Cover
Titel
Gallienus.


Autor(en)
Geiger, Michael
Erschienen
Frankfurt am Main 2013: Peter Lang/Frankfurt am Main
Umfang
433 S.
Preis
€ 71,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus-Peter Johne, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Aufarbeitung der lange vernachlässigten Herrscher der Soldatenkaiserzeit hat derzeit Konjunktur. Sie begann vor über einem Jahrzehnt mit neuen Monographien zu Aurelian, Philippus Arabs, Probus und Maximinus Thrax[1] und erreichte in der unmittelbaren Vergangenheit mit den kurz hintereinander erfolgten Veröffentlichungen außer zu Gallienus auch zu Gordian III., Valerian und Carus mit seinen Söhnen zweifellos einen Höhepunkt.[2]

Das Buch über Gallienus ist aus einer Augsburger Dissertation hervorgegangen, die von dem Numismatiker Kay Ehling betreut wurde. Die besondere Rolle der Münzprägung wird bereits an zwei Äußerlichkeiten erkennbar. Das Deckelbild schmückt eine Goldmünze mit der merkwürdigen Legende GALLIENAE AVGVSTAE. Am Ende des Werkes finden sich als Abbildungen 43 Münzbildnisse, jedoch kein einziges Porträt des Kaisers, obwohl von ihm 15 überliefert sind und die drei unterschiedlichen Porträttypen auch im Text behandelt werden (S. 249–254). In der Zusammenfassung wird das Fehlen der Porträtabbildungen noch einmal besonders deutlich (S. 357).

Die Einleitung skizziert die Problematik und bietet einen knappen, instruktiven Forschungsüberblick (S. 12–27). Recht ausführlich ist die Darstellung der Quellen (S. 28–72). Dabei konnte sich Geiger auf sehr gute Vorarbeiten, nicht zuletzt in dem zweibändigen Handbuch der Soldatenkaiserzeit aus dem Jahre 2008, stützen.[3] Das dritte Kapitel ist der Familie des Kaisers gewidmet (S. 73–81). Von allen Herrschern der Soldatenkaiserzeit hat Gallienus mit 15 Jahren weitaus am längsten regiert. Das der Ereignisgeschichte gewidmete Kapitel 4 ist daher verständlicherweise auch das umfangreichste des Buches (S. 82–199). In ihm werden minutiös die zahlreichen Vorgänge der Samtherrschaft des Gallienus mit seinem Vater Valerian von 253 bis 260 und seiner Alleinherrschaft bis 268 im Detail nachgezeichnet. Die ausführliche Präsentation von Zitaten auch aus wenig bekannten Quellen und deren Übersetzung sowie die reichhaltige Dokumentation der Forschungsliteratur machen dieses Kapitel zu einem Nachschlagewerk für die behandelte Zeit. Dabei kann es nicht ausbleiben, dass weithin nur Ergebnisse der bisherigen Forschung referiert werden. Wie bei den Quellen fand Geiger auch für die Ereignisgeschichte deren eingehende Behandlung in dem genannten Handbuch durch Andreas Goltz und Udo Hartmann vor.[4] Die vieldiskutierte „Augsburger Siegesinschrift“ wird entgegen der Ansicht der meisten Forscher erst in das Jahr 261 datiert (S. 114–118). Ebenfalls gegen die Mehrheit der Forscher spricht sich der Verfasser für einen ersten Krieg des Gallienus gegen Postumus schon im Jahr 261/62 aus, dem ein zweiter in den Jahren 266/67 folgte (S. 167–172).

Das fünfte Kapitel behandelt eingehend die Münzprägung (S. 200–247). Thematisiert werden die verschiedenen Münzstätten und die einzelnen Emissionen, die Decennalien von 262 und die Rolle des Sol-Kultes. Die beiden folgenden Kapitel widmen sich dem Porträt des Gallienus (S. 248–255) und seinem Philhellenentum (S. 256–275). In diesem Zusammenhang wird die auf dem Deckelbild dargestellte Goldmünze mit der weiblichen Namensform als eine Angleichung des Kaisers an die Göttin Demeter, in deren Mysterien in Eleusis er sich als einziger Herrscher des 3. Jahrhunderts hatte einweihen lassen, verstanden (S. 259–264). Mit Sicherheit steht diese Emission in einem Kontext mit der göttlichen Fundierung der Kaiserherrschaft nach hellenistischem Vorbild. Anschließend geht es um die Beziehung des Gallienus zu dem Philosophen Plotin, die nach Geigers Meinung nicht überbewertet werden sollte (S. 268–275).

