R. Schmidt: Die Aussenpolitik des Dritten Reiches

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Titel
Die Aussenpolitik des Dritten Reiches 1933-1939.


Autor(en)
Schmidt, Rainer F.
Erschienen
Stuttgart 2002: Klett-Cotta
Umfang
448 Seiten, 22 s/w Abb.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Siegfried Schwarz, Berlin

Für jeden Autor ist es schwierig, zu einem bereits vielfach erforschten und bearbeiteten Thema noch neue Fakten zu entdecken oder ergänzende Aspekte zu finden. Ungeachtet der Fülle der bereits vorliegenden Literatur über Wesen und Ziele des Dritten Reiches, über dessen außenpolitische Manöver und Aktionen hat Rainer F. Schmidt, Professor für Geschichte der Neuzeit und der Didaktik der Geschichte an der Universität Würzburg, einen solchen Versuch unternommen. Er lässt die Stationen der Außenpolitik des Hitler-Staates von der Machtübernahme 1933 bis zum Kriegsausbruch 1939 sowohl unter systematischen Gesichtspunkten als auch in chronologischer Form Revue passieren. Angesichts der zahlreichen existierenden Monografien und Spezialaufsätze bleibt ihm nichts anderes übrig, als im Großen und Ganzen bekannte Erkenntnisse und Einschätzungen mit nunmehr eigener Gliederung und in gut lesbarer Form darzubieten.

So hebt er eingangs hervor, dass die eigentlichen Ziele der Nazi-Eliten zu Beginn ihrer Herrschaft so verschwommen dargeboten, diese in machiavellistischer Manier so gekonnt verschleiert und mit allerlei Schalmeienklängen verbrämt worden seien, dass die Täuschungsmanöver über lange Zeit sowohl nach innen wie nach außen gelingen konnten. Die wahre Dimension nationalsozialistischer Politik sei also zunächst gar nicht zum Vorschein gekommen, obwohl diese seit den zwanziger Jahren mit Hitlers Schrift „Mein Kampf“ längst offen gelegen hätte (S. 12) und – wie man hinzufügen muss – von kritischen Kräften der Weimarer Zeit warnend angeprangert worden war.

Das habe zur Folge gehabt, dass das am 30. Januar 1933 ins Amt gekommene Regime, die Tragweite der Hitlerschen Vorstellungen und die Brutalität der nationalsozialistischen Methoden „auch im Ausland gröblich unterschätzt“ worden seien. Ferner habe dort der Eindruck vorgeherrscht, diese seien lediglich „Jugendsünden, Ausgeburten einer radikalen Phantasie“, die sich unter der Macht des Faktischen, des Regierungsalltags, schnell abschleifen würden. Im Grunde habe Hitlers Kabinett als ein weiteres in der Kette jener rechtskonservativen Präsidialkabinette gegolten, die seit dem Sommer 1930 in rascher Abfolge in die Berliner Reichskanzlei eingezogen waren (S. 22).

Schmidt stellt den „epochalen Trend“, den „faschistisch-autoritären mainstream der Epoche“ heraus, der zur Unterschätzung des nationalsozialistischen Deutschlands in jener Zeit beigetragen habe. Den Startschuss hierfür habe in Italien Benito Mussolini im Oktober 1922 mit dem „Marsch auf Rom“ gegeben. Hinzu seien im Juni 1923 die autoritäre Regierung Zankoff in Bulgarien und im September 1923 die Diktatur des Generals Primo de Rivera in Spanien, der Putsch Marschall Pilsudskis im Mai 1926 in Polen und andere europäische Diktaturen getreten (S. 27/28).

Schmidt skizziert ausführlich die Rivalitäten an der Spitze des Dritten Reiches in außenpolitischen Angelegenheiten. Nach 1933 hätten nämlich einige Nazi-Organisationen versucht, eine „Außenpolitik auf eigene Faust“ zu betreiben und an der traditionellen Diplomatie vorbei zu agieren. Der Autor nennt vor allem das „Außenpolitische Amt“ des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg, das am 1. April 1933 gegründet wurde und das sich als Konkurrenzorganisation zum Auswärtigen Amt betrachtet habe. Keines jener Parteiämter habe über klare Kompetenzen verfügt; gerade deshalb hätten diese darum gewetteifert, ihre jeweils eigene Bedeutung durch steten Aktionismus unter Beweis zu stellen und – im Unterschied zu den Karrierediplomaten – die Denkmuster der nationalsozialistischen Ideologie zur Geltung zu bringen.

Im Mittelpunkt der Tätigkeit des „Außenpolitischen Amts“ habe der ideologische Kampf gegen das „Weltjudentum“ und den „Weltbolschewismus“ gestanden, der ab 1935/1936 ganz offen geführt worden sei (S. 66). Ähnliche Ziele habe die „Auslandsorganisation der NSDAP“ unter der Leitung Ernst Wilhelm Bohles, am 1. Mai 1931 in Hamburg gegründet, verfolgt (S. 67).

