D. Troyansky: Aging in World History

Cover
Titel
Aging in World History.


Autor(en)
Troyansky, David G.
Erschienen
London 2016: Routledge
Umfang
XVII, 152 S.
Preis
£ 24.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nicole Kramer, Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt am Main / Deutsches Historisches Institut, Rom

Anders als Soziologen und Psychologen beschäftigen sich Historiker noch nicht allzu lange mit dem Thema Alter und Altern. Die Zahl der Studien ist mittlerweile dennoch auf eine beachtliche Größe angewachsen; eine Zusammenschau der bisherigen Ansätze und Befunde kommt daher sehr gelegen. Der am Brooklyn College in New York lehrende David Troyansky, einer der Pioniere geschichtswissenschaftlicher Altersforschung, hat ein Überblicksbuch vorgelegt, das zeitlich und geographisch weit ausgreift. Während der lange Blick zurück, in diesem Fall sogar bis in die Vor- und Frühgeschichte, für die Forschungsrichtung nicht unüblich ist, kann der Autor durch seinen Anspruch, mit einem globalgeschichtlichen Zugang über den europäischen Tellerrand hinauszuschauen, eigene Akzente setzen. In fünf Abschnitten und auf knapp 150 Seiten diskutiert Troyansky die Befunde bisheriger historischer Forschung, wobei er auch in die Werkstätten benachbarter Disziplinen späht – vor allem in diejenigen der Ethnologen und Anthropologen. Eine Grundprämisse des Buches lautet, dass sich die Geschichte des Alters nicht linear erzählen lässt. Troyansky betont, dass es ein Verdienst geschichtswissenschaftlicher Beiträge ist, generalisierende Narrative relativiert zu haben, die sich entweder auf den Autoritätsverlust einer in früheren Epochen respektierten greisen Minderheit oder aber die Aufwertung des Alters durch die wohltätige Wirkung des Sozialstaates bezogen.

In seinen ersten Kapiteln („Theoretical Concerns, ‚Natural‘ Aging, and Classical Prescriptions and Representations“) will der Autor in erster Linie zeigen, dass es trotz durchschnittlich niedriger Lebenserwartungen schon in den ur- und frühgeschichtlichen Jäger- und Sammlergesellschaften durchaus alte Menschen gab. Die Altersdatierung von Skelettfunden deutet auf einen demographischen Umbruch hin, der sich bereits vor 30.000 Jahren ereignete, und im Römischen Reich des 1. Jahrhunderts n.Chr. unterschied sich die Altersstruktur der Bevölkerung gar nicht allzu sehr von derjenigen vieler europäischer Gesellschaften im 19. Jahrhundert. In der Antike gibt es sodann auch einige Belege, dass über das Alter und alte Menschen reflektiert wurde. Dabei argumentiert Troyansky, dass die positiven wie negativen Aussagen, die sich bei Cicero, Aristoteles und anderen finden, als Teil eines Elitendiskurses nur bedingt etwas über in der Antike verbreitete Ansichten aussagen. Allerdings misst er ihnen als Bezugstexte für diejenigen, die sich in den nachfolgenden Jahrhunderten Gedanken über die letzte Lebensphase machten, große Bedeutung zu. Hieran schließt sich eine seiner Hauptthesen an: dass sich auch in heutigen Konzepten über Alter, Alte und Altern Versatzstücke vergangener Zeiten wiederfinden.

Das Fortleben von Ideen und Modellen aus antiker Zeit lässt sich im zweiten Abschnitt nachvollziehen („Medieval and Early Modern Transformations“). Im Mittelalter und während der Renaissance hing die Tradierung von Vorstellungen über das Alter, vor allem über den Status alter Menschen in der Familie, eng mit Religion zusammen. Dies kann man am Beispiel des Konfuzianismus ebenso belegen wie mit Blick auf das Christentum oder den Islam. Wie sehr sich Zeitgenossen mit den Erscheinungsformen des Alters auseinandersetzten, lässt sich neben Texten auch an bildlichen Quellen in Form von Gemälden und Skulpturen ablesen. Diese erzählen uns nicht zuletzt etwas über die Wahrnehmung von alten Frauen, die in den schriftlichen Überlieferungen oft vernachlässigt wurden. Je mehr die Darstellung in der Zeit vorangeht, desto dichter werden zudem sozial- und erfahrungshistorische Belege, auf die Troyansky sich stützen kann. Vor allem in Tagebüchern wird die Auseinandersetzung von Individuen mit der eigenen Vergänglichkeit greifbar. Nicht nur hier zeigt sich, dass religiöse Deutungsmuster bereits im 18. Jahrhundert an Überzeugungskraft verloren, wie vor allem im dritten Abschnitt thematisiert wird („Transitions to Modernity“). Je mehr die Aussichten auf das Jenseits entrückten, desto mehr schien es geboten zu sein, die letzte Lebensphase bewusster zu gestalten. Mit dem 18. und 19. Jahrhundert bewegt sich Troyansky wieder in bekannteren Gefilden, was sich auch in der zunehmenden Dichte der Darstellung niederschlägt. Bereits in diesen Jahrhunderten lässt sich anhand von literarischen Texten die Erfindung der Figur der Großeltern als Gegenstück zur Erfindung der Kindheit (über die sehr viel mehr bekannt ist) nachweisen – freilich eher ein Leitbild gehobener Schichten.

