C. Scherer: Der Pontifikat Gregors IV.

Titel
Der Pontifikat Gregors IV. (827–844). Vorstellungen und Wahrnehmungen päpstlichen Handelns im 9. Jahrhundert


Autor(en)
Scherer, Cornelia
Erschienen
Stuttgart 2013: Anton Hiersemann
Umfang
XVI, 345 S.
Preis
€ 158,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Clara Harder, Historisches Institut, Universität zu Köln

Gregor IV. (827-844) gehört zu den Päpsten, welche von der deutschen Mediävistik gemeinhin als schwach begriffen wurden. Gegenüber seinen berühmten Vorgängern Hadrian I. (772–795) und Leo III. (795–816) und seinem Nachfolger Nikolaus I. (858–867), dessen Pontifikat als ein Höhepunkt frühmittelalterlicher Papstgeschichte verstanden wird, ist Gregor kaum mehr als eine Fußnote in den Darstellungen zur Geschichte des 9. Jahrhunderts. Dass diese Einschätzung jedoch zu kurz greift, zeigt die kluge Studie zum Pontifikat Gregors IV. von Cornelia Scherer, mit der die Autorin 2012 an der Universität Erlangen-Nürnberg promoviert wurde. Die kritische Neubewertung von Gregors Amtszeit ist auf dem Hintergrund der aktuellen Forschungsdiskussionen um die Herrschaftszeit Ludwigs des Frommen[1] besonders zu begrüßen.

Scherer hat keine klassische Biographie vorgelegt, sondern beleuchtet schlaglichtartig die verschiedenen Facetten von Gregors Pontifikat. Dieses Vorgehen ist vor allem der fragmentarischen Quellenlage geschuldet, wirkt sich aber nicht weiter negativ auf die Untersuchung aus. Scherer hat die weit verstreuten Informationen über Gregors päpstliche Herrschaft, seine Politik und sein Wirken gewissenhaft zusammengetragen. Römische, italienische und fränkische Quellen wurden von ihr umfangreich ausgewertet und auch diverse Fälschungen in die Untersuchung mit einbezogen. Als Person ist Gregor aus den Quellen heraus zwar kaum fassbar, denn es existieren nur wenige Dokumente, die auf den Papst selbst zurückgehen. Cornelia Scherer ist es dennoch gelungen, eine Vielzahl an Nachrichten über ihn zusammenzutragen, die eine Beurteilung seines Einflusses und seiner historischen Bedeutung ermöglichen.

Etwa die Hälfte der Darstellung ist Gregors Wirken in Rom (zweites Kapitel) und Italien (drittes Kapitel) gewidmet. Ähnlich wie andere Historiker, die sich mit der Papstgeschichte des neunten Jahrhunderts befassen[2], legt Scherer bei der Untersuchung von Gregors Einfluss in Rom neben der Auswertung des Liber pontificalis großen Wert auf seine Schenkungen und Baumaßnahmen in Rom und arbeitet hier die enge Verbindung zwischen der Stadt und ihrem Bischof heraus. Als Abkömmling des römischen Adels scheint Gregor seine Standesgenossen besonders bedacht zu haben, und auch seine Legaten sind fast ausnahmslos Römer. Sein politisches Netzwerk hängt wesentlich an der Ewigen Stadt, und sein dortiger Handlungsspielraum scheint groß gewesen zu sein. In seinem direkten Metropolitanbezirk zeigen die Quellen Gregor als einflussreichen und energischen Papst. Scherer charakterisiert ihn in Bezug auf die italienischen Bischöfe vor allem als obersten Richter und legitimierende Kraft, in Bezug auf die italienischen Klöster als Schutzherrn und Rechtsgaranten. Dabei widersteht die Autorin der Versuchung, Gregors Handeln in kirchenpolitischen Konflikten in Italien als „pro-“ oder „anti-karolingisch“ (S. 267) zu etikettieren. Sie zeigt vielmehr, dass es dem Papst gelang, kooperative Beziehungen mit den fränkischen Herrschern zu pflegen und gleichzeitig die eigenen Interessen in Italien zu wahren. Allerdings wird die Beziehung zwischen Gregor und Lothar I. als mindestens ambivalent und zunehmend spannungsvoll beschrieben. Als Ursache dafür identifiziert Scherer die Rolle, in die Lothar Gregor 833 bei der Absetzung Ludwigs des Frommen brachte.

