M. Hartmann u.a. (Hrsg.): Von Kreuzburg nach München

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Titel
Von Kreuzburg nach München. Horst Fuhrmann – Lebensstationen eines Historikers


Hrsg. v.
Hartmann, Martina; Claudia Märtl
Erschienen
Umfang
157 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Max Kerner, Mittlere Geschichte, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Die Monumenta Germaniae Historica (MGH) gedachten am 13. Juli 2013 in der Münchener Kaulbach-Villa ihres langjährigen Präsidenten Horst Fuhrmann, der am 16. September 2011 verstorben war. Diese eindrucksvolle Gedenkfeier liegt nunmehr in gedruckter Form vor. Den Auftakt des Bandes macht Wilfried Hartmann, der zunächst die wichtigsten Stationen von Fuhrmanns Lebensweg nachzeichnet: Geburt 1926 im oberschlesischen Kreuzburg, Studium der Klassischen Philologie und Geschichte an der Kieler Universität, dort 1952 Promotion bei Karl Jordan zur Geschichte der mittelalterlichen Patriarchate, 1960 Habilitation zu den pseudoisidorischen Fälschungen, 1962–71 Professor für Mittelalterliche Geschichte in Tübingen, 1971–94 Präsident der MGH und gleichzeitig Professor in Regensburg, 1984–97 Kuratoriumsvorsitzender des Historischen Kollegs, 1992–97 Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Herausgehoben werden Fuhrmanns internationale Wirksamkeit genauso wie seine Mitgliedschaft in verschiedenen Akademien und Beiräten oder auch seine Aufnahme in den Orden Pour le Mérite (1986). Daneben würdigt Hartmann aber auch seine Persönlichkeit: „Er lebte noch ganz im Zeitalter des Briefeschreibens und viele dieser Briefe lassen den Menschen Horst Fuhrmann gut erkennen: dem anderen zugewandt, an ihm interessiert, Anteil nehmend auch an den alltäglichen Sorgen“ (S. 27f.). In eine ähnliche Richtung deuten auch seine an eine breite und interessierte Öffentlichkeit gerichteten und reich bebilderten Publikationen.[1] Besonders aufschlussreich sind jene biographischen Skizzen, die Fuhrmann nach seiner Emeritierung entwarf: zu den gelehrten Persönlichkeiten der MGH oder die „Persönliche Portraitgalerie“[2], die auch Fuhrmanns Vorbilder erkennen lässt: Jacob Burckhardt und Paul Fridolin Kehr. Vorgestellt werden schließlich Fuhrmanns Forschungsschwerpunkte, die in der vorgratianischen Kanonistik lagen, insbesondere auf dem Gebiet der pseudoisidorischen Fälschungen bzw. auf dem Feld der souveränen Textedition des Constitutum Constantini, der Konstantinischen Schenkung. Eine Liste der von Fuhrmann betreuten, gut 20 Dissertationen macht diese wissenschaftliche Ausrichtung an den dort behandelten Themen in vielen Einzelaspekten ebenfalls deutlich. Zu den Höhepunkten von Fuhrmanns wissenschaftlichem Wirken gehörten zweifellos dessen „geradezu programmatische“ (S. 17f.) Rede „Sorge um den rechten Text“ zum 150-jährigen Bestehen der MGH im März 1969 oder auch der Münchener Fälscherkongress 1986 mit Umberto Eco als Festredner. Am Ende betont Hartmann, dass „ganz im Zentrum von Fuhrmanns wissenschaftlicher und organisierender Tätigkeit das Interesse an den Menschen [stand]“ (S. 26).

In den Beiträgen von Herwig John und Franz Fuchs werden sehr persönliche Erinnerungen an den jungen Tübinger Professor Fuhrmann vorgestellt, an seine Lehrveranstaltungen mit ihrem papstgeschichtlichen Schwerpunkt, an seine Seminare, die als „Versuchslabore“ (S. 37) für seine Studien und Forschungen angesehen werden können, an seine Verdienste um die inhaltliche Ausrichtung der Seminarbibliothek, insbesondere aber an die „respekteinflößende Präsenz des Meisters“ (S. 40) wie an seine familiäre, nichtfachliche, persönliche Seite oder auch an „seine bewundernswerte Arbeitskraft und Energie“ (S. 43). Ähnlich sind die Eindrücke von dem Regensburger Hochschullehrer in der Zeit von 1971 bis 1994. Dort hatte Horst Fuhrmann ein persönliches Ordinariat mit reduziertem Lehrdeputat inne, das er mit ausgewählten quellenkundlichen Forschungsthemen ausfüllte. Erinnert wird an die herausragende und hinreißende Lehre, an Fuhrmanns „prägende, heitere Grundstimmung“ (S. 52).

