J. Kuropka (Hrsg.): Grenzen des katholischen Milieus

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Titel
Grenzen des katholischen Milieus. Stabilität und Gefährdung katholischer Milieus in der Endphase der Weimarer Republik und der NS-Zeit


Hrsg. v.
Kuropka, Joachim
Erschienen
Münster 2013: Aschendorff Verlag
Umfang
552 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Raasch, Historisches Seminar, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

Der anzuzeigende Band, der auf eine Tagung an der Universität Vechta zurückgeht, ist um Vertiefung und Differenzierung bemüht: Kaum ein Paradigma hat die moderne Katholizismusforschung so geprägt wie das des Milieus.[1] Als Residuum non-konformer Verhaltensweisen haben seine Entstehungsgrundlagen, Wirkungsmechanismen und Grenzen, zumal im Hinblick auf die (Vor-)Geschichte des Nationalsozialismus, besondere Aufmerksamkeit gefunden.[2] Sein pluraler Charakter, mithin seine Diversifizierung in unterschiedliche Regionalmilieus, ist dabei wiederholt akzentuiert worden, jedoch mangelt es solchen Beobachtungen bisher weitgehend an empirischer Triftigkeit. Ein interregionaler Ansatz, der vergleichend nach Stabilität und Reichweite des katholischen Milieus in der Endphase der Weimarer Republik und im „Dritten Reich“ fragt, ist nicht systematisch verfolgt worden. Diese Lücke möchte der Band mit 15 Studien zu katholisch dominierten Gebieten Deutschlands (in den Grenzen von 1934) schließen, wobei er bestrebt ist, die immunisierenden Prägekräfte gegenüber dem Nationalsozialismus mit dem aus der Psychologie stammenden Begriff der Resilienz, der seelischen Widerstandskraft, auszuloten.

Das Bemühen um Differenzierung resultiert in erhellenden Befunden: So erhärtet der Band auf der einen Seite die Forschungen Jürgen Falters, nach denen die Nationalsozialisten in einem rein katholischen Deutschland nicht reüssiert hätten. Auf der anderen Seite werden die mannigfaltigen Einfallstore in die katholischen Regionalgesellschaften offengelegt. Ideologische Brücken zum Nationalsozialismus boten, so zeigt es insbesondere Dietmar Klenke am Beispiel des Eichsfeldes, der stets evidente und vor allem nach 1941 wirksame Antibolschewismus, der sich etwa im Mutterschaftskult manifestierende Pseudo-Konservativismus und das gegen den Friedensvertrag von Versailles gerichtete Nationalismusnarrativ, das besonders in Grenzregionen (Oberschlesien, Grafschaft Glatz) auf fruchtbaren Boden fiel. Die Nationalsozialisten hatten es leichter, wenn sie sich – wie im südwestdeutschen Raum – radikal-liberaler Traditionen in Sachen Antiparlamentarismus, Gewaltbereitschaft und Kirchenferne bemächtigen konnten oder eine antiklerikale Bauernpartei die Bruchlinien innerhalb der katholischen Regionalgesellschaft verstärkte (zum Beispiel in Passau oder der Oberpfalz). Geringere Einfallschancen hatte der Nationalsozialismus in Gegenden, in denen der Verbandskatholizismus bzw. das katholische Pressewesen besonders und/oder sein eigener Propagandaapparat wenig ausgeprägt waren. Profitieren konnte er von Konflikten innerhalb der örtlichen Zentrumspartei. Eindrücklich ist der Befund von Klemens August Recker: Er führt am Beispiel zweier strukturell ähnlicher Dörfer des Münsterlandes vor Augen, dass die Vernachlässigung parlamentarisch-demokratischer Ordnungsprinzipien gegenüber berufsständischen Traditionen (Wahlen auf kommunaler Ebene nach entsprechenden Listen) die Abwehrkräfte gegenüber dem Nationalsozialismus wesentlich schwächte. Einige Studien machen indes auch deutlich, welch hohe Bedeutung Netzwerke, Charisma und Einsatz der vor Ort wirkenden Personen besaßen. Ein hohes „soziales“ und „symbolisches“ Kapital (Pierre Bourdieu) und ihre entsprechende Nutzbarmachung ließen einen örtlichen Geistlichen wesentlich zur Stabilisierung antinationalsozialitischer Kräfte beitragen, konnten aber auch antiklerikalen Kräften nebst den einheimischen Nationalsozialisten entscheidenden Zulauf verschaffen. Katholische Frauen – so führt es Michael E. O’Sullivan am Beispiel der rheinisch-westfälischen Müttervereine vor – vermochten als Inkarnation häuslicher Religiosität sowie in ihren konservativen Vorstellungen von weiblicher Erwerbsarbeit, Familie und Sexualität dem Nationalsozialismus im Sinne Kershaws „entgegenzuarbeiten“, aber auch – vor allem nach der weitgehenden Zerschlagung des katholischen Vereinswesens – Resilienzverhalten maßgeblich zu tragen. Durchaus markant erscheint der Umstand, dass wirtschaftliche Not offenbar nur im Extremfall (etwa im Bayerischen Wald) als Katalysator der Nazifizierung fungierte.

