Titel
Im Spiegel des Wassers. Eine transnationale Umweltgeschichte des Oberrheins (1800–2000)


Autor(en)
Bernhardt, Christoph
Erschienen
Köln 2016: Böhlau Verlag
Umfang
504 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uwe Lübken, Amerika-Institut, Ludwig-Maximilians-Universität München

Angesichts des gegenwärtigen Zustandes der meisten großen Flüsse in Europa gerät leicht in Vergessenheit, wie dynamisch, kraftvoll, gefährlich und ökologisch vielfältig diese „Wasserstraßen“ einmal waren. Wo sie heute als infrastrukturelle Korridore die Landschaft durchziehen, waren noch im 19. Jahrhundert oft Inseln, Seitenarme, Auenwälder und eine vielfältige Fauna zu sehen. Das umwelthistorische „poster child“ dieser Transformation einer mehr oder weniger natürlichen Flusslandschaft in einen Kanal ist der Oberrhein. An kaum einem anderen Fluss und an keinem anderen Abschnitt des Rheins war die Verwandlung vom ohne Zweifel romantisierten Idyll in eine (post-)industrielle Landschaft so komplett und wurde so oft beklagt wie dort. Wurde die Thematik einer breiten internationalen Fachöffentlichkeit zuletzt bekannt gemacht durch die auf eigene Weise bahnbrechenden Arbeiten von Mark Cioc und David Blackbourn[1], so liegt jetzt endlich eine Studie vor, die der Komplexität dieses Prozesses den ihr gebührenden Raum gibt. Christoph Bernhardt verzichtet dabei, anders als die genannten Autoren, auf das große Narrativ, aber gerade dadurch wird der Raum geöffnet für die Analyse von Rückkopplungseffekten, Pfadabhängigkeiten, Ungleichzeitigkeiten und die Berücksichtigung einer Vielzahl an beteiligten Interessen und Akteuren.

„Im Spiegel des Wassers“ rankt sich um fünf große Infrastrukturprojekte am Oberrhein – von der berühmten Korrektion des Flusses durch Johann Gottfried Tulla im frühen 19. bis zu den ökologischen Reparaturarbeiten im Rahmen des Integrierten Rheinprogramms gegen Ende des 20. Jahrhunderts. All diese Projekte waren funktional erfolgreich. So wurde die Hochwassergefahr am Oberrhein deutlich reduziert, dem Fluss wertvolles Land abgerungen, die Schiffbarkeit bis Basel garantiert und erfolgreich Energie produziert. Alle Projekte waren aber auch mit gravierenden Konsequenzen für die Umwelt verbunden, die oft erst Jahrzehnte später sichtbar wurden und neue Probleme aufwarfen.

Schon Tullas Projekt war weniger der heroische Akt des Mannes, der den Rhein „gezähmt“ hatte, wie es der Tulla-Mythos wollte. Vielmehr manifestierte die Korrektion, wie allen Beteiligten klar war, „eine riskante Entfesselung der Wasserkräfte“ (S. 132). So sank zwar die Hochwassergefahr als Resultat der Durchstiche, die der badische Ingenieur ab 1817 veranlasst hatte, deutlich. Gleichzeitig nahm aber die Befürchtung zu, dass stromabwärts auf der nicht regulierten Strecke mit weniger Gefälle und größerer Sedimentation die Gefahr durch Überschwemmungen ansteigen würde. Schon 1825 meldeten die Niederlande und Preußen, das an der Oder bereits entsprechende Erfahrungen gemacht hatte, Bedenken gegen diese „grenzenlose Gefahr“ an (S. 173), die letztlich zu einem Baustopp führten.

Mit den hydrologischen Herausforderungen stieg auch die Macht und die Kompetenzfülle der staatlichen Institutionen, allen voran der badischen Wasserbauverwaltung. Wie Bernhardt treffend formuliert, zog „der Flussbau am Oberrhein faktisch dem badischen Staat seit dem späten 18. und verstärkt im frühen 19. Jahrhundert quasi eine Korsettstange ein und gab damit dem Prozess der inneren Staatsbildung langfristig ein naturräumlich-infrastrukturelles Rückgrat“ (S. 61). Aber entstand auf diese Weise auch dort eine „hydraulische Gesellschaft“, in der der Zwang zur Lösung massiver hydrologischer Probleme zum Aufbau großer Bürokratien und zentraler Koordinationsinstanzen führte, wie Bernhardt in Anlehnung an die Arbeiten von Karl August Wittfogel und Don Worster[2] nahelegt? Auf der einen Seite schon, denn die Korrektionen des 19. Jahrhunderts – insbesondere die Durchstiche – erzeugten einen immensen Regelungsbedarf durch staatliche Institutionen. Neben der Planung, dem Bau und Erhalt der Bauwerke mussten Grenzen neu ausgehandelt, Inseln restituiert, die immensen Kosten unter den beteiligten Staaten aufgeteilt und „Verlierergemeinden“, deren Land nun überschwemmt war oder auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses lag, entschädigt werden. Auf der anderen Seite kann man nach Lektüre des Bandes nicht gerade von einer „badischen Despotie“ sprechen – im Gegenteil: ein wichtiger Aspekt der Tullaschen Korrektion war, wie Christoph Bernhardt zeigt, gerade die Abkehr von Frondiensten und von gewaltsamen Konfliktlösungen (die ersten Durchstiche mussten noch militärisch gegen die Dorfbevölkerung durchgesetzt werden) zugunsten von Aushandlungsprozessen.