Im vierten Abschnitt („Modernity and Old Age“) konzentriert sich Troyansky auf die Bedeutung des Wohlfahrtsstaates für die Ausgestaltung des Alters, eines der wohl am meisten bearbeiteten Forschungsthemen. Deutlich wird zum einen, dass Absicherungen im Alter keine Neuerfindung waren, und zum anderen, dass sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine Massenerfahrung der Bevölkerungen der westlichen Industrieländer wurden. Motor des Ausbaus von Rentensystemen war nicht nur das Wohlergehen des Einzelnen, sondern auch das Funktionieren der Wirtschaft, die sich älterer Arbeitskräfte entledigen konnte. Die Entstehung und fortwährende Erneuerung kapitalistischer Strukturen prägte den Altersdiskurs entscheidend. Die Darstellung verweist nicht nur hier auf die Ambivalenzen sozialer Sicherungssysteme, zum Beispiel wenn die Frühverrentung in Zeiten der Arbeitslosigkeit angesprochen wird oder aber die Wahrnehmungen einzelner Rentner, die den Ruhestand als Form erzwungener Untätigkeit und sozialer Exklusion erlebten. Die Frage nach den Konsequenzen wohlfahrtsstaatlichen Ausbaus ermöglicht es schließlich, auch das Thema Kolonialismus aufzugreifen. Dabei verdient vor allem der Gedanke Beachtung, dass der Transfer von Institutionen einen beschleunigten Wandel auslöste, der die Lage in den Kolonien mit der Situation revolutionärer Umbrüche in Europa vergleichbar macht. Hier bricht der globalgeschichtliche Ansatz mit chronologischen Erzählweisen.

Der letzte Abschnitt („Globalizing, Medicalizing, and Disciplining Old Age“) behandelt die Verwissenschaftlichung des Alters durch Geriatrie und Gerontologie. Studien der letzten Jahre haben viel dazu beigetragen, die Beteiligung von Experten an der Konstruktion und versuchten Lösung medizinischer und sozialer Probleme nachzuzeichnen. Die relativ gut erforschte Geschichte der Entdeckung der Alzheimer-Krankheit ist nur ein Beispiel. Troyansky interessiert sich vor allem für das Wechselverhältnis zwischen Wissenschaftlern und ihren Untersuchungsobjekten, dessen Komplexität sich besonders in qualitativen Interviews niederschlug, bei denen alte Menschen mit Deutungsangeboten versorgt wurden und zugleich Gelegenheit erhielten, ihre eigene Version vom Altern zu Protokoll zu geben. Schließlich schweift der Blick auch in diesem Teil auf Regionen außerhalb Europas, wobei vor Augen geführt wird, welche Rolle Experten für die Zirkulation von Wissen über die demographische Alterung spielten. Die globale Perspektive hat dabei insbesondere für grenzübergreifende Risiken sensibilisiert, wie Krankheitsepidemien und Klimawandel, die die strukturelle Vulnerabilität im Alter sichtbar machen.

Der lange Zeitraum, der globalgeschichtliche Anspruch und die Vielgestaltigkeit des Themas führen zu einer Darstellungsweise, die dem Leser bisweilen das Gefühl vermittelt, durch ein Kaleidoskop zu blicken. Darin mag man zwar den sehr lobenswerten Versuch sehen, einer linearen, zu Generalisierungen neigenden Erzählung zu entgehen. Insgesamt wäre es der Argumentationslinie jedoch zuträglich gewesen, den Fokus zu verengen und stärker thematische Schwerpunkte zu setzen. David Troyansky überzeugt nämlich vor allem dort, wo er die Vorzüge geschichtswissenschaftlichen Arbeitens ausspielt und sich konkreten Fällen widmet. Das Buch ist zwar als Einstiegslektüre gedacht, doch wird es auch einem mit dem Thema schon vertrauten Publikum allerhand interessante Lesefrüchte liefern. Überdies laden originelle und geistreiche Überlegungen zum Weiterdenken ein.

Zitation
Nicole Kramer: Rezension zu: : Aging in World History. London  2016 , in: H-Soz-Kult, 25.11.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21371>.