Im Beitrag von Herbert Schneider geht es weniger um die Leistungen von Horst Fuhrmann in den verschiedenen Organisationen dieser „gelehrten Gesellschaft zur Erschließung der Quellen“ (S. 56) oder im Kerngeschäft der MGH-Editionen, sondern um einen „gedanklichen und visuellen“ (S. 57) Erinnerungsgang durch das MGH-Institut in der Münchener Ludwigstraße: beginnend mit dem barocken Eingangsbild von Antonio Bellucci über „Die Zeit – der Chronos – enthüllt die Wahrheit“, dann sich fortsetzend in der von Fuhrmann gestalteten MGH-Ahnengalerie bis in den Lesesaal mit der Schriftenreihe der MGH und den Bänden des Deutschen Archivs bzw. den damit verbundenen zahlreichen Beiträgen von Horst Fuhrmann. Beschrieben wird der Institutsalltag mit Fuhrmanns „patriarchalischer Gestaltungssorge“ (S. 63), mit seinem traditionalen und charismatischen Führungsstil, seiner Brillanz und Lebendigkeit, seinem Witz und seiner „geistreichen Souveränität“ (S. 65).

Helmut Neuhaus beleuchtet die Verbindungen Fuhrmanns zum Historischen Kolleg. Diesem ersten geschichtswissenschaftlichen „Institute for Advanced Study“ in Deutschland gehörte Horst Fuhrmann als persönliches Mitglied des Kuratoriums seit Beginn (1978) an, seit 1984 war er dessen Vorsitzender. Besonders herausgestellt werden Fuhrmanns Sorge um die Kaulbach-Villa, das Haus des Historischen Kollegs, weiter sein Einsatz für eine gewissenhafte Auswahl der Stipendiaten und auch für die Publikation der Schriften des Historischen Kollegs. Ein besonderer Glanz und Höhepunkt waren die alle drei Jahre stattfindenden Preisverleihungen des „Deutschen Historikerpreises“ in Anwesenheit des jeweiligen Bundespräsidenten. Bei diesen Gelegenheiten zeigte sich Fuhrmanns „Neigung zur fröhlichen Repräsentation, zur sinnlichen Glanzentfaltung und zur weiten historischen Reflexion“ (S. 70). Neben diesem Sinn für Feierlichkeit besaß Horst Fuhrmann eine tiefe menschliche Empathie. Diese Einfühlsamkeit bewies er 1989, als er von der Ermordung von Dr. Alfred Herrhausen, Sprecher des Vorstandes der Deutschen Bank, erfuhr. Herrhausen war ein „großer ideeller und materieller Förderer des Historischen Kollegs seit seinen Anfängen“ (S. 74) gewesen. Horst Fuhrmann sprach vom „ ‚Gefühl der Verlassenheit‘ in der Kaulbach-Straße 15, weil das Kolleg in erster Linie einen ihm innerlich zugetanen Menschen, einen wahren Freund, verloren hatte“ (S. 74). Für Neuhaus war Horst Fuhrmann insgesamt ein glänzender Repräsentant des Historischen Kollegs: „selbstbewusst, […] den Menschen zugetan, die herausragende Forschung in allen Bereichen der Geschichtswissenschaft fest im Blick“ (S. 75).