Das Thema des achten Kapitels ist die Politik gegenüber den Christen (S. 276–290). Bekanntlich hat Gallienus 260 die von seinem Vater Valerian im Jahre 257 begonnene Christenverfolgung beendet.[5] Nicht folgen kann man der Annahme, der Kaiser habe das Christentum erstmals offiziell anerkannt (S. 287–290). Die dafür angeführten Argumente überzeugen nicht, vielmehr dürfte die Rechtslage, wie sie vor der Christenverfolgung bestanden hatte, wiederhergestellt worden sein.

Kurz abgehandelt werden die Kaiserin Salonina im Kapitel 9 (S. 291–300) und – erstaunlicherweise – ebenso kurz im zehnten Kapitel das Problem der Krise und der wirtschaftlichen Entwicklung unter Gallienus (S. 301–310). Die Ausführungen dazu sind nicht mehr als eine überblicksartige Skizze, die in dieser Form sicher entbehrlich gewesen wäre. Um Militär und Provinzverwaltung geht es in dem letzten Sachkapitel (S. 311–349). Wie im Kapitel über die Ereignisgeschichte wird auch hier die Ablösung senatorischer Offiziere und Statthalter und ihre Ersetzung durch Ritter in der Mitte des 3. Jahrhunderts quellennah und mit einem ausführlichen Rückgriff auf die Forschung in ansprechender Weise dargestellt.

Die Zusammenfassung nimmt eine vorsichtig positive Bewertung des Gallienus und seiner Bestrebungen vor. Ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein mehrfach untergliederter Personenindex beschließen das Werk (S. 362–422). Abschließend seien noch drei Irrtümer korrigiert: Der lateinische Historiker gotischer Herkunft Jordanes war der Notar eines Heermeisters und nicht selbst Heermeister (S. 55); die Exzerptesammlung des Kaisers Konstantinos VII. Porphyrogennetos stammt aus der Mitte des 10. Jahrhunderts, nicht des 9. (S. 56); das Breviarium des Eutrop wurde nicht 364 verfasst, sondern erst 369/70, es reichte jedoch bis 364 (S. 350).

Für die Aufarbeitung der Regierung des Gallienus hat Geiger einen wichtigen Beitrag geleistet, wenn auch keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse gewonnen werden konnten.

Anmerkungen:
[1] Alaric Watson, Aurelian and the Third Century, London 1999; Christian Körner, Philippus Arabs. Ein Soldatenkaiser in der Tradition des antoninisch-severischen Prinzipats, Berlin 2002 (vgl. die Rezension von Udo Hartmann in: H-Soz-u-Kult, 12.08.2002, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/AG-2002-027>, 09.04.2014); Gerald Kreucher, Der Kaiser Marcus Aurelius Probus und seine Zeit, Stuttgart 2003 (vgl. die Rezension von Udo Hartmann in: H-Soz-u-Kult, 15.03.2004, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-1-155>, 09.04.2014); Karen Haegemans, Imperial Authority and Dissent. The Roman Empire in AD 235–238, Leuven 2010 (vgl. die Rezension von Christian Körner in: H-Soz-u-Kult, 05.07.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-3-011>, 09.04.2014).
[2] Katrin Herrmann, Gordian III. Kaiser einer Umbruchszeit, Speyer 2013 (vgl. die Rezension von Erich Kettenhofen in: H-Soz-u-Kult, 09.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-136>, 09.04.2014); Toni Glas, Valerian. Kaisertum und Reformansätze in der Krisenphase des Römischen Reiches, Paderborn 2014; Klaus Altmayer, Die Herrschaft des Carus, Numerianus und Carinus als Vorläufer der Tetrarchie, Stuttgart 2014.
[3] Udo Hartmann, Die literarischen Quellen, in: Klaus-Peter Johne u.a. (Hrsg.), Die Zeit der Soldatenkaiser, Berlin 2008, S. 19–44. Vgl. Matthias Haake: Rezension zu: Johne, Klaus-Peter; unter Mitwirkung von Udo Hartmann und Thomas Gerhardt (Hrsg.): Die Zeit der Soldatenkaiser. Krise und Transformation des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert n. Chr. (235–284). Berlin 2008, in: H-Soz-u-Kult, 23.03.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-236> (09.04.2014).
[4] Andreas Goltz / Udo Hartmann, Valerianus und Gallienus, in: Johne, Soldatenkaiser, S. 223–295.
[5] Zu dieser Verfolgung jetzt ausführlich Glas, Valerian, S. 268–305.

Zitation
Klaus-Peter Johne: Rezension zu: : Gallienus. Frankfurt am Main  2013 , in: H-Soz-Kult, 05.05.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21575>.
Redaktion
Veröffentlicht am
05.05.2014
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation