A. Ferrari u.a. (Hrsg.): Lexikon der Mensch-Tier-Beziehungen

Cover
Titel
Lexikon der Mensch-Tier-Beziehungen.


Hrsg. v.
Ferrari, Arianna; Petrus, Klaus
Umfang
475 S.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Michaela Fenske, Institut für Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie, Georg-August-Universität Göttingen

Das junge Forschungsfeld der Human-Animal Studies (HAS) entwickelt sich auch im deutschsprachigen Raum rasant. Nachdem zunächst exemplarische Studien über einzelne Phänomene der Mensch-Tier-Beziehung bevorzugt in Gestalt von Sammelbänden erschienen sind, füllt sich der Büchermarkt inzwischen mit ausgefeilten Bänden zur Methoden- und Theoriediskussion.[1] Zunehmend erscheinen Handbücher, die für verschiedene Disziplinen oder Arbeitszusammenhänge über Entwicklung und Stand der Forschungen informieren.[2] In diesem Zusammenhang stellt das im Oktober 2015 erschienene Lexikon der Mensch-Tier-Beziehungen, herausgegeben von Arianna Ferrari und Klaus Petrus, ein willkommenes Arbeitsinstrument dar. Ferrari, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse innerhalb des Karlsruher Instituts für Technologie, und Petrus, freiberuflicher Publizist, beweisen mit der Auswahl der Stichwörter ebenso wie der insgesamt 90 Beiträger/innen ihre Kenntnis des Forschungs- und Arbeitsfeldes. Mit 20 (Petrus) bzw. 13 (Ferrari) Artikeln tragen sie selbst entscheidend zu dem Lexikon bei. Die anderen Beitragenden, häufig renommierte Vertreter/innen des jeweiligen Feldes, kommen aus über 30 verschiedenen Disziplinen und Arbeitsfeldern (Zählung der Rezensentin; die Herausgebenden nennen in ihrer kurzen Einführung „über 20 Fachgebiete“, S. 10). Gut vertreten sind Ethik im Besonderen und Philosophie im Allgemeinen sowie insgesamt eher kulturwissenschaftliche und in geringerem Umfang naturwissenschaftliche Ansätze. Zu den Beitragenden gehören auch Aktivistinnen und Aktivisten, die sich für die Rechte der Tiere einsetzen.

Ferrari und Petrus nennen als Ziel des Lexikons, das Forschungsfeld Human-Animal Studies „weiter bekannt zu machen“, die „Vielfalt der Mensch-Tier-Beziehungen zu beleuchten“ sowie „Tiere aus der ihnen vom Menschen zugewiesenen Rolle als ‚Objekte‘ (für menschliche Zwecke) oder ‚Opfer‘ (von menschlicher Gewalt) zu befreien und sie als eigenständige Individuen zu begreifen − und auch zu respektieren“ (S. 9). Anders als im Wissensformat Lexikon üblich, wird hier also gleich zu Beginn dezidiert inhaltlich-weltanschauliche Position bezogen. Nach Ansicht der Herausgebenden gibt es in den Wissenschaften bislang als „falsch“ (S. 9) eingeordnete Repräsentationen des Tierlichen. Ein guter Teil der Beiträge ist aus Sicht der Critical Animal Studies (CAS) oder von dieser Forschungsrichtung deutlich inspiriert geschrieben (der Eintrag „Critical Animal Studies“ führt in die Selbstwahrnehmung dieses Forschungszweigs ein, S. 66–69). Damit gibt das Lexikon nicht nur Einblick in die im beginnenden 21. Jahrhundert kontrovers geführten Debatten über Ethik und Moral im Bereich des menschlichen Umgangs mit Tieren. Es ist in Teilen auch parteilich und normativ im Sinne der CAS orientiert, setzt auf Aufdeckung, Bekämpfung und Beendigung der vielfachen Nutzungen von Tieren durch Menschen. Deutlich wird damit auch der Anspruch, Gesellschaften und Wissenschaften grundlegend im Sinne der hier als „richtig“ vertretenen Haltungen zu verändern.

Das Lexikon enthält 142 Beiträge − viele davon aus dem Englischen übersetzt. Die einzelnen Artikel sind zwischen zwei und sechs Seiten lang. Ihr Aufbau zeichnet sich mehrheitlich durch eine formal und inhaltlich klare Strukturierung aus, der kurze Text wird jeweils abgeschlossen durch ausführliche („Literatur“) und ausgewählte Literaturhinweise („Zum Weiterlesen“). Ein Personen- und Sachregister erschließt die Inhalte zusätzlich. Hier wie bei den Literaturhinweisen am Ende der Artikel hätte eine vollständige Nennung von Vornamen die Wiedererkennung der genannten Personen und ihrer Arbeiten erleichtert. Die einzelnen Artikel behandeln eine Fülle von Themen und Aspekten der Mensch-Tier-Beziehung. Dem Autor/innenkreis entsprechend geht es in einer ganzen Reihe von Beiträgen um ethische Aspekte der Mensch-Tier-Beziehungen, doch machen diese nur einen, auch integrativen Teil des Lexikons aus. Lose gruppiert geht es unter anderem um folgende Themenbereiche: soziale Bewegungen, Einstellungen und Haltungen (vom Abolitionismus über Liberalismus bis zum Veganismus); Forschungsansätze, Fächer und Praxisfelder (von Animal Enhancement über Pädagogik bis Zoomusikologie); menschliche Praktiken (vom Animal Hoarding über Schlachtung bis zur Zucht); rechtliche Aspekte (von Eigentum über [tierliche] Staatsbürgerschaft bis Zoophilie); Religionen bzw. Glaubensrichtungen (von Buddhismus über Islam bis zum Tierkult im alten Ägypten); Ethiken, Konzepte und philosophische Ansätze (von Dualismus über Moralfähigkeit bis Würde); Räume und Orte (von Lebenshof über Tierheim bis Zoo); tierliche Körper und menschliche Verwertungsinteressen daran (von Ei über Invitrofleisch bis Pelz); sowie nicht zuletzt um menschliche Kategorisierungen des Tierreichs (vom Exotischen Heimtier über Nutztier bis zum Wildtier). Die Artikel behandeln Fragen, die Tiere unmittelbar betreffend, wie Tierbefreiung, Tierrechtsbewegung oder Tierschutz, aber auch zentrale wissenschaftliche Kategorien wie Domestikation oder Spezies. Darüber hinaus geht es um allgemeine Aspekte mit Relevanz für Tiere wie etwa die politischen Bewegungen des Anarchismus und Marxismus oder wissenschaftliche Schulen wie die Kritische Theorie. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit vermittelt das Lexikon einen tiefgreifenden Einblick in den aktuellen Stand der Diskussionen im Feld der Human-Animal Studies; es vermittelt wesentliche Ansätze, Argumentationen und Theorien – allerdings weniger Methoden, die weitgehend ausgeblendet bleiben.