Die große Stärke des Bandes liegt in seinem umfassenden Ansatz: Was Winfried Becker mit seiner dichten, größtenteils auf neuestem Forschungstand argumentierenden Einführung zu Theorie, Geschichte und Systematik der katholischen Milieus fundiert, setzt sich konsequent in einer durchaus repräsentativen und dadurch teilweise sehr ertragreichen Zusammenschau katholisch-deutscher Regionalmilieus fort. Einige Beiträge bezeugen beträchtliche Sensibilität für die bisweilen frappierenden Grautöne des schwarzen Zentrumsturms und entlarven die Vorstellung eines homogenen katholischen Milieus eindrucksvoll als Chimäre. Originell erscheint auch der Versuch der Herausgeber, mit dem abschließenden Beitrag die Brücke zur Gegenwart zu schlagen, den Dialog mit den Neurowissenschaften zu suchen und nach dem Zusammenhang von Religion und Parteipräferenz zu fragen. Freilich sind die Ergebnisse (für treue Katholiken spielt Religion bei der Parteiwahl eine große Rolle; eine absolute Mehrheit von ihnen entscheidet sich für die CDU) wenig überraschend. Ausdrücklich zu loben ist die aufwendige Aufmachung des Bandes, die diverses Karten- und Tabellenmaterial, eine abschließende Literaturübersicht sowie ein Namens- und Ortsverzeichnis umfasst. Eine gründlichere Redaktion der Aufsätze hätte dem Buch allerdings gutgetan.