Markus Wesche kennzeichnet Fuhrmanns Publikationen, insbesondere der Jahre 1988 bis 2008: von den oberschlesischen Erinnerungen[3] über die fortgesetzte Edition des Repertorium Fontium, des in Rom angesiedelten Unternehmens zur Verzeichnung der erzählenden Quellen des Mittelalters, deren deutscher Anteil in München erstellt wurde, bis hin zur Zusammenarbeit mit dem Beck-Verlag, der zahlreiche Fuhrmann-Bücher herausgebracht hat. Unter den letzteren finden sich auch die bereits erwähnten „biographischen Begegnungen“ (S. 95f.)[4], zu deren Höhepunkten die Skizze über Ignaz von Döllinger gehört. Döllinger war „wegen seiner unbeugsam ablehnenden Haltung gegenüber dem 1870 verkündeten Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit“ exkommuniziert worden. Für ihn beruhte „die Ausgestaltung des Papsttums bis zum Dogma der Unfehlbarkeit und dem Universalepiskopat überwiegend auf dem Gebrauch von Fälschungen“ (S. 96). Horst Fuhrmann sah dies ein wenig anders, weil für ihn „die lange in Vergessenheit schlummernden Fälschungen erst wirksam werden konnten, als sie in die historische Entwicklung passten, sich gewissermaßen anboten“ (S. 96). Wesche beschließt sein Erinnerungsbild mit einem persönlichen Wort: „Das Medium der Teilhabe, die flexible, originelle, farbenreiche Sprache Horst Fuhrmanns, können wir heute nur noch in seinen Schriften erfahren. Das Fluidum im Umgang mit ihm war eine Atmosphäre der Freiheit, des offenen Interesses und des Respekts, für mich befreiend, mich prägend und erfüllend“ (S. 98).

Den Abschluss der Münchener Gedenkveranstaltung bildete der Festvortrag von Johannes Fried über „Karl den Großen, Rom und Aachen“. Nach Frieds Ansicht erinnert die Aachener Pfalz an den Palast Konstantins in Rom, dessen frühmittelalterlichen Bauzustand Karl 774 bei seinem ersten Rombesuch gesehen habe. Was Karl dort vorfand, könne man heute nachlesen in der Lateran-Beschreibung der Silvester-Akten – jenes fabelreichen Heiligenromans der Spätantike, der die einzigen Informationen damals wie heute über die Geschichte des Ortes, den Karl der Große Ostern 774 betrat, zur Verfügung stellte bzw. stellt. Das sich hier präsentierende Bild habe Karl dann zwei Jahrzehnte später in Aachen erneuert. Dort habe er in Anlehnung an die römische Lateran-Basilika die Aachener Kirche erbaut, die zunächst wie das römische Vorbild eine Erlöserkirche gewesen und erst später, vielleicht kurz vor seinem Tod 814 mit der Errichtung eines Kanonikerstiftes, zusätzlich eine Marienkirche geworden sei. Zum Schluss verknüpft Fried seine Ausführungen mit der Person Fuhrmanns: „Die wissenschaftlichen Studien und die Forschungsgebiete Horst Fuhrmanns erwiesen sich als Wegweiser, nicht nur für die Forschung im Allgemeinen, sondern auch von Rom nach Aachen im Besonderen, eben zur Pfalz Karls des Großen“ (S. 157).

Insgesamt wird bei diesem „lebhaften Gedenken“ (C. Märtl, S. 11) deutlich: Horst Fuhrmann war eine herausragende Persönlichkeit unseres Faches – ein souveräner Meister der Quellen- und Textkritik, ein leidenschaftlicher Hochschullehrer, ein großartiger Kommunikator und Redner, ein würdiger Repräsentant von Wissenschaft und Forschung, dem die Mediävistik zu großem Dank verpflichtet ist.

Anmerkungen:
[1] Horst Fuhrmann, Von Petrus zu Johannes Paul II. Das Papsttum – Gestalt und Gestalten, München 1984; ders., Einladung ins Mittelalter, München 1987; ders., Überall ist Mittelalter. Von der Gegenwart einer vergangenen Zeit, München 1996.
[2] ders., „Sind eben alles Menschen gewesen“. Gelehrtenleben im 19. und 20. Jahrhundert. Dargestellt am Beispiel der Monumenta Germaniae Historica, München 1996; ders., Menschen und Meriten. Eine persönliche Portraitgalerie, München 2001.
[3] ders., „Fern von gebildeten Menschen“. Eine oberschlesische Kleinstadt um 1870, München 1989.
[4] ders., Menschen und Meriten.

Zitation
Max Kerner: Rezension zu: Hartmann, Martina; Claudia Märtl (Hrsg.): Von Kreuzburg nach München. Horst Fuhrmann – Lebensstationen eines Historikers. Köln  2013 , in: H-Soz-Kult, 28.05.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21661>.
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28.05.2014
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