H. Kämper: Wörterbuch zum Demokratiediskurs

Cover
Titel
Wörterbuch zum Demokratiediskurs 1967/68.


Autor(en)
Kämper, Heidrun
Erschienen
Berlin 2013: Akademie Verlag
Umfang
1.131 S.
Preis
€ 158,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Morten Reitmayer, Fachbereich III Neuere und Neueste Geschichte, Universität Trier

Wer immer sich aus sprach- oder ideengeschichtlichem Interesse dem Phänomen „1968er“ in der BRD nähert, wird an diesem Buch nicht vorbeikommen: Heidrun Kämper, Mitarbeiterin am Institut für Deutsche Sprache, hat ein Wörterbuch zum Demokratiediskurs der 1968er Bewegung erstellt, das im Kontext weiterer eigener Untersuchungen[1] zu diesem Thema steht, die alle von der Annahme ausgehen, dass die damals geführten Auseinandersetzungen um den Begriff der Demokratie den zentralen politisch-ideellen Schauplatz der 1968er Bewegung dargestellt habe: „‘Demokratie‘ stellt das diskursive Zentrum des kritischen Diskurs der späten 1960er Jahre dar.“[2] Die Ergebnisse dieser Kämpfe haben dann nachhaltig auf die ideenpolitische Entwicklung der BRD eingewirkt.

Kämpers Wörterbuch besteht im Wesentlichen aus 90 Lemmata, die gewissermaßen den begrifflichen Kern der damaligen Auseinandersetzungen darstellten. Diese politisch-ideellen Artikel (zum Beispiel „antiautoritär“, „Argument“, „Basis“, „Gesellschaft“, „konkret“, „repressiv“, und eben auch „Demokratie“) sind wie folgt aufgebaut: Zunächst werden die unterschiedlichen Lesarten des jeweiligen Begriffs rekonstruiert. Damit sind typische und abgrenzbare Bedeutungen gemeint; so etwa der Begriff „Basis“, der stets eine gruppenkonstituierende Kategorie darstellte, wie „Gesamtheit der einfachen Mitglieder ohne Verantwortung oder Leitungsfunktion innerhalb der Linken“, oder aber „unabhängige, nach ↑antiautoritären Grundsätzen und Prinzipien der ↑Emanzipation aufgebaute, selbstbestimmte, praxisbezogene und antiinstitutionelle Organisation zur unmittelbaren Wahrung der Interessen ihrer Mitglieder“. Für diese Verwendungsweise werden Fundstellen angeführt sowie komprimierte Verwendungsweisen, zum Beispiel „Notwendigkeit einer organisierten Verbreiterung der Basis“ (S. 173f.).

Den zweiten Teil eines Eintrags bildet eine knappe Herleitung der heutigen Bedeutung des Begriffs. Nur stichwortartig wird danach die „Diskursfunktion“ genannt (beim Stichwort „Basis“ war das die „Gruppenkonstituierung“). Sodann wird das „Semantische Netz“, ebenfalls stichwortartig, in das die „Diskursfunktion“ eingewoben ist und das aus Verweisen auf andere Lemmata besteht, aufgespannt (im Falle der „Gruppenkonstituierung“ des Basis-Begriffs waren dies beispielsweise „Avantgarde“, „Bewegung“, „Generation“). Eher von linguistischem Interesse sind die Punkte „Wortverbindungen“ und „Wortbildung“. Den mit rund zwei Drittel eines Eintrags umfangreichsten Teil stellen schließlich die „Belege“ dar. Bei ihnen handelt es sich um Zitate (in der Regel von der Länge eines Satzes). Diese sind ausgesprochen prägnant, allerdings ihres Zusammenhangs entkleidet (wenn auch die Fundstelle bezeichnet ist). Damit funktionieren die Einträge für zeithistorische Interessen mehr als ein – allerdings sehr wertvolles – Verweissystem als eine Quellensammlung (was aus linguistischer Perspektive vollkommen legitim ist).

Bemerkenswerterweise organisiert Kämper die Wiedergabe des von ihr rekonstruierten Demokratiediskurses antagonistisch, und zwar durch die Unterscheidung zwischen der „intellektuellen Linken“ und der „studentischen Linken“: Zu ersterer zählt sie unter anderem Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Wolfgang Abendroth, Peter Brückner und Hans Magnus Enzensberger, zu letzterer Rudi Dutschke, Hans-Jürgen Krahl, Bernd Rabehl und andere mehr. Diese Einteilung überzeugt nur mit Einschränkungen, wäre es doch ein Leichtes gewesen, zwischen einer etablierten und einer weniger etablierten akademischen Linken sowie außeruniversitären Akteuren zu unterscheiden, was der genaueren Verortung und damit auch der Interpretation der intellektuellen Erzeugnisse sicherlich zu Gute gekommen wäre. Auch bleiben die Dynamik und die politisch-ideellen Triebkräfte der sprachlichen Auseinandersetzungen durch die enge Beschränkung des Untersuchungszeitraums auf die Jahre 1967/68 unsichtbar, so dass Radikalisierungen der Zeit als unmittelbare Einflüsse theoretischer Vorannahmen erscheinen. Für Zeithistoriker bleiben hier also noch große Forschungsdesiderate.

Schließlich muss die Behauptung, der Demokratiediskurs der Jahre 1967/68 sei Teil einer „grundlegende[n] Mentalitätsveränderung und damit zusammenhängende[r]Änderungen von Verhaltensmaximen und idealen Menschenbildern, von Wandel kollektiver gesellschaftlicher Bewertungen und Einstellungen“ (S. 9) in der Schwebe bleiben, weil deren Überprüfung einen deutlich längeren Untersuchungszeitraum erfordert hätte. Nichtsdestotrotz hat Kämper mit dem Wörterbuch zum Demokratiediskurs einen gewichtigen Beitrag zum Verständnis der ideengeschichtlichen Kämpfe am Ende der Boom-Epoche in der BRD vorgelegt.

Anmerkungen:
[1] Heidrun Kämper, Aspekte des Demokratiediskurses der späten 1960er Jahre. Konstellation – Kontexte – Konzepte, Berlin 2012; Dies. / Joachim Scharloth / Martin Wengeler (Hrsg.), 1968. Eine sprachwissenschaftliche Zwischenbilanz, Berlin 2012.
[2] Kämper, Aspekte, S. 315.

Zitation
Morten Reitmayer: Rezension zu: : Wörterbuch zum Demokratiediskurs 1967/68. Berlin  2013 , in: H-Soz-Kult, 03.09.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21649>.
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Veröffentlicht am
03.09.2015
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