F. Graf u.a. (Hrsg.): Politik und Religion

Titel
Politik und Religion. Zur Diagnose der Gegenwart


Hrsg. v.
Graf, Friedrich Wilhelm; Meier, Heinrich
Erschienen
München 2013: C.H. Beck Verlag
Umfang
324 S.
Preis
€ 14,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
René Schlott, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Das Friedensgebet des israelischen und palästinensischen Präsidenten im Vatikan, ein Klosterbesuch des russischen Staatsoberhauptes am Tag nach der Tragödie von MH 17, der Vormarsch des „Islamischen Staats“ in Syrien und Irak: Politik und Religion sind trotz aller – inzwischen zum Teil in der Forschung revidierten – Säkularisierungstendenzen seit dem 18. Jahrhundert auch am Beginn des 21. Jahrhunderts weiter eng miteinander verflochten.[1] Die Interaktion von Politik und Religion ist nach wie vor ein zentraler Gegenstand öffentlicher Debatten auch in der Bundesrepublik, wie etwa die erregten Diskussionen nach dem Kölner Beschneidungsurteil 2012 vor Augen geführt haben.[2] Analyse und Betrachtung des ambivalenten Interaktionsverhältnisses von Politik und Religion können deshalb einen signifikanten Beitrag „zur Diagnose unserer Gegenwart“ liefern, wie der Untertitel des vorliegenden Sammelbandes verspricht. Er geht zurück auf eine Vortragsreihe der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München.

In seiner Einleitung führt der Mitherausgeber Friedrich Wilhelm Graf, inzwischen emeritierter Professor für Theologie an der Universität München, virtuos zu dem Thema hin und beleuchtet die Beziehungen von Politik und Religion in ihrer ganzen Bandbreite. Er wirft den Blick auf paradoxe Erscheinungen, die aus dem Spannungsverhältnis der beiden gesellschaftlichen Großphänomene in der Gegenwart resultieren: So verzeichnen die katholischen Schulen Frankreichs ein Wachstum der Anzahl muslimischer Schülerinnen, weil diese dort ein Kopftuch tragen dürfen. Graf übt zugleich Kritik an der sozialintegrativen Funktionszuschreibung von Religion, wie sie etwa Jürgen Habermas vorgenommen hat. Religion als Kitt für eine divergierende Gesellschaft einzusetzen, dies hält Graf bei allem Verständnis für die Notwendigkeit gemeinschaftsbildender Kräfte, für „ein höchst riskantes, hoch ambivalentes Projekt“ (S. 37). Denn viele Religionen und religiöse Gemeinschaften zeichnen sich durch einen hierarchischen und patriarchalischen Charakter aus. Ihnen wohnt eine Dimension des Absoluten inne, die eher desintegrativ wirkt und deshalb als Bindemittel zwischen auseinanderfallenden gesellschaftlichen Schichten nicht taugt.[3] Graf endet deshalb mit einem Plädoyer für die Wiederbelebung der „liberalen Religion“, wie sie etwa das Reformjudentum, der katholische Modernismus oder der Kulturprotestantismus im 19. Jahrhundert in Deutschland darstellten.

Den eigentlichen Auftakt des Bandes bilden drei Fallbeispiele mit geographischem Bezug. Der seit 1989 in Kalifornien lebende Germanist Hans Ulrich Gumbrecht untersucht die Geschichte des Verhältnisses von Religion und Politik in den USA, bezogen etwa auf die historischen Entstehungsbedingungen der „Free Exercise Clause“. Der erste Zusatzartikel der Verfassung der Vereinigten Staaten, der den Kongress auf Neutralität in religiösen Fragen festlegt, entstand aus einem Impuls zur Beschränkung der Einflussmöglichkeiten des Zentralstaates, um so die konfessionelle Dominanz in einigen der Gründungsstaaten zu sichern. In diesem ersten Amendement, zugleich Teil der „Bill of Rights“ aus dem Jahr 1789, sieht Gumbrecht einen Katalysator der noch heute in den USA zu konstatierenden religiösen Pluralität. Der insgesamt luzide Beitrag, in dem allerdings eine Analyse des Verhältnisses von Papsttum und „Weißem Haus“ ausbleibt, enthält leider auch Satzungetüme wie: „Doch gerade die Historisierung des seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts meist als metahistorisch angesehenen sogenannten ‚historischen Weltbildes‘, so wird uns erst heute bewußt, in dem das transzendentale Subjekt seinen epistemologischen Ort gefunden hatte, war ein zentraler Konvergenzpunkt vielfältiger kultureller und intellektueller Veränderungen in der Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Ende des Kalten Krieges.“ (S. 55)

Gregory L. Freeze, Geschichtsprofessor an der Brandeis University, erläutert überwiegend mit historischen Argumenten die gegenwärtige Relation von Religion und Politik in Russland. In seinem gegenüber Statistiken allzu unkritischen und von Zahlenangaben überbordenden Beitrag zeichnet Freeze die Entwicklung hin zu einem orthodoxen Glauben ohne Kirchenbindung, einem „believing without belonging“ (S. 81) nach, und stellt die Stärke der Ortsgemeinden gegenüber der Amtskirche im russischen Zentralstaat der Gegenwart heraus. Dieser interne Kirchenkampf führt immer wieder zu Spannungen und Kritik an der orthodoxen Kirchenführung, die den autoritären Kurs der „Putinisierung“ (S. 119) des Landes stützt.