Ein besonderes Augenmerk richtet Schmidt auf die „Dienststelle Ribbentrop“. In diesem Zusammenhang bietet der Autor anhand einschlägiger Memoirenliteratur ein außerordentlich scharf und anschaulich gezeichnetes Politik- und Charakterbild des am 4. Februar 1938 zum Reichsaußenminister aufgestiegenen Joachim von Ribbentrop, ein Porträt, das trotz vieler bereits publizierter Studien für Leser von heute doch eine gute Zusammenfassung bietet. Zwar habe ihm der „Stallgeruch des alten Kämpfers“ gefehlt und er habe – auch in Parteikreisen – als Parvenü, Karrierist und Aufsteiger ohne Hausmacht gegolten, jedoch habe er als Mitglied des einflussreichen Berliner Herrenklubs fungiert und über Franz von Papen seine Kontakte in die Waagschale der Regierungsbildung vom 30. Januar 1933 eingebracht.

Schmidt charakterisiert Ribbentrops Politik völlig zu Recht als „bedenkenlosen Zynismus, kalte Unverfrorenheit und nackten Machiavellismus“, die an die Stelle von „Verantwortungsbewusstsein, Augenmaß und Vernunft“ getreten seien. Der Autor erläutert die verhängnisvollen Auswirkungen der Ribbentropschen Anglophobie, indem er darlegt, wie der neue Außenminister – in der Nachfolge des Konstantin von Neurath – in allen kommenden Krisen zwischen London und Berlin „Hitler irreführend, abschätzig und einseitig“ über die englische Politik informiert habe (S. 76/77).

Schmidt greift auch Tatsachen auf, die in der Forschung bei weitem nicht neu sind, aber die die Situation in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre illustrieren. Er stellt fest, dass die Weichen für die Wiederaufrüstung bereits in der Ära der Präsidialkabinette gestellt worden seien. Verantwortlich hierfür seien dieselben Kräfte gewesen, die Hitler die Türen in die Reichskanzlei geöffnet hätten. So habe das zweite Rüstungsprogramm vom März 1932 und der Umbauplan vom November für den Zeitraum bis zum 31. März 1938 die Aufstockung der sieben Divisionen des 100 000-Mann-Heeres mit Hilfe von Berufssoldaten und Reservisten auf ein Feldheer im Umfang von 21 Divisionen mit einer Stärke von 300 000 Mann vorgesehen.

Im Sommer 1933 hätten sich Hitler, die Reichswehrführung und Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht darauf geeinigt, den Finanzierungsrahmen erheblich auszuweiten. In den nächsten acht Jahren sollte für die im Einzelnen noch festzulegenden Aufrüstungsschritte die horrende Summe von 35 Milliarden Reichsmark zur Verfügung gestellt werden (S. 137). Schmidt kennzeichnet ausführlich den hieraus folgenden Kurs: den Rückzug der Hitler-Regierung vom Genfer System kollektiver Sicherheit, den Austritt aus Abrüstungskonferenz und Völkerbund (S. 142 ff.).

Der Autor hebt hervor, dass es bei all dem nachgerade erstaunlich war, mit welcher Leichtigkeit es Hitler gelungen sei, die letzten Barrieren der konservativen Machteliten in Deutschland zu schleifen. Das große Revirement in der Generalität und bei den Spitzen der Diplomatie vom Februar 1938 habe bewiesen, dass Hitler nunmehr nicht nur die Möglichkeit hatte, außenpolitisch so zu verfahren, wie er es für richtig hielt, sondern dass jetzt neben der Partei auch der Staatsapparat und die Wehrmacht nach dem Führerprinzip von Befehl und Gehorsam funktionierten (S. 232).

Schmidt referiert in seinem Hauptteil alle wichtigen Expansionsschritte der dreißiger Jahre, die der Naziführung einen erheblichen Zuwachs an Territorium und Bevölkerung, an materiellen Ressourcen und Macht einbrachten: die Eingliederung des Saargebiets 1935, die Besetzung des Rheinlandes 1936, die Einmischung in den Spanischen Bürgerkrieg 1937, der Anschluss Österreichs und die Durchsetzung des Münchener Abkommens 1938, der Abschluss des „Stahlpakts“ und des Hitler-Stalin-Pakts 1939, der schließliche Überfall auf Polen am 1. September 1939. Der Autor behandelt auch die Appeasement-Politik der Westmächte, die das fast reibungslose Gelingen aller Teilschritte, Betrugs- und Täuschungsmanöver der Nazi-Regierung ermöglichten.

Die Untersuchung Schmidts bringt keine neuen archivalischen Quellen, sondern bietet einen didaktisch aufbereiteten Überblick über das Geflecht der außenpolitischen Institutionen und Personen sowie über die Abfolge der äußeren Expansion Nazi-Deutschlands in den dreißiger Jahren. Sie ist als Lektüre namentlich für Studierende und andere Interessenten gut geeignet und wohl auch bestimmt. Zahlreiche Fotos und Zeittafeln unterstützen dieses Anliegen des Verfassers. Ein Manko der Studie besteht darin, dass sie die Warnungen der kritischen Stimmen, auch aus linken Parteien, am Ende der Weimarer Republik und zu Beginn des Dritten Reiches vor dem verderblichen und gefährlichen außenpolitischen Kurs der Naziführung nicht einbezogen hat.

Zitation
Siegfried Schwarz: Rezension zu: : Die Aussenpolitik des Dritten Reiches 1933-1939. Stuttgart  2002 , in: H-Soz-Kult, 10.03.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2145>.
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10.03.2003
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