Aus Sicht der Europäischen Ethnologie sowie verwandter Disziplinen (v. a. der international sogenannten Anthropologien) vermisst die Rezensentin einschlägige Perspektiven. Gerade mit Blick auf die internationale Wissenscommunity hätten Kolleg/innen etwa aus der sich zunehmend als „anthropology beyond the human“ verstehenden Anthropologien, Ethnologien und Folklore Studies inhaltliche Stichworte ergänzen bzw. zu einzelnen Artikeln beitragen können. Dass Ansätze, Methoden und Inhalte dieser Disziplinen, abgesehen vom Altmeister Tim Ingold, im Lexikon eher ausgespart bleiben, dürfte unter anderem daran liegen, dass der Fokus des Lexikons und der in den ethnologischen Wissenschaften betriebenen Tierstudien teils differieren. Das Stichwort „Multispecies Ethnography“, das allerdings nicht allen Verteter/innen anthropologischer Tierstudien zur Beschreibung ihres Arbeitsfeldes gleichermaßen gefällt, drückt diesen jeweils anderen Fokus sehr gut aus. Multispecies Ethnography pflegt einen weiten Blick, betrachtet nicht nur Menschen und Tiere, sondern sieht diese eingebunden in komplexe Zusammenhänge und konkret verschiedenen sozialen Entitäten. Fragen der Umwelt und Ontologie sowie Konzepte menschlicher „Natur“-Beziehungen gewinnen dabei eine herausragende Bedeutung. Das macht die Anthropologien zu einer spannenden Brückenwissenschaft zwischen verschiedenen Perspektiven, inklusive der Human- und Naturwissenschaften, deren Grenzen sich im Zeitalter Latourscher Nature Cultures zunehmend auflösen. Dieser zugleich weite wie im Detail differenzierte Blick wird auf mittlere Sicht das Arbeitsfeld auch der deutschsprachigen HAS insgesamt weiter befruchten, auch in methodischer Hinsicht. Im deutschsprachigen Raum steckt diese Forschung freilich im internationalen Vergleich eher in ihren Anfängen, was eine weitere Erklärung für die geringe Wahrnehmung durch das Lexikon ist.

Insgesamt spiegelt das Lexikon im Wesentlichen Forschungsstand und aktuelle Ansätze auf hohem Niveau wider. Erfreulich ist die im Band vertretene Multivokalität und mitunter sogar Widersprüchlichkeit, wenn etwa Julia Fischer, die Leiterin einer Arbeitsgruppe des aufgrund seiner Versuche an Primaten in Tierrechtskreisen nicht unumstrittenen Göttinger Primatenzentrums, hier mit Artikeln über „Emotion“ und „Kognitive Ethologie“ ebenso vertreten ist wie der Aktivist Martin Balluch mit Beiträgen zu „Autonomie“, „Jagd“, „Pelz“ und „Ziviler Ungehorsam“. Ein im Bewusstsein zwangsläufiger Unvollständigkeit und mit weltanschaulicher Positionierung geschaffenes Lexikon lädt in ganz besonderem Maße zu weiteren Auseinandersetzungen ein. Das Lexikon macht damit gleich mehrere Angebote, die es für Forschung und Lehre in allen mit Mensch-Tiere-Beziehung beschäftigten Feldern empfehlen: Es bietet Orientierung und informiert kurz, knapp und verständlich über zentrale Problemfelder, Themen und Wissensbestände im Kontext der HAS. Zugleich fordert es seine Rezipient/innen zur kritischen Lektüre heraus und erzeugt dabei bisweilen auch Widerspruch und Reibung.

Anmerkungen:
[1] Z.B. Sven Wirth u.a., Das Handeln der Tiere. Tierliche Agency im Fokus der Human-Animal Studies, Bielefeld 2016; Forschungsschwerpunkt „Tier-Mensch-Gesellschaft“ (Hrsg.), Den Fährten folgen. Methoden interdisziplinärer Tierforschung, Bielefeld 2016.
[2] Z.B. Roland Borgards (Hrsg.), Kulturwissenschaftliches Handbuch, Stuttgart 2016.

Zitation
Michaela Fenske: Rezension zu: Ferrari, Arianna; Petrus, Klaus (Hrsg.): Lexikon der Mensch-Tier-Beziehungen. Bielefeld  2015 , in: H-Soz-Kult, 24.06.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21449>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.06.2016
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/