Das vierte Kapitel ist Gregors Beziehung zu den fränkischen Herrschern, insbesondere Ludwig dem Frommen, gewidmet. Scherer stellt wie in den vorangegangenen Abschnitten zunächst ihre Quellenbasis vor, um dann die eigentliche Diskussion ihres Stoffes folgen zu lassen. Das Ergebnis ist hier allerdings weniger überzeugend als zuvor. Das liegt teilweise an der unchronologischen Erzählweise und an der Systematik des Kapitels. Scherer separiert zunächst die Beziehungen zwischen Gregor und Ludwig und widmet sich dabei dem Gesandtschafts- und Geschenkeaustausch, der Wiederaufnahme der Kaiserin Judith an den Hof 831, dem geplanten aber nie durchgeführten Romzug Ludwigs 837 und der Rolle, die Gregor in der Diskussion um den 835 abgesetzten Erzbischof Ebo von Reims spielte. Erst danach und gleichsam in einem neuen Unterkapitel konzentriert sich Scherer auf die Reise Gregors ins Frankenreich im Jahr 833. Warum dieser Abschnitt nicht zu der Betrachtung der Beziehungen zwischen Gregor und Ludwig gehört, sondern in das Unterkapitel „Gregor IV. im Kampf um das Erbe Ludwigs des Frommen I.“ (S. 165–195), erschließt sich nicht. Auch die Überlegungen über eine in diesem Zusammenhang auf Gregor IV. gefälschte Dekretale für Aldrich von Le Mans (JE † 2579) stiften mehr Unruhe in diesem Kapitel, als dass sie helfen, Scherers Argumentation in Bezug auf die römisch-karolingischen Beziehungen unter Gregor nachzuvollziehen. Zudem ist ihre Beurteilung der Fälschung selbst schwankend. Einerseits erklärt Scherer, „die Verbreitung des Briefes [...] und vor allem die Benutzung der Hispana Gallica Augustodunensis legen einen Zusammenhang mit der pseudoisidorischen Werkstatt nahe“ (S. 194), andererseits befindet sie, die Entstehung des Schreibens „in Le Mans beziehungsweise im Umfeld des Aldricus“ sei „am wahrscheinlichsten“ (S. 195). Die Unabhängigkeit der pseudoisidorischen Fälschungen von Le Mans wurde jedoch von der Forschung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bereits hinlänglich festgestellt, und auch die wegweisenden Arbeiten von Klaus Zechiel-Eckes in Bezug auf die Entstehung der Fälschungen haben dies noch einmal unterstrichen.[3]

Im letzten Kapitel versammelt Scherer unter dem Schlagwort „Außenbeziehungen“ verschiedene, vor allem religionspolitische Einflüsse Gregors. Die Themen Liturgie, Translation, die Beziehung zu den fränkischen Klöstern, Missionshilfe und Bilderstreit stehen hier weitgehend unverbunden nebeneinander, so dass nur kleine Schlaglichter auf Gregors Wirksamkeit in diesen Fragen geworfen werden können. Dennoch leistet Scherer hier, ähnlich wie im zweiten und dritten Kapitel Wesentliches: Sie erweitert das bisherige Bild der Forschung von Gregor, seinem historischen Handeln und seiner Wahrnehmung bzw. Vereinnahmung durch die Zeitgenossen erheblich.

Im Anhang bietet Scherer neben den üblichen Registern und Verzeichnissen eine Analyse der Vita Gregors im Liber pontificalis, Diagramme zu den Schenkungen Gregors, vier Abbildungen und, als besonders hilfreiche Materialien, vier gefälschte Urkunden und Urkundenerwähnungen für italienische Empfänger sowie Informationen zu den Gesandten Gregors.

Cornelia Scherer hat am Ende ihrer Studie gezeigt, dass die Fixierung der Forschung auf Gregors Rolle im Sommer 833 erheblich zu kurz greift. In deutlicher Abgrenzung vor allem von Johannes Fried[4] relativiert sie die Bedeutung dieser Reise. Sie weigert sich, hier einen „Wendepunkt“ der Papstgeschichte oder im Pontifikat Gregors zu erkennen (S. 270). Diesem Urteil ist allerdings nur teilweise zuzustimmen. Scherer selbst zeigt, dass Gregors Erscheinen sowohl von den Akteuren als auch in der Rückschau durch die zeitnahe Historiographie kontrovers diskutiert wurde. Die in dieser Zeit entstehenden pseudoisidorischen Fälschungen bezeugen ebenfalls die gestiegene Bedeutung, die dem Papsttum von einem Teil der fränkischen Elite zugeschrieben wurde. Die Reise Gregors ins Frankenreich ist Ausdruck seines päpstlichen Selbstverständnisses, und in der nachträglichen Deutung durch die Franken zeigt sie darüber hinaus, dass die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit apostolischer Autorität im Frankenreich bereits im zweiten Viertel des 9. Jahrhunderts in vollem Gange war. Gleichwohl hat Cornelia Scherer überzeugend dargelegt, dass Gregors Auftritt auf dem „Lügenfeld“ von Colmar nur ein Aspekt bei der Bewertung von Gregors Pontifikat sein kann. Scherers detaillierte Studie führt nicht nur zu einer deutlichen Aufwertung der historischen Bedeutung Gregors. Sie ist auch ein Beitrag zur Neubewertung der Geschichte des 9. Jahrhunderts.

Anmerkungen:
[1] Zum Beispiel: Mayke de Jong, The Penitential State. Authority and Atonement in the Age of Louis the Pious, 814–840, Cambridge 2009.
[2] In jüngerer Zeit z.B. Sebastian Scholz, Politik – Selbstverständnis – Selbstdarstellung. Die Päpste in karolingischer und ottonischer Zeit, Stuttgart 2006; Caroline J. Goodson, The Rome of Pope Paschal I. Papal Power, Urban Renovation, Church Rebuilding and Relic Translation 817–824, Cambridge 2010.
[3] Für eine Zusammengefassung vgl. Klaus Zechiel-Eckes, Fälschung als Mittel politischer Auseinandersetzung. Ludwig der Fromme (814–840) und die Genese der pseudoisidorischen Dekretalen, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und Künste, Vorträge G 428, Paderborn 2011.
[4] Johannes Fried, Ludwig der Fromme, das Papsttum und die fränkische Kirche, in: Peter Godman / Roger Collins (Hrsg.), Charlemagne’s Heir. New Perspectives on the Reign of Louis the Pious (814–840), Oxford 1990, S. 231–273.

Zitation
Clara Harder: Rezension zu: : Der Pontifikat Gregors IV. (827–844). Vorstellungen und Wahrnehmungen päpstlichen Handelns im 9. Jahrhundert. Stuttgart  2013 , in: H-Soz-Kult, 05.02.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21645>.
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Veröffentlicht am
05.02.2014
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