihre zentrale These bringt Fraser Terjanian so auf den Punkt: Dieser commerce odieux („scheußliche Handel“) stehe in direktem Gegensatz zu dem ansonsten eindeutig konstatierten gesellschaftsfördernden Potenzial des Handels – er sei geradezu die Antithese des von der HDI propagierten doux commerce („süßer Handel“) gewesen. Schlussfolgernd sieht Fraser in der HDI eines der ersten abolitionistischen Traktate Frankreichs, welches die positive Interpretation von Handel als doux commerce in seiner Instabilität sichtbar machte und gleichzeitig eine direkte Verbindung zwischen Handel, Politik und Moralität herstellte.

Stark verflochten präsentieren sich Kapitel drei und vier, welche die staatskritische Position der HDI bezüglich der juristischen Rechtmäßigkeit von Handel ins Auge nehmen. In Kapitel drei beschäftigt sich die Autorin mit der Definition von Piraterie bzw. dem Fehlen einer solchen Definition. Laut Fraser Terjanian kritisiert die HDI, dass der Staat individuell agierende Piraten zu Bösewichten abstempelte und entsprechend bestrafte, während er selbst sich wiederholt Piraterie im atlantischen Raum erlaubte, um so die eigene Macht zu erweitern und zu zementieren. Die HDI, so die Autorin, konstatierte einen Unterschied zwischen einem Piraten als Individuum und dem Akt der Piraterie. Während der Pirat romantisiert und zu einem vor despotischen europäischen Regimen flüchtenden Freiheitskämpfer und Utopisten stilisiert wurde, zeichnete sie Piraterie als großes Übel, welches in der Hand des Staates zu einem commerce odieux verkam.

Im letzten Kapitel widmet sich die Autorin dem Thema Monopol, insbesondere der zeitgenössischen Interpretation der Monopolkompanien. Sie will hier aufzeigen, dass die Prävalenz von Monopolen im Inland (insbesondere im Getreidehandel und in Form der Zünfte) in der HDI als Teil desselben Problems verstanden wurde wie die Monopole im Überseehandel, weswegen die Aufspaltung dieser Aspekte in der heutigen Forschung nicht gerechtfertigt sei. Sie gesteht allerdings zu, dass es sich auch hier (wie schon bei der Thematisierung des Sklavenhandels) um eine Besonderheit der HDI handelt. Diese bezieht sehr eindeutig Position: Die Monopolisierung von Handel – ob durch den Staat oder (schlimmer) durch Handelskompanien – sei grundsätzlich unmoralisch, während Freihandel die Lösung jeglicher wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und moralischer Probleme sei. Handelsmonopole wurden genauso wie der Sklavenhandel als Teil jenes commerce odieux präsentiert, welcher die grundsätzlich als „erlösend“ verstandene Funktion von Handel einschränkte. Hier kommt Fraser Terjanian zu folgendem Schluss: Für die im Entstehen begriffene Disziplin der politischen Ökonomie war freier Handel grundsätzlich doux, konnte also potenziell jegliche Probleme einer Gesellschaft lösen. Doch man sah gleichzeitig auch die Schattenseite des gegenwärtig praktizierten Handels: egoistischer und verschwenderischer Luxus, Menschenhandel, imperialistische Piraterie und Handelsmonopole. Handel war also für die französischen Wirtschaftstheoretiker der Zeit immer auch verbunden mit dem Missbehagen an ihm: commerce and its discontents, wie der Titel des Buches verdeutlicht.

Insgesamt besticht das Buch durch eine klare und kurzweilige Sprache, nachvollziehbare Gliederung und Aufrechterhalten eines roten Fadens einerseits, und weitreichende Quellenkenntnis und Auseinandersetzung mit der neuesten Sekundärliteratur andererseits. Sie überzeugt durch ihre Kenntnis sowohl der französischen als auch der atlantischen Geschichte, wie auch durch ihre qualifizierten Hintergrundinformationen und Querbezüge zum 16. und vor allem 17. Jahrhundert. Das Buch ist daher nicht nur zum besseren Verständnis der Genese ökonomischen Denkens relevant, sondern lädt durch die Analyse der wirtschaftshistorischen Modelle der HDI auch zu einem selbstkritischen Blick auf unsere eigene Geschichtskonstruktion ein. Negativ anzumerken ist einzig der häufig starke Metatext in den Fußnoten (insbesondere in der Einleitung), der das Buch zeitweise zu stark fragmentiert und sogar fast zweiteilt. Da die Fußnoten sehr spannende Zusatzinformationen beinhalten, lohnt sich jedenfalls auch diese Lektüre. Cambridge University Press hat mit Commerce and its Discontents in Eighteenth-Century French Political Thought ein schönes Buch verlegt, das man gerne in die Hand nimmt und das angenehm zu lesen ist. Ein Wermutstropfen ist der mit gut 70 Euro ausgesprochen hohe Preis.

Zitation
Jutta Wimmler: Rezension zu: : Commerce and Its Discontents in Eighteenth-Century French Political Thought. Cambridge  2013 , in: H-Soz-Kult, 04.03.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21303>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.03.2014
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