Als nicht durchweg zielführend erweist sich die klassische Einteilung in die Sektionen „Agrar-Industrielle Milieus“, „Traditionale Lokal-/Regionalmilieus“ und „Vormoderne Agrarisch-Katholische Milieus“. Denn einerseits konterkarieren die ausgewählten Beispiele zum Teil deren Grenzen (bei den bayerischen Fällen wird etwa traditionales Lokalmilieu am Beispiel eher industriell geprägter Gegenden untersucht), und andererseits stehen die wesentlichen Erkenntnisse über die (Un-)Geschlossenheit der katholischen Milieus quer zu den gezogenen Sektionen. Nicht alle Beiträge werden außerdem dem auf Vertiefung und Differenzierung abzielenden Erkenntnisinteresse der Bandverantwortlichen gerecht. Es finden sich Aufsätze, die eindimensional die Kongruenz des angezeigten katholischen Milieus illustrieren – mitunter gar ohne jeden Beleg. Andere verwenden den Milieubegriff gänzlich unreflektiert. Statt, wie es der Herausgeber einfordert, „über reine Wahlanalysen hinaus[zu]gehen bzw. diese auf die Untersuchung gesellschaftlich-mentaler Strukturen und Traditionen [zu] stützen“ (S. 10), werden teilweise ausschließlich Wahlergebnisse repetiert und diese dann „unumstritten“ und ohne Nachweis „mit dem katholischen Wertesystem verbunden, das mit den nihilistischen Ideen der NS-Ideologen im Konflikt stand“ (S. 144). Im Beitrag von Oded Heilbronner zu Südbaden, Südwürttemberg und Bayerisch Schwaben findet sich zwar einiges Informative zum Vereinswesen des radikalen Liberalismus, seinem Liedgut, Pressewesen und den einschlägigen performativen Quellen, ein „katholisches Milieu“ sucht man jedoch vergebens. Auffallend ist, dass das Bemühen um eine differenzierte Sicht auf die katholischen Regionalmilieus erkennbar nachlässt, desto weiter die Beiträger in ihren Ausführungen die Reichstagswahlen vom 5. März 1933 hinter sich lassen. Die angeführten Belege für die Perseveranz der katholischen Milieus zwischen 1933 und 1945 sind beeindruckend. Insbesondere, wenn die heils- und gnadenvermittelnde Funktion der Kirche betroffen war (Sakramentenspendung, öffentliche Ausdrucksformen von Frömmigkeit samt Beibehalt des Schulkreuzes etc.), erschien der Grad der Resilienz eminent, und die zahlreichen – etwa von Joachim Kuropka und Maria Anna Zumholz für das oldenburgische Münsterland und das Emsland aufgezeigten – Hilfeleistungen für Juden führen Radikalthesen wie die vom aversiven Antisemitismus des Katholizismus (Olaf Blaschke)[3] nachdrücklich ad absurdum. Gleichwohl irritiert der apodiktische Ton mancher Beiträger: „[…] leistete die katholische Bevölkerung entschieden Widerstand“ (S. 349) oder die Charakterisierung des katholischen Milieus „als eine uneinnehmbare Festung“ (S. 427). Man hätte sich gewünscht, dass auch unterlassene Handlungen sowie die verschiedenen Arten von Kollaboration einer eingehenden Betrachtung unterzogen worden wären. Das Potenzial für eine konsequent differenziert-kritische Sicht auf die katholischen Milieus scheint immer wieder auf, etwa wenn Wolfgang Weiß für die Diözese Würzburg „ausnehmend viele Einzelfälle von Denunziationen und Anzeigen von Geistlichen“ konstatiert (S. 282) oder Klaus Unterburger in Bezug auf den Regensburger Bischof von der Unmöglichkeit einer allzu aufsässigen Haltung gegenüber den Machthabern spricht, weil er sich „des Rückhalts im Kirchenvolk nicht sicher sein konnte“ (S. 343). Die Möglichkeiten zur weitergehenden Differenzierung werden aber zu häufig nicht genutzt. So stehen die Erträge des Bandes zum Teil in einem merkwürdigen Widerspruch etwa zur KZ-Forschung, die ja auch im Hinblick auf die Emslandlager oder das oberpfälzische Flossenbürg „Tätergesellschaften“ identifiziert hat.[4]

Im Ganzen stellt der Band eine Bereicherung für die Forschung dar. Er identifiziert ein Desiderat, verfolgt einen gewinnbringenden Ansatz und kommt zu substantiellen Ergebnissen. Zudem lässt seine Inkonsequenz genügend Lücken für weitere Studien.

Anmerkungen:
[1] Als Beispiele für wichtige theoretische Auseinandersetzungen seien genannt: Michael Klöcker, Das katholische Milieu. Grundüberlegungen – in besonderer Hinsicht auf das Deutsche Kaiserreich, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 44 (1992), S. 241–262; Arbeitskreis für kirchliche Zeitgeschichte Münster, Katholiken zwischen Tradition und Moderne. Das katholische Milieu als Forschungsaufgabe, in: Westfälische Forschungen 43 (1993), S. 588–654; Olaf Blaschke / Johannes Horstmann (Hrsg.), Konfession, Milieu, Moderne. Konzeptionelle Positionen und Kontroversen zur Geschichte von Katholizismus und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert, Schwerte 2001.
[2] Beispielhaft seien angeführt: Siegfried Weichlein, Katholisches Sozialmilieu und kirchliche Bindung in Osthessen 1918–1933, in: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 45 (1993), S. 367–389; Antonius Liedhegener, Christentum und Urbanisierung. Katholiken und Protestanten in Münster und Bochum 1830–1933, Paderborn 1997.
[3] Ausführlich entwickelt in: Olaf Blaschke, Katholizismus und Antisemitismus im deutschen Kaiserreich, Göttingen 1997.
[4] Christa Schikorra / Jörg Skriebeleit (Bearb.), Konzentrationslager Flossenbürg. 1938–1945, Göttingen 2008; Angelika Königseder (Red.), Der Ort des Terrors, Bd. 2: Frühe Lager, Dachau, Emslandlager, München 2005.

Zitation
Markus Raasch: Rezension zu: Kuropka, Joachim (Hrsg.): Grenzen des katholischen Milieus. Stabilität und Gefährdung katholischer Milieus in der Endphase der Weimarer Republik und der NS-Zeit. Münster  2013 , in: H-Soz-Kult, 23.01.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21655>.
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23.01.2014
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