Neben der Verschärfung der Hochwassergefahr stromabwärts bestand die zweite große Nebenwirkung der infrastrukturellen Transformation des Oberrheins in der Auswirkung auf den regionalen Wasserhaushalt. Durch die Korrektionen und den späteren Umbau des Flusses für die aufkommende Großschifffahrt wurde dieser Flussabschnitt erheblich verkürzt – um mehr als 80 Kilometer zwischen Basel und Mannheim – , die Ufer zum großen Teil mit Steindecken „gepanzert“, während Überschwemmungsflächen im großen Ausmaß verloren gingen. Der Oberrhein wurde auf ein einheitliches Flussbett verengt, von den Altarmen abgetrennt und durch die nun höhere Fließgeschwindigkeit auch vertieft – nördlich von Istein zum Beispiel um bis zu acht Meter. Dies alles hatte zur Folge, dass der Grundwasserspiegel in den betroffenen Gebieten kontinuierlich sank, so dass an einigen Orten „die Ent- in Bewässerungsgenossenschaften umgewandelt wurden“ (S. 388). Die Situation verschärfte sich noch einmal deutlich, als Frankreich durch den Versailler Vertrag die Verfügungsgewalt über die Wasserkräfte des Oberrheins erhielt und die schon lange Zeit bestehenden Pläne zum Bau des Grand Canal d’Alsace realisieren konnte. Dieser in mehreren Etappen zwischen 1928 und 1959 fertig gestellte Rheinseitenkanal sollte die Schiffbarkeit zwischen Basel und Straßburg garantieren und acht Kraftwerke antreiben. Zu diesem Zweck wurde dem zum „Restrhein“ degradierten Hauptstrom ein Großteil des Wassers entzogen.

Gleichzeitig wurden die absehbaren Folgen des Kanal- und Kraftwerkbaus – Probleme bei der Wasserversorgung, Vertiefung der Brunnen, Notwendigkeit der Bewässerung von landwirtschaftlich genutzten Flächen – „zum Ausgangspunkt der Formierung einer breiten Umwelt- bzw. Landschaftsschutzbewegung unter dem Banner des ‚Heimatschutzes‘“ (S. 366). So entstand auf deutscher Seite eine „unversöhnliche Ablehnungsfront“ (S. 380) gegen die französischen Pläne, die nationalistisches Gedankengut mit ökologischen Intentionen vermengte und die in den „Versteppungskampagnen“ des umstrittenen „Reichslandschaftsanwaltes“ Alwin Seifert mündete. Bernhard sieht für den Oberrhein in diesen Diskursen der Zwischenkriegszeit, und nicht in den auch umwelthistorisch bedeutsamen 1970er-Jahren[3], „die Anfänge des im 20. Jahrhundert vollzogenen umweltpolitischen Paradigmenwechsels“ und betont die Kontinuitäten auch in den Boomjahren.

Mit seiner transnationalen Umweltgeschichte des Oberrheins hat Christoph Bernhardt eine detaillierte und analytisch tiefe Studie vorgelegt, die für die Flussgeschichte Maßstäbe setzt. Der Autor schreibt diese Geschichte bewusst mit einer stark institutionalistischen Färbung, was auch dazu führt, dass einige sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte wie etwa Fragen der Umwelt(un)gerechtigkeit bei den zahlreichen Überschwemmungen oder das Schicksal von Tieren in den Hintergrund geraten. Deutlich wird aber, dass trotz aller funktionalen Erfolge der Großprojekte die Ingenieure und Politiker den Fluss doch nie vollständig in den Griff bekommen haben. Davon zeugen die stetige Wiederkehr von Überschwemmungen ebenso wie die langfristigen Nebenwirkungen der Kanalisierung des Flusses. Darüber hinaus bringt „Im Spiegel des Wassers“ die vielfältigen Beziehungen zwischen natürlicher, sozialer und kultureller Raumproduktion zum Vorschein – von Ober-/Unterliegerkonflikten etwa bei der Wasserverschmutzung über die Schaffung von ökonomischen Korridoren bis hin zum Fluss als sowohl hydrologisch wie politisch dynamische Grenzregion. Der Oberrhein war eben, wie andere Flüsse auch, nicht nur Gegenstand und „Opfer“ diverser gesellschaftlicher Interventionen, sondern selbst strukturgebender Akteur.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Mark Cioc, The Rhine. An Eco-Biography, 1815–2000, Seattle 2002, der sich allerdings mit dem gesamten Rhein befasst, und Kapitel 2 in David Blackbourns The Conquest of Nature. Water, Landscape, and the Making of Modern Germany, New York 2006.
[2] Karl A. Wittfogel, Oriental Despotism. A Comparative Study of Total Power, New Haven (CT) 1957; Donald Worster, Rivers of Empire. Water, Aridity, and the Growth of the American West, New York 1985.
[3] Patrick Kupper, Die „1970er Diagnose“: Grundsätzliche Überlegungen zu einem Wendepunkt in der Umweltgeschichte, in: Archiv für Sozialgeschichte 43 (2003), S. 325–348.

Zitation
Uwe Lübken: Rezension zu: : Im Spiegel des Wassers. Eine transnationale Umweltgeschichte des Oberrheins (1800–2000). Köln  2016 , in: H-Soz-Kult, 07.03.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21389>.
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07.03.2018
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