Den Reigen der länderbezogenen Analysen beschließt der Washingtoner Islamwissenschaftler Hillel Fradkin mit einem Blick auf Ägypten und den Iran. Dabei handelt es sich um Staatenmodelle, die als „Islamische Staaten“ auf den Grundlagen der muslimischen Reformbewegung des Islamismus beruhen, deren prominenteste Organisation die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft ist. Unglücklicherweise war der Beitrag schon bei der Veröffentlichung des Bandes im September 2013 nicht mehr aktuell, da der Muslimbruder Mohammed Mursi drei Monate zuvor als Präsident Ägyptens nach einem Militärputsch abgesetzt worden war. Der Essay stellt insofern nur eine Momentaufnahme einer weiter rasant verlaufenen Entwicklungsgeschichte dar, deren vorläufiger Abschluss oder Höhepunkt die Auflösung der Partei der Muslimbruderschaft Anfang August 2014 gewesen ist. Zugleich aber liefert Fradkin in seinem Beitrag eine der originellsten Überlegungen des Bandes, wenn er „den Islamischen Staat als wichtiges Beispiel der Postmoderne“ (S. 127), hier vor allem verstanden als postsäkulare Gegenwart, und weniger wie meist üblich als vormodernes Phänomen interpretiert.

Auf die in der Neuzeit verorteten Beiträge folgen drei Aufsätze mit Bezügen auf die Altertumswissenschaften, die jedoch leider kaum Impulse zur „Diagnose der Gegenwart“ liefern. Robert C. Bartlett beschäftigt sich mit der Religion in Aristoteles’ „Nikomachischer Ethik“ und Peter Schäfer mit ihrer Stellung im Geschichtswerk des Flavius Josephus. Giorgio Agamben geht sogar bis zur biblischen Schöpfungsgeschichte zurück, um einen anregenden Gedankenstrom zum Wechselspiel von göttlichem Willen und Potenz fließen zu lassen. Einzig Schäfer aber schlägt den Bogen zur Gegenwart, um auf die Möglichkeiten und Gefahren einer jüdischen Theokratie in Israel zu verweisen, das seit seiner Gründung 1948 ohne Verfassung geblieben ist, weil man sich scheut das Verhältnis von Staat und Religion zu definieren.

In den letzten beiden Aufsätzen stehen sich Hans Joas und Jürgen Habermas mit unterschiedlichen Bewertungen der Säkularisierung gegenüber, bevor der Band mit einem Epilog des Mitherausgebers Heinrich Meier schließt, der zu einem Dialog von Theologie und Philosophie aufruft. Während Habermas auf das sozialintegrative Potential der Religion im Staat verweist, ja in gewisser Weise seine Notwendigkeit herausstellt, macht Joas darauf aufmerksam, das die am stärksten säkularisierten Gesellschaften keineswegs amoralisch seien und fordert eine weitergehende „Entsakralisierung politischer Macht“ (S. 274).

Interessant wäre es gewesen in dem Band auch einen Blick auf eines der skandinavischen Länder mit ihrer weitgehend säkularisierten Gesellschaften zu werfen, etwa auf Dänemark und die Mohammed-Karikaturen, oder auf Finnland, in dessen Medien kaum eine Papstberichterstattung zu verzeichnen ist. Insgesamt kommt der Katholizismus als Weltreligion in dem Band zu kurz – ein Eindruck der natürlich auch der eigenen eurozentrischen Sicht des Rezensenten geschuldet sein kann. Aber insbesondere die Entwicklung der katholischen Kirche zur Papstkirche seit dem 19. Jahrhundert, die politischen Implikationen bei der Etablierung des sogenannten Unfehlbarkeitsdogmas 1870, und die Konstituierung des Vatikans als Theokratie hätten sich für eine analytische Betrachtung gelohnt.

Die Beiträge des Bandes lassen sich mit Ertrag und Erkenntnisgewinn lesen, wobei dies insbesondere für die drei an Länderfallbeispielen orientierten und historisch argumentierenden Aufsätze gilt, während die anderen Essays den Gegenwartsbezug nur noch partiell aufweisen. Sie helfen aber die Meinungsbildung für eine virulente und stets präsente Auseinandersetzung unserer Zeit zu schärfen und diese argumentativ zu unterfüttern. Es handelt sich vor allem um eine Bestandsaufnahme des status quo der philosophischen und soziologischen Überlegungen zum Verhältnis von Politik und Religion, die durch einige neue Denkimpulse dieser problematischen Beziehung ergänzt werden.

Anmerkungen:
[1] Michael Burleigh, Irdische Mächte, Göttliches Heil. Die Geschichte des Kampfes zwischen Politik und Religion von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart, München 2008.
[2] In Ulrich Herberts „Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“ (München 2014) sucht man allerdings vergeblich nach Kapiteln zur religiösen Entwicklung, weil sie der Autor – nach eigener Aussage – für seine Darstellung schlichtweg nicht für relevant hält.
[3] Siehe auch seinen Essay „Mord als Gottesdienst“ zur religiös motivierten Gewalt in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2014, S. 9.

Zitation
René Schlott: Rezension zu: Graf, Friedrich Wilhelm; Meier, Heinrich (Hrsg.): Politik und Religion. Zur Diagnose der Gegenwart. München  2013 , in: H-Soz-Kult, 24.10.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21538>.
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24.